Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 910 Vr VLoch s WochrnLchrifL Nr. 46 plicerr, mit denen er sich Mends in den Friedhof zu Slupce stahl, wo er die Leiche eines kurz zuvor beerdigten Kindes, Namens Schmul N ehe r, ausgrub und in ein Laken gewickelt mitnahm. Vorher hatten die Leichenschänder, um sich Courage zu machen, in einem Wirthshause gekneipt, und dorthin begaben sie sich auch nach verübter That; einer kaufte Schnaps und, betrunken, wie sie waren, fielen sie in einen Graben, in dem sie ihren Rausch ausschliefen. Als sie bei der Morgendämmerung erwachten, gingen sie nach Hause, vergaßen aber die neben ihnen liegende Leiche. Dieselbe wurde später gefunden, und ein neben ihr gefundener Stock führte auf die Spur der Thäter. Brzonkowski wurde zu zwei Monaten schweren Kerkers, seine Genossen zu vier Wochen Arrest verurtheilt. Eine Brandes-Feier in Kopenhagen. Dieser Tage beging der dänische Literarhistoriker Georg Brandes, der den Lesern der „Neuen Freien Presse" seit Jahren durch seine Beiträge für das Feuilleton wohl bekannt ist, die fünfundzwanzigjährige Jubelfeier der Eröffnung jener berühmten Vorlesungen an der Kopenhagener Universität, die eine Revolution in dem Geistesleben des skandinavischen Nordens bervorriefen und sich für dasselbe von so großer Tragweite erweisen sollten. Das Collegium, mit dem Georg Brandes seine Lehrthätigkeit begann, führte den Titel: „Hauptströmungen in der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts", und diese Vorlesungen bildeten die Grundlage des aus sechs Bände angewachsenen epochemachenden Werkes, das zuerst seinen Weltruf begründete. Vornehmlich bei den Franzosen in die Schule gegangen, nahm er seinen Ausgangspunkt von Sainte-Beuve und Taine, deren System er indeß in freierem Sinne weiter entwickelte. „Allein er hat" — wie der dänische Dichter S. Shandorph in dem hervorragendsten Organe der dänischen Freisinnigen, „Politiken", bemerkt — weit gesündere Linien und kräftigere Farben als der feine, doch zuweilen etwas schnippische Sainte-Beuve, wie er auch nicht so systematisch-schematisirend wie der große Taine ist, den man bei der wärmsten Bewunderung nicht von einem gewissen Dogmatismus freisprechen kann. Brandes hingegen brachte ebenso volles Verständniß dem mystischen Prophetenthum Friedrich Nietzsche's, als dem Positivismus Auguste Comte's und Stuart Mill's entgegen. Er wird niemals zum Dogmatiker." Georg Brandes selbst darüber interpellirt, was er der Jugend sagen würde, falls er heute, nach den gewonnenen Erfahrungen, seine erste Vorlesung zu halten hätte, erklärte, daß er keine andere Lehre, als die indirect in allen seinen Schriften ausgesprochene kenne: Die Aufforderung zur Selbstständigkeit, zum Muthe Hergebrachtem, Regeln und Umgebungen gegenüber. So groß auch sein Einfluß im Allgemeinen, er stellt sich naturgemäß dem Beobachter doch nirgends so coucentrirt dar, wie in seiner nordischen Heimat, wo, verstärkt durch persönliches Auftreten und Lehramt, seine Wirksamkeit ein geradezu blendendes Bild bietet, umso blendender, als es sich von dem dunklen Untergründe eines unglaublich wilden Hasses abhebt, mit dem die Reaction, welche damals selbst die gesummte Presse beherschte. ihn verfolgt hat und noch verfolgt. Brandes ist heute ein Erster unter den Literarhistorikern der Gegenwart; selbst ein Gegner seiner Richtung wie PH. Schweizer kann nicht umhin, zu erklären, das Jahr 1871 sei durch ihn „ein Grcnzjahr in der nordischen Literatur" geworden, und er habe „Dänemark zu einem Borlande der neuesten Literatirr-Entwicklung des Nordens" gemacht. Trotzdem ist Georg Brandes daheim noch heute ein simpler Docent, und sein Vaterland hat nie das Geringste gethan, ihm die gemeine Sorge um das tägliche Brot zu verringern. Im Großen und Ganzen hat ihm, har seinem Werke all' dies nicht zu schaden vermocht. Konnte er es nicht in der Politik — in der Literatur hat er den Bann gebrochen, mit dem Unfreiheit und Unwissenheit zur Zeit seines ersten Auftretens die Geister seiner Landsleute noch niederhielt. Er war ein Erwecker und selbst ein Stück jener mächtig ausblühenden skandinavischen Literatur, die so tief auf das moderne Kunstleben, auf das ganze Fühlen und Denken unserer Zeit eingewirkt hat. Ta erst vor vier Jahren sein 25jähriges Schriftsteller-Jubiläum vor: der dänischen Hauptstadt in glänzendster Weise begangen worden ist, verbat sich Dr. Brandes diesmal jede öffentliche Kundgebung. Selbstverständlich ließ indeß die akademische Welt den Tag nicht ohne Feier vorübergehen. Der Enthusiasmus der Studentenschaft gab sich in allerlei Huldigungsacten und stürmischen Ovationen kund. Blumeuspenden von Nah und Fern, sowie Telegramme und Zuschriften mit Glückwünschen, die besonders aus Norwegen zahlreich eingelaufen, bewiesen die Theilnahme aller skandinavischen Lande an dem Gedenktage. Menschenhandel. Kaiser Carl V. war nicht nur bei den Fuggern „tief in der Kreide", sondern auch bei der reichen Familie der Welser von Augsburg. Er schuldete ihnen (siehe Globus 1866, Band 9, Seite 23) große Summer: (r:ach verschieden Angaben 5 bis 12 Tonnen Goldes). Dafür hatte er ihnen die Küste von Venezuela zwischen den zehnten und zwölften Grad nördlicher Breite in der Länge von 200 Stunden zwischen den Vorgebirgerr Macarapana und de la Vela unter folgenden Bedingungen verpfändet: Sie sollen vier Schiffe mit 300 Maru: und Lebensmitteln für ein Jahr aus ihre Kosten ausrüster:, das Land erdbern, zwei Niederlassungen und drei Festui:gen darin anlegen, arlch 50 deutsche Bergleute hinüber befördern. Dagegen machte sich der Kaiser anheischig, dem Statthalter dieses Landes 200.000 Maravedis (etwa 430 Thaler), dem Generalcapitän 100.000 Maravedis jährlich für die Dauer ihres Lebens auszusetzen, die Würde eines Alguazilmajor (Oberrichters) auf ewige Zeit ihnen, ihrer: Erber: und Nachfolgern zu erthei'en, eben so den Befehl über die drei Festur:ger: auf ewige Zeiten mit 75.000 Maravedis (etwa 160 Thaler) Jahresgehalt für jede. Ferner versprach er den Titel eines Statthalters für immer Demjenigen ur:ter ihner:, auch seinen Erben ur:d Nachkornmer:, der: sie aus ihrer Mitte dazu Vorschlägen würden. Von dem ganzen Gewinn, der an den Kaiser gelange:: würde, sollen sie vier Procent haben. Sie sollen 12 Quadratmeter: von dem Lande, welches sie entdecken rvürden, zum Eigenthun: erhalten. Es sei ihnen erlaubt, die I n d i a r: e r, wenr: sie sich r:ach vorhergegangener Warnung nicht fügen wollen, zu S c l a v e n zu mache::, auch k ö n u e n s i e v o n d e n I n d i a r: e r n S c l a v e n kaufen, wenn sie ein Biertheil deS Kaufpreises an den Kaiser abgeben.- Zufolge eines ferneren Vertrages sollen die Bevollmächtigten der Welser 4000 Pegersclaven nach Indier: liefern." Auch ein Beitrag von der „Macht . des Geldes." Die jüdischen Bauern in Argentinien. Ueber die jüdischen Colonien in Argentinien erhält „Hazefirah" von dem Bevollmächtigten des St. Petersburger Comites, Herrn D. F e i n b e r g aus Paris, folgende Zuschrift: „Soeben erhalte ich Briefe aus Argentinien und beeile mich, den Inhalt einiger derselben der Oeffenilichkeit bekannt zu geben. Aus M o s e s v i l l e schreibt mir der Administrator Herr Cohn: „In der Colonie ist nichts passirt. Die Colonisten sind wie immer mit ibrem Lose zufrieden und arbeiten mit ausgezeichnetem Fleiße. Der Saatenstand ist ein sehr guter. Die Colonie entwickelt sich mit jedem Tage. Gebe uns Gott ein gesegnetes Jahr, dann wird sich Alles in bester Weise entwickeln." Herr Cohn übersandte mir auch ein Blatt des osficiellen Regierungsorgans, in welchem folgender Bericht enthalten ist: „Die Colonie Mosesville schreitet mit schnellen Schritten vorwärts. Jeden Tag entsteht ein neuer, schöner Bau, wird eine Brücke gebaut oder ein neuer Weg angelegt. Bald wird der Bau dreier Prachtbauten beendet sein: einer Synagoge, einer Schule und eines Badehauses. Ferner wird mit dem Bau eines großen Speichers begonnen, welcher binnen Kurzem den Colonisten zur Benützung wird übergeben werden können. Das Gebäude befindet sich in der Nähe der neuen Eisenbahnstation „Mosesville". Kurz, in wenigen Jahren dürfte sich diese Colonie zu einem der größten und volkreichsten Mittelpunkte der ganzen Provinz Santa-Fe entwickeln." Auch aus M a u r i c i o wird mir berichtet, daß alle Colonisten mit dem Säen fertig sind und daß sie nunmehr auch die Contracte §u unterzeichnen beginnen. Was die Provinz E n t re - R i o s und insbesondere die unter der Leitung des Herrn Rappaport stehenden Colonien betrifft, wo die Wirren der letzten Zeit stattgefunden haben, so schreibt mir Herr Rappaport hierüber: „Seitdem Sie von hier fort sind, fiel mir allein die schwere Aufgabe zu, die Colonisten zu beruhigen. Eins hatte ich mir jedoch zum Ziele gesetzt, und das ist: Wie der Streit mit den Colonisten in Betreff der Contracte auch enden möge, vor allen Dingen müssen die Colonisten angehalten und in den Stand gesetzt werden, ihre Felder zu bearbeiten. Darauf richtete ich mein Hauptaugenmerk und gab ihnen daher Alles, was sie zur Arbeit brauchten. Gott sei dank, ich habe mein Ziel erreicht. Die Aussaat wird binnen Kurzen: aufs Beste beendet sein; sämmtliche Colonisten haben mit ausgezeichnetem Fleiße gearbeitet. Auch die Colonisten von Prime ra de Maja, welche an: längsten in ihrem Widerstande verharrten, haben sich schließlich der Arbeit zugewandt und sind nicht zurückgeblieben. Bis zum 25. Juli hatten die Colonisten 10.700 Hektar bestellt und bald wird auch der Rest von 1800 Hektar beendet sein. Es werden somit insgesammt 12.500 Hektar Weizen und Flachs bestellt sein. Sowohl wir, wie die Colonisten haben unsere Pflicht gethan; möge der Allmächtige das Werk unserer Hände segnen!" — Auch die Direktion theilt in einem Schreiben mit, daß die Arbeit in allen Colonien rüstig fortschreitet und daß bereits 4O.OOO Hektar mit Santen bestellt sind."