Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021162--06160-3030430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 908 Dr VLoch's Wochenfchrist Nr. 46 Vom Jahrmarkt -es Lebens. Der berichtigende Strovach. Der Schatten Luegers, denn das ist der gegenwärtige Bürgermeister von Wien, überläßt die Leitung der ihm anvertrauten Angelegenheiten einem Anderen und füllt feine, der Bevölkerung kostbare Zeit mit — Berichtigungen aus. Nulla dies siue linea, das heißt für Strobach, der ein Latein gelernt hat, auf deutsch: Kein Tag ohne Berichtigungen! Der Mann berichtigt so viel, daß man ihn noch zu den „berichtigtesten" Antisemiten wird zählen müssen. Strobach berichtigt Alles und Jedes ausnahmslos, sobald es ihm nicht in den Kram paßt. Er berichtigt, und mögen die Beweise für die Wahrheit dessen, was er bestreitet, noch so handgreiflich sein. Er berichtigt sogar, daß städtische Diener die mit „Strobach" ausgefüllten Stimmzettel in die Häuser trugen, obwohl Persönlichkeiten, wie der Superintendent Dr. I. Seberinyi, öffentlich das Gegentheil behaupteten. In der Zuschrift des Superintendenten, in der die Wahrheitsliebe des antisemitischen Bürgermeisters in das rechte Licht gestellt wird, befindet sich aber auch eine Charakteristik des Antisemitismus, wie sie nicht schärfer, vernichtender gedacht werden kann. Der hochwürdige Superintendent, der vom Christenthum doch vielleicht noch so viel verstehen wird, als Christen, die im Nothfalle armen Leuten das Cruzifix pfänden ließen, steht nicht an, die Antisemiten beiläufig als getaufte — Heiden zu bezeichnen. Freilich, es ist nur begreiflich, daß ein Superintendent eine Bewegung nicht christlich nennen will, die zur Aufforderung von Raub und Plünderung führt und die Mißhandlung von Greisen, Frauen und Kindern in ihrem Gefolge hat. Der Superintendent Dr. Seberinyi nennt die antisemitische Bewegung zur Ehrenrettung seiner Religion mit Recht lieber eine heidnische. Vielleicht lesen wir nächstens, daß Herr Strobach mit einer geharnischten Berichtigung sich gegen den Superintendenten Seberinyi wendet, in der er ausführt, daß er kein getaufter — Heide ist. Verlegenheit oder Heuchelei? Als Lueger, der gegenwärtige Triumphator der Leopoldstadt, am Wahltage in heiterer Stimmung vor dem Gemeindehause promenirte, wurde er nicht allein von antisemitischen, sondern auch von jüdischen Wählern umringt. Die Bemerkungen und Fragen der Letzteren waren aber keineswegs geeignet, die Heiterkeit des Siegers zu erhöhen. Der Eine erinnerte daran, daß er vor zehn Jahren selbst für Dr. Lueger agitirt habe, der sich damals noch als begeisterter Demokrat bekannte. Ein Zweiter rief ihm zu: „Denken Sie noch an die Versammlung unter Ihrem Vorsitze, in welcher ein Redner Angriffe gegen die Juden richtete? Damals haben Sie erklärt: „Ich kenne keinen Unterschied zwischen Confessionen, ich werde nie einen Kampf gegen eine Confeffion dulden." Ein dritter Jude erwähnte schließlich, daß die Juden seinerzeit gelegentlich der ersten Wahl Lueger's in den Gemeinderath Geld für den Agitationssond gesammelt hatten. Lueger wußte auf all diese bitteren Reminiscenzen keine andere Antwort, als daß e r n i ch t gegen die armen, sondern nur gegen die reichen Juden kämpfe. Nun, es gibt auch Schwärmer, die keinen Unterschied zwischen reichen Christen und reichen Juden zu machen geneigt sind. Aber lassen wir diese und fragen wir, ob die Antwort Lueger's überhaupt der Wahrheit entspricht? Sind die jüdischen Hausirerund Dienst Männer, dieErsten, die der antisemitischen Bewegung als Opfer h i n g e w o r f e n w u r d e n, vielleicht die Reichen, die bekämpft werden sollen? Dr. Lueger weiß ganz gut, daß diese armen Leute nur kümmerlich im Schweiße ihres Angesichtes sich und ihre Familien erhalten, aber das hat ihn nicht abgehalten, den Vernichtungskampf gegen sie einzuleiten. Stein, Herr Dr. Lueger, die Versicherung, daß die Antisemiten den armen Juden nicht bedrängen, vernichten wollen, ist eine heuchlerische, unwahre, denn sie wird durch die Thatsachen widerlegt. Der Judenhaß kennt keinen Unterschied zwischen reich und arm, sowie die Gegner des Großcapitals keinen Unterschied zwischen christlichem und jüdischem Gelde kennen. Die Antwort Lueger's entspricht keineswegs der Wahrheit, mag sie nun der Verlegenheit oder der Heuchelei entsprungen sein. Die Sprache der Ziffern. Die Antisemiten jubeln, ihr Freudenrausch kennt keine Grenzen, das an Größenwahn streifende Selbstbewußtsein L u e g e r's nimmt immer bedrohlichere Formen an. Und doch muß neben den übermüthig herausfordernden Reden der Antisemiten auch der ruhigen, kühlen Sprache der — Ziffern Beachtung geschenkt werden, Ziffern, die wohl geeignet sind den Uebermuth des Sieges einen Dämpfer aufzusetzen. Trotz der ungeheuren, beispiellosen, vor keinem Mittel zurückschreckenden Agitation, die seitens der Antisemiten gelegentlich der jüngsten Landtagswahlen entwickelt wurde, hat die Zahl der für sie abgegebenen Stimmen um ein Erkleckliches abgenommen. Diese ist nahezu um 15 Percent geringer als die Zahl der Stimmen, die sie bei den letzten Gemeinderathswahlen erlangten. Die Sprache der Ziffern ist eine klare, wie aus der nachstehenden Tabelle sich ergibt. Es erreichten die Antiliberälen im Maximum: Gemeinderathswahl Landtagswahl I. Bezirk. . März 1896 . . 1720 November 1896 1554 n. . . 4241 4584 III. . . 4702 -j- XI. 4407 IV. . . 2853 2009 V. . . 3279 2838 VI. n . . . . 2643 2119 vn. . . 3567 2675 VIII. . . 2264 1754 IX. . . 2789 2688 X. . . 1700 1230 XI. . . 760 bei III. Bez. XII. und XIII. Bezirk. . . . . 3623 2780 XIV. und XV. . . 3455 2753 XVI. und XVII. . . 5361 4193 XVIII. und XIX. . . 4072 3191 47029 38775 Kein Zweifel, daß einem Theile der Wählerschaft, der bei den Gemeinderathswahlen sich noch völlig von Lueger hypnotisiren ließ, mittlerweile zum Bewußtsein gelangt ist und nicht mehr gewillt ist, der anwidernden, eklen antisemitischen Bewegung Dienste zu leisten. Dr. Lueger, der sich für die Sprache der Ziffern vielleicht noch einiges Verständniß bewahrt hat, dürfte über den Wermuthstropfeu, der in seinen Freudenkelch gefallen, sich durch den Gedanken trösten, daß die Landtagswahlen mit der zermalmenden Niederlage seiner intimen — Feinde, den Deutschnationalen endigten. Diese hat Lueger wirklich zerschmettert. Er hat, was sie betrifft das Wort, das er gegeben, getreulich eingelöst. Das tragische Schicksal der Deutschnationalen entbehrt nebenbei auch nicht der Komik. Sie können sich sagen: „Ipse fecit." Sie haben „wacker" und „stramm" mitgeholfen, um Lueger zum Herren zu machen, ihr Werk ist es, daß er die Kraft hatte, ihnen so wuchtige Fußtritte zu versetzen. Die „Z e i t" schreibt: „Den Antisemiten winkt ein neues Heil. Denn es sind Arier unter uns aufgestanden, die auf Geschäftsgeist auch die gewandtesten Juden übertreffen. Von den Währinger Theatergründern, die den Juden das Geld abnehmen wollten, um damit ein antisemitisches Theater zu schaffen, will ich nicht sprechen. Denn war auch ihre Absicht sehr löblich, so ist sie ihnen doch nicht gelungen. Ich will lieber von einem Anderen sprechen, dem es geglückt ist, nämlich von dem Chefredacteur der „Reichswehr", Herrn David. Nachdem die alte „Press e" aufgegeben war, wandte sich sich Herr David an deren Eigentümer, die „Zeitungsgesellschaft", und nahm dieser das Bureau der alten „Presse" und ihr Austrägerpersouale ab. Herr David ist Arier, die Theilnehmer der „Zeitungsgesellschaft" sind Juden, und diese Juden waren sehr erfreut, daß es ihnen mit Hilfe des Ariers Herr David gelungen war, das leergewordene Local der alten „Presse" und deren Austräger so gut weiter zu verwerthen. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. Neben dem Bureau der alten „Presse" im selben Hause befindet sich auch das des „Extrablatt", welches gleichfalls der Zeitungsgesellschaft gehört und von denselben oben bemeldeten Zeitungsausträgern bestellt wird, wie ehemals die alte „Presse" und jetzt die „Reichswehr". Kaum war die „Reichswehr" im alten „Preffe"-Bureau eingemiethet, da erschien eine in der Druckerei des Herrn David hergestellte „I l l u st r i r t e Extrazeitung", welche eine antisemitische Concurrenz des Extrablatt" sein soll, und nun ergriff ein panischer Schrecken die Juden der Zeitungsgesellschaft, die fürchten müssen, daß Herr David durch die gemeinsamen Austräger alle die kostbaren Geschäftsgeheimnisse des „Extrablatt" erfährt und der „Extrazeitung" weitergibt. Die Juden von der Zeitungsgesellschaft machen jetzt lange Gesichter. Aber Herr David kann lachen. Mögen auch die Inden, einem überkommenen antisemitischen Vorurtheile zufolge, sehr gute Geschäftsleute sein, ein kluger Arier steckt sie doch in die Tasche, ein David zehn Juden von der „Zeitungsgesellschaft"! Galizische Schulzustände. Zur Beleuchtung der hierländischen Schulzustände diene nachfolgendes, an ein hiesiges Organ der Baron Hirsch-Stiftung gerichtetes Schreiben des Leiters der Etat-Schule in Cz.... .:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.