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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-20 · 47 (20.11.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 934 Vr. Vlvch's Wochensttzrifl. Str. 47 Architekten oder dem langjährigen Mitgliede des Wiener Gemeinderathes gelten; aber ich weiß bestimmt, daß der freundliche Bewillkommungsgruß dem guten Juden gilt, der ein warm fühlendes Herz für die Schicksale und Leiden seiner Glaubensgenossen besitzt. Die heutige Zeit der Bedrängniß und Bedrückung für uns Juden hat zumindest auch eine erfreuliche Thatsache zur Folge: Eine große Anzahl von Männern, die sich früher ziemlich gleichgiltig gegenüber dem Geschicke ihres Glaubensgenossen verhalten haben, zeigt sich heute offen als Bekenner des Judenthums, als gute Juden. Meine Herren: Ich darf für mich und vielleicht auch für meine Collegen im bisherigen Vorstande die Erklärung abgeben, daß wir diese Eigenschaft stets bewiesen haben, daß wir gute Inden seit unserer Geburt sind. Gestatten Sie mir einige Worte zur Beseitigung eines Mißverständnisses, welches infolge einer früheren Aeußerung entstanden sein dürfte. In den T e m p e l v e r e i n e n ehren und schätzen nur freie Bereinigungen von Männern, die sich in aufopferungsvoller, s e l b st l o s e r Weise mit der Errichtung und Erhaltung von Bethäusern beschäftigen, somit einer Thätigkeit — und zwar in erfolgreichster Weise — sich hingeben, welche nach dem Gesetze eigentlich dem Cultusvorstande obliegt. Diese Vereine und insbesonders ihre Vorstände verdienen daher unseren Dank und unsere Anerkennung, denn in diesem übertragenen Wirkungskreise haben sie zumeist Vortreffliches geleistet. Ich weise aus die Tempelbauten hin, welche durch den Tempelverein im VI., den Bethausverein „Beth hatesila" im IX. und den Bethausverein „B e t h I s r a e l" im II. Bezirke ausgeführt worden sind; Bauten die nicht allein diesen Vereinen und der Cultusgemeinde, sondern auch der Stadt Wien zur Ehre gereichen. Solche Leistungen vollführen die Tempelvereine mit einer, wie zugestanden werden muß, verhältnißmäßrg kleinen Subvention von Seite der Cultusgemeinde. Von verschiedenen Rednern ist heute und auch bei früheren Anlässen der Borwurf erhoben worden, daß der gesammte Vorstand und einzelne Mitglieder desselben es unterlassen hätten, zum Schutze ihrer Glaubensgenossen und zur Wahrung der Ehre des Judenthums bei den zahlreichen Gelegenheiten, in welchen Angriffe erfolgt waren, einzutreten. Ich glaube, daß gerade mich dieser Vorwurf nicht trifft. (Zustimmung.) Ich habe gekämpft, ohne zu fragen, was mit mir geschehen werde; ich habe gekämpft und eine Wunde empfangen, die ich frei und offen trage und welcher ich mich nicht zu schämen brauche. (Lebhafter Beifall.) In der heutigen Zeit wird vielfach geklagt über die Ä bnähme der Religiosität, insbesonders in der studirenden Jugend, und erst gestern hat der Herr Landesvertheidigungsminister lebhafte Klage darüber geführt. Ich glaube nicht, daß diese Erscheinung auch bei uns Juden bemerkbar ist; denn gerade in den letzten Jahren habe ich vielfach die Wahrnehmung gemacht, daß unsere Jugend und namentlich diejenige, die sich wissenschaftlichen Studien hingibt, mit B e g e i st e r u n g ihre Zugehörigkeit zum I u d e n t h u m m an i f e st i r t. Als Ursache jener Erscheinung wird zumeist der Kampf bezeichnet, in welchem sich Wissenschaft und Glaube befehden, und in welchem der Letztere den Kürzeren ziehen soll. Auch diese Motive können wir Juden nicht gelten lassen; denn unsere Geschichte beweist, daß gerade unter den großen Gelehrten auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft sich häufig Männer befunden haben, welche im g e s a m m t e n Bereiche menschlichen F o r s ch e n § und Wissens, Hervorragendes geleistet haben. Unsere Glaubenslehren enthalten nicht einen Satz, welchen Forschung und Wlssenschaft ausschließen würden. So stellt sich auch die biblische Schöpfungsgeschichte nicht in Widerspruch zur modernen Fo rs ch u n g, welche sich auf Naturereignisse stützt die sich unter unseren Augen begeben. Leuchtend steigt an: nächtlichen Himmel ein glänzend M et e o r auf, erfüllt mit seinem Feuerschein das ganze Firmament, zerstiebt in Myriaden von Funken, die im unermeßlichen Wolkenraum verschwinden. Bon den Gehängen der Gebirge rollen mächtige L aw i n e n herab, versperren dem Gebirgsbach seinen Weg, bilden einen furchtbaren, immer mächtiger anschwellenden Staufen; der durchbricht plötzlich seinen schneeigen Damm und die ungeheure Wassermenge fährt zu Thal, Alles vor sich niederreißend und zerschmetternd, Dörfer, Menschen und Thiere vernichtend. Mitten im weiten Ocean taucht plötzlich eine Insel auf, die nach wenigen Jahren schon als Wohnstätte für Menschen dient. An einer anderen Stelle reißt ein E i l a n d, von Tausenden von Menschen bewohnt, in seiner Mitte auseinander; die eine Hälfte verschwindet unter furchtbaren Erscheinungen von Feuer und Rau ch, und wo früher blühendes Leben gewesen, rollen nach kurzer Zeit die Wogen des Weltmeeres. Rings um die Erde aber zieht sich ein leuchtender Aschen ring und gibt noch nach Monden Zeugniß von dem gewaltigen Naturereigniß. Das bewaffnete Auge des Menschen dringt in ferne Welten, sieht die großartigen Phänomene, die sich auf den Sternen begeben; und ebenso erforscht das menschliche Auge den Mikrokosmos der P f a n z e n z e l l e, ihr Wachsthum und ihre Vermehrung. Und bei der Betrachtung dieser Werke der Schöpfung drängt sich auf die Lippen des forschenden, gläubigen Juden der Satz : ..Osse maasse hereschit h“. Wenn der Jude die Nardenbüchse vor's Antlitz hält und sich an den Wohlgerüchen erquickt, die ihr entströmen, gedenkt er in Dankbarkeit Desjenigen, der ihm diese Wohlthat spendet: „Lore miue bessomim“. Der Jude hängt mit allen Fasern seines Herzens an seiner Familie, an seinen Verwandten, an seinen F r e u nd e n; und wenn ihn die Nachricht trifft, daß einer seiner Lieben nach unerforschlichem Rathschlusse von hinnen berufen worden, dann öffnen sich seine Lippen zu dem Segensspruche: „Boruch dajon hoemes.“ _ So, meine Herren, stellt sich uns das angefeindete, vielverlästerte Judenthum dar. Ein geistvoller Redner hat gestern die anwesenden Glaubensgenossen aufgesordert, in allen Dingen und namentlich bei der bevorstehenden Wahl einig vorzugehen. Das sind g o l d e n e W o r t e, die beherzigt werden sollen; denn nur Einigkeit macht stark und verleiht uns Widerstandsfähigkeit. Er meinte aber auch, daß die Juden zu allen Zeiten einig gewesen wären. Leider war dies in alter und neuer Zeit nicht der Fall. Bor 1826 Jahren, als die Stadt vom Feinde belagert wurde, waren die Juden in drei oder noch mehr Parteien gespalten : die Gemäßigten, die Zeloten und — die Räuber. Bis auf das Messer haben sich diese Parteien bekämpft und fast größere Verheerungen untereinander verursacht, als der siegreiche Feind. Auch in unseren Tagen haben solche Parteiungen geherrscht, wenngleich die Kampsesweise eine weniger blutige gewesen ist. Es darf für den abtretenden Vorstand das Verdienst in Anspruch genommen werden, daß er den Frieden, den vollen Frieden in der Gemeinde wiederhergestettt, und daß Orthodoxe, Fortschrittliche und Reformjuden einträchtig in der Gemeinde zusammenwirkten und ihre religiösen und rituefteu Anforderungen in gleicher Weise befriedigt wurden. Und so ist es gewiß nicht nur mein, sondern auch Ihr aller Wunsch, daß in den neuen Vorstand Männer eintreten, die in Friede und Eintracht arbeiten und schaffen, zur Ehre und zum Wohle dieser großen Gemeinde. Dann wird an diesem Vorstande der Spruch des begeisterten Königssängers in Erfüllung gehen: „IV 6 h « H u keecz schossul al palgS maj i m, ascher olehu io jibbal, wechol a 8 eher jaasse j a z 1 i a c h. “ (Lebhafter Beifall.) Nunmehr wurden stürmische Rufe aus der Mitte der Versammlung laut: „Dr. Fialla soll sprechen!" Mit einem wahren Beifallssturm, der sich immer wieder erneuert, begrüßt, betritt Dr. Hermann Fialla die Tribüne und richtet an die Versammlung folgende Ansprache: „Der rauschende Beifall, mit dem Sie mich eben begrüßt, macht mich schier beklommen und befangen. Nennen Sie es daher nicht schlecht placirte Bescheidenheit, wenn ich denselben weniger auf meine Person, als vielmehr auf jene geringe Leistung beziehe, deren ich mich in der bisherigen Entwicklung der Wahlbewegung zu erfreuen in der Lage bin. Sie besitzen ja Alle jenes Schriftstück, welches als „Unser W a h l p r o g r a m m" heute schon vielfach erwähnt wurde und gewissermaßen die Grundlage dieser Debatte bildete, welche theils von Candidaten, theils auch von sonstigen Theilnehmern dieser Versammlung angeregt und ausgesprochen wurde. In dem Umstande nun, daß dieses Programm in so rascher und intensiver Weise, wie ich es kaum geahnt hätte, die Zustimmung der W» MMM

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