Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 48 (27.11.1896)
- Date
- 1896-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48 Vr. Vloch's Wochrnfchrist. Seite 947 das immobile angreifeu werden, welches nicht den Juden gehört. Herr Lueger unterbrach diese Ausführungen mit den Worten: „Nein, nein, das Princip des Eigenthums ist unserer fleißigen, gutmüthigen Race heilig. So weit es sich nicht um die Juden handelt, hat das Ei g en th u m nichts zu fürchten." Man sieht, der erste Bice-Bürgermeister Wiens denkt sehr gründlich über die Aufgaben und Ziele des Antisemitismus. Folgen wir seinen! Gedankengange Schritt für Sritt! Er will die Juden nicht, er fiihlt sich von ihnen beengt, sie haben Alles „überschwemmt" und „überwältigt". Das ist alles so wahr, daß trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung die Juden keine Staatsbeamten, keine Richter, keine Officiere werden konnten, daß nur wenige von ihnen ein Lehramt erhielten und daß selbst die großen Transportunternehmungen und Actiengesellschaften keine Juden anstellten. Sie kamen von Ungarn und Galizien nach Wien! Aber kamen nicht auch die christlichen Proletarier von allen Seiten? Ist die Taborlinie nicht sprichwörtlich geworden als das Durchzugsthor des czechischen Proletariats? Und zählt Wien nicht zehnmal so viel Zugewanderte als Zuständige? Wenn man heute den Zuzug der galizischen und ungarischen Juden als eine sociale Gefahr hinstellt, so hat man einst die czechische Einwanderung als eine ebensolche Gefahr bezeichnet, und wie man heute den galizischen Juden verhöhnt, so hat man einst den „Böhm" verhöhnt. Seit 20 Jahren ist die Bevölkerung Wiens von 700.000 auf 1,300.000 gestiegen. Die arischen Einwohner haben sich in ganz anderer Proportion vermehrt als die jüdischen. Die Attractionskraft der großen Städte ist ein Populatronsgesetz, dem Juden wie Christen in gleichem Maße unterworfen sind. Diese Einwanderung aber war und ist das gute Recht der Juden und Christen, denn sie erfolgt auf Grund der gesetzlich gewährleisteten Freizügigkeit. Ja, sagt Dr. Lueger, die Juden haben aber eine andere Moral als die „Arier". Wir rvollen nicht satyrisch werden und diese Auffassung in einem von Dr. Lueger gewiß nicht gedachten Sinne bestätigen. Für die „Reinheit" der arischen Moral zeigen nicht allein die gerichtlich abgeurtheilten Schurkereien antisemitischer Spitzbuben; zeugen nicht allein Namen wie Rohling und Deckert, Stöcker und Verhovay, Schneider und Bergani; es zeugen für dieselbe nicht blos die Blutthaten aus der Geschichte der Inquisition; nein, für diese Moral zeugen auch die stolzen Namen altadeliger arischer Geschlechter,die währenddes Gründungsschwindels an der Spitze der Verwaltnngsrathslisten paradirten — auch Lueger und Pattai waren Berwaltungsräthe — und es zeugen ferner für dieselbe die Geschichte der frommen Tachauer Bank der Adele Spitzeder, der katholischen Union generale des Herrn Bontoux, des Leopoldstädter St. Josef-Spar- und Borschußvereines, dessen Präsident der fromme Graf Pergen und dessen Sachwalter Dr. Max Löw war, es zeugen endlich dafür die Luftvilla und die Waggonkuppelungen Deckert's und der gepfändete Herrgott Lueger's. Das, Herr Lueger, ist ihre arische Moral, für welche wir noch tausend und abertausend Belege erbringen können, die Moral eines Jesuiten, der Wasser predigt, indessen er mit Seinesgleichen den Wein in Strömen trinkt, die Moral eines Menschen, der die Macht erstrebt, um seinen Freunden das Wort Guizot's zuzurufen: „Enrichissez voaa!“ Für jedes Stück Möbel, für jedes Kleidungsstück, für jedes Stück Fleisch, sagt Herr Lueger, müsse man den Juden Tribut zahlen. Draußen in der Mariahilferstraße erhebt sich das große Waarenhaus Esders, größer als irgend ein jüdisches Etablissement, das unter clerical-antisemitischer Flagge eröffnet wurde und dem Herr Bergani solange begeisterte Reclame-Artikel widmete, bis die kleinen antisemitischen Schneider obstinat wurden und gegen diese Concurrenz eines katholischen Groß-Confectionärs aus Belgien demonstrirten. Und das Fleisch? Wer hat die Schließung der rumänischen Grenze durchgesetzt? Waren es nicht die agrarischen Freunde des Herrn Lueger, waren es nicht die hochfeudalen Viehzüchter und Schnapsbrenner, die auf solche Weise die Fleischpreise künstlich in die Höhe trieben? Und sind es nicht die Fleischhauer, die Stütze des antisemitischen Regimes, die die Errichtung billiger Fleischstände mit allen Mitteln zu verhindern wissen und denen der tägliche Fleischmarkt in der Großmarkthalle ein Dorn im Auge ist? Es mag in Paris Leute geben, die in diesem Punkte Herrn Lueger glauben, in Wien weiß man, daß jedes seiner Worte eine Heuchelei ohne Gleichen ist. — Um die wirthschaftliche Macht der Juden zu brechen, will Herr Lueger städtische Gaswerke erbauen und das Versicherungswesen verländern. Der Gasbetrieb liegt in den Händen der Engländer, in deren Verwaltung ein einziger Jude sitzt, und an der Spitze unserer größten Assekuranzen stehen tadellose 'Arier, wie der Äbt Karl von Melk und der Prinz Ludwig in Bayern. Wenn Herr- Lueger diese Anstalten mit seiueur Grimme treffen will, wir haben gar nichts dagegen, die Juden werden davon nicht berührt. Wir haben aber den gegriindeten Verdacht, daß Herr- Lueger hier unter der Maske der Judenhetze rein geschäftliche Zwecke verfolgt, und wir fürchten sehr, daß auf diesem Gebiete die arische Moral einmal höchst wurmstichige Früchte zeitigen wird. Und nun zum Letzten und Wichtigsten! Dr. Lueger, der erste Vice-Bürgermeister Wiens, der stellvertretende Chef der politischen Verwaltung, erklärt mit aller Seelenruhe, das Eigenthu.n der Juden für vogelfrei. Das Eigenthum im Allgemeinen ist ihm und seiner „gutmüthigen Race" heilig, aber jenes der Juden gibt er dieser „gutmüthigen Race" preis. Heran, Jhr Wegelagerer und Strauchritter aus den böhmischen Wäldern, aus dem Bakonyer Walde, von den Abhängen der Karpathen und Beskiden, aus den Abbruzzen und Pyrenäen - in der österreichischen Reichshauptstadt ist reiche Beute zu holen. Die Häupter der Stadt stellen sich an Eure Spitze, ihr Ehrgeiz strebt danach, den Ruhm eines Rinaldo Rinaldini und eines Rosza Sandor zu verdunkeln. Die Theorie des Dr. Lueger bezüglich des Eigenthums der Juden ist eine directe 'Aufforderung zu Raub und Plünderung, und es wäre wirklich ein Zeugniß großer „Gutmüthigreit" der arischen Race, wenn sie nicht sofort befolgt würde. „Confisciren wir die Habe der Juden und daun hinaus mit ihnen!" Das ist das socialpolitische Programm des Wiener Antisemiteu-Häuptlings. Er wird verständnißvolle Nachbeter und Jünger finden — die Sache ist ja so einfach und die Geschichte ist so reich an leuchtenden Beispielen einer derartigen Wirthschaftspolitik. Aber das bilde sich Herr Lueger nur ja nicht ein, daß er dem entfesselten Blitzstrahl Schranken ziehen könnte. Auch Danton und Robespierre pochten ans ihre Gottähnlich keit, und derselbe Blitz, den sie tausendfach aus die Häupter des französischen 'Adels schleuderten, zerschmetterte auch sie. Und Herr Lueger ist weder ein Danton noch ein Robespierre. Er hat nichts gelernt, als in seinen Wählerversammlungeil sich von dem Weihrauch seiner Schmeichler benebeln zu lassen; er weiß nicht, was außerhalb dieses Kreises vorgeht, er weiß nicht, oder er will es nicht wissen, daß es außer dem Besitze der Juden noch ungezählte Schätze gibt, die, wenn es einmal ans Plündern geht, der ausgestachelten Raubgier der Menge noch ganz anders in die Augen stechen würden als die im Augenblicke einer solchen socialen Erhebung entwertheten Staatspapiere eines Rothschild. Kennt Herr Lueger den zweiten Theil des „Faust?" Weiß er nicht, daß aller mobile Besitz zum größten Theile nur der bewegungssähig gemachte Werth von Grund und Boden ist? Er frage doch darüber den Prinzen Liechtenstein, der ihm die Consequenzen einer solchen Consiscatiou durch das „Volk" deutlich genug auseinandersetzen wird. Und schließlich noch eine naive Frage: Wenn die Juden abziehen, was fängt Herr Lueger mit den Judenstämmlingen und Judenliberalen an? U. A. w. g. unter der Chiffre: „Brimanus und Paulus Meyer". _ Die „andere Moral". (Zum P r o c e ß Herling.) Vor deu Wiener Geschwornen ist am 20. d. M. ein Proceß durchgeführt worden, der weniger wegen des Klagefactums als wegen der in demselben handelnd auftretenden Personen von besonderem Interesse ist. Gegen den langjährigen Director der Versicherungs-Gesellschaft „New-'Fort", Herrn I. C. Löwenberg, hatte der ehemalige Beamte dieser Gesellschaft, KarlH e r l i n g, einen gehässigen Artikel in einem Handelsblatt erscheinen lassen, in welchem der Verfasser gegen seinen ehemaligen Dienstgeber eine Reihe von ehrenrührigen Beschuldigungen erhob. Der Zweck dieser Publication ist im Laufe der Verhandlung von dem Klagevertreter Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. W. Schneeberger deutlich genug gekennzeichnet worden. Zehn Jahre war Herling im Dienste der Gesellschaft; als er austrat, behielt er eine Anzahl von Geschäftsbriefen zurück und diese, sowie die gesammelten Erfahrungen mißbrauchte er unter Entstellung des wahren Sachverhaltes zu niedrigen Angriffen gegen seinen früheren Chef. Das Vorgehen Herling's erinnert an die Tactik der gefährlichsten Revolvermänner.