Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 928 Vr. Lloür's Wortzenkchrifl Nr. 47 mungen des alten Statutes erzielt werden konnten. Das vorhandene Mißverhältnis wurde durch die Einbeziehung der Vororte-Cultusgemeinden in die Wiener Cultusgemeinde noch wesentlich verschlimmert. Der neue Vorstand wird sich nunmehr in der Lage befinden, auf Grund der Anträge einer aus 300 Mitgliedern bestehenden Schätzungscommission die Cultussteuer entsprechend zu reguliren. Freilich muß diese wichtige Aufgabe des neuen Vorstandes auch Ihrerseits in opferwilliger und hingebender Weise gefördert werden. Ihre Sache wird es sein, die Mittel zu gewähren, um den vermehrten gesetzlichen Anforderungen, sowie den stets zunehmenden Wünschen und Bedürfnissen der Tempelvereine, dann den Erfordernissen des Religionsunterrichtes und der Armenpflege in ausgiebiger Weise zu entsprechen. Die Ä b w e h r gegnerischer Strömungen hat sich der Vorstand zur Pflicht gemacht, wo immer seine Intervention auch nur die Möglichkeit eines Erfolges in Aussicht nehmen ließ. In zahlreichen Fällen wurde corporativ oder individuell durch Vorstellungen und Audienzen, durch Denkschriften und Verhandlungen das Möglichste gethan, und ich darf constatiren, daß wir manchen Erfolg erzielten. Gegen die Verrohung und den künstlich entflammten Religions- und Racenhaß stehen uns allerdings ausreichende Machtmittel nicht zur Verfügung. Dergleichen Ausschreitungen zu bekämpfen, müssen wir jenen Facto reit überlassen, welche autoritativ dazu berufen w ä r e n. Für uns gibt es nur Zusammenhalten, Selbstachtung und Opserbereitschaft! Unsere Beruhigung finden wir in der Geschichte unserer Väter; lehrt sie doch, daß wir stets und immer unsere Gegner überdauert haben. Mit Gottes Hilfe wird uns auch diesesmal, wie zur Zeit Mardochais „Licht und Freude werden!" Ich stelle es nun Ihnen anheim, sich über das Gesagte auszusprechen oder orientirende Aufklärungen vom Vorstande zu verlangen, womit ich zum zweiten Punkte der Tageso r d n u n g übergehe. Ich eröffne die Debatte. Wer wünscht das Wort? (Es meldet sich Niemand.) Da Niemand das Wort wünscht, kann zum dritten Punkt der Tagesordnung: Candidaturen übergegangen werden. Ich mache die Mittheilung, daß sich als neue Candidaten gemeldet haben die Herren : Dr. Heinrich S t e g e r, Dr. Alfred Berg e r, Moses Freund, Dr. Heinrich Schreiber, Dr. Marcus Spitzer, Karnmerrath Friedrich Vogel, Bernhard H o f b a u e r und Marcus B o n d i. Ich erlheile das Wort Herrn S t e g e r. Dr. Heinrich Sieger: Meine hochverehrten Glaubensgenossen! Es geschieht im Rahmen der gegenwärtigen Wahlbewegung heute zum dritten Male, daß ich der Ehre theilhaftig werde, mich meinen Glaubensgenossen in meiner Eigenschaft als Candidat für die bevorstehenden Cultuswahlen vorzustellen. Gestatten Sie mir, meinen meritorischen Ausführungen zunächst eine Bemerkung vorauszuschicken, die eine Version vernichten soll, welche von einer mir offenbar gehässigen Seite vielfach verbreitet und wonach meine Candidatur fälschlich und grundlos unter den Gesichtspunkt einer sogenannten Kampf- Candidatur gebracht wurde; auch wurde behauptet, als hätte ich den Ehrgeiz, als Poltron betrachtet und behandelt zu werden, , der nur deshalb in den Vorstand gelangen will, um dort Alles i über den Haufen zu werfen. j Ich erkläre frank und frei, und fteue mich, dies öffentlich! thun zu können, daß von einer derartigen Absicht nichts in mir : wohnt. (Beifall.) Ich achte und schätze den gegenwärtigen Cultusi Vorstand sowohl als Corporation im Ganzen, als auch jedes ein- | zelne Mitglied dieser Körperschaft (Bravo!) und glaube Ihnen sagen zu sollen, daß ich mit Stolz darauf hinzuweisen berechtigt j bin, daß zahlreiche Mitglieder des Vorstandes seit vielen Jahren j mit mir durch die Bande aufrichtiger Freundschaft und gegen-! seitiger Werthschätzung verknüpft sind. (Beifall.) Wenn ich dessen ungeachtet auf Grund eines Wahl-! Programmes candidire, von dem ich weiß, daß es mindestens nicht alle Mitglieder des gegenwärtigen Vorstandes mit unter- ' schreiben wollen, so hat dies wahrlich in dieser Stunde keine! persönliche Bedeutung, sondern es ist die Aufgabe eines neuen : Elementes, nur unter dem einzig richtigen Gesichtspunkte in eine bestehende Körperschaft einzudringen, daß gerade der Wettstreit verschiedener Ansichten ehrenwertster Männer zur Geltung kommen und für jede Bestrebung fördernd werden soll, welche nns am Herzen liegt. (Lebhafter Beifall.) Abkürzung der Discussion ist das Schlagwort, welches mit Recht für die heutige Versammlung ansgegeben wurde, wenn man den zu bewältigenden Stoff und die große Anzahl der vorgemerkten Redner berücksichtigt, und ich darf wohl das Geheimniß verrathen, daß mir vom hochverehrten Herrn Vorsitzenden dieser Versammlung nur eine kurze Spanne Zeit gegönnt werden konnte; ich will sie ausnützen, um mich den verehrten Anwesenden zunächst als überzeugungstreuer Glaubensgenosse vorzustellen. (Beifall.) Wenn ich mich um das Amt eines Cultusvorstehers bewerbe, so geschieht dies nur in der Erkenntniß, daß wir heute in einer Zeit leben, wo Jedermann, der so unbescheiden ist, sich einige Fähigkeiten zuzutrauen, die Pflicht hat, mitzuthun (Bei fall), wo man ihn braucht. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Und wenn gesagt wurde, daß ich den Mund zu voll genommen hätte oder nehmen könnte, um Ihnen Erwartungen vorzugauckeln, die niemals erfüllbar sind, wenn ferner gesagt wurde, daß ich schier Unmögliches austrebe, so beruht das Alles auf einem factifcheu — um nicht zu sageir: feindseligen — Mißverständnisse. Für uns Juden handelt es sich nicht darum, bei jeder einzelnen Action, die wir ins Werk zu setzen streben, ins Klare zu gelangen, ob denn wirklich die Realisirbarkeit bis zuin „I" Tüpfelchen möglich ist, sondern darum, daß überhaupt eine Action in einem speciellen Falle eingeleitet wird (Zustimmung), denn nur auf diesem Wege kann das Gefühl der Passivität, Gleichgiltigkeit mit» der Entmnthigung, wie sie insbesondere in den letzten Jahren auch bei unseren Glaubensbrüdern eingerissen ist (Sehr richtig!), zum Schwinden gebracht werden. Es soll und muß jeder Einzelne zur Erkenntniß Vordringen, daß derjenige, der sich selbst aufgibt, auch aufgegeben werden soll. (Beifall.) Was nun mein Programm anbelangt, so darf ich wohl voraussetzen, daß die weitaus größte Mehrzahl der Anwesenden im Besitze desselben ist; es gereicht mir auch heute zur lebhaften Freude, wennich sage, daß ich dieses Programm, dessen Verfasser mein verehrter Freund und College Herr Dr. Hermann F i a! l a fft (Lebhafter Beifall), vollständig zu dem meinigen gemacht habe und daß es meinen persönlichen Ueberzeugungen vollkommen entspricht. Es kann hier meine Aufgabe nicht sein, auf die einzelnen Details dieses Programmes einzugehen, ich habe heute, eigentlich nur dort gerade anzuknüpfen, wo ich fürchte, in meinen an anderen Orten gehaltenen Ausführungen mißverstanden worden zu fein, das ist nämlich jener Punkt, wonach wir heute nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet sind, die Cultusrepräsentanz dahin aufzufaffen, daß sie als eine wahrhafte Vertretung der Judenschaft anzusehen ist. (Beifall.) - Ich weiß wohl, meine hochverehrten Herren, daß das neue Statut, welches von dem derzeitigen Vorstände mit größter Sachkenntniß und Hingebung für die Sache selbst abgefaßt wurde, die Aufgabe der Cultusgemeinde präcisirt, „innerhalb der durch die Staatsgesetze gezogenen Grenzen für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und die durch diesen Zweck gebotenen Anstalten zu erhalten und zu fördern." Nichtsdestoweniger theile ich vollkommen die persönliche Ansicht meines verehrten Freundes Dr. F i a l l a und folglich auch die Ansichten im Wahlprogramme, das seiner Feder entflossen ist, daß der neuzuwählende Cultnsvorstand immer dre Aufgabe haben muß, die Judenschast überall, wo es noththut, in energischer Weise nach Außen hin zu repräsentiren, sie zu führen und sie aufzurichten, und wenn es darauf aukommt, auch zu vertheidigen. (Beifall.) Ich will uicht verkennen, daß gerade auf diesem Gebiete manche schätzenswertste Bestrebungen in der abgelanfenen Wahlperiode vom Vorstande — wie wir gehört haben — theils individuell, theils corporativ zu Tage getreten sind, aber ich zögere uicht, es auszusprechen, daß ich die Empfindungen zahlloser Glaubensgenossen theile, w^nn ich behaupte, daß hier für die Zukunft noch viel mehr geleistet werden muß und erwartet werden darf. Diesbezüglich ist über meine Wenigkeit gesagt worden: „Ja, gerade dieser Candidat strömt seine Thätigkeit im gegenwärtigen Moment in sogenannten schönen Reden aus." Nun, es gibt Augenblicke — und unsere schwerbedrängte Lage rechtfertigt diese Anschauung — wo ein gesprochenes Wort auch schon eine That ist (Sehr richtig!), und wenn ich mir dagegen das Schweigen vor Augen Halle, so muß ich mir sagen, es ist doch besser, wenn