Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48 Vr. Vloch's WochrnfchrM Seite 949 den löblichen Muth, sein verdammendes Urtheil über das unheilvolle Treiben der racenverhetzenden Geschäftsantisemiten unverhohlen auszusprechen. Und die Stimme dieses geistreichen Polen ist von umso größerer Bedeutung, als er in der bei uns noch immer dominirenden Toriepartei eine hervorragende Stellung einnimmt, und so den unleugbaren Beweis der Wahrheit unserer in einem früheren Artikel aufgestellten Behauptung liefert, daß der polnische Adel das Wühlen gewisser Politischer und Geschäftsspeculanten perhorrescirt, die unter dem Deckmantel des „christlichen Socialismus" den Religions- und Racenhaß zu schüren streben. Herr von K o z m i a n, dem die von Dr. Theodor H e r z l veröffentlichte Broschüre über die Gründung eines Judenstaates Anlaß zu seiner Aeußerung über den Antisemitismus bot, beginnt seinen diesbezüglichen Artikel im „Kraj" mit folgender interessanten Erzählung: „Als eines Tages, während der berühmte Maler L e n b a ch im Aufträge des deutschen Kaisers den Fürsten Bismarck in Friedrichsruhe für den großen Saal im Kanzlerpalais walte, das Gespräch der anwesenden Gäste auf den Antisemitismus kam, habe der eiserne Kanzler sich folgendermaßen geäußert: „Die antisemitische Bewegung sei ziellos. Man kann heutzutage nicht nach dem Recepte der „Sicilianischen Vesper", oder der „Bartholomäusnacht" Vorgehen. Ebenso ist die Austreibung der Juden unmöglich. Dies würde auch den Wohlstand der (deutschen) Nation schädigen; und die Verdrängung der Juden von den Posten in Amt und Schule würde das Uebergewicht noch vergrößern, das die jüdische Intelligenz im Handel und auf finanziellem Gebiete gegenüber dem Christen besitzt. Ueberdies besitzen die Juden nebst ihren Schattenseiten, auch unleugbare Vorzüge; sie haben der Mischung der verschiedenartigen deutschen Race ein gewisses „moussirendes" Element beigemengt, das der (deutschen) Nation zum Bortheile gereicht. Wenn ich noch Minister wäre, würde ich in Betreff der Juden das Princip empfehlen : La recherche de la Contession est interdite!" . „Man muß, sagt hierauf Herr von K o z m i a n, die glänzende Argumentation der Ausführungen des Fürsten Bismarck unbedingt anerkennen. Allein sie bewiesen auch, daß das entsprechende „Serum" gegen die Krankheit noch nicht gefunden ist, die in der „Judenfrage" und dem Antisemitismus besteht. Diese doppelte Frage muß die Aufmerksamkeit jedes tiefer Denkenden in Anspruch nehmen Hier handelt es sich aber nicht nur um die Lösung der Judenfrage, sondern auch um die Beseitigung des Antisemitismus und seiner gefährlichen Folgen. Offenbar unter dem Eindrücke dieser zwei Aufgaben hat Dr. Theodor H e r z l, der unstreitig zu den edelsten semitischen Typen gehört und als Mitredacteur der „Neuen Freien Presse", sowie durch seine schriftstellerischen Leistungen in Wiener und Pariser literarischen Kreisen eine angesehene Stellung und viele Sympathien sich erworben, das Buch über den „Judenstaat" geschrieben. Dr. H e r z l hat sich seiner Aufgabe mit der Kraft seiner Ueberzeugung, mit Begeisterung, und im tiefen Schmerze seines verletzten religiösen und nationalen Gefühles unterzogen, aber auch mit dem Entschlüsse, dabei Maß, Ruhe und Gerechtigkeit zu beobachten. Es entstand jevoch das, was gewöhnlich geschieht, wenn man statt nüchtern zu beweisen, nur „fühlt". In diesem Falle ist das Gleichgewicht nur ein künstliches. Der eigentliche Grundgedanke der Arbeit des Dr. Herzt lautet: „Da Ihr uns nicht haben wollt, so werden wir uns entfernen. Ihr sagt, daß Ihr uns nicht braucht, so wollen wir Euch zeigen, daß wir Euch entbehren können." Das ist wohl ein Sich-hineinreißen-lassen, aber keine Lösung. Doch dies kann man dem Verfasser des Judenstaates nicht verargen. Man muß vielmehr sein darin zum Ausdrucke gelangtes Ehrgefühl würdigen! In dieser Entrüstung ist viel mehr Edelsinn, als in der Gleichgiltigkeit und dem Stolze eines großen Th eiles der Juden gegenüber der antisemitischen Bewegung, als ob sie sagen wollten: „Ihr werdet uns nichts machen, und Euere Beleidigungen erregen bei uns nur Verachtung." Nachdem Herr von K o z m i a n das von Dr. H e r z l veröffentlichte Project der Griindung eines selbstständigen Judenstaates eingehend besprochen und durch übrigens bereits von anderer Seite vielfach angefiihrte Argumente widerlegt hat, fährt unser blaublütiger polnischer Publicist folgendermaßen fort: „Das Judenthum und die jüdische Frage müssen bei jedem Volke, das seine Unabhängigkeit und staatliche Existenz verloren, das lebhafteste Interesse Hervorrufen. Die jüdische Nation bietet das staunenswerthe Beispiel eines sozusagen zweiten Lebens dar, obgleich es außer der Religion Alles eingebüßt hat, was zu einem solchen zweiten Leben unentbehrlich zu sein scheint. Von Zeit zu Zeit fühlt sie eine Art Heiunveh (Nostalgie) zum ftüheren Leben, und der Ausdruck dieses Heimwehes ist eben das Project der Wiederherstellung eines Judenstaates, das übrigens nur ein Versuch ist, ähnlich jenen Versuchen, welche die Alchemisten zur Herstellung von Gold, die Mathematiker zur Auffindung der „Quadratur des Cirkels" und die Mechaniker zur Erfindung des kerpetnnm mobile gemacht haben." Herr v. Kozmian bespricht dann die Genesis des Antisemitismus, die Anfeindungen der Juden in alter und mittlerer Zeit und geräth dabei — wie dies ihm bereits früher gelegentlich eines in diesem geschätzten Blatte vom 10. Juli mitgetheilten Interviews über den Antisemitismus passirte — in den die culturgeschichtlichen Verhältnisse verkennenden Jrrthum, indem er den aus unschuldigem religiösen Wahne herrührenden, sozusagen „ehrlichen" Judenhaß im Mittelalter mit dem jetzigen, auf gemeinem, niedrigen Stteberthum und unlauterer Geschäftsspeculation beruhenden racenverhetzenden Anttsemitismus verwechselt. Im Arttkel des Herrn von Kozmia n heißt es dann weiter: „Der Anttsemitismus und Semitismus (?) sind Fragen, die unmöglich vollständig gelöst, aber gleich einer unheilbaren Krankheit gelindert werden können, ja gelindert werden müffen, damit ein erträgliches Zusammenleben (zwischen Christen und Juden) hergestelll werde! »0 kaut faire don menageh Zu diesem Zwecke müssen Beide beittagen. Eine ehrliche, gerechte Abwehr (gegen die Juden) muß vom wahren christlichen Geiste geleitet sein, der keineswegs gestattet, den Vertheidigungskampf in einen Angriff zu verwandeln! Die Streitfrage muß vor Allem von den derselben sich hinzugesellten demagogischen Elementen gereinigt werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Judenfrage eine gewisse Speculation und die Gewinnsucht hervorgerufen hat. Wenn sich ein Geschäft nicht „Mit" einem Juden, oder „Durch" ihn machen läßt, macht man es gegen denselben (zu seinem Schaden). So ist der Anttsemitismus für so Viele ein „gutes Geschäft", ein Mittel zum Leben und Erwerb geworden. Dabei spielt auch der Neid eine große Rolle! Wenn der Antisemitismus sich von solchen Elementen befteit, könnte wenn auch kein vollkommen harmonisches, aber immer erträgliches Zusammenleben erfolgen. Andererseits müssen auch die Juden hiezu beitragen; sie dürfen weder ihre Vorzüge mißbrauchen, noch sich wundern, daß ihre Fehler Mißbrauch (bei den Antisemiten) Hervorrufen." Herr von Kozmian schließt seinen hier allgemein viel bemertten Arttkel im „Kraj" mit folgenden Worten : „Wir glauben, daß der „Judenstaat" eine Utopie bleiben wird, und die Juden auch fürder in den christlichen Staaten Europas leben werden!" Wir sind überzeugt, daß nicht nur Herr von K o z m i a n, sondern auch alle seine hochgeborenen Standesgenossen die Auswanderung der Juden aufrichtig nicht wünschen, aus dem allgemein bekannten Grunde, weil Letztgenannte sowohl ein unentbehrliches Ferment auf allen volkswirthschastlichen Gebieten, als auch — besonders hierzulande — ein sehr brauchbarer Artikel bei Wahlen in die parlamentarischen Körperschaften bilden! Aber auch die Antisemiten und Clericalen wären in der peinlichsten Verlegenheit, wenn die Juden, diese bei jeder politischen und socialen Bewegung nothwendigen „Sündenböcke", auswandern sollten. Wie fad und langweilig wären dann beispielsweise die Sitzungen des Wiener Gemeinderalhes ohne die widerlichen Judendebatten, die das einzige Mittel bilden, das traurige Prestige des Lueger und seiner scandalsüchttgen Bande bei dem Wiener Mob aufrecht zu erhalten. Zum Schluffe können wir nicht umhin, unserer Verwunderung Ausdruck zu geben, daß Herr von Kozmian bei seiner Welterfahrenheit und seiner bekannten rationellen Denkweise die stereotype, geradezu absurde Forderung an die Juden stellen konnte, daß sie zum Zwecke des Friedens keinen „Mißbrauch von ihren Vorzügen" machen sollen! Hat man je gehört oder irgendwo gelesen, daß man zu demselben Zwecke das Gleiche von den in der Türkei verfolgten christlichen Armeniern fordert? Oder gibt es nach der vielgelobten Ethik unserer Arier ein zweierlei Maß, die Handlungen der Menschen, nämlich nach ihrer Religion, zu beurtheilen? Was die Fehler der Juden betrifft, so gibt es nur e i n Mittel dagegen: man lasse die Juden in Ruhe und gewähre ihnen vollständige „sociale" Gleichberechtigung; dann schwinden