Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Vloch's Wochenschrift Wähler nicht einladen konnten. Nach dem neuen Statut werden nun solche Wählerversammlungen periodisch nach zwei Jahren einbernfen werden müssen, ja, es hindert uns nicht, sie auch zu einen! früheren Zeitpunkte schon abzuhalten. In einem Programme, das ich wirklich vortrefflich nennen muß, wenn ich mich auch nicht in allen Punkten damit einverstanden erklären kann, ist die Anregung gegeben worden, die Zahl der Vorstandsmitglieder zu erhöhen. Ich will dies nicht principiell ablehnen, gebe aber den Herren zur Erwägung anheim, daß eine übergroße Zahl von Candidaten gerade nicht vorhanden ist, welche Wahrnehmung Sie wohl heute machen konnten. (Sehr richtig!) Ich weiß übrigens nicht, ob die Zahl 24 wirklich zu klein ist, und überlasse es dem künftigen Vorstände, dieser Frage näher zu treten. Auch dürfte der angeregten Frage der Ausdehuuug des Wahlrechtes in der Cultusgemeinde, was ich inr Princip gleichfalls nicht ablehnen möchte, künftighin uähergetreten werden. Wenn ferner darauf hingewiesen wurde, daß der Cultusvorstand auf eine Organisation der gesummten Jndenschaft unseres Vaterlandes hinwirken soll, so muß ich gestehen, daß ich von einer Organisation der Juden als solche nicht gerne spreche. Wir Juden sind gleichberechtigte Staatsbürger, wie alle anderen Staatsangehörigen (Widerspruch), allein das schließt nicht aus, daß wir die Schaffung eines Consistoriums anstreben sollen, wie es in Frankreich besteht, oder die Bildung eines Gemeindebundes in Frage ziehen, welcher in Preußen gebildet ist. Da ich einmal Offenheit und Wahrheit liebe, möchte ich auf Folgendes aufmerksam machen: Ein Consistorium oder ein Gemeindebund mag eine ganz vortreffliche Einrichtung sein, aber wenn Sie glauben, daß eine derartige Institution dazu geschaffen werden kann, um uns von dem schmachvollen Antisemitismus zu befreien, so möchte ich wenigstens das sehr bezweifeln und Ihre Erwartungen diesbezüglich nicht zu hoch gespannt wissen. Frankreich hat sein Consistorium schon sehr lange und trotzdem gibt es dort, wenn auch nicht viele, Antisemiten, ich verweise aber insbesondere darauf, daß trotz des jüdischen Gemeindebundes der Antisemitismus in Preußen früher war als bei uns und von dort importirt wurde, llut» damit komme ich auf den Kernpunkt der Discussion, auf das, was uns Alle bewegt und drückt, d. i. die politische Frage, die auch heute wieder iu einer glänzenden Rede hervorgehobeu wurde. Ich freue mich aber ganz besonders, constatiren zu können, daß gegenüber der vorausgegangenen Wählerversammlung mein verehrter Freund Dr. S t e g e r heute meinem Standpunkte sich einigermaßen genähert hat, daß er — wenn ich, ohne ihm in irgend einer Weise nahetreten zu wollen, den Ausdruck gebrauchen darf - in seinen stürmischen, gährenden Wein ein bischen Wasser gegossen hat. Darin aber stimme ich ihm vollkommen zu, daß, wenn sich im Falle eines Rechtsbrnches der Betreffende an den Cultusvorstand wenden wird, dieser ohne Zweifel nicht allein das Recht, sondern die Pflicht hat, Alles auszubieten, um dem Recht Geltung zu verschaffen. Selbstverständlich kann der Vorstand nicht Umfrage halten, wessen Rechte verletzt worden sind, sondern diejenigen Glaubensgenossen, die sich in ihrem Rechte verletzt fühlen, mögen getrost kommen. Hier besteht ja schon ein Rechtsschutzbureau, welches gegründet worden ist, um Rechtsuchenden zu helfen, aber wie ich höre, wird von diesem Rechtsschutz in den wenigsten Fällen Gebrauch gemacht. Es ist also nicht unsere Schuld, wenn Verletzungen der Gerechtsame vorkomnien, Sie müssen zu uns gehen und wir wollen nach Möglichkeit auf gesetzlichem Wege für Sie eintreten. (Beifall.) Der Herr Dr. S t e g e r hat dem Vorstände auch eine zu große Bescheidenheit vorgeworfen und verlangt, er soll seine Thätigkeit nicht ins Dunkel hiillen, sondern sie sozusagen an die große Glocke hängen. Ich muß dieser Auffassung entgegentreten und ich werde, wenn ich die Ehre haben sollte, sein College im Vorstand zu sein, ihm in vielen Fällen opponiren müssen. „Das Geheimniß ist die Bürgschaft des Erfolges" und wie Alles seine Zeit hat, so muß es auch eine Zeit für die Oeffentlichkeit und wieder eine Zeit für das Geheimniß geben; der Cultusvorstand hat aber die Pflicht, das Geheimniß dann zu wahren, wenn dadurch der Erfolg einer Action gefördert wird, und in diesem Sinne müssen Sie mit uns arbeiten. Was die Frage der politischen Thätigkeit des Vorstandes anbelangt, so erkläre ich mich offen als Gegner jener Agitation, welche auf die Straße getragen werden soll und nur die Köpfe der Wähler erhitzt. Der Vorstand ist wohl verpflichtet, in so schwerer Zeit dahin zu wirken, daß unsere Wähler trotz aller An¬ Seite 933 feindungen den Kopf nicht verlieren, sondern besonnen bleiben, daß ihnen erhalten bleibe, was sie von ihren Vorfahren überkommen haben, d. i. der jüdische „Sechel", der gesunde Menschenverstand (Anhaltender Beifall', aber nicht, daß sie durch Agitationen auf andere Wege gedrängt werden. Gestatten Sie mir nur noch wenige Worte. Die Bibel erzählt, daß Josua die Mauern von Jericho durch Trompetenschall erschüttert hat. Ich glaube an den modernen Josua nicht, welcher durch Trompetengeschmetter den Antisemitismus erschüttern wird (Beifall), ich glaube vielmehr an eine thatkräitige Arbeit, die wir aber nicht allein, sondern nur im Vereine mit unseren christlichen Mitbürgern verrichten können, welche sich in Stellungen befinden und kein Vorrecht wollen. Das ist das beste Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus. «Beifall?« So nehme ich denn Abschied und kann wohl im Namen des ganzen Vorstandes das Versprechen geben, daß wir olme Ruhmredigkeit, mit Befriedigung, aber auch mit männlicher Kraft und regem Eifer stets für Ihre Interessen eintreten werden. (Großer Beifall.) Wähler Czerwenk a intervelürt wegen Einführung des allgemeinen Wahlrechtes bei den Eultuswahl'en. G.-R. Dr. Alfred Stern reflectirr zunächst auf jene Vorwürfe gegen den Cultusvorstand. daß derselbe seinen Pflichten in eul- : tueller Beziehung nicht nachgekommen sei und auf die Vororte j keine Rücksicht genommen habe. Er verweist darauf, daß Ver-! treter aus den Vororten hier am Tische des Vorstandes fitzen,! daß der Vorstand auch den Vereinsbewänsern in den Bezirken z Subventionen gewährte, daß aber, '.venu tu letzterer Beziehung nicht mehr und genug geschieht, hieran die triste Finanzlage der Gemeinde allein die Ursache sei. Wir benörhigen eben, wie dereinst ein großer Feldherr sagte, drei Dinge: Geld. Geld und wiederum Geld. Wenn eine Unterstützung der Vereinsbediensteten aus Gemeindemitteln beansprucht wird, so bemerke er, daß die Gemeinde, beziehungsweise der Vorstand ans die Bestellung der Bereinsb diensteten gar keinen Einfluß habe und die Vereinsvvrstände sogar sich dagegen feierlichst verwahren. Dem Begehren, daß auch die strenge „orthodoxe" Richtung im Vorstände ihre Vertretung finde, schließe er sich gerne an. da in der Leitung der Gemeinde den verschiedenen religiösen Richtungen Rechnung getragen werden muß. Redner fährt dann fort: „Ans das sogenannte politische Moment, das Auftreten gegen die antisemitische Bewegung, übergehend, kann ich nur sagen, daß ich hierin den radiealeren Anschauungen beistimme, dieselben auch stets vertreten habe. Es wurde früher gesagt, daß für die Zukunft mehr geleistet und mehr erwartet werde. Mehr geleistet! Ja. — Ob mehr erwartet ’? Im heutigen Abendblatte finde ich die Mitlheilung. daß 22 niederösterreichische Laudtagsabgeordnete sich zu einem aulisemirischen Club vereinigten und diesen Namen ihrem Club gaben. — Im heutigen Abendblatt finde ich ferner die Mittbeilnng, daß irgendwo in Böhmen eine Versammlung wegen vorgekommener 'Angriffe gegen den Feudaladel und gegen die Verwaltung des Fürsten Schwarzenberg vom Regiernngsvertreter aufgelöst wurde. Wir können ganz sicher sein, daß diese Angriffe lange nicht das erreichten, was in antisemitischen Versammlungen gegen unsere Confessivn und deren Angehörige - gegen 1,2« >« >.««09 österreichische Staatsbürger — vorgebracht wird. —- Wann ab erhaben Sie da nur ein tadelndes Wort eines Regierungsvertreters gehört? Ja! Wir haben bei Ministern und Präsidenten und Behörden corporativ und einzeln vorgesvrvchen, Beschwerden überreicht, ihre Aufmerksamkeit ans das unheilvolle und keinen autoritären Widerstand findende Fortschreiten der Bewegung gelenkt. Was konnten, was können wir auf gesetzlichem Wege, auf welchem wir doch immer verharren wollen, mehr rhun'?! Nichtsdestoweniger bin ich dafür, daß wir ans diesem Wege energisch weiterschreiten; selbst wenn wir nnr für die Archive arbeiten sollten. — Wir sind dies schuldig unserer Ehre, der Ehre der Gemeinde, welche wir vertreten, wir sind es schuldig unseren Nachfolgern, welche in kommender besserer Zeit in der Lage sein werden, sich darauf zu berufen, daß unsere Gemein d e und deren Vor st and i h r e Pflicht erfüllt haben. (Lebhafter Beifall.) Mit lebhaftem Beifalle begrüßt, ergreift das Wort Cultnsvorsteher, Herr Baurath Wilhelm Sliatzny: „Meine hochgeehrten Herren! Ter Beifall, mit welchem Sie mich empfangen haben, dürfte kaum dem