Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 936 Dr. Vloch's Wochen,chrtst. Nr. 47 an das Thun und Lassen der Juden der Türkei gewahrt, wird bald allmälig verschwinden. Zu dieser erfreulichen Annahme berechtigen die bereits erzielten Ergebnisse und die weiteren Folgen des wirklich noch jungen Erziehungswesens und Bildungsvorganges der Anstalten der Alliance werden den gehegten Wünschen und Erwartungen sicherlich noch mehr entsprechen. So ist die weite Wirksamkeit, ist der große Einfluß, den sie ausübt, wohlthuend und segensreich. Trotz der wahren Ergebenheit der Lehrer an das hohe, menschiiifreundliche Werk, das zu vervollkommnen und auszudehnen ihre Pflicht und Aufgabe bildet, könnten manchmal hie und da Absichten ausgeführt und Wünsche unerfüllt bleiben, wenn nicht vom Ceniralsitz aus mit größter Umsicht und Einsicht die nöthigen Anordnungeil getrosten würden. Denn Uebelstände und Mißbräuche sind sehr bald entstanden. Es genügt oft eine geringere Wachsamkeit über das Schalten und Wallen von veranlwortlichen Persönlichkeiten, um die schwersten Schäden heraufzubeschwörrn. Ja, man muß da nicht seften mit menschlichen Schwächen rechnen. Die Züge! los und der Eine widersteht seiner Nachlässigkeit und Trägheit nicht, während der Andere ohne viel Umstände ein Opfer seines breiten Gewissens wird. Nun gereicht es der Verwaltung zum Lobe und der Lehrerschaft der Alliance;ur Ehr?, daß von solchen Fällen nicht die Rede sein kann, wenngleich eine Ausnahme auch diesmal die Regel nur bestätigen würde. Die Angestellten sind im höchsten Grade daran gewöhnt, ihre Pflicht und Schuldigkeit zu th^n, und die Centralle.tnng läßt es bald an der nöthigen Strenge, bald an der gebührenden Anfeuerung nicht fehlen. So wissen Sie aus meinen letzten Mittheilungen, d-'e in diesenBlätlern erschien, von der Schulbesichligling, die durch einen Abgesandten des Central Comite's in größtem Umfangeund einoehendsterTiefestattgefunden. Dabei wurde die Ansicht ausgesprochen, daß die besagte Jnspectionvon unerläßlicher Nolhwendigkeit des allgemeinell Fortschrittes der Schulen halber gewesen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die lange und schwere Mühe des zweiten Secretärs der Alliance, der, alle Einzelheiten im Bestände und Gange der Anstalten aufs Gründlichste untersucht und geprüft, die schönsten Früchte tragen möge. Ein Tbeil der Erwartungen, d-'e allgemein gehegt wurden, ist bereits in Erfüllung gegangen. Es haben sowohl bedeutende Veischiebungen, als auch unumgängliche Versetzungen stattgefunden, die, obwohl meistens vorausgesehen und vorausgesact, dock das größte Aufsitzen in den betreffenden oder interessirten Kreisen hervorgerufen haben. Aber bös und unzufrieden darüber war, außer vielleicht- Diejenigen, die es persönlich angeht, wohl Niemand. Denn man bat hier bereits allgemein die Verfügungen und Vorkehrungen der Alliance, in deren Folgen sich stets ein' weiterer Fortschritt und ein größeres Aufblühen der Schulen gezeigt haben, achten und würdigen gelernt. Mil demselben Vertrauen, mit derselben Zuversicht hat daher die jüdische Bevölkerung der türkischen Hauptstadt auch die neuen Bestimmungen ausgenommen. Im Falle, wo sogar die Axt an ein tiefes Uebel gelegt wurde, schwieg die Menge, die gewöhnlich selbst für den Schuldigen Mitleid empfindet; aber hier war sie egoistisch, denn es galt ja ihr Jntirrsse. Darum wird auch vielfach die Meinung geäußert, daß mit dem neuen Schuljahre eine neue Aera für die Anstalten der jüdischen philantropischen Gesellschaft angebrochen. Die Eltern, die sich, was begreiflich, sehr für die Schule interessiren, sympathisiren nicht minder mit den Lehrern. Allein während sie ihre Zufriedenheit mit jener laut und sichtlich bekunden, äußern sie für diese ein mitleidiges Bedauern. Sie thun dies, man sieht cs, oft ungern, aber sie werden zu ihrer Meinungsmittheilung durch die traurigen Verhältnisse, in denen dir Erzieher und Bildner ihrer Kinder, aber nicht die Leiter, sich befinden, förmlich gezwungen. Das Leben in der Hauptstadt der Türkei ist sehr thcuer, und wie in allen Großstädten, ist auch hier der Kampf ums Dasein hart und furchtbar. Aber wer einmal einen Posten hat, wird meistens gut bezahlt, und Beamte und Angestellte haben in der Regel wenig Grund zur Klage. Auch die Lehrer der deuischen, französischen, griechischen und türkischen Schulen sind zufrieden. Nur die armen jüdischen Schulmeister haben es bitter! Ihre materielle Lage ist wirklich beklagenswerth; denn ihr Gehalt st ht in keinerlei Verhältniß zu den nothwendrgsten Ausgaben, noch zu ihrer schweren Mühe. Sie mögen sich noch so einschränken, sie können doch ihre Bedürfinste kaum bestreiten. Darum ist es keine Uebertreibung. daß im Lehrkörper der Alliance nicht nur große Unzufriedenheit, sondern auch allgemeine Verbitterung herrscht. Es mag ja uun sein, daß diese vor aller Oestentlichkeit ausgesprochene Wahrheil an hoher Stelle unangenehm berühren könnte. Aber die Verwaltung müßte schon in dieser Beziehung wirklich ein Einsehen haben. Wenn die jetzt obwaltenden Zustände im Leben ihrer Angestellten fortgesetzt dieselben bleiben, wenn sich die schon häufigen Klagen noch vermehren, dann wird dadurch dem sonst so menschenfreundlichen Werke der Alliance kein Dienst erwiesen. Im Gegentheil; denn wo die Lehrer Grund zu wahrer Unzufriedenheit haben, da mögen alle anderen Anstrengungen und Ausgaben großartig sein; die Schule wird nicht sonderlich gedeihen. Die Pflicht wird ja ans Gewissenhaftigkeit gettzai werden, aber jenes Interesse am Unterrichte, das sich den Schülern mittheilt, jene Hingabe, die sie mitreißt, jene Wärme, die auch in sie übergeht, wird fehlen. Welcher Nachtheil! Man erwäge diesen Umstand! Die gegenwärtige Stellung der Lehrer der Alliance ist wegen der ungenügenden Besoldung unhaltbar. Man kann in einer solch großen Stadt wie Constantinopel nicht mit 5 oder 6 türkischen Pfund (50 oder 60 Gulden) den Monat leben, wenn man noch dazu keinen Wohnungszuschuß, keine Fahrtentschädigung für tägliches Hin- und Herreisen und keine Zeit für Nebenunterricht hat! Welchen Sorgen soll man da zuerst seine Aufmerksamkeit zuwenden? Einer guten körperlichen Verpflegung aus Gesundheitsrücksichten, oder einer anständigen Bekleidung im Interesse des gesellschaftlichen Verkehrs, oder einer gesunden und angenehmen Wohnung aus dem doppelten Grunde? Zur Stunde ist von alledem weder der Fall noch die Rede. Zum Besten des gemeinnützigen Wirkens der Alliance wäre schnelle Abhilfe in dieser Richtung sehr zu wünschen. Durch die Besserstellung der Lehrer kann ihr Werk an Wachsthum und Gedeihen nur zunehmen. Solche Mitarbeiter so außer Acht und Betracht zu lassen, statt sie ihren Verdiensten gemäß zu belohnen, ist fast unbegreiflich! Mehr schon die Klage über wiederholte „Fahnenflucht"! . . . . Inden und Weiber. (Ein heiterer Beitrag zur Judenfrage.) Während die Antisemiten im Allgemeinen mir in den Juden ihre Hauptfeinde erblicken, haben andere ebenso eigenartige Politiker die Juden mit anderen Kategorien von Staatsbürgern zusammengekoppelt und sie heftig bekämpft. Die Schlagworte „Juden und Junker", „Inden, Junker und Pfaffen," „Juden und Advocaten" rc. beweisen deutlich, daß es eine gewisse Gattung von Politikern gibt, die aus ihrem persönlicheil kleinlichen Haß eine große politische Parteirichtnng machen ivvllen. Zu diesen komischen Leuten gesellt sich jetzt ein Antisemit, der unter dem Namen. „W i r" soeben eine Broschüre veröffentlicht hat unter dem Titel: „Die M o b i l m a ch n n g der Weibe r." (München 1896, bei Otto Gatter.) Dieser drollige Herr erblickt in den Inden und Weibern die beiden Hauptfeinde der Menschheit. Für seinen Judenhaß hat er die alltägliche Begründung, wie wir sie bei den gewöhnlichen Wald- und Wiesen-Antisemiten finden. Für seinen Weiberhaß gibt er im Vorwort den Grund an: „Wie schnöde haben mich die Weiber behandelt! Sie haben mich belogen, betrogen, bestohlen, verleumdet und vergiftet." Durch das ganze 96 Seiten starke Druckheft zieht sich dieser fanatische und sich durchaus ernstgebende Haß gegen Juden und Weiber. Der Verfasser behauptet, beide hätten die gleiche Kampfesart und ihre Emancipation sei die Frucht des unendlichen Mitleids, welches die männliche Raee mit ihnen gehabt hätte. „Aehnlich den Juden, die sich nach orientalischer Weise am Sabbath, wenn sie unter sich sind, in Prahlereien überbieten, und wo derjenige, der am meisten Respectirte ist, der den größten Schurkenstreich gegen die verhaßten Gojims fertig gebracht, so schätzen auch die Weiber diejenige ihrer Geschlechtsgcnvssinnen am höchsten, die am besten die Männer zu betrügen lind zu hintergehen verstanden." In der Verstellung seien Weiber und Juden gleich große Meister, und im Kamps gegen den Mann bedienen sie sich derselben Waffen. Hier merkt man den Einfluß Engen Dühring's. Ebenso wie die Juden „Toleranz", „Humanität" rc. im Munde führten, ebenso gebrauchten die Weiber vorzugsweise die Worte „Ethik" und „Cultur". Beide ivvllen der urtheilslosen Masse Vorreden, daß ihre Sache mit der Cultur eng verknüpft sei. Der Verfasser ist der Meinung, daß das deutsche Volk an einer Juden- und Weiberherrschast leide und daran zu Grunde gehen müsse. Bei Napoleon lll. hätte der Jude Rothschild stets unangemeldet die Tuilerien betreten dürfen, ebenso hat die Kaiserin Eugenie am Ministerrath theilgenommen, und da Napoleons HI. Herrschaft zu Grunde gegangen ist, so haben natürlich Rothschild und Eugenie, d. h. Juden und Weiber die Schuld. Diese Logik wird mit dem größten Ernst der Welt vorgetragen. Namentlich klar erscheint deni Verfasser die innere Uebereinstimmnng zwischen Juden und Weibern, wenn er ihre Eigenschaften prüft. Beiden fehle der männliche Ehrbegriff vollständig (Seite 32). Beide seien auch untereinander verbündet. Das sehe man daraus, daß die Weiber die jüdischeil Kaufläden aufsucheu und „daß die Juden nur zu häufig unsere schönsten Weiber ihr Eigen nennen und nicht nur um schnödes Geld" (Seite 38). Die Weiber zögen — und das scheint ein Hauptschmerz unseres Verfassers zu sein — die Inden den Christen vvr. Sie seien beide so verwandt, „daß man fast behaupten kann, daß der Jude ein halbes Weib und das Weib ein halber Jude ist." Namentlich gleichen sie beide einander in ihrer „frechen Anmaßung". Während sie beide früher in Abhängigkeit