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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 922 Vr. Vloch's Wochenfchrifl. Nr. 46 ganz veränderten Bedingungen leben, und wenn wir auch durch . Beschränktheit und Grausamkeit, die zum ewigen Bestände der menschlichen Natur zu gehören scheinen, immer wieder irr frühere Epochen zurückgeworfen werden, so geht doch nebenher eine andere und thatsächliche Entwicklung, die das heilt, was die andere verschuldet. Ich habe im Jahre 1885 in Brüssel einen sehr merkwürdigen Festzug gesehen, es war etwas ganz Ungewöhnliches und zum Nachdenken Stimmendes; das war der Festzug aus Anlaß des 50jährigen Jubiläums der Eisenbahnen. Ich erinnere mich, daß die ältesten Beförderungsmittel in diesem Zuge vorübergesührt worden sind, von dem ersten Wagen an, dessen Räder noch volle Scheiben waren. Wagen, auf denen die nomadischen Völker Europas gewohnt haben — und auch heute noch haben Seiltänzer solche Wagenburgen — dann die allmählich entwickelteren, bis hinauf zu den feinen Wagen und Verkehrsmitteln neuerer Zeit. Dabei wird es Sie vielleicht interessiren, daß die Fürsten der merovingischen Zeit noch aus Karren gefahren sind, die von Rindern gezogen wurden. Karl der Große ist auf einem Karren, der mit vier Ochsen bespannt war, durch seine Länder gefahren. Im 12. Jahrhundert erst wurde das Pferd vor den Wagen vorgespannt, im 13. bekam er 4 Räder und wurde in den Ländern Europas eingeführt, in denen die durchbrochenen Scheiben des Rades, die geschlossene Kutsche mit ihren unterlaufenden Rädern lauter große Thaten waren. Die erste Eisenbahn, der erste Waggon war noch etwas Betrübendes an Unbequemlichkeit, und wenn Sie heute einen Luxuszug oder einen Hoszug sehen, so erkennen Sie sofort den weiten Abstand zwischen einer Reise Karls des Großen damals und des Czaren heutzutage. Zur Zeit der Judenverfolgung am Rhein begann mau in Oberitalien Wechsel auszustellen, die das Münzgeschäft sehr erleichterten und die vitkerentiL loei ausglichen. Die Actie, die in den oberitalischen Städten auch im 14. Jahrhundert aufgekommen ist, war noch sehr rudimentär. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als die großen überseeischen Compagnien entstanden, wurde sie bis zum Inhaber-Papier verfeinert. Alle diese Elemente nun sind heute wichtige Bestände unseres Lebens und unserer Cultur, und das alles ist noch gar nichts. In den Dreißiger-Jahren unseres Jahrhunderts hat eine neue Zeit begonnen. Alles andere,-Kriege, Friedensschlüsse, fürstliche Heiraten und womit man uns sonst noch in den Geschichtsbüchern belästigt, ist gleichgiltig gegenüber diesen großen Wasserscheiden der Geschichte. Wenn Sie sich denken, daß wir heute sehr ungeduldig sind, weil wir von dem Ausgange der Wahl Mac Kinley's oder Bryan's nicht gleich am selben Tage Genaues wissen und daß wir Großväter gehabt haben, die es sich nicht vorstellen konnten, daß man eine Nachricht schneller bekommen kann als der Wagen fährt — abgesehen von dem unbeholfenen optischen Telegraphen — so werden Sie erkennen, welche ungeheuere Veränderung im Weltall vor sich gegangen. Es ist ja nicht nur eine Bummlerneugierde, wenn wir wissen wollen, was drüben in Amerika vor sich geht. Es hängt davon ungeheuer viel ab, es können die furchtbarsten Krisen ausbrechen, und. ie wissen, daß ganz Europa mit einigem Bangen hinübergesehen hat nach dem Ausgange der Wahl. Wenn nun aus dieser Veränderung des Weltbildes, aus der Erleichterung des Verkehrs der Schluß gezogen werden muß, daß Leiden, die aus der Enge der Verhältnisse früherer Zeiten entsprungen sind, nicht mehr zeitgemäß sind, so werden Sie einigermaßen disponirt sein für das, was ich Ihnen jetzt vortragen will. Wir können heute sagen, daß die Erde wirklich für Alle Raum hat. Sie alle kennen die Abbildungen von Städten aus dem 12., 13. und 14. Jahrhundert, wie klein diese sind, und wir begreifen es beinahe, daß eine engherzige u d nicht sehr regsame Bevölkerung ein wirthfchastliches Element, das sich rührig zeigt, haßt und drangsalirt. Aber das alles hat ja heute keinen Sinn mehr. Es muß nicht sein. Der Antisemitismus ist ein Anachronismus nicht in dem Sinne, wie man es zu sagen Pflegt: „Hundert Jahre nach Lessing!" u. s. w. Jawohl, hundert Jahre nach Lessing gibt es noch Leute genug, die bornirt und jeder edleren Regung unfähig sind — und Solche wird es immer geben. Aber es ist dennoch nicht mehr nothwendig, unter dem Antisemitismus zu leiden. Allerdings dauert es einige Zeit, bis man zu diesem Schluffe vordringt, und nicht nur wir, die wir schließlich alle gedrückte Leute waren und sind, denen es gar nicht gestattet ist, größere Träume zu träumen, sondern auch die professionellen Politiker haben die Consequenzen aus den Verkehrswundern sehr spät gezogen. Was ist nun die Consequeuz der Berkehrsmittelentwicklung? Die Colonialpolitik. Und wir sehen, daß in den Staaten, die au ihre Zukunft denken — in allen geschieht es ja nicht — Colonialpolitik getrieben wird. Wir sehen, wie der dunkle Erdtheil erforscht und durchquert wird, wie man von ihm Besitz ergreift, sich mu jedes Stück Land rauft, weil die Leute, welche die Geschicke von Menschen zu dirigiren haben, wissen, was Land ist, und für die kommenden Zeiten Vorsorgen. Im künftigen Jahrhundert nun wird man sich nach einem anderen Erdtheil wenden, die Politik des künftigen Jahrhunderts ist eine asiatische seit dein chinesisch-japanischen Kriege und seit der gedankenvollen Anleihe, die sich daran geknüpft hat und der wir den provisorischen Frieden verdanken, in dem wir leben. Wenn nun diese Wendung nach Asien in der Colonialpolitik sich fühlbar gemacht hat, so ist es nicht unvernünftig, wenn auch wir, gedrängt durch die tägliche Wahrnehmung, die täglich ärger wird, an eine Colvuialpvlitik denken. Diese ist nicht von neuem Datum und ich bin weit entfernt, da irgend etwas für mich in Anspruch nehmen zu wollen, ich bin hiezu erst gestoßen worden durch glückliche und merkwürdige Resultate, die bereits erzielt waren. Diese Politik existirt bei uns schon lange. Sie wurde in den Bierziger-Jahren begonnen von Sir Moses Montefiore, der mit dem Vicekönig von Egypten unterhandelt hat, um für die Juden ein Territorium zu bekommen. Sie haben gehört, in welcher Weise das später weiter fortgepflegt und von Hirsch und Edmund Rothschild wieder ausgenommen wurde. Die verschiedeneu Colonisationsversuche, die einzelne Vereine, und zwar in allen Ländern der Erde, unternahmen, beweisen zunächst, daß diese Colonisativnsbewegung spontan überall aufgegangen ist, als ein nothwendiger, vorschauender, Vvrbauender, vorsorgender Gedanke für den Fall einer Entwicklung, die hoffentlich nicht so arg sein wird, wie manche Pessimisten sich es vorstellen. Jedenfalls ist er ganz vernünftig und verdient wirklich nicht die Schmähungen, denen er ausgesetzt ist, ein Gedanke, der sich vertheidigen läßt, wenn Sie sich die Zustände vergegenwärtigen, die wir gegenwärtig haben, wenn Sie sehen, welchen Charakter der Antisemitismus hat, dessen wir uns erfreuen. Dieser Antisemitismus ist ganz verschieden von allen Formen des Judenhasses, die wir in der Geschichte kennen gelernt haben und muß verschieden sein, weil er hinter einer vollständigen Emaucipation auftritt. Die Colonisationsbewegung ist keineswegs, wie Manche, die päpstlicher sind als der Papst, behauptet haben, eine unpatriotische, denn sie will ja nur dort eine Erleichterung schaffen, wo Druckerscheinungen wahrzunehmen sind. Dieser jetzige Antisemitismus hat, wie ich schon wiederholt ausgesührt habe, aber denjenigen wiederhole, die es noch nicht hörten, zwei Gründe. Der erste Grund ist der, daß es uns in der langen Dauer der Verfolgungen unmöglich geworden ist, spurlos resorbirt 511 werden. Wir bleiben wahrnehmbar, wir sind eine Gruppe, eine historische Gruppe von Menschen, die erkennbar znsammengehört und einen gemeinsamen Feind hat, das scheint mir die ausreichende Definition für die Nation zu sein. Ich verlange von der Nation nicht eine Gleich sprachigkeit, oder vollkommen gemeinsame Merkmale der Race. Diese ganz ruhige Definition genügt für die Nation. Wir sind eine erkennbar zusammengehorende historische Gruppe von Menschen, die durch den gemeinsamen Feind zusammengehalten werden. Das sind wir, ob wir es leugnen oder nicht, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es wollen oder nicht. Der andere Grund des Antisemitismus ist der, daß wir zu viel Intelligenzen produciren und dieses Uebel jährlich, ja täglich ärger wird. Sie müßten denn die großen Reservoirs, aus denen unsere Kräfte nachströmen, vollkommen verschließen, wie man es versucht hat, oder ableiten. Nun ist unsere Ueberproductiork an Intelligenzen eine einheimische und eine von Außen zuströmende. Wie wollen Sie schon mit der einheimischen fertig werden? Um dem Antisemitismus den Boden zu entziehen, müssen Sie ihm doch die Gründe entziehen, und glauben Sie ja nicht, daß Sie durch philosophische Erwägungen, durch eiueu Appell an die Menschlichkeit einen einzigen Antisemiten hinter dem Ofen hervorlocken werden. Dem Antisemitismus können Sie weder die historischen Gründe wegnehmen, noch auch die gegenwärtigen. Baron Hirsch hat gemeint, dus geistige Niveau der Juden müsse heruntergeschraubt werden. Er hat es gut gemeint, aber er hat nicht richtig raisonnirt, denn die Entwicklung zeigt, daß es immer hinaufgeht. Es ist einfach

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