Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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dir. 46 Sr. VLortz's Wortzrnfchrist Seite 923 nicht möglich, das Niveau herunterzudrücken, sondern es wird immer höher. Jeder jüdische Bourgeois, jeder jüdische Kaufmann und Gewerbsmann hat diesen edlen Trieb in sich, seinen Sohn etwas lernen zu lassen, weil er weiß, daß Wissen zur Freiheit führt, ebenso wie wir wissen, daß es auch uns zur Freiheit führen wird. Nehmen Sie sich eure Statistik her, da können Sie sehen, daß an den Universitäten und in allen Zweigen, wo wir uns bethätigen, ein Mißverhältniß unserer Intelligenzen herrscht. Sie können also auch das nicht beheben und das wird, wie gesagt, immer ärger, und da wir uns mit dem Fortschritt schneller vertrant machen, wir machen zwar nicht alle Erfindungen, benützen sie aber sämmtlich eiligst — und dazu haben wir das Recht — und so geht das immer weiter, und man weiß nicht, in welcher Weise das die Erbitterung noch steigern muß. Wie verhält es sich aber weiters mit der Verhinderung des Zuflusses nicht einheimischer Intelligenzen? Da hat man theils von Seite einzelner Regierungen und theils ans der Jndenschaft heraus gewisse Abwehrmaßregeln versucht. Auf der einen Seite hat man nichts dagegen gehabt, wenn die Juden sich ans Rußland entfernt haben, man hat es ihnen sogar nahegelegt und ans der anderen Seite, wo man sie auch nicht gern sehen will, haben sich Wohlthätigkeitscomites gebildet, die die Leute möglichst rasch weit weggeschafft haben in ein anderes Land, ungefähr jo wie Jemand gesagt hat: „Schasst mir ihn aus den Angen, er zerbricht mir das Herz." Diese Leute wurden also in eine neue Diaspora hinansgestrent, weit über den Erdkreis, und ich möchte Ihnen da zwei Beispiele citiren, die auch für die Colonisirnngsfähigkeit der Inden nicht gleichgiltig sind. Das eine Beispiel liefert uns der Afrikareisende Juncker, der eines Tages in Südwestafrika vor die Agentur des Hamburger Wildthierhändlers Hagenbeck kam. Vor dem Hause spielte das kleine Kind des Agenten mit kleinen Löwen und Tigern, und der Agent hieß Kohn. Einem Berichte über die Südseeinseln habe ich Folgendes entnommen. Ungefähr in der Mitte zwischen Australien und Südamerika ist eine kleinere Inselgruppe, die Eooksgruppe. Eine dieser Inseln heißt Rarontonga. Auf dieser ist der Chef der wichtigsten Verkehrsnnternehmung, der Cooks-Trade-Company, ein Oesterreicher, Namens Kohn. Ueberall findet man also Inden, und nirgends läßt man sie zu Hause sein. Es eignet sich auch nicht jeder Ort zu ihrer Aufnahme. So muß sich die Jewish Coloiisation Association, die Erbin des Baron Hirsch, jetzt schon damit beschäftigen, daß die Resultate in Südamerika ungünstige sind. Die Juden gedeihen dort nicht, und es zeigt sich ein ganz deutlicher Antisemitismus auch schon dort. Was soll also aus den Juden werden? Tvdtschlagen kann man nicht alle und die üblen Druckerscheinungen mehren sich. Jeder Tag liefert uns Berichte und man braucht nur unsere Zeitungen gu lesen, um eine gedrängte Uebersicht der alle Wochen vorkommenden Mißhandlungen und Verfolgungen von Juden zu finden. Unter solchen Umständen hat sich uns der Gedanke aufgedrängt, ein Becken zu construireu, welches von überall her die für überflüssig angesehenen, als schädlich empfundenen Juden aufnimmt, und als dieses Becken erscheint den Colonisationsfreunden der alte historische Ort, wo das Volk der Bibel gewohnt hat, welches unsere breiten, noch nicht so gebildeten Massen noch immer sehr lieben. Man findet das ja lächerlich. In dem Lande, welches auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt, ist durch einen merkwürdigen Zufall die Wiederanpflanzung möglich. Sie wissen Alle, was jetzt am Bosporus vorgeht. Es ist das unter dem Namen „Die Lage der Türkei" bekannt. Die Lage der Türkei ist eine ziemlich schlechte. Ich war im Juni dieses Jahres dort, um mir Rechenschaft zu geben, über alle diese Verhältnisse und ich habe auch Einiges feststellen können. Die Lage ist eine sehr schlechte, und das läßt sich für die Lösung der Judenfrage gebrauchen. Sie werden erst kürzlich von Versuchen gehört und gelesen haben, die gemacht werden, um die finanzielle Lage der Türkei zu saniren. Die finanzielle Lage ist nämlich thatsächlich die Wurzel all dieser Zustände. Die Türkei ist ein Land, welches durch Krieg groß geworden ist, sich durch Kriege erhalten hat und im jetzigen kostspieligen bewaffneten Frieden zu Grunde geht. Als die Zeit kam, die wir vorhin als eine Geschichtsscheide erkannt haben, die Zeit der modernen Erfindungen, vermochte dieser Staat nicht, sich anzupasseu und theilzunehmen, und so ist er allmählich heruntergekommen. Die Landescultur in der Türkei ist eine betrübende. Wenn Sie über die bulgarische Grenze hinauskommen, sind Sie plötzlich in der Wildniß. Bulgarien ist noch cultrvirt, die Türkei nicht mehr. Dieser Staat kann unseren jetzigen Frieden nicht vertragen, denn der erfordert sehr viel Geld, das Land aber verarmt immer mehr und mehr. Die Folgen zeigen sich auch in der Verwaltung, die nicht recht functionirt.Dies führt zu Corruption, diese zu Revolten, zu Massaeres und diese zu — diplomatischen Noten. Die Finanzen der Türkei in die Hand zu nehmen, ist nur möglich mit Hilfe der jüdifchen Hochbank. Ich meine, daß diese diplomatisch finanzielle Action für die Colonisation und somit für die Lösung der Judenfrage nachtheilig ist, und ich hoffe, daß sich die jüdische Hochbank dazu nicht hergeben wird. Freilich ist ein Wunsch, der hier in solcher Weise ausgesprochen wird, noch nicht sehr kräftig, aber ich bitte Sie, zu glauben, daß wir unsere Wünsche bereits an verschiedenen Punkten und in verschiedenen Städten und Ländern vorzubringen in der Lage sind, und es wird vielleicht nicht ganz wirkungslos sein, wenn wir die großen jüdischen Financiers darauf aufmerksam machen. Die Gefahr, daß diese finanzielle Intervention jetzt gleich erfolgen werde, ist übrigens darum nicht sehr groß, weil der Sultan einen rechten Widerwillen dagegen hat, daß sich fremde Leute in seine Steuern einmischen. Es ist also Hoffnung vorhanden, daß sich die jetzige Gestaltung der Türkei noch eine Zeit lang erhalten wird. Der Sultan kann nämlich eine Hilfe für seine Finanzen, die einzig wirksame, einzig aufrichtige, nur durch eine Verständigung mit Juden und zwar mit Inden, welche die jüdische Politik und nicht Cabinetspolitik in irgend einem Aufträge betreiben, erzielen. Ich will Ihnen das gleich erläutern. Die Colonisation im großen Maßstabe, die wir für wünschenswert^ halten, kann nur gedacht werden als eine, die unter ihrem Selbstschutze steht und ihre Autonomie hat, sonst verpflanzen wir neue Armenier irgendwohin. Die Erlaubniß der Masseneinwanverung wäre nun ein großes Zugeständniß von Seite der türkischen Regierung, für das man ihr wieder Zugeständnisse machen müßte. Das kann ungefähr in folgender Weise gemacht werden. Es wird für die Erlaubniß der Einwanderung von Juden in Palästina in dem großen Maßstabe, wie es nothwendig ist, eine Anleihe geboten. Diese Anleihe basirt auf dem Tribut, welchen die Juden zu zahlen haben. Dafür gibt es in der Geschichte eine Menge von Beispielen, das ist also nichts Ungewöhnliches. Der Tribut wäre für die ersten Jahre von 100.000 Pfurrd Sterling beginnend gedacht und würde bis zur Höhe von etwa einer Million Pfund Sterling ansteigen. Ans diesen Tribut wird dann das Anlehen gemacht. Es könnte also die Türkei ein ansteigendes Anlehen bekommen, das mit 2 Millioneil Pfund Sterling beginnt und bis gu 20 Millionen Pfund Sterling ginge. Das ist wenigstens etwas, das ernsthaft discurirt wird und nicht nur am Kaffeehaustische oder im Wirthshause, sondern von Leuten, die Einiges zu verfügen haben. Der Tribut, welcher dem Anlehen zu Grunde liegen soll, kann durch die bestehenden Colonisirungsgesellschaften garantirt werden. Es gibt namentlich einen sehr großen Fond, der dazu beinahe ausreichen würde. Immerhin wäre man dabei noch auf die Mitwirkung, wenn schon nicht auf das Geld der Hochbank angewiesen. Käme man aber nicht in der nächsten Zeit zu einer solchen Verständigung mit der Türkei, so könnten die Juden inzwischen überall einen Nationalfond für diesen Zweck sammeln. Der Fond müßte selbstverständlich überall in der Verwahrung derjenigen bleiben, die ihn gesammelt haben. Auch bedingte Subscriplionen würden genügen. Ich wollte Ihnen damit nur einen Entwurf mittheilen, wie die Colonisation Palästinas in großem Maßstabe durchgesührt werden kann. Was dieses Land, das ungefähr so groß ist wie Belgien! und ein kaltes, gemäßigtes und ein warmes Klima hat, dessen? Seeküste das Klima und die Früchte des südlichen Italien und j Sieiliens ausweist — was dieses Land dann weiter zn seiner j Entwicklung braucht und wie das gemacht werden kann, darüber will ich mich nicht in Einzelheiten verlieren. Es wird, wenn der ' Gedanke der Colonisation Palästinas so allgemein werden wird