Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-20 · 47 (20.11.1896) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
47 (20.11.1896)
Date
1896-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021163--06182-3030453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 Vr. Bloch'» WochenfchrM Sette 929 man spricht, als daß man schweige. (Bravos Für uns Alle handelt es sich ja nur um gesetzliche Schritte und Mittel, und Niemand, der einigermaßen unsere Gesetze kennt, denkt daran itub ich am allerwenigsten, etwa einen politisirenden Vorstand zu billigen; denn streng genommen hat die Politik mit den Ausgaben eines Cnltllsvorstandes nichts zu schaffen, allein wir dürfen uns diese Repräsentanz auch nicht als eine rein administrative Behörde denken, denn wäre diese Auffassung richtig, dann müßten es nicht die Capaeitäten der Gemeinde sein, die in den Vorstand hineingewählt werden sollen, sondern es könnten tüchtige Beamte dasselbe leisten. (Sehr gut!) Der Geist, mit welchem die Ausgaben des Cultnsvorstandes aufzufassen sind, bedingt mrd fordert es heutzutage mit besonderer Nothwendigkeit, Ausblick dort zu halten, wo die Jndenheit bedrängt und verfolgt wird, und da ich weder den Berus noch die Lust habe, hier längst Gesagtes und bitter Empfundenes zu wiederholen oder Ihnen Dinge zu Ihrer lebhaften Empörung und Entflammung vorznführen, welche jeder Einzelne längst rmd leider schon zum Ueberdruffe kennt, will ich mich aus die Bemerkung beschränken, daß es der Anlässe genug gibt, in welchen die Judenschaft, nicht nur die in Wien, sondern im ganzen Staate überhaupt Act nehmen soll, daß es einen Vorstand gibt, der bereit ist, im Rahmen des Gesetzes jederzeit den Kamps anfznnehmen, wenn das Panier des Judenthums beschmutzt, beschimpft und verhöhnt wird. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.» Ich hatte es mir auch nie anders vorgestellt, als daß dieses dumpfe Gefühl der Gleichgiltigkeit und Entmuthigung nur durch Eines schwinden kann, d. i. durch die Erkenntniß von dem Wirken eines Vorstandes, u. zw. in voller Uebereinstinnnnng; der nach Außen hin jeden Anlaß benützt, für seine Glaubensbrüder einzutreten, denn sonst könnten, wie es bisher der Fall war, viele meinen und es auch anssprechen, es geschieht nichts von Seite dieser Organe, die von uns berufen sind. Gerade heute haben wir gehört, daß allerdings Schritte gethan worden sind, aber diesbezüglich muß ich sagen, ich wäre dafür gewesen, wenn ich in diesem Vorstande hätte bei jener Gelegenheit meine Stimme erheben können, daß davon der Oeffentlichkeit Kenntniß gegeben werde. (Anhaltender Beifall.) Nicht innerhalb der vier Wände des Sitzungssaales, denn auf einem Gebiete, das jedes einzelne ehrenwerthe Mitglied des Vorstandes mit jedem einzelnen Glaubensbruder innig umfaßt, brauchen wir keine Discretion, keine Heimlichkeit, wir wollen sehen und hören (Beifall) und wenn wir insbesondere in Hinkunft jene Maßnahmen kennen werden, wird sich in den Reihen unserer Glaubensgenossen die Erkenntniß Bahn brechen, daß eine neue Aera gekoinmen ist, daß wir uns zur Wehre petzen können und uns unsere Bedeutung klar wird, daß wir zur Geltung kommen wollen und nicht mehr entmuthigt sein dürfen, daß jeder Gleichmnth fernbleibe, dann wird auch eine bessere Zeit in Aussicht sein. (Stürmischer Beifall.) In unserem Wahlprogramm ist ein schätzbarer Punkt enthalten, den ich auch besprechen will, d. i. der 4. Punkt, wonach der Candidat erklären soll, dafür eintreten zu wollen, daß der neue Vorstand die Organisation der österreichischen Judenschaft als eine dringende Aufgabe anerkennt, welche auch schleunigst dnrchgeführt werden muß. (Zustimmung.) Es ist hier nicht die Zeit, noch die Gelegenheit, in einer detaillirten Betrachtung auseinanderzusetzen, in welcher Weise diese Organisation platzgreifen soll, ob etwa im Rahmen des sogenannten Consistoriums, wie bei den Evangelen, oder im freien Gemeindebunde, wie es in Preußen der Fall ist; aber zu einer Organisation muß es kommen, denn es ist geradezu beschämend — d. i. meine persönliche Ueberzeugung — daß die österreichische Judenschaft noch nicht organisirt ist. Worauf hätten wir denn noch warten sollen? Ist denn die jetzige Zeit nicht so geartet, daß jeder Tag, ja jeder Moment uns förmlich darauf stoßen und schmerzlich vermissen läßt, daß ein solcher organischer Zusammenhang der jüdischen Gemeinden fehlt? Und sind denn »ncht gerade die schändlichen Attentate auf unsere Ueberzeugung, unseren Glauben mid seine geheiligten Gebräuche, auf unsere Familie und Existenzen und unsere Kinder nicht fürchterlich genug, um uns zuzurufen: Es muß eine Organisation ins Leben treten, welche jeden Einzelnen und die Gesammtheit schützen soll?! (Beifall.) Das ist auch der Punkt, ans dem insbesondere auf dem Boden des Rechtsschutzes für den einzelnen bedrängten jüdischen Staatsbürger nur durch eine systematisch und stramm durchgeführte Organisation gesorgt und Ersprießliches geleistet tverden kann. Es muß eine zielbewußte Gestaltilug eintreten, dies kann nur durch eine systematische Organisation geschehen. Ich gehöre nicht zu jenen, die da meinen, die Judenschaft sei heute ein verächtliches schwaches Häuflein, welches — wie es von Seite unserer Widersacher geschieht — nur mit Spott und Hohn überhäuft werden kann. Spott und Hohn verdienen wir nur insolange, als wir das Bild der Uneinigkeit bieten und keinem bestimmten Ziel entgegenstreben, nur dann, wenn wir uns feige in den Winkel stellen und den Anschein erwecken, als hätten lvir uns nur in jenen Zeiten wohlgefühlt, da wir den gelben Fleck trugen. (Sehr gut!) Heute, wo das erstemal nach denr neuen Statut ein neuer Vorstand zu lvählen ist, ist es desseil unbedingte Ausgabe, für die Organisirung der Juden in Oesterreich Schritte zu thun, nicht solche, die in unabsehbarer Zeit eine Gestalt aunehmen, sondern solche, die sofort in Angriff genommen und verfolgt werden müssen. Ich möchte noch, die knapp zugemessene Zeit nicht wesentlich überschreitend, auf eine Aufgabe von einschneidelider Bedeutung Hinweisen, welche dem neuen Vorstand in dieser schlveren Zeit zugemessen ist, d. i. seine Thätigkeit auf dem Gebiete des Armenwesens. Diesbezüglich habe ich in der letzten Wählerversammlung von einem Wähler die schützenswerthe Anregung vernommen, daß analog der Einrichtung der politischer! Gemeinde auch in der Cultusgemeinde die sogenannten Armenräthe eingeführt werden sollen. (Zustimmung.) In einer Zeit, wo die Bezirksausschüsse und Armenräthe der Wiener Gemeinde in ihrer weitaus größten Zahl - ich sage nicht alle — Antisemiten sind, hat doch der arme Jude gerviß nichts Gutes zu erwarten. (So ist es!) In einer Zeit, wo die 'Aushebung des Hausirhandels nahe bevorsteht und 1500 bis 2000 unserer Glaubensbrüder der bittersten Nothlage anheimsallen werden, muß ein Organ ins Leben treten, welches diese armen Bedrängten, nachdem sie auf der einen Seite schnöde abgewiesen werde», liebevoll aufnimmt und nach Maßgabe der vorhandenen Mittel unterstützt. (Beifall.) Es muß daher eine derartige Anregung aus Wählerkreisen seitens eines Candidaten acceptirt werden, und ich erkläre, daß ich für den Fall, als mir die Ehre zutheil werden sollte, in den neuen Vorstand eintreten zu dürfen, diese Action aus das Kräftigste unterstützen werde. (Lebhafter Beifall.» Ich will mm schließen und da nur noch den Wunsch aussprechen, der gerade in diesem der Harmonie gewidmeten Raume nicht übel angebracht sein dürfte, daß nämlich die kommende Wahl dem ganzen Judenthume Ehre mache, indem sie eine einheitliche wird und wir, denen ein gemeinsames erhabenes Ziel vorschwebt, mit Zurückstellung aller persönlichen Momente und jener Mittel, welche von unsern Gegnern angewendet werden, wenn es sich darum handelt, in den fremden oder selbst eigenen Reihen Zwietracht zu säen, die Wahl vollziehen, damit nicht gerade jetzt, wo das neue Statut ins Leben treten soll, unsere Feinde triumphirend auf uns zeigen und sagen können: „ ^eht, nicht einmal auf dieser ihrer ureigensten und wahrhaft autonomen Domäne sind sie einig!" (Beifall.) Ich bitte Sie daher, 'meine verehrten Herren, diese kommende Wahl in Einigkeit vorzunehmen, durchdrungen von der Erkenntniß ihrer großen Bedeutung, aber nicht in dem Sinne, als ob die Sache einen politischen Charakter hat, sondern nur in der höheren Auffassung, daß in so schwerer Zeit für die Judenschast zunächst aus der Wählerschaft ein Wort gesprochen werde, daß sie Männer will, von denen sie vermöge ihrer Ueberzeugungstreue und ihres bisherigen Wirkens, ihrer ganzen Lebensstellung und ihrer Unabhängigkeit erwarten kann, daß sie das sein und bleiben werden, was sie wünscht: ehrenwerthe Vertreter der Judenschaft. (Stürmischer langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Für den erkrankten Dr. Alfted Berger nahm nunmehr Herr Will). P a p p e n h e i m das Wort, um denselben mit einigen Worten der Versammlung zu empfehlen. Herr Pappenheim bedauert zunächst, daß in dieser Wahlbewegung das politische Moment in den Vordergrund gerückt und in unser confessionelles Leben hineingezogen wurde. Man könne da mit Recht sagen: „Wie es sich draußen christelt, sv jüdelt es sich hier drinnen." (Stürmische Ohorufe.) Redner verliest sodann eine programmatische Erklärung des Candidaten Tr. B e r g e r, in welcher es heißt:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.