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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-20 · 47 (20.11.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 930 Dr. VLoch's Wochenschrift. Skr. 47 „Die großen Aufgaben, deren Lösung dem neuen Vorstande obliegen, sind doppelter Art. Nach Außen wird derselbe eine kräftige Vertretung der gefährdeten Interessen der Judenschaft zu führen haben und sich hiebei durch keinerlei ängstliche Bedenken beirren lassen. Nach Innen obliegt dem Vorstande der Ausbau unserer Gemeinde-Institutionen im Wege der Durchführung des neuen Statutes. Die Aufgaben der Gemeinde sind nunmehr im Statute selbst aufgeführt und es wird manche wichtige Institution zur Durchführung gelangen, welche bisher ans budgetären Gründen zurückgestellt werden mußte. Eine besondere Fürsorge muß der Erziehung unserer Jugend für d a s I u d e n t h u m zugewendet werden, damit das anzustrebende Ziel, g l a u b e n s t r e u e Gemeindemitglieder heranzubilden, erreicht werde. Ein vielverheißender Anfang ist bereits gemacht worden durch Feststellung des U n t e r r i ch t s p r o g r a m m e s. Die stricte Durchführung desselben wird aber nur unter Heranziehung neuer, tüchtiger Lehrkräfte möglich fein. Die Sorge um die Errichtung neuer A n d a ch t sst ä t t e n wurde bisher in anerkennenswerther Weise von Bethausvereinen fteiwillig iibernommen. Es wird nach wie vor Aufgabe der Gemeinde fein, diese Vereine erforderlichenfalls zu s u b v e n t i o n i r e n und so der gesetzlichen Verpflichtung, den in der Gemeinde üblichen Ritualformen gerecht zu werden, wenigstens indirect nachzukommen. Ein ganz neuer Wirkungskreis eröffnet sich ftir den Vorstand durch das A u f f i ch t s r e ch t über alle confessionellen Anstalten und Vereine. Dadurch wird dem Vorstand Gelegenheit geboten, mit allen confessionellen Anstalten und Vereinen in engen Contact zu treten, deren Bedürfnisse kenueir zu lernen und für deren Förderung Sorge zu tragen. Es ist zu erhoffen, daß der Vorstand das Aufsichtsrecht als P r o t e c t o r a t auffasien und demgemäß handhaben werde. Jedenfalls wird es des Aufwandes von vielem Takt bedürfen, um den Verdacht der Bevormundung zu vermeiden und Differenzen hintanzuhalten. Andererseits wird auch von den Vereinen erwartet werden, daß sie durch loyales Entgegenkommen dem Vorstande seine schwierige Aufgabe erleichtern werden. Das Tax- und S t e u e r r e ch t der Gemeinde ist bedeutend erweitert und so die Möglichkeit gegeben, das Deficit zu bannen und das Gleichgewicht im Gemeindehaushalt zu erhalten. Die Erhöhung der Umlagen, welche unvermeidlich ist, soll n i ch t über das Maß des N o t h w e n d i g e n hinaus erfolgen. Die Veranlagung der Stenern soll gerecht, nach dem Grundsätze der Progression durchgeführt werden. Die H u m a n i t ä t s a n st a l t e it der Gemeinde bedürfen dringend der Ergänzung. Das A l t e r s v e r s o r g u n g s h a u s ist noch immer nicht ganz fertig gestellt. Das Spital erweist sich als zu klein und muß durch Errichtung eines S i e ch e n h a n s e s entlastet werden. Die Armenpflege liegt — aus Mangel an hinlänglichen Mitteln — sehr im Argen. Deren Ziele könnten durch einheitliche Organisation und engen Z ns a m m e n s ch l u ß der zahlreichen Wohlthätigkeitsvereine am einfachsten erreicht werden, welche Organisation der Vorstand, als Aufsichtsbehörde, durchzuführen berufen sein wird. Dies find im Wesentlichen die Aufgaben, welche gelöst werden müssen, wenn unsere Gemeinde Anspruch darauf machen will, nicht blos die größt e, sondern auch die e r st e israelitische Cultusgemeinde des Reiches zu heißen. (Lebhafter Beifall.) Der nächste Candidat ist Herr Moses Freund, der schon nach den ersten Worten von stürmischer Heiterkeit und Schlußrufen unterbrochen wird, so daß er sich gezwungen sieht, unverrichteter Sache von der Tribüne abzutreten. Sodann nimmt Herr Dr. Heinrich Schreiber das Wort, welcher sich als Wortführer und Repräsentant der Bethausvereine vorstellt. Er rönne, sagt Redner, der Wahl nicht ausschließlich jene politische Wichtigkeit beimesfen, die man ihr von mancher Seite geben wolle. Er lege das Schwergewicht seiner Erörterungen ans das rituelle Moment, und nach dieser Richtung sei der Cultusvvrftand seinen Pflichten nicht in vollem Maße gerecht geworden. Die Bedeutung dieser Wahlen liege darin, I daß durch das neue Statut eine große Aendernng des ganzen Gemeinwesens vor sich gegangen sei. Den Anforderungen der neu einbezogenen Bezirke entsprechend, batte die Zahl der Cultusvorstände erhöht werden müssen, das Statut behält aber die alte Zahl von 24 bei. Es müsse aber gefordert werden, daß der Cultusvorstand nicht blos eine plutokratische Vertretung der Inneren Stadt sei, sondern sich auch als Vertretung der demokratischen Elemente in den Bezirken fühle. Dies sei jetzt nicht der Fall und daher komme es, daß die Tempelvereine auch ein kümmerliches Dasein führen und fast ausschließlich auf die Opferwilligkeit der armen Glaubensgenossen angewiesen seien. Irr Erkenntnis; dieses Umstandes hätten die Tempelvereine eine Action eingeleitet, durch welche vor Allem dem Grundsatz zum Siege verholfen werden soll, daß im Cnltusvorstande alle rituellen Richtungen, auch die orthodoxen, vertreten sein sollen. Es müsse ferner die Aufgabe des neu zu wählenden Vorstandes sein, die Andachtsstätten zu vermehren und würdig zu gestalten, ferner die Lage der Functionäre und Bediensteten der einzelnen Tempelvereine zu verbessern. Was das politische Moment betrifft, so hat der Cultusvorstand bisher als ein Veilchen im Verborgener: gebliiht. Aber der Man::, der sich rühmt, die Kirchen gefüllt zu Haben, hat auch unsere Tenrpel wieder gefüllt, das nationale Bewußtsein beginnt sich unter ur:s mächtig zu rühren. Diesem Umstande kann der neue Cultusvorstand sich nicht verschließen. Auch er (Redner) sei ein Vertreter dieser Richtimg und rverde ihr, wenn er gewählt werden sollte, stets entschiedenen Ausdruck geben. (Beifall und Widerspruch.) Lebhaft acclamirt betritt nun Herr Dr. Marcus Spitzer die Tribüne. Nach den glänzenden oratorischea Leistungen der Vorredner, bemerkt der Candidat, wolle er ::ur in einfacher, schlichter Weise die Gründe seiner Candidatur bekanntgeben. Das Wahlcomite habe ihn nominirt und er bekenne offen, daß er in dieser Aufforderung seiner Glaubensgenossen die höchste Ehre erblicke. In jedem Cnltusvorstande müssen Männer sitzen, die mit dem Glanze ihres Namens, durch ihre hervorragende sociale Stellung für die Ehre des Judenthums eintreten, die ein warmes Herz, eine stets offene Hand für die Leiden unserer Glaubensgenossen haben und die heilige Pflicht der Wohlthätigkeit nicht nur selbst üben, sondern dazu auch durch ihr vorleuchtendes Beispiel aneifern. Im Cnltusvorstande müssen aber auch Männer sitzen, die sich in die jüdische Literatur vertieft, (lebhafte Zustimmung), die Atmosphäre des Judenthums in sich eingesogen habe::, mit jeder Faser ihres Herzens dem Judenthum zugethan sind. Und wenn etwas geeignet-ist, meinen Stolz, welchen ich durch die Nominirung zum Candidaten empfunden habe, zu verringern und meine Freude zu mildern, so ist es der Umstand, daß ich nach alten: Brauch mich vorstellen muß. Ich habe an der Wiener Universität das Doctorat der Philosophie und beider Rechte erworben, glaube somit eine genügende allgemeine Bildung zu besitzen, um in den Vorstand eintreten zu können; ich habe mich a::ch seit Jahrzehnten mit jüdischer Literatur und Geschichte befaßt (Beifall) und halte noch heute nach des Tages Mühen das Studium unserer Alte:: für eine geistige Erholung und eine Erquickung für mich. (Lebhafter Beifall.) Ich will kein Politiker sein, sondern als einfacher Arbeiter eintreten und will mir die Aufgabe stellen, unsere alte Sprache zu fördern, denn wie ich schon oft betont habe, bin ich geradezu eilt Fanatiker der hebräischen Sprache (Beifall), da sie das Fundament unserer Jugend ist; jene Sprache, in der der königliche Psalmist gesungen, in welcher die Propheten in flammender Begeisternng gesprochen und in welcher das Kind seine Ehrfurcht vor den. Eltern bezeugt, ist allein im Stande, nicht nur die Mitglieder einer einzelnen Gemeinde, sondern sämmtliche Inden der Diaspora zu vereinigen. (Beifall.) Mein Programm ist so alt, wie das Judenthum selbst und dringt noch aus der babylonischen Zeit zu uns herüber, es heißt, daß der Vorstand zu Jenen gehört, welche mit jüdischer Treue, mit Liebe und Hingebung sich den öffentlichen Angelegenheiten widmen sollen. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn ich mit dem Amte eines Cultusvorstehers beehrt werden sollte, so will ich diesem Programm, welches nicht reicher gedacht werden kann, zur Durchführung verhelfen. Der Vorsteher hat aber auch die Pflicht, mit seinen Wählern in stetem Contact zu bleiben und die auftauchenden Gegensätze

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