Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 924 Dr. Block s Wochenlchrill Nr. 46 wie er es verdient, an großen und wichtigen Aufgaben nicht fehlen. Daß ein solcher Fond zu sammeln ist, wird jedem Juden einleuchten. Nicht nur denen, die, wie beispielsweise gewisse russische Zionisten, das Land, das sie kaufen wollen, unter sich auslosen und also darin eine Art von Lotterie construiren. Es wird auch denjenigen einleuchten, die keine Auswanderungsgedanken haben, weil sie erkennen werden, welche Sicherung ihrer Existenz darin liegt, wenn es gelingt, die Massen von russischen und rumänischen Juden dort anzusiedeln. Zur Leitung der verschiedenen wirthschaftlichen und technischen Ausgaben würde eine Jugend verwendbar werden, der jetzt in vielen Ländern das Vorwärtskommen schon sehr erschwert ist. Es würde dadurch eine große Erleichterung bewerkstelligt werden, die sich überall bemerkbar machen müßte, und zwar bis zu dem Grade, wo man auch bemerkt, daß die Juden nicht mehr in genügender Anzahl vorhanden sind. Es würde zum Schwinden und zum Zusammenbruche des Antisemitismus führen. Das, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe, mit leider unzulänglichen Mitteln der Rede, das mag etwas Ideales, allzu Ideales sein, obwohl ich Ihnen viele praktische Dinge gesagt habe, die in's Leben hinausgreifeu. Aber selbst wenn es etwas Ideales ist, so wird man es vielleicht mit Geuugthuung begrüßen können. Dieses Ideal ist freilich aus uns herausgestampft worden, aber es ist da und es hat uns wieder zurückgesührt dorthin, von wo wir uns haben wegschwemmen, haben auslaugen lassen. Ich meine das Milieu unseres Geistes und unseres Charakters, in welchem so viele Generationen vor uns sich erhalten haben. Und wenn sic sich unter so schweren Bedingungen erhalten haben, so müssen sie sehr viel guten Charakter gehabt haben und thatsächlich ist die ganze Geschichte der Judenverfolgungen ein für uns ruhmvolles Capitel in der Geschichte der Menschheit. Die Grausamkeiten des Mittelalters waren etwas Unerhörtes, und die Menschen, die der Folter widerstanden, müssen in sich etwas sehr Starkes gehabt haben, eine innerliche Einheit, die uns abhanden gekommen ist. Eine Generation, die vom Judenthnm abseits ausgewachsen ist, hat diese Einheit nicht und kann ebensowenig mit unserer Vergangenheit rechnen, als in die Zukunft blicken. Darum wollen wir uns wieder in das Judenthum zurückziehen und uns aus dieser Burg nicht mehr werfen lassen. Man mag diesen Volksgedanken, der da ist, wegzulächeln versuchen, aber er ist da. Ihn wollen wir Hochhalten und hochflattern lassen. Und nachdem wir dieses Bekenntniß abgelegt haben, nachdem wir gesagt haben, daß wir Juden sind, dann erst wollen wir an der Misere Anderer theilnehmen. Uns ist nichts Menschliches fremd. Auch wir wollen an der Besserung der allgemeinen Zustände Mitarbeiten, aber als Juden, nicht als unbestimmte Menschen, und was wir dann als Juden thun, das wird uns auch zur Ehre gereichen. Man wird uns achten lernen, wenn wir auch ein Ideal haben wie andere Völker. Manche glauben wohl, das sei eine uralte Schrulle, die auch wir jetzt mitmachen. Das ist aber etwas ganz Modernes, so modern wie unsere Leiden und Schicksale vom Tage. Wir haben immer etwas zu erleiden gehabt und haben aus gehalten und jetzt stehen wir doch in einer anderen, in einer aufgeklärten Zeit, wo die Standhaftigkeit leichter ist. Man soll nicht mit einem billigen Witze sagen, daß wir im Sinne der Antisemiten sprechen. Das ist falsch! Es schwärmen ganz ernste und durchaus nicht judenfeindliche Christen für diese Idee. So wie in der Griechenzeit die Aufrichtung Griechenlands der Menschheit gefallen hat, so wird ein Schrei der Bewunderung durch die Welt gehen, wenn diese getretenen Juden sich unter den Beschimpfungen so hoch auftichten. Und darum glaube ich, daß wir in einer solchen Zeit, ob uns auch manche einzelne Ansicht trennt, ob der Eine sein Ideal etwas weiter vorwärts oder ostwärts setzt als der Andere, daß wir uns einander nähern und fest Zusammenhalten sollen, weil man uns auch in Bausch und Bogen bekämpft. Ich weiß es nicht, ob wir noch in dieser Generation die Befreiung aus Schimpf und Elend erleben werden. Möglich ist es, vorausgesetzt, daß wir klug und entschlossen sind. Aber das weiß ich, daß schon das Wandern auf diesem Wege uns zu anderen Menschen machen wird. Wir gewinnen unsere verlorene innerliche Einheit wieder und mit dieser ein bischen Charakter, und zwar unseren eigenen Charakter. Keinen marranischen, erborgten, unwahren, sondern unseren eigenen. Und dann erst wollen wir mit allen anderen rechtschaffenen Menschen wetteifern in Gerechtigkeit, Nächstenliebe und hohem Freisinn, wollen uns auf allen Feldern der Ehre bethätigen, in Kunst und Wissenschaft es vorwärts zu bringen trachten, damit ein Glanz von unseren Thaten auf die Aermsten unseres Volkes zurücksatte. So verstehe ich das Judenthum. Aus dem Bne-Berith. N e w - A o r k, 15. October. Julius Bien, der Präsident des Ordens B'n a i B r i t h seit Juli 1868, feierte am 27. September die Vollendung seines 70. Lebensjahres im Kreise seiner Familie, seiner Lebensgefährtin, seiner Kinder und Enkel, und beglückwünscht von vielen zahlreichen Freunden, welche ihre persönliche Aufwartung machten. Aus allen Theilen des Landes, wo Logen des Ordens sich befinden, von vielen, vielen Brüdern, welche den Ordensobern lieben und schätzen gelernt haben, trafen Depeschen und Glückwunschadressen in Masse ein, so von Berlin, Frankfurt, Prag, Wien, Breslau, Hamburg, Bukarest, Jerusalem, Cairo und anderen Orten. Herr Bien kam nach Amerika im Jahre 1849, nachdem er in Deutschland eine vorzügliche Erziehung genossen und als Künstler sich ausgebildet hatte. In Frankfurt wurde er mit der erst in der Entwicklung begriffenen Kunst des Steindrucks bekannt, errichtete kurz nach seiner Ankunft eine lithographische Druckerei, so daß er, obschon er blos mit einer einzigen Handprcsse zu arbeiten im Stande war, schon im Jahre 1853 ein bedeutendes Werk über amerikanische Locomotive und Eisenbahnen, verfaßt von Zerah Colburn und Alexander L. Holley, herauszugeben vermochte. Seit dieser Zeit wurde die von ihm geleitete Kunstanstalt eine der bedeutendsten in der Herstellung von Landkarten, und gingen aus seinem Verlage, nach Tausenden zählend, die gediegensten karthographischen Leistungen unter den Anspicien der amerikanischen Bundesregierung, der verschiedenen nord- und südamerikanischen Regierungen herausgegebene Kartenwerke hervor, und stellte sogar der berühmte Kartograph Julius Perthes der Bien'schen Anstalt das Zeugniß der größten Vortrefslichkeit in der Herstellung geographischer Blätter aus. Schon im Jahre 1850 trat er dem Orden bei, veranlaßt von den geistig hoch veranlagten Männern Henry Jones, welcher als der eigentliche Stifter des Ordens gilt, Baruch Rothschild, Wilhelm Renau, Dr. L. Merzbacher, dem ersten Prediger der Tempel Emanuel Gemeinde und anderen gleichstrebenden Geistern, wie zum Beispiel dem im 90. Lebensjahre stehenden Dr. G. M. Friedlein, Dr. S. Waterman, und schon wenige Jahre darauf wurde er zum ersten Beamten der Districts-Großloge gewählt, welches Amt er während dreier Jahre verwaltete, um dann als Präsident der Centralbehörde gewählt zu werden, in welchem Amte er ebenfalls bis zum Jahre 1859 verblieb. Die nächsten zehn Jahre waren eine Periode des Stillstandes, theils durch die Verwirrung des Bürgerkrieges hervorgebracht, theils dem Umstande zuzuschrciben, daß die Elemente, aus welchen der Orden sich zusammensetzte, die entgegengesetztesten Ansichten und Gewohnheiten repräsentirte und es an einem leitenden Geiste fehlte, welcher die nöthige Klugheit, den besonnenen Fernblick und das Organisationstalent besaß, diese heterogenen Theile in ein Ganzes zu verbinden. Es bedurfte eines Bien, er trat wieder in den Vordergrund, und seiner erster Schritt war, eine constituirmde Versammlung einzuberufen, an welcher eine jede Loge durch einen von den Mitgliedern in geheimer Abstimmung gewählten Delegaten vertreten sein sollte, und diese Versammlung wurde in hiesiger Stadt im Juli 1868 abgehalten. Zum Vorsitzenden wurde der rühmlichst bekannte Rechtsgelehrte Adolph Moses ans Chicago gewählt und Moritz Ellinger zum Schrrftführer. Eine Constitution, fast vollständig von Julius Bien ausgearbeitet, kam zur Berathung und wurde schließlich angenommen. Julius Bien wurde als der erste Präsident gewählt, und in einem jeden in Zwischenräumen von fünf Jahren stüttgehabten Generalconvente wurde er einstimmig wiedcrgewählt. Unter seinem Regime wurden dem Orden zwei neue Großlogen in Amerika zugefügt und drei Großlogen in Europa. Von beiläufig 80 oder 90 Logen ist der Orden auf nahezu 500 Logen gewachsen; Waisenhäuser, Krankenasyle und Altenheime wurden errichtet, Handwerkerschulen, Anstalten für die Erziehung von Pflegerinnen, und durch Vorträge und Bibliotheken wurde der Geist der Bildung und des geistigen Strebens großgezogen. Durch sein rastloses und liebevolles Wirken hat Julius Bien sich tief in die Herzen seiner Mitmenschen eingenistet und gerade sein bescheidenes Wirken, fern von aller Ostentation, hat ihn Allen so werth gemacht. Er war es zum Beispiel, welcher als einer der Directoren des Waisenhauses vor Jahren darauf drang, eine Industrieschule mit der Anstalt zu verbinden, was auch durchgeführt wurde, um später ebenfalls durch seine Anregung und Anleitung in das jetzige jüdischtechnische Institut umgewandelt zu werden. Die officielle Feier des Bien'schen 70jährigen Geburtstages wird etwas später stattfinden, da die Sommerferien nicht gestatteten, die nöthigen Vorbereitungen zu machen. Indessen sprachen schon Delegationen der Großloge, des Vereins der Er-Präsidenten der Großloge, von verschiedenen Logen vor und brachten ihre Glückwünsche dar. Die europäischen Mitglieder des Executivcomitßs, die Herren Eugen Rosenstiel in Berlin, Herr Adalbert Stall in Prag, Dr. Adolph Stern in Bukarest, sandten dem Herrn Ellinger ihre Bilder in künstlerischer Ausführung und mit herrlicher Widmung, in reichem Goldrahmen, behufs Ueberreichung an den Jubilar nebst poetischer Widmung, was auch geschah. Herausgeber u. verantw. Redacteur: Tr. Josef 8. Bloch. Druck — v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., Lerchenfelderstr. 46.