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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-13 · 46 (13.11.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
46 (13.11.1896)
Date
1896-11-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Vr. Vlvch's Wmtzrnfchrift. Sette 907 Die dreihundert Spartaner. Wollte mau das bekannte Sprichwort von den Frauen auch auf die Hochschulen anwenden, dann ließe sich wenig zu Gunsten der Lima water Ikuäolüna Vorbringen. Denn wahrlich, die Wiener Universität ist es nicht, von der man am Wenigsten spricht. Es lohnte sich beinahe, eine ständige Rubrik einzurichten, die den Raufereien, den Balgereien, den Prügeleien an dieser Anstalt gewidmet sein müßte. Im Mikrokosmus der Universität zeigt sich doppelt deutlich, mit den Händen greifbar, der Geist der Verrohung, des wüsten Rowdiesthnmes, der unser ganzes öffentliches Leben kennzeichnet. Das neue Studienjahr ist bereits inaugurirt. Dreihundert deutschnational-antisemitische Burschenschafter haben auf dem nicht mehr ungewöhnlichen Weg der Faustschläge und der Knüttelhiebe die Größe Alldeutschlands drei Kadimahnern zum Bewußtsein gebracht. Derlei Vorkommnisse sind längst kein Novum mehr; was den letzten Fall ein wenig pikanter macht, ist höchstens der Umstand, daß der Herr Oberpedell dabei stand und die Gelegenheit hatte, zu beobachten, wie deutsche Fäuste dreinschlagen können und wie germanische Tapferkeit es noch immer versteht, mit jüdischer Uebermacht fertig zu werden. Die antisemitischen Tagesblätter, welche über diesen Fall berichteten, haben nicht undeutlich durchschimmern lassen, daß eine „Wiederholung solcher trauriger Vorkommnisse" gar sehr im Bereiche der Möglichkeit, ja sogar der Wahrscheinlichkeit gelegen ist, und die Voraussage von Reprisen dieses Spectakelstückes wird gewiß nicht verfehlen, am nächsten Samstag eine stattliche Menge von Statisten, Gymnasialschülern, Wahlagitatoren u. s. w., in die Aula zu locken. Es soll nun merkwürdiger Weise auch junge Leute geben, welche auf die Universität gehen, um dort zu studiren, welche die Hochschule frequentiren, um sich dort für ihren Lebensberuf zu rüsten. Diese unbesonnenen bedauernswerthen Jünglinge, welche derartig Zweck und Aufgabe der Wiener Universität verkennen, stehen vor traurigen Aussichten. Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß ihnen seitens einer stärkeren Macht bedeutet werden wird, was die Hochschule vor Allem bedeutet. Diese verfehlten Existenzen werden die Suppe ausessen, welche ihnen die Heilüburschen eingebrockt haben. Wenn die wüsten Scandalscenen zur Schließung der Universität führen, wie dies schon einmal seitens der Regierung in Aussicht genommen war, dann werden jene dreihundert Spartaner in Wählerversammlungen beim „goldenen Luchsen" und in anderen gleichwerthigen Localen würdige Stätten ihrer verdienstlichen Bethätigung finden. Nur jene Schwärmer, welche sich a tout prix einbilden, arbeiten, studiren zu müssen, die werden das Nachsehen haben. Diese Erwägungen legen gebieterisch den Gedanken nahe, ob es nicht hoch an der Zeit wäre, das ganze veraltete Hochschulwesen einer gründlichen Reform, einer Umgestaltung an Haupt und Gliedern zu unterziehen. Auch wir sind Anhänger der akademischen Freiheit. Aber unter akademischer Freiheit verstehen wir die Freiheit, zu lehren und zu lernen. Nicht die Freiheit, Juden zu prügeln, Heilö zu schreien und die Wacht am Rhein zu brüllen. Es hätte wahrhaft dem Ansehen der Wiener Uutoerfität und ihrem wissenschaftlichen Rufe nicht geschadet, wenn statt des gemüthlich zusehenden Herrn Pedellen ein paar handfeste Wachleute in den Kampf bei den Aula-Termophylen eingegriffen und den dreihundert Spartanern mor68 gelernt hätten. Schließlich gehören auch die Hochschulen zu jenen Institutionen, die von Steuergeldern erhalten werden, von christlichen und von jüdischen. Und die Juden müssen sich dafür bedanken, mit ihren Bei. trägen den Fechtboden der Heilöburschen auszustatten. Zu den mederöflrrreichifchen Tandkagswahlrn. Die gesellschafts- und kulturfeindliche Bewegung, die wir _ seit mehr denn einem Jahrzehnt in Wien zu einer förmlichen Sturmfluth anwachsen sahen, ist nun auch ins flache Land durchgebrochen, der Antisemitismus triumphirt nicht blos im Wiener Rathssaale, sondern auch in der niederösterreichischen Landesstube. Dieses Ergebniß der Landtagswahlen konnte nur für Diejenigen eine Ueberraschung bilden, welche mit der Physiologie politischer Strömungen nicht vertraut sind und in unserem Jahrhundert noch immer auf übernatürliche Wunder hoffen. Oie große Masse folgt immer dem Schlagwort und sie folgt ihm umsomehr, je weniger sie sich unter einem solchen etwas zu denken braucht. Der Antisemitismus ist ein Schlagwort, das noch aus feinen eigentlichen Inhalt — den Clericalismus — wartet, der Liberalismus ist ein Schlagwort, welches seinen Inhalt bereits verloren hat. Wiederholt haben wir es an dieser Stelle ausgesprochen, daß bei aller ÜN" bequemlichkeit, welche unsere Glaubensgenossen im Einzelnen und für den Augenblick aus dem Siege des einen und dem Niedergange des anderen erwächst, doch schließlich das Judenthum in seiner Gefammtheit keine wesentliche Einbuße erleiden wird. Wir haben vom Liberalismus nichts mehr zu hoffen und vom Clericalismus nichts Sonderliches zu fürchten. Und der Verlauf der Wahlen beweist, wie Recht wir hatten, schon vor Jahresfrist unseren Glaubensgenossen die völlige Enthaltung von allen Parteikämpfen zu empfehlen. Welchem Juden ist es jemals eingefallen, eine Art politischen Ersitzungsrechtes auf die Wiener Leopoldstadt zu erheben, diesem Bezirk als den ererbten Stammsitz oder gar als die „Hochburg" des Judenthums zu betrachten? Der zufällige Umstand, daß die Leopoldstadt eine größere Zahl von jüdiscyen Bewohnern aufweist, als andere Wiener Bezirke, hat wohl die Feinde des Judenthums, niemals aber dieses selbst bestimmt, in der Leopoldstadl eine Art modernen Ghettos zu sehen. Der Abgeordnete dieses Bezirkes war niemals ein specifischer Judendeputirrer, ja gerade von dem bisherigen langjährigen Vertreter mußten sich unsere Glaubensgenossen die wenig berechtigte Mahnung gefallen lassen, daß sie auf die Verbesserung ihrer Moral bedacht sein sollten. Wenn die Leopoldstadt nunmehr von dem Führer der antisemitischen Partei erobert wurde, so ist dies nur ein sinnfälliger Beweis für die Lächerlichkeit der Behauptung von der überragenden Macht der Juden, von ihrem beherrschenden Einflüsse auf das ganze östentliche Leben, und ob dieser Bezirk in Zukunft von einem Liberalen oder Antisemiten vertreten wird, ist wohl entscheidend für die Macht des Liberalismus oder Antisemitismus, nicht aber für das wirthschaflliche Wohl und Wehe und die staatsbürgerliche Stellung der Juden. Aber Eines wäre sicher vermieden worden, wenn unsere Glaubensgenossen die politische Klugheit des Professor S u e ß besessen und bei dieser Landtagswahl nicht mehr mitgethan hätten. Die Niederlage der liberalen Candidaien hätte nicht zu einer Niederlage des Juventhums gestempelt werden können, sowenig, wie heule Herr Lueger sich rühmen kann, über Herrn S u e tz triumphirt zu haben. Wenn die Bastionen der liberalen Partei von deren Generälen verlassen werden, so entfällt wohl für die Mannschaft jede Verpflichtung, sich nutzlos aufzuopfern. Wo es keine Kämpfer gibt, da gibt es auch keine Besiegten, und wenn die liberale Partei, wie die Vorgänge in der Vereinigten Linken und im verfassungstreuen Großgrundbesitze beweisen — von den Compromisten in Mähren und Steiermark gar nicht zu reden — sich selbst aufgibt, so haben die Juden nicht die geringste Ursache mehr, sich judeuliberal schelten zu lassen. Das hat auch ein großer Theil der jüdischen Intelligenz in der inneren Stadt begriffen, wo die liberale Position noch gänzlich ungefährdet war und wo doch die freisinnige Wählerschaft neue Männer und neue Ideen auf den Schild Lrhob. Vielleicht würden die Juden auch im ersten Bezirke sich selbst und der neuen, von den Svcialpolitikern verkündeten Richtung einen besseren Dienst erwiesen haben, wenn sie sich der Abstimmung ganz enthalten hätten. Aber immerhin haben sie Recht daran gethan, sich nicht zu Richtern zwischen den Liberalen und Socialpolitikern aufzuwerfen. Sie haben diese ihnen zngemuthete, arbiträre Function abgelehnt, indem sie das von den Socialpolitikern zurückgewiesene Comproniß mit ihren Stimmzetteln erzwangen. Es ist unter allen Umständen besser so. Das Bedürsniß nach neuen Männern ist befriedigt, der Pflicht der Dankbarkeit ist Genüge gethan und den socialpotirischen Pfadfindern, die den Weg aus der Wüste des — Liberalismus weisen wollen, Raum geschaffen worden. Man kann nach dieser Haltung unserer Glaubensgenossen in der Inneren Stadt wahrhaftig nicht behaupten, daß die jüdische Wählerschaft ein Element des Urmsturzes ist. Die Socialpolitiker werden nun ihren Beruf zu erweisen haben. Sie treten frank und frei ihr Apostolat an, nicht aus ihnen, sondern aus der Wählerschaft lastet das Odium des ComPromiffeS. Selten ist eine neue Partei mit soviel Gunst und Ermunterung begrüßt wurden, wie diese. Sie braucht nur den geraden Weg der Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu gehen, um den Erfolg mit Sicherheit an ihre Fahne zu fesseln. Ihr Programm löscht das Stigma einer besonderen Kaste von der Stirne der Juden, denn Glrnz und Reichthum, Noth und Elend der Juden fallen unter dieselben Gesichtspunkte, wie alle anderen socialen Gegen-» iätze. An der Spitze dieses Programmes steht das erhabene Wort: Menschlichkeit. Das prophetische Wort Grillparzers hat sich leider nur zu sehr erfüllt: „Bon Humanität — durch Nationalität — zur Bestialität!" An den Socialpolitikern ist cs, den Weg von der Bestialität wieder zurückzufinden zur Humanität!

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