Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Wochrnfttzrist Seite 943 ich Eueren Antrag auch nicht einen Augenblick erwägen. Es freut mich außerordentlich, daß Ihr dieser Branche soviel Anfmerksamkeit widmet. Ich war immer der Meinung, daß die Reichen in ihrem eigenen Heim besucht werden sollen, und es kränkt mich, zu sehen, daß diese persönliche Berührung, dieser Contact mit den Leuten, denen mail die guten Thaten verschafft, von leblosen Circularen ersetzt wird. Alan ist es seiner Lebensstellung schuldig, den wohlhabenden Classen Gelegenheit zur unmittelbaren Wohlthätigkeit zu geben; sie sollten nicht vernachlässigt und ebenfalls dazu getrieben werden, kaltblütig Ehecks zu schreiben. Dadurch geht das ganze menschliche Mitgefühl verloren, das aus persönlichem Verkehr entsteht — wie es geschrieben steht: „Wohlthätigkeit erlöst vom Tode". Glaubt Ihr, daß ein Almosen, das öffentlich durch einen Secretär gegeben und in Jahresberichten angekündigt wird. eine so große erlösende Gewalt hat, wie dasjenige, das man heimlich einem armen Mann in die Hand steckt, der daraus bedacht ist, jedem Geber zu verheimlichen, was er von den Anderen erhaltet! hat?" „ Es sreutmich, daß Ihr das Geldeinsammeln nicht auch Arbeiten nennt", sagte Jankele mit einem Anflug von Sarkasmus, den da Costa nicht verstand. „Nein, solange wenigstens, als der Geber dafür kein „Werth erhalten" vorweisen kann. Glaubt mir, Jankele, in einem solchen Besuch liegt mehr Freundschaft, als tvenn man in ein Trauerhaus geht, um für ein Trinkgeld zu beten." „Oh", sagte Jankele peinlich berührt, „am Ende wollt Ihr dann auch den Posten Jahr-Zeiten streichen?" „Jahr-Zeiten? Was ist denn das?" „Wißt Ihr das nicht?" sagte der Pole erstaunt. „Wenn Jemand Jahr-Zeit hat, so ist er an diesem Tage wvhlthätig gestimmt." „Meint Ihr, wenn er den Jahrestag des Todes eines seiner Familienmitglieder feiert? Wir Sephardi nennen das Jahr-Machen! Aber habt Ihr in Eurer Synagoge genug Jahres- Zeiten, wie Ihr es nennt?" „Es könnten mehr sein — ich verdiene damit nur fünfzehn Pfund. Unsere Colonie ist, lute Ihr selbst sagt, zu jung. Ter Friedhof ist so leer wie die Synagoge an Wochentagen; die Väter haben zurückgelassen ihre Väter aus dem Cvntinent und haben gehalten viele Jahr-Zeiten außerhalb des Landes; aber in ein paar Jahren müssen viele Väter und Mütter hier absterben, und jeder Vater wird lassen zurück zwei oder drei Söhne, die Jahr- Zeiten halten müssen, und jedes Kind zwei oder drei Brüder und einen Vater. Außerdem kommen jeden Tag immer mehr deutsche Juden — so sterben immer mehr und mehr. Wirklich, es wür' nur recht und billig, diesen Posten zu verdoppeln." „Nein, nein, haltet Euch an Thatsachen. Es ist gottlos, auf das Unglück der Nebenmeuschen zu speculiren." „Damit ich leben kann, muß Jemand sterben," sagte Jankele schelmisch. Die Welt ist nun einmal so beschaffen. Habt Ihr nicht auch citirt: „Wohlthätigkeit befreit voin Tode?" Wenn die Menschen ewig leben würden, könnten Schnorrer gar nicht leben." „Stille, die Welt könnte ohne Schnorrer nicht existiren. Wie es geschrieben steht: „Und Reue und Gebet und W o h lt h ä t i g k e i t wenden den bösen Rathschluß ab." Die Wvhlthätigkeit steht zuletzt — es ist das Höchste, das Größte aus der Welt. Und der Schnorrer ist der größte Mann aus Erden, denn es steht int Talnlud geschrieben: „Wer verursacht" ist größer als wer ausführt." Darum ist der Schnorrer, der die Wohlthätigkeit verursacht, größer als der, der sie ausübt." „Wenn man den Wolf nennt" — sagte Jankele, dem es schwer ward, seine ernste Miene zu bewahren, wenn Manasse großartig und schwülstig wurde. „Da kommt Grünbaum, dessen Vater gestern begraben ward. Kommt, wir wollen hinübergehen wie zufällig und ihm wünschen, ein langes Leben." „Grünbaum tobt! War das der Grünbaum von der Börs', der es so schändlich mit den Frauenzimmern trieb?" „Jawohl derselbe", sagte Jankele. Dann näherte er sich dem Sohne und rief: „Gut' Sabbath, Herr Grünbaum, ich wünsche Euch ein langes Leben. Was für ein Schlag für die Geineinde „Es ist mir ein Trost, das zu hören", sagte der Sohn mit Thräneu in der Stimme. „Ach ja",sprach Jankele erstickt. „Euer Vater war ein großer und guter Mann — gerade meine Größe." „Ich habe sie schon Baruch, dem Glaser, weggeschenkt", antwortete der Leidtragende. „Aber er hat ja ein Glasergeschäft", remonstrirte Jankele. „Ich habe nichts als die Kleider, die ich aus dem Leibe trage, und sie passen mir nicht halb so gut, wie die Eures Vaters mir gepaßt hätten." „Barnch tft sehr unglücklich", antwortete Griinbanm zu seiner Vertheidignng. „Es ist ihm int Winter ein Unglück zugestvßeu, von dem er sich noch nicht erholen konnte. Eines seiner Kinder starb, und zwar unglücklicherweise zur Zeit des Schneeballeuwersens, so daß er durch die Trauer sieben Tage verlor." Und Grünbaum schritt weiter. „Habe ich Euch nicht gesagt, daß Arbeit etwas Unsicheres ist?" ries Manasse. ,/Nicht alle", behauptete der Schnorrer lnirtnäckig. „Was ist es mit die sechs Guineen, die ich mir verdiene, indem ich den Frauen, die nicht in die Synagoge gehen tonnen, am Laubhütten fest die Palmzweige znm Schütteln ms Hans trage und, indem ich zu Neniahr für dieselben Frauen Scholar blase, damit sie anshören können, zn fasten?" „Der Betrag ist zn klein, um darüber zu streiten. Fahrt fort." „Dann konunt noch ein kleiner Betrag, gerade die Hälfte — den Hab ich von den Geschenken, die die Armen am Losnngsfeste und von den Bräutigamen der Thora am Freudenfeste der Thora bekommen. Und von dem Verkauf der Kleider, die mir geschenkt werden, Hab ich etwa viereinhalb Pfund jährlich. Dann bekomm ich eine Menge Mahlzeiten umsonst - das, Hab ich ansgerechnet, macht so viel wie sieben Pfund, und schließlich kann ich die verschiedenen Ertraeinkünste nicht unter zehrt Guineen rechnen. Ihr rvißt, es gibt inimer Vermächtnisse, Stiftungen, Vertheilungen, lauter rtnerrvartete Dinge. Man weiß nie, was sich treffen kann." „Ja, ich glaube selbst, das ist kein zn hoher Percentsalz des Einkvmnrens, beit man ans unerwarteten Onellen erwarten kann", gab Manasse zu. „Ich selbst bin oft vor der Börse oder vor Sampsvn's Kaffeehaus gestanden, gerade wenn die Jobber einen besonderen Streich gemacht hatten, und dann gaben sie inir ziemlich hohe Pereente von ihrem Profit." „Und ich", prahlte Jankele zn edlem Wetteifer angestachelt, „habe aus Gideon, dem Goldbarrenhändler in einer Minute zwei Sovereigns herausgezogen. Er liebt es, Schnorrern einen Sovereign zu geben statt eines Schillings, um zu sehen, was sie nun thnn werden. Tie Narren laufen davon oder gehen langsam weg. als hätten sie nichts gemerkt oder stecken das Geld rasch in die Tasche. Aber die Klugen sagen, daß er sich geirrt habe, und dann gibt er ihnen einen zweiten Sovereign. Bei Gideon währt Ehrlichkeit am längsten. Dann ist der Rabbi de Falck, der Baal- Schein, der große Kabbalist. Wenn " „Aber die hnndertfünfzig Pfund jährlich sind noch nicht voll", siel Manasse ungeduldig ein. Jaukeles Gesicht wurde lang. „Natürlich nicht, wenn Ihr so viele Posten streicht." „Nein, aber selbst wenn ich alle Posten stehen lasse, beträgt es nur hundertdreinndvierzig Pfund, neunzehn Schillinge." „Unsinn", sagte Jankele verblüfft. „Wie könnt Ihr dies so genau wissen?" „Glaubt Ihr, daß ich nicht einfach addiren kann?" ent geguete Manasse streng. „Lauten Eure zehn Posten nicht folgender maßen? 1. Jahrgeld der Spnagoge mit Ostergeschenken .<s Pfund 2. Schnlklopfen.ln Schnorren in Häusern .... (/> „ 4. Als Minjanmann und Tvdtenbüchsenträger.14 5. Jahr-Zeiten.15 „ 6. Trinkgeld für Pal mzweigschütteln und Schvfarblasen. ...«'» „ * Schillinge 7. Pnrimgeschenke :c.:•> „ :> „ 8. Verkauf von Kleidern .... 4 „ in l>. Gleichwerth von Freitischen . . 7 in. Unerwartetes, Vermischtes... in 1.48 Pfund Itt Schillinge. Das könnte ein Kind znsammenaddiren", schloß Manasse streng. Da Eosta's wunderbares Gedächtniß und arithmetischer Genius zivangen Jankele wirklich Respeet ab und machten ihn ganz eousteruirt, aber er faßte sich sofort. ,/Natürlich, aber ich Hab gerechnet auf eine Mitgift mit meiner Braut, wenn es auch nur hundert Pfund find." „In Staatspapieren angelegt, würde Euch das nicht mehr als vier Pfund bringen", antwortete Manasse sofort.