Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 47 (20.11.1896)
- Date
- 1896-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47 Dr. Vwch's Wochrnkrtzrifi Seite -927 vergrößerten Wirkungskreises. Das Budget, welches im Jahre 1890 83.585 st. betrug, hat im Jahre 1896 die Höhe von 135.181 st. erreicht. Die eigentliche Armenpflege wurde durch Erträgnisse frommer Stiftungen, aus humanen Spenden und nur zum kleinsten Theile aus den allgemeinen Einnahmen der Culrusgemeinde gedeckt. Die Hilfeleistung geschieht theils in discretionärer Weise durch das Präsidium, theils durch die Sectiou oder durch Subventionirung von Wohlthätigkeits-Vereinen. Große Sorgfalt und Liebe wurde der Pflege armer Kinder zugewendet. Wie schon seit Jahren, so wurde auch während dieser Berichtsperiode an.die Direktion der niederösterreichischen Landes-Findelanstalt ein Geldbetrag für solche Pflegeparteien übergeben, welche jüdische Kinder bis szur Vollendung des ersten, beziehungsweise des dritten Jahres am Leben zu erhalten vermochten. Seit Einführung dieser Prämien hat sich die Mortalität der jüdischen Findelkinder in überraschender Weise vermindert (von 80% auf 27%). Solchen jüdischen Wöchnerinnen, welchenebst ihren Kindern bereits am neunten Tage des Wochenbettes das Gebärhaus verlassen mußten, ward ein Unterstützungsbetrag gewidmet. Verlassene jüdische Kinder wurden bisher durch die Communalverwaltung bei christlichen Pflegrparteien untergebracht, welche sie naturgemäß ihrem väterlichen Glauben zu entfremden pflegten. Um dem entgegenzuwirken, beschloß der Cultusvorstand unter pecuniärer Mitwirkung des seither dahingeschiedenen Präses Wilhelm von Guttmann, die für solche Kinder seitens der Commune gewidmeten Pflegekosten durch eine Zuzahlung zu ergänzen, falls die Kinder bei jüdischen Pflegeparteien untergebracht würden. Unter bereitwilliger Zustimmung des löblichen Magistrats konnten bisher mehr als 40 Kinder in jüdischen Familien nntergebracht werden; dieselben stehen unter der Controle der Centralstelle und ist es den Religionslehrern zur Pflicht gemacht, auf diese Kinder besonders Bedacht zu nehmen. Das zur Erinnerung an die Feier der vierzigjährigen Regierung unseres Kaisers errichtete Allersversorgungshaus der israelitischen Cultusgerreinde hat Dank der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen die Zahl der im früheren Altersversorgungshause verpflegten Personen auf das Doppelte vermehrt. Das Haus ist nahezu von 100 Personen bewohnt — doch ist es noch lange nicht in der Lage, Alles zu leisten, was seine edlen Gründer und Leiter zu leisten wünschten. Der von Herrn M. Leinkauf als Obmann der IV. Section (Finanzwesen) erstattete, von sorgfältiger und gewissenhafter Arbeit zeugende Bericht enthält folgendes Resumö: „Das Deficit des Jahres 1895 belief sich auf fl. 56.032,75%. Das Präliminare pro 1896 stellte ein solches von fl. 83.377 in Aussicht und das Vermögen der Gemeinde betrug buchhalterisch nur fl. 40.076'92%, in welchem ca. fl. 15.000 nicht realisirbare Darlehen an verschiedene jüdische Vereine als Activa enthalten waren." und schließt mit folgenden Worten: „Ob dies (das Gerechtwerden allen Verpflichtungen) bis zum Schluffe des Jahres 1896 aus den laufenden Einnahmen möglich sein wird, kann selbst jetzt mit Sicherheit noch nicht zugesagt werden, aber in dem günstigsten, kaum wahrscheinlichen Falle, daß der neugewählte Vorstand die Geschäfte der Gemeinde nicht mit einer schwebenden Schuld belastet übernehmen sollte, wird Lies doch gänzlich ohne bewegliches Vermögen geschehen, und nur eine ausgiebige Erhöhung der Cultussteuern dürste ihm die Möglichkeit bieten, die Zinsen und Amortisationsraten der Hypothekaranlehen pünktlich zu bezahlen und den culturellen und Humanitären Obliegenheiten gerecht zu werden, deren Erfüllung das Gesetz und die jüdische Tradition jeder jüdischen Gemeindevorstehung zur Aufgabe machen. Zum Schlüsse sei noch dem sorgfältigen und übersichtlichen Berichte gedacht, den Herr Dr. Alfred Stern als Obmann der Administrations-Commission erstattet. In erster Linie beschäftigte dieselbe das neue Statut der Wiener Cultusgemeinde, über das sie in 73 Sitzungen Berathungen hielt. Neben den laufenden Angelegenheiten waren es vornehmlich die beklagenswerthen Verhältnisse unserer Glaubensgenossen und deren Behinderung bei der Ausübung politischer und bürgerlicher Rechte, welche — im Aufträge des Cultus-Vorstandes — die Administrativ- Commission unaufhörlich beschäftigen. Eingaben an die Behörden, corporatives oder persönliches Einschreiten bei den Ministern und anderen maßgebenden Personen, Verfassung von Denkschriften und Vorstellungen haben zu eifriger Thätigkeit und auch zu einzelnen Erfolgen geführt, wenngleich letztere in' den wenigsten Fällen zur allgemeinen Kenntniß gelangten. Ausgangspunkt dieser Thätigkeit war das Gesammtgebiet der antisemitischen Ausschreitungen in der Presse, in Vereinen und Versammlungen, in öffentlichen Vertretungskörpern, in der Schule, in dem mehr oder weniger offen ausgesprochenen Ausschlüsse von öffentlichen Bedienstungen, in den gewerblichen Einschränkungen rc. rc. und erwähnen wir unter den anderen, leider erfolglos gebliebenen Beschwerden nur der umfassenden, mit zahlreichen Belegen instruirten Denkschrift, welche im Frühjahre 1889 den Ministern des Innern, des Cultus und Unterrichts und der Justiz persönlich überreicht wurde. Diese Richtung der Thätigkeit gehörte zu den schwierigsten Aufgaben des Cultusvorstandes, mlt Befriedigung darf aber constatirt werden, daß er hiebei durch den wieder erwachenden Gemeingeist und das wachsende Gefühl der Zusammengehörigkeit inner unseren Glaubeusgenossen mächtig gefördert und ilnterüützt wurde. Der Bericht des Friedhof-Comilks. erstattet von den Herren Wilhelm Stiaßny und Th. von Goldschmidt, gibt ein Bild der großen Agenden dieses Comites und schließt mit der folgenden Miltheilung: Das Friedhof-Coinite hat die Errichtung von Grabmälern für ausgezeichnete, um die Wiener Cultusgemeinde besonders verdiente Männer auf Kosten dieser Gemeinde beantragt, die Entwürfe zu solchen Denkmälern geprüft und die Ausführung der letzteren überwacht. Es seien diesfalls hervorgehoben: das Grabdenkmal d«s Obercautors Professor Salomon S u l z e r, gestorben am 17. Jänner 1890, das Monument des Predigers Dr. Adolf I e l l i n e k, gestorben am 28. December 1893, das Denkmal am Grabe des Schriftstellers und Secretärs der Wiener Cultusgemeinde, Dr. Ludwig August Frankl von Hochwart, gestorben am 12. Marz 1894, ferner das aus öffentlicher Sammlung geschaffene Grabdenkmal des am 23. April 1893 dahingeschiedenen Volksmannes Dr. Adolf F i s ch h o f. Wählerverfantmlung der israelitischen Cultusgemeinde. (Im großen Musikvereinssaal, Montag den 16. November 1896. Die lebhafte Wahlbewegung, welche die bevorstehenden Wahlen iir den Cultusvorstand hervorgerufen haben, manisestirte sich auch in dem überaus zahlreichen Besuche der vom Cultusvorstande für Montag, den 16. d. M. in den großen Musikvereinssaal einberufenen Wählerversammlung, an welcher weit über 1000 Personen theilnahmen. Tie Versammlung wurde von dem greisen Virepräsidenten Herrn Gustav Simon mit ausgezeichnetem Tacte geleitet, welchen in dieser Aufgabe einerseits Herr Gemeinderath Dr. Alfred Stern, anderseits Herr Seeretär Dr. Theodor Lieben unterstützten. Die Versammlung zeugte von der großen Liebe und Verehrung, deren sich Herr S i m v n bei all' unseren Glaubensgenossen erfreut. Herr Vicepräsideut Simo n eröffnete als Vorsitzender kurz nach 6 Uhr die Versammlung mit folgenden Worten: „Meine geehrten Herren! Cs gereicht mir zur besonderen Freude, Sie trotz meiner vorgerückten Jahre namens des Vorstandes hier herzlich begrüßen zu könneri. Wir sind herrte unter uns, wir können also über unsere Cultusangelegenheiten in aller Sachlichkeit berathen, und ich glaube, daß es nicht erst nothwendig ist, zu bitten, daß dies in voller Ruhe geschehe. Der Vorstand, welcher nicht aus Ihrer freien Wahl hervorgegangen, sondern sehr gegen feinen Wunsch Ihnen durch die hohe Behörde auferlegt worden ist, kommt endlich in die Lage, einem nunmehr frei zu wählenden Vorstände sein Amt zu übertragen. Darum haben wir Sie eingeladen, unsere Abfchiedswvrte entgegenzunehmen, indem wir uns bereit erklären, Ihren ettvaigen Anstagen oder Wünschen nach Aufklärung Rede zu stehen. Daß mir persönlich die Ehre des Vorsitzes beschieden ist, hat seinen Grund in dem während unserer Amtsführung erfolgten Hinscheiden des letzten Präses) Herrn Wilhelm Ritter von Guttm a n n — olow bascholaum — dessen Andenken als das eines wahren Menschenfreundes und begeisterten Juden Sie durch Aufstehen von den Sitzen ehren wollen. (Die Versammlung erhebt sich.) Indem ich Sie auf den Bericht verweise, tvelcher bereits der Post zur Zustellung übergeben ist mtb in den nächsten Tagen in Ihren Besitz gelangt, gestatte ich mir, Ihre Aufmerksamkeit auf die drei wichtigsten Momente unserer Vorstandsthätigkeit zu lenken: auf die Verfassung der neuen Statute n, auf die Finanzlage der Gemeinde, auf die A b w e h r gegnerischer Strömungen. Die Statuten sind als ein Compromiß zwischen dem Vorstande und verschiedenen Körperschaften anzusehen, in gewissen Punkten auch als ein Compromiß mit der hohen Behörde. Wir glauben, ein Statut zuwege gebracht zu haben, welches den mannigfaltigen Ansprüchen und Anschauungen thunlichst Rechnung zu tragen geeignet ist. Natürlich kommt es hiebei auf den Geist an, in dem die Bestimmungen des neuen Statutes zur Durchführung gebracht werden und auf den Gemeinsinn der Gemeindeangehörigen. Durch das neue Statut wird vor Allem die Möglichkeit geschaffen, die Gemeindefinanzen in geregelte Bahnen zurückzuführen. Die bisherigen Uebelstände ergeben sich aus dem Mißverhältnisse, in dem die alljährlich steigenden Ansprüche und Bedürfnisse zu den Einnahmen standen, welche nach den Bestim-