Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 45 Vr. Vlorh's Wortzenschrtfl. iLeite 895 und dann sollen Sie gewahr werden, daß ich noch immer bin und allzeit bleiben werde nähmlich Ihr treuer. Sie hochschätzender Freund Dr. Leop. Kompert. Gleichenberg (Steiermark), den 22. Juni 1882. Zu diesem Briefe ist nur in Erinnerung zu bringen, daß am 15. Mai 1882 Kompert's 60. Geburtstagsfeier zugleich mit j seinem 40jährigen Dichterjubiläum in solenner Weise begangen wurde. Der Gemeinderath der Stadt Wien verlieh ihm das Bürgerrecht, massenhaft hatten sich Deputationen bei ihm eingefnnden, und fast alle, besonders die hervorragendsten Wiener Tagesblätter brachten eingehende Artikel über Kompert und seine dichterische Thätigkeit. Mir auch siel die ehrenhafte Aufgabe zu, für ein Wiener Blatt einen solchen Artikel zu liefern, und auf diesen Artikel bezieht sich der Brief ans Gleichenberg. Daß ich mich in lener Zeit von Kompert ferne gehalten habe, ist richtig. Die Ursache meines reservirten Verhaltens war ihm wohl bekannt. Nach dem Erscheinen seiner Erzählung: „Zwischen Ruinen" wurde Kompert in einer hervorragenden Wiener Zeitung von einem namhaften Wiener Journalisten als der Einzige bezeichnet, der auf dem Gebiete der Ghettogeschichten wirklich Poetisches geleistet. Ich hielt es der Wahrheit der Thatsachen gegenüber für Kompert's Pflicht, seine Stimme zu erbeben, der Wahrheit die Ehre zu geben und diesen literarischen Jrrthum zu berichtigen. Er hat dies nicht gethan, er hat geschwiegen und das in dem letzten Alinea dieses Briefes gegebene Versprechen hat er nicht gehalten. Dies war die Ursache meiner Verstimmung. Diese Verstimmung hat mich natürlich nicht abgehalten, ihm immer und immer wieder die gebührende Anerkennung zu erweisen. Als nun nicht gar lange nach der Jubiläumsfeier bei Louis Gerschel in Berlin der erste Band von Leopold Kompert's „Gesammelten Schriften" erschien (1882), schrieb ich wieder einen Artikel über Kompert und die von ihm geschaffene Ghettogeschichte. Nachdem ich seine dichterische Thätigkeit charakterisirt hatte, konnte ich nicht umhin, der eben erzählten Ursache meiner Verstimmung in delicater Weise Erwähnung zu thun. Ich schrieb: „Ein Punkt soll schließlich aber hier noch hervorgehoben werden. In allen Kritiken (bei Gelegenheit seines Jubiläums hat es sich wieder gezeigt), in allen Recensionen und Anzeigen seiner Werke wird Kompert immerfort von Groß und Klein als der Einzige bezeichnet, der auf dem Gebiete der Ghettogeschichte wirklich poetische Gebilde hervorgebracht. Wir wissen, daß Kompert selbst diese Meinung nicht theilt, und es ist einigermaßen zu verwundern, daß er demungeachtet diesen literarischen Jrrthum fortbestehen läßt und noch niemals Anlaß genommen hat, eine nach seiner Ansicht irrige Meinung zu berichtigen." Hierauf erhielt ich von ihm folgende Zeilen: X. 23. Februar 1883. Haben Sie besten Dank, lieber Freund für den trefflichen Mittwochs artikel, der sowohl mir, als Ihnen zur höchsten Ehre gereichtI ch vermag so vieler Liebe und Sympathie nur wenig entgegenzusetzen, und das thut mir weh! Den Schlußpafsus werde ich mündlich antworten, so bald Sie mich einmal besuchen. Ich hätte dies längst meinerseits gethan, wäre der heurige Winter nicht so arg für mich. Also kommen Sie, lieber Freund, bald zu mir. Einstweilen in alter Treue Ihr Dr. Kompert. Der wehmüthig resignirte Ton in diesen Zeilen, es waren die letzten die ich von Kompert erhielt, wird den früheren freien und warmen Herzensergießungen gegenüber dem Leser nicht unbemerkt bleiben. Es thut ihm weh, meiner Liebe und Sympathie > nur wenig entgegensetzen zu können. O, er konnte ihr schon etwas entgegensetzen. Er hätte feiner Synlpathie für mich ebenso öffentlich Ausdruck geben können, wie ich dies des Oöfteren gethan. Einige Zeilen in der „Neuen Freien Presse" oder in der „Allgemeinen Zeitung" in München hätten die Ursache unserer gegenseitigen Verstimmung beseitigt. Es schien aber, als ob irgend eine Einflüsterung, der er nicht widerstehen konnte, ihn davon abgehalten hätte, das mir wiederholt gegebene Versprechen zu erfüllen. Was das für ein Schatten war, der sich zwischen uns gelagert, das weiß ich nicht und werd' es wohl auch nie erfahren; bedauerlich bleibt es aber nicht nur von meinem persönlichen, sondern vom allgemein menschlichen Standpunkte, daß zwei Menschen einander entfremdet wurden, die einander wirklich geliebt haben. Wie dem aber auch sei, nie werde ich vergessen, was mir Kompert gewesen ist, nie werde ich mich als seinen Jünger verleugnen; der vielen schönen Stunden, die wir in traulichen ernsten und heiteren Gesprächen mit einander verlebten, werde ich mich stets mit Freude erinnern und in meinem Herzen werde ich ihm allezeit ein Liebevolles und treues Andenken bewahren. Correspondenzen. Wien. (Z u den Wahlen in de n W i e n e r israelitischen C u l t n s v o r st a n d.i Im 10. und 17. Bezirke hat sich ein Wahlcomite gebildet, um die Wiederwahl des Cultnsvorstehers Herrn S. Rosner zu fördern. Das Comits hat auch Fühlung genommen mit den Vvrorte-Bezirken Füniyans, Währing, Döbling und Simmering, um ein gemeinsames Vorgehen herbeizuführen zur gegenseitigen Unterstützung der Candidaten. Das Comite hat ferner beschlossen, mit dem Wahlcomitä des Cultusvorstandes Hand in Hand zu gehen. Die weitere Activn leitet Herr Bernhard Trnka, XYll.'l, Blumengasie 7. Wien. (Jüdische akademis ch e L e s e hall e.) Kaum 2 Jahre sind vergangen, seit die Jüdische akademische Lesehalle ins Leben getreteic ist, die sich statutengemäß die Ausgabe stellte, ein Sammelpunkt aller jüdischen Hochschüler Wiens ohne Unterschied in Bezug auf ihre politischen'Gesinnungen, ein geistiges Centrum der jüdischen akademischen Bürgerschaft zu werden, eine Stätte, wo der jüdische Student von dein Drucke aufathmet, den die Ungunst der Verhältnisse auf ihn ausübt. Indem der Verein diesem idealen Ziele immer näherznkommen strebte, erwarb er sich immer größere Sympathien sowohl unter den College», die in stets wachsender Zahl beirraten, als auch im Publicum, welches durch rege Förderung sein Interesse an dem emporstrebeuden Verein bewies, so daß die Lesehalle als der zweitgrößte Verein an der llniversität, die Elite der Wiener jüdischen Gesellschaft. Universitätsprofessoren, hervorragendste Literaten und bedeutendste Männer, welche die Lesehalle mit Vorlesungen anszeichneten, stolz zu den Seinen zählte. Das war aber nur so lange möglich, als die Lesehalle thatsächlich auf jener neutralen Grundlage ruht, die ihr die Gründer planvoll gegeben haben. Diese politische Neutralität behagt aber den jüdischnationalen Verbindungen nicht, und darum scheinen sie Alles anfbieten zu wollen, um die Lesehalle in ihre Hand zu bekommen. Das zeigte die am Samstag den 31. v. M. stattgehabte Plenarversammlung, bei welcher die Nationalen durch terrorisirendes Auftreten ihr Ziel zu erreichen suchten. Ein Mitglied der Verbindung „Unitas", zugleich Ansschußmitglied der Lesehalle, erzwang zum Zwecke der Majorisirnng der Lesehalle die statntenwidrige Ausstellung von Mitgliedskarten nir die der Verbindung „Libanonia" Zugehörigen Veterinäre, welche, da sie sich als Hochschüler nicht legitimiren konnten, dem Vereine als Mitglieder nicht angehören können. Lange vor 6 Uhr Abends, für welche Stunde der Beginn der Versammlung angekündigt war, erschienen die Verbindungen corparativ im Locale und besetzten die vordersten Sitzreihen. Als die Bersamnrlung mit der Verlesung des Rechenschaftsberichtes begann, wurde der Redner mehrmals durch höhnende Zwischenrufe seitens der nationalen Verbindungen unterbrochen, trotzdem das Präsidium durch Bitten, Ermahnungen und die Drohung, die Versammlung zu schließen, die Ruhe aufrecht zu erhalten suchte. Hierauf meldeten sich drei Mitglieder der jüdischnationalen Vereine zum Worte und ergingen sich in beleidigenden Ausfällen gegen den Ausschuß und das Präsidium insbesondere. Da es unter solchen Umständen unmöglich schien, die Versammlung fortzusetzen, war der Präses genvthigt, dieselbe vorzeitig zu schließen. Nachschrift der Redaction. Die Redaction der „Sesterreichischen Wochenschrift" hat das Entstehen der Lesehalle mit aufrichtiger Freude begrüßt und seit ihrem Beginn dieselbe auf das Giftigste gefördert, sowie in allen Kreisen der jüdischen Gesellschaft für sie Gönner geworben. Andererseits haben wir es nie zu betonen unterlassen, daß die erste Voraussetzung und Vorbedingung nicht blos für das Gedeihen und die fortschreitende Entwicklung, sondern überhaupt für die Existenz der Lesehalle^ in der unbedingten und absoluten politischen und nationalen Toleranz, sowohl der Leitung als auch der einzelnen Mitglieder gelegen ist. Ein großer Theil der nationalen Verbindungen war von dieser Erkenntniß selber durchdrungen, denn sie wußten, daß für die jüdische Studentenschaft ein neutraler Sammelpunkt unbedingt nothwendig und nicht für die Dauer aufrecht zu erhalten