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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 46 Ar. Vlortz's VortzensArrM Seile 921 Iudenthum. Rede des Dr. Theodor Herzl, gehalten in der „Oesterreichisch- Jsraelitischen Union" am 7. tllovember 1806. Der Präsiden!, Herr Cultusvorsteher, Universitätsdoceni Dr. Josef Grünfeld eröffnete die Plenarverscimmlung, begrüßte in herzlichen Worten die zahlreich erschienenen Gäste, insbesondere die Cultusvorsteher und Gemeinderäthe der Stadt Wien, und ertheilte das Wort Herrn Dr. Theodor Herll, welcher nachstehenden Vortrag hielt: Einige von Ihnen werden gehört haben, daß ich den jüdischen Staat gründen will, nnd Sie sind hierhergekommen, um sich den komischen Kauz anzusehen, der eine solche, immerhin ungewöhnliche Unternehnmng vorhat, die wenigstens schon lange nicht da war. Andere werden von einer wunderlichen Idee gehört haben, die man den „Zionismus" nennt und die auch eine recht cnriose Geschichte sein soll. Genaues weiß man darüber freilich noch nicht. Es heißt nur, daß alle Juden plötzlich ihr Ranzel schnüren, die Länder, in denen sie wohnen verlassen und sich aufmachen sollen irgend wohin, nach einer neuen Gegend, um sich dort anzusiedeln. In dieser Weise wenigsteris hat mir ein ziemlich bekanntes Mitglied der hiesigen Gemeinde seine Auffassung der Sache im vorigen Jahre mitgetheilt. Er höre, sagte er, ich wolle die Juden irgendwohin führen, wo noch keine Menschen gewesen sind. Nun, meine Damen und Herren, eine so boshafte Schädigung unserer Antiseiniten liegt durchaus nicht in den Absichten der Zionisten. Denken Sie sich das Jndeugeschrei aus dem öffentlichen Leben weg, und was bleibt noch übrig °? Ich habe also vor, Ihnen zu erklären, was es eigentlich mit diesem phantastischen, verleumdeten nnd mißverstandenen Zionismus für eine Bewandlniß hat. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Ihnen gar nicht sagen werde, i ch sei ein Zionist. Nein, S i e Alle sind es. Ich werde Sie auch sehr überraschen, indem ich Ihnen gar nichts Neues erzähle, sondern nur Dinge, die Sie kennen. Ich will Ihnen nur das zeigen, was Sie von jeher zu sehen gewohnt waren. Allerdings werde ich gewisse Schlüsse ziehen, die nicht ganz hergebracht find, und zu diesem Zwecke müssen Sie nur erlauben, einen ganz kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Judenthums, das ich als eine Nation auffasse, zu wersen. Sie wissen, daß unsere Geschichte, die Diasporageschichte, im Jahre 70 nach Ehr. Geb. begonnen hat. Der Titusfeldzug, den Mommsen als die Ursache der Verbreitung des Christenthnins bezeichnet und der mit unserer Fortführung in die Kriegssclaverei geendet hat, das ist der eigentliche Beginn der Judengeschichte, die uns näher angeht, weil wir noch heute unter den Consequenzen der damaligen^ Ereignisse leiden. Es ist das etwas, was wir uns als Menschen von heute kaum vorstellen können. Wir wissen auch, daß es Kriege gibt und daß sie darauf ausgehen, die gegnerische Macht bis zur Wehrlosigkeit niederzuwerfen. Aber daß über den Krieg hinaus den Einzelnen so schwere Consequenzen treffen sollen, wie das in den früheren Zeiten der Fall war, ist uns unfaßbar. Und die Kriegssclaverei hat nicht nur die Mitlebenden _ von damals, nicht nur die an den Kriegsursachen Mitschuldigen, sondern sie hat 60 Generationen getroffen. Seit 60 Generationen wirkt diese Fortführung in die Kriegsgefangenschaft fort, eine Thatsache, die uns zwar fremdartig berührt, die aber doch in unseren Zuständen fortwirkt. Ich überspringe viele Entwicklungsstadien, wie wir in die römischen Colonien eingedrungen sind, wie wir um das Mittelmeerbecken herum zogen und bis nach jener Ultima Thule kamen, die den Römern der fernste Ort war. Die Juden möchte ich nur in einem einzigen sehr wichtigen Stadium ihrer Geschichte dort, wo sie sich ein neues Vaterland geschaffen haben, das dritte, wie der Geschichtsschreiber Graetz sagt, im Spanien des Mittelalters, aufsuchen. In Spanien, sowohl im maurischen wie im christlichen, ist es den Juden abwechselnd gut nnd schlecht gegangen wie überall. Sie wissen, nnd ich möchte im Hinblicke auf das, was ich später begründen werde, darauf Hinweisen, welche typische Reihenfolge in unserem Schicksale überall wahrzunehmen ist, wo wir hinkommen. Wir wandern ein und kommen dorthin, wo der Judenschreck, die Angst vor den Juden oder vielmehr der Haß noch nicht besteht. Wir siedeln uns dort an, accommodiren uns, assimiliren uns, versuchen Wurzel zu schlagen, und da wir nüchtern, sparsam, fleißig sind und die Arbeit nicht so scheuen, wie die Legende behauptet, fangen wir an, selbst unter den härtesten Bedingungen zu gedeihen. Wir bringen es vorwärts in Handel und Verkehr, wir streben nach Bethätigung auf Feldern der Ehre, wir pflegen Künste und Wissenschaften, nnd wir werden — unangenehm bemerkt. Plötzlich besinnt sich die Majorität darauf, daß wir anders sind, daß wir eine Minorität sind, und der Antisemitismus, der schon verschiedene Formen und Namen gehabt hat und im Grunde genommen immer dasselbe ist, entsteht. Wenn es die Bedingungen des öffentlichen Lebens erlauben, wird geplündert, gebrandschatzt, tvdtgeschlagen und die Inden werden, um Ruhe zu schaffen, endlich von der Autorität gebeten, weiterzuziehen. Ties war geradezu classisch in dem Lande Spanien, wo die Juden sehr große Rollen spielten. Tenn immer kurz vor den Verfolgungen war ein Höhepunkr der Blüthe und des Wohlstandes. So ist an verschiedenen Höfen immer die Gestalt großer Juden sichtbar gewesen, die natürlicherweise Unwillen erregt haben, und wenn es möglich umi\ ihnen irgend etwas in die Schuhe zn schieben, so ist es geschehen. Wenn z. B. der Herrscher Don Pedro Grausamkeiten beging, so war daran sein Günstling Don Samuel Albulafia schuld. In diesem Spanien nun nmßte in einer sehr merkwürdigen Zeit, nachdem die Mauren verjagt worden waren, das Land auch „judenrein" gemacht werden. Das geschah in zwei Abtheilungen. Zuerst hat man die wirklichen, aufrechten Juden verfolgt und vertrieben, während sich eine Anzahl von, sagen wir Religions- Politikern dem anderen Glauben accommvdirte und als „Marranen" weiter existirte. Diese Marranen jedoch sind späterhin der Verfolgung auch nicht entgangen und ebenfalls hiuausgeworfen worden. In dieser Geschichte, welche die typische ist, interessirt mich besonders die Zeit, in der sie sich abgespielt hat. Das war nämlich in demselben Jahre, in welchen! Christoph C o l u m bus hinauszog mit seinen Caravellen, um das neue Land zu entdecken, ein Ereigniß, das so wunderbare Folgen für die Entwicklung der Menschheit gehabt hat. In demselben Jahre,^ in welchem eine neue Epoche für die Menschheit begann, mußten die Juden plötzlich, heimatlos, besitzlos, hinauswandern in Exile, die für sie voll von Schrecken waren. In diesem 15. Jahrhundert, in welchem schon die Renaissance, die wir so sehr bewundern und lieben, zu spielen begann, hatte noch ein anderer Mann gelebt, der auf die Entwicklung der Menschheit ungeheuren Einfluß nahm : G u t e n b e r g! Nun möchte ich mir erlauben, eine ziemlich willkürliche Antithese aus diesen beiden Namen zu machen und den Jrrthum, den die Juden seit dem Beginne der neuen Zeit begangen haben, an diesen beiden Namen demonstriren. Für die Juden gibt es nämlich eine Hilfe, eine Befreiung aus dem Drucke, aus der Beschimpfung mit allen ihren Folgen; entweder, wie die Einen behaupten, durch das Wort, d. h. durch die Aufklärung der Geister, durch das Hinausführen zu höheren Stufen der Bildung und Gesittung, oder, wie Andere meinen, durch die That. Das Wort ist der Weg, auf den wir durch die Erfindung Gutenbergs geriethen. Die That ist der Weg des Columbus, welcher für Zustände, die nicht hinwegraisonnirt ^werden können, nicht das Raisonnement, sondern eine wirkliche That anwenden will. Wohin es uns geführt hat, daß wir als die Diener des Volksaufklärungsgedankens umherzogen, noch lange vor dein Aufklärungszeitalter, noch bevor die französischen Philosophen in ihren Schriften diese Revolution herbeiführten, die dann später auf der Gasse nur illustrirt wurde — wie Jules ^Guesde einmal sagte — wohin es uns geführt hat, das wissen Sie. Was wir für die Aufklärung nothgedrungen gethan haben, weil wir für die Aufklärung des Menschengeschlechtes sorgen müssen in unserem eigenen Interesse, und manche meinen ja, daß darin die historische Mission des Judenthums bestehe, das ist Ihnen allen wohl bekannt. Sie wissen auch, in welche philosophische Spitzen die Bemühung Mendelssohn's ausgelaufen ist und Sie wissen auch, wie es nach dem Aufklärungszeitalter allmählich wieder bergab mit uns gegangen ist. Wir haben in dieser Bewegung immer nur sozusagen die Schweine zu hüten bekommen. Man bedient sich der Juden immer nur, solange man unterwegs ist, wenn man aber am Ziele ist, dann wird der Jude, der seine Schuldigkeit gethan hat, verabschiedet. Es gibt da ein Erwachen aus einem Traume, der auch den jüdischen Socialdemokraten noch bevorsteht. Lassen Sie mich nach diesem flüchtigen Blick aus eine einzige merkwürdige Epoche der politischen Geschichte ein Wort über die Geschichte des Verkehrs sagen. Wir vergessen oft, daß wir unter

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