Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vr. Vlorh's Wochrnfchrifl. Seite 935 Nr. 47 geehrten Wählerschaft gefunden hat und die gemeinsame Basis aller Fragen geworden ist, welche die jetzige Bewegung erfüllen, sehe ich eine Genugthuung für meine Mitwirkung an dieser Arbeit und quittire ich Ihren reichen Beifall. Nur wenige Worte sollen es sein, die ich diesen! Kinde des Wahlcomites hier widlnen möchte. Sowohl die Candidaten außerhalb des Kreises des abtretenden Borstandes, als auch Mitglieder desselben, insoweit sie sich rücksichtlich ihrer Neuwahl ausgesprochen haben, können sich dem Inhalte dieses Programmes nicht entziehen, sie anerkennen es, wenn auch mit Einschränkungen. Und diese letzteren sind es, gegen welche ich mich nun wenden will. Es geht nicht an, ein Programm, das ausgestellt wird, als richtig zu erklären und gleichzeitig von der Bethätigung desselben sich nicht viel zu versprechen, das ist eben das alte Unglück, daß der Entschließung rosige Farbe von des Gedankens Blässe angehaucht wird. Wenn wir z. B. von der Organisation der Judenschaft sprechen und ein sehr geehrter Redner ihre Nothwendigkeit anerkennt, aber sofort eutmuthigt hinzufügt, er wolle sich von ihr nicht zu viel versprechen, so heißt das den ^Keim abtödten und die Frucht in der Entwicklung hemmen, (sehr richtig!) Und wenn herablassend gesagt wird, man könne über die Frage der Vermehrung der Zahl der Vorstandsmitglieder sprechen, aber dann — wohl unr in Folge eines lunsus Jingnae — hinzusetzt, mau sei bereit, neue Mitglieder „auszunehmen"; wem: weiter der Gedanke der Herabsetzung des Wahlcensus auf 5 fl. nicht als iuhalts- und aussichtslos hingestellt wird, so halte ich diese Anerkennung unseres Programmes mit derartigen Vorbehalten für schädlich. (Sehr richtig!) Aber dieses Wahlprogramm scheint allen Wählern ans dem Herzen gesprochen zu sein, denn es hat bisher eine ernste Anfechtung nicht gefunden, noch ist eine solche nur versucht worden. Wenn nun von Mitgliedern des verehrlichen abtretenden Vorstandes mit Befriedigung anerkannt wird, daß die Wahlbewegnng derartige Diiuensionen angenommen hat und sich bei den Wählern ein so lebhaftes Interesse, wie nie bisher, knndgibt, dann wollen Sie wieder in diesem Programm die Lösung für diese erfreuliche Erscheinung erblicken. (Beifall.) Mit dieser Anerkennung reimt es sich aber gar nicht, wenn man die Wählerschaft vor Agitationen bewahren und ihren Kopf kühl und gesund erhalten will. Der erwähnte jüdische „Sechel", der jüdische Verstand, ist ein gar gewaltiger Schutz, wir verlieren nicht sobald den Verstand (Beifall), auch nicht den Muth; denn wenn wir uns in dieser erbärmlichen Drangsal aufrecht erhalten kömiten und uns genug stark fühlen, daß ein uns aus dem Herzen gesprochenes Wort uns wieder zusammenführt, daun sind wir sicherlich ein gesundes Element und werden es hoffentlich auch bleiben, insbesondere dann, wenn wir uns häufiger in Versammlungen finden werden, wie solche am Donnerstag und Sonntag staltgefunden haben und damit den rationellen Zweck verfolgen, mit unserem Vorstande eine lebendige Verbindung zu erhalten. (Lebhafter Beifall.) Wenn mein geehrter Herr Vorredner in liebenswürdiger Weise auf eine Bemerkung refleetirt hat, welche ich gestern in einer Wählerversammlung gemacht habe, so will ich mir nur eine kleine Richtigstellung gestatten, der Sie gewiß zustimmen werden. Ich habe gestern den Begriff der Mission des Cultusvorstandes in? Allgemeinen dahin definirt, daß es seine Aufgabe ist, 1. den Cultus zu pflegen, 2. das große — ich möchte es als das ethische bezeichnen — Gebiet und die erhabene Sendung zur Aufrichtung des jüdischen Selbstbewußtseins und zur Heranbildung der Jugend für die großen Aufgaben und 3. das mit gewisser Scheu hier erwähnte politische Gebiet. Anläßlich der Besprechung dieser Aufgaben habe ich betont ilnd wiederhole es hier, daß uns Juden in allen Zeiten — daran ändert die Geschichte nichts, sondern sie bestätigt es nur — Eines bewahrt geblieben ist, ob wir uns auch rücksichtlich der rituellen Grundsätze und anderer Uebungen im Gottesdienste unterschieden haben, wir haben nämlich nie aufgehört, uns gegenseitig als Juden zu bekennen und zu erkennen (Sehr gut!), nie hat es derartige Spaltungen gegeben daß der gemäßigte Jude den Zeloten nicht als Inden betrachtet hätte, und nie war der Begriff Jude in Frage gestellt. Deshalb habe ich die Mahnung ausgesprochen, daß uns trotz der Verschiedenheit in der Form unter allen Umständen der jüdische Gedanke, das jüdische Gemüth und das gemeinsame jüdische Interesse bei den jetzigen Wahlen leiten soll und in diesem Sinne wiederhole ich den Appell an die Einheit. (Beifall.) Das Comits, welchem jedenfalls das kleine Verdienst gebührt, die Wahlbewegung wirklich zu einem Interesse der Wählerschaft emporzuheben und nicht nur sich als eine mechanische Function! abwickeln zu lassen, ist durchaus nicht mit revolutionärer Tendenz j an seine Aufgabe herangetreten (Zustimmung), wir haben keinen | Augenblick verkannt — und es wäre Thorheil gewesen, es verj kennen zu wollen — daß zu einer gedeihlichen Entwicklung der! Zukunft unserer Gemeinde vor Allem die Wahrung der Evntinnirät; in der Verwaltung und in den Personen gehört (Beifall), und! es lvird nur jenes Maß von Forderungen gestellt und festgehalten, so daß sich eine glückliche Mischung des Bestehenden mit dem Werdenden vollzieht. (Lebhafter Beifall.» Wahrung der Vergangenheit und Tradition, doch andererseits auch Gerechtigkeit der Gegenwart und der Anforderungen der unmittelbarstell Zukunft. Und nur in dem Sinne, daß diese Postulate in glücklicher Weise vereinigt werden, bitte ich die Tbätigkeir des Cvmitss aufzufassen und auch die Tendenzen, mit denen die neuen Elemente auf den Plan treten und die in aller Bescheidenheit, aber doch auch in richtiger Selbsterkenntniß sagen: „Wir fühlen uns berufen, an dem erhabenen Werk unserer gemeinsamen Mutter mirzuwirreu. (Stürmischer Beifall.) Wenn nach dieser Richtigstellung die Auffassung des abtretenden Vorstandes geklärt ist und meine Worte zur rechten Zeit und am richtigen Orte gesprochen umrden, wird es auch an dem Einklang bei der endlichen Durchführung der Wahl wohl nicht fehlen. Schließlich möchte ich -noch zur Vermeidung jedes Mißverständnisses bemerken, daß ich. indem ich in diesem Sinne für die neuen Candidaten gesprochen habe, durchaus nicht g-o ilomo dies gethau habe, da ich mich von jeder Eombinativ:: ausgeschlossen wissen möchte. Ich wüus he nochmals eine glückliche und gedeihliche Durchführung der Wahl zur Ehre und zum Wähle der Gemeinde. Brausender Beifall und stürmischer Ruf: „Hoch Dr. Fialla" folgen diesen wirkungsvollen Ausführungen, unter deren nachhaltigem Eindrücke der Vorsitzende um Uhr die Versammlung schließt. Die Pariser Alliance israelite im Orient. Constanti n o p e l, 6. November. Die meisten Vorfälle von Bedeutung, die sich innerhalb des Judenlhums im Orient vollziehen, stehen in Zusammenhang mit dem äußerst ersprießlichen Wirken unseres vhilantropn'chen Weltbundes. Zn dieser Ueberzengung kann man schon noch kurzer Erfahrung gelangen. Aber man braucht nicht sich erst die Mühe zu geben, in dieser Hinsicht Beobachtungen anznsiellen oder Erhebungen zrr pflegen, um zu diesem Ergebnisse zu kommen. Nur muß man natürlich ein biSchen Gefühl der Zugehörigkeit zum Bunde der Väter und ein wenig Interesse für die Glaubensbrüder haben. Täglich drängt sich einem dann die Erkenntniß aus, daß in der Thal das öffentliche Leben der levantirnschen Inden vielfach, wenn auch nicht geradezu stark beherrscht, so doch tief durch die umfangreiche Thätigktit der Alliance beeinflußt wird. Kein Wunder! Ist sie doch eigentlich und allein zu dem Zwecke gegründet worden, die israelitische Bevölkerung des Morgenlandes heranzubilden und emporznheben, sie der europäischen E-vilisation, der modernen Cnltnr zuzuiühren. Ohne ihr Streben und Walten würden hier noch die meisten Glaubensgenossen in tiefster Unwissenheit stecken und in völliger Abgeschlossenheit leben. Von welchem Belang und Einfluß diese beiden Umstände während Jahrhunderte im Leben unseres Volkes auch in anderen Ländern waren, darüber lehren ja zahlreiche I Blätter der jüdischen Geschichte. Das Werk der Alliance ist cs, daß die traurige GeisUsfiilsterniß der orientalischen Inden aufhörte, daß wieder Lichi wurde in ihren Wohnungen. Das ist ein großer Erfolg, llnd dieses schone Ziel hat sie in etwas über einem Menschenalter erreicht. Das neue Geschlecht, durch ihre zahlreichen Schulen erzogen und gebildet, ist denn auch der früheren Generation fast gar nicht mehr ähnlich. Diesen Eindruck empfängt man wenigstens im erste» Augenblick. Wirklich hat es die alte Lebensweise vielfach abgelegt, sich meist den Sitten und Gebräuchen der Neuzeit augeschlossen und zum Theile ihre Ideen und Anschauungen angenommen. Diese Umwandlung ist freilich noch nicht gründlich, was übrigens erklärlich ist. Gehen doch bekannt! ch viele Eigenschaften und Gewohnheiten der Eltern ans dem Wege der Vererblichkeit aus die Kinder über, und zur völligen Veränderung des Innen- und Anßenlebens einer ganzen Menschenclnsse gehört wohl etwas mehr Zeit als drei Jahrzehnte. Darum, obwohl im öffentlichen Verkehre moderne Kleider tragend, moderne Umgangsformen gebrauchend, zieht hier der eingeborene Jude zu Hause mit sichtlichem Behagen den langen, bequemen, zum wohligen Nichtsthun einladenden Kaftan wieder an, kehrt er zu dem überlieferten Benehmen und Betragen zurück. Diese Unvollkommenheit, die man jedoch erst - bei näherer Betrachtung von Einzelheiten, durch tieferes Eindringen