Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 892 Vr. Vloch^s Wochrnfttzrifl Nr. 45 schleuderte und verschlang. Ich konnte — berichtet er —, wenn auch mit vieler Schwierigkeit, noch athmen, empfand aber den Eindruck unerträglicher Hitze und es schien mir, als ob ich lebendig gekocht würde. Meine Angst wurde noch durch die Rübe und das Schweigen, welche rings umher herrschten, vermehrt. Endlich verlor ich das Bewußtsein meiner schrecklichen Lage. Der Capitän des „Star of the East“ versichert, daß wüthende Walfische häufig Menschen verschlängen, und die Möglichkeit kann beim Cachelot, der einen genügend weiten Rachen besitzt, nicht geleugnet werden. Die Berliner naturwissenschaftliche Zeitschrift „Prometheus", welche die Notiz dem „Kosmos" entnimmt, kommt zu dem Schluffe: „Das Jonaswunder bestand also nicht darin, daß der Prophet verschlungen wurde, sondern daß er lebend blieb, ohne das Bewußtsein vollständig zu verlieren wie James Bartley. und daß er nach der dreitägigen Fahrt von Joppe nach der assyrischen Küste die Barmherzigkeit Gottes anries, worauf der Walfisch Befehl erhielt, den Propheten wieder auszuspeien. Das jüdische Mnd aus dem Spielplätze. Bon Dr. Samuel Krauß in Budapest. Die trefflichen Ausführungen, welche mau in Schlechter's „Stndies in Judaism" über das Leben des jüdischen Kindes findet, bedürfen unserer Ansicht nach besonders in einem Punkte der Ergänzung, darin nämlich, wie es um das Spiel des jüdischen Kindes im Alterthum ausgesehen. Nichts ist dem Kinde angemessener als das Spiel. Es ist uns gar nicht gleichgiltig, zu erfahren, wie unsere Alten, unsere Vorbilder in so manchen Stücken das Spiel, diesen ewig anmuthigen Zug i.m Leben des Kindes, angesehen haben: ob sie ihn gefördert oder hintangehalten, ob sie sich dafür intereffirt haben oder nickt, ob sie ihn richtig brurtheilt oder verlannt haben. Bei genauerem Eingehen auf die Quellen dürfte es sich zeigen, daß das Bild, welches Schlechter von dem spielenden jüdischen Kinde entwirft, viel sprechender und farbenreicher ausfallen muß. Das Bild, welches Schlechter entwirft, sagt uns, wie es auch in der „Oesterreichischen Wochenschrift" (Nr. 37, 1896) zu lesen war, Folgendes: „Ein anderer nachdrücklich... zu betonender Punkt ist, daß man die Knaben nicht den ganzen Tag in der gesperrten Luft des Schulzimmers eingeschloffen hielt; sie hatten auch ihre Erholungsstunden. Diese Erholung bestand hauptsächlich, wie leicht zu denken, im Spielvergnügen. Ihr Lieblingsspiel war das Ballwerfen, das Knaben und Mädchen gleich gerne halten und sogar an Festtagen sich nicht versagen mochten. Auch spielten sie gerne mit papierenen Drachen und mit Nüssen, woran auch ihre Mütter tbeilnahmen. Buchstabenspiele und Räthsel waren gleichfalls in den Erholungsstunden beliebt. Im Allgemeinen bemerkt, gibt es sehr wenige, eigentlich jüdische Spiele." Bon d esen Spielen waren eigentlich jüdische Spiele nur das Buchstabenspiel und das Räthselspiel, wenigstens lauten die Nachrichten, die wir über diese Art Spiele haben, derart, daß sie nur von jüdischen Kindern gespielt werden konnten, denn es gehörte eine gewiffe Fertigkeit im hebräischen Schriftthum dazu. Ball, Drachen und Nüffe sind allen Menschenkindern gemein, wie denn überhaupt ein scharfer unterschiedlicher Zug in dem Seelenleben des Kindes weder hinsichtlich der Individuen, noch hinsichtlich der einzelnen Nationen stattfinden kann. Nichtsdestoweniger aber kommen gewisse Eigenthüwlichkeiten des Bolksstammes auch bei internationalen Spielen, wenn man sich so ausdrücken darf, zur Geltung. Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß wir beim Nüffespiel, wobei auf glatter ebener Erde eine länge Reihe von Nüssen ausgestellt war, die erste Nuß in der Reihe mit dem hebräischen Wort „Bechor" (Erstling) bezeichneten; ging einem der Wurf mit der Marmorkugel fehl, so daß er aus Strafe für seine Ungeschicklichkeit zu der langen Reihe eine Nuß beisteuern mußte, so nannte man dies „chasern" (wiederholen, wiederholt einsetzen). Ebenso kam es vor, daß wir beim Ballspiel, wobei eine Art Festungswall gebildet wurde, aus deffen Mitte das „Geschoß", d. h. der Ball, geschleudert wurde, den Mittelpunkt mit dem Namen „Jerusalem" bezeickneten. Ich weiß nicht, ob diese speciell jüdischen Züge bereits verzeichnet worden sind; es wäre immerhin angezeigt, daß dies geschehe, da sich solche Züge mit dem Fortschritte der Alles nivellirenden Zeit sehr bald verlieren. Doch, das ist es nicht, was wir hier hervorhebeu möchten; schließlich kommt ja das Reinmenschliche immer rum Durchbruch, während die speci-llen Züge nur den Werth eines Curiosum haben. Aus Jebamoth 121 d erfahren wir z. B. folgendes Spiel: Eine Heuschrecke oder Ameise stirbt. Die Kinder sind flugs hpbei und geben der Leiche einen menschlichen Namen. Dann macht sich eines von ihnen auf und hält eine ergreifende Trauerrede. Man beweint den Todten, gibt ihm das Geleite und begräbt ihn ehrenvoll. Gewiß, ein eigenthümliches, ja bizarres Spiel das. Es ist dies ein Spiel, welches vielleicht noch bei keinem Volke und zu keiner Zeit beobachtet wurde, und wir können es erleben, daß dieser Zug einmal in die vergleichende Völkerkunde ausgenommen wird, trotzdem er jüdisch und vom Talmud nufbewahrt worden ist. Unverständlich aber ist uns dieses Spiel durchaus nicht. Wenn die Kinder eine Hochzeitsfeierlichkeit arrangiren können, warum soll ihnen einmal nicht die Last kommen, im e> : : Haushalte auch eine Leichenseierlichkeit milzumachen, ebenso wie s bei den Großen sehen? Aber trotzdem wir demnach um die udung speciell jüdischer Kinderspiele gar nicht verlegen sind, ' en wir dennoch den rein menschlichen Spielen den Vorzug und r : er. mit Genugthuung, daß uns.re Alten auch hierin eine sehr i•tbe Auffassung bekunden. Ein allgemein verbreitetes Spiel ist das Waffenspiel; man formt kleine Colonnen und spielt den kleiueii Soldaten. Nun, dieses Spiel war auch den Juden nicht fremd. In Zebachim 88 b ist vom Büschel und Helm die Rede, welche von den Kindern beim Spiel getragen wurden. Man ginge fehl, wenn man meinen würde, die alten Juden wären auf die Leibesübungen und auf die stramme Haltung ihrer Kleinen nicht bedacht gewesen. Wie in so manchen Stücken, herrschten auch diesbezüglich bessere Ansichten als jetzt, obzwar in neuerer Zeit eine Umkehr zum Besseren nicht zu verkennen ist. Zwei Aussprüche des berühmten Kirchenvaters Hieronymus, der um die Wende des 4. und 5. Jahrhunderts längere Zeit in Palästina lebte und mit den Sitten der Juden gut vertraut war, verdienen hier angeführt zu werden. In seinem Commentar zu Jesaja III, 2, sagt er: „Kein Wunder, daß den Juden jegliche männliche Haltung abgeht, ist es doch ihnen verboten, Soldaten zu werden, ein Schwert zu schwingen, eine Waffe zu tragen." Aus diesen Worten klingt es deutlich heraus, daß die unmännliche Haltung der Juden damals noch etwas Neues war, früher war es bei den Juden ganz anders. Derselbe Kirchenvater sagt an einer anderen Stelle (zu Zacharias XII, 13): „Noch heute hat sich bei den Juden der alte Brauch erbalten, daß in Dörfern, Städten und Castellen große runde Steine gebraucht werden, mit denen sich die Jünglinge üben, indem sie nämlich je nach Kräften die Steine bald bis zu den Knieen, bald bis zu den Lenden, bis zu den Schultern und dem Kopfe, die Starken jedoch mit gerade ausgebreiteten Händen noch über den Kopf hinaus erheben." WelcheWaffenspiele anderer Art werden noch bei den Juden üblich gewesen sein, von denen wir keine Kunde haben! Wenn aus der weiten Literatur des Talmud und Midrasch nichts auf uns gekommen wäre, als der klassische Ausspruch: „Ein Kind ist es, so laßt' es denn spielen!" (Bamidbar rabba c. 4, 20), müßten wir schon einen hohen Begriff von den Erziehungstheorien unserer Altvorderen haben; in Wirklichkeit aber gehen diese Theorien viel weiter nnd laffen kaum eine Seite des Erziehungswesens unberührt. Um aber beim Spiele zu bleiben, verweisen wir noch auf einige charakteristische Sätze, die uns ausbewahrt worden sind. „Die Nuß — so heißt es in Midrasch (Canticum VI, 11) — ist ein Spiel für die Kinder, ein Ergötzen für Könige." Am Weidenfeste — Hoschanna rabba — gingen auch die Kinder mit dem Feststrauß in die Synagoge, und kaum war die Ceremonie zu Ende, warfen sie die Palmen weg und suchten einander die Granatäpfel — Eßrogim — wegzunehmen; wer flink und geschickt war, bekam mehr Granatäpfel zu essen (Mischna Succa IV, 4). Dabei kamen ordentliche Balgereien heraus, aber zur Freude der Kleinen drückte man ein Auge zu und behielt die Sitte bei (Wajikra rabba c. 37, 2). Ein französischer Tosafist aus dem 13. Jahrhundert bemerkt dazu wie folgt: „Daraus kann man lernen, daß diejenigen Jünglinge, die auf Rossen dem Bräutigam entgegenreiten nnd mit einander ein Kampsspiel auf- , führen, wobei sie einander die Kleider zerreißen oder gar die Rosse beschädigen, keiin;; Ersatz zu leisten haben, denn so ist es einmal Sitte zur Belustigung des Bräutigams." Man lese und staune! So war's noch im dreizehnten Jahrhundert. In demselben Jahrhundert wird aber auch ernstlich über jüdische Fechtmeister discutirt, bei denen jüdische Kinder im Fechten Unterricht nahmen; dies erfahren wir aus einem Responsum des R. Meir aus Rothenburg. Ein in der Kinderwelt sehr beliebtes Spiel ist auch das Kochen, und vielleicht waren es kleine Mädchen, von denen in diesem Zusammenhänge die Rede ist (Tosestba Maaser rischon III, 2). Die herzigen Kleinen sammelten die Woche über Feigen auf Sabbath und froh und lustig muß es dann hergegangen sein, vorausgesetzt, daß sich die Feigen hielten und nicht etwa in Fäulniß übergegangen sind. In der Naturgeschichte des Kindes spielt eine wohltönende Glocke, eine stimmhafte Schelle oder gar eine lärmende Trompete eine hervorragende Rolle. Erwachsene dursten ein solches Instrument zur Belustigung der Kleinen am Sabbath nicht benützen (Toseftha Sabbath XIII, 17), woraus allerdings folgt, daß es den Kleinen selbst unbenommen war, auch am Sabbath zu läuten, zu pfeifen und zu blasen. Wenn es galt, ein weinendes Kind stille zu machen, durfte man auch am Sabbath die Posaune blasen (Toseftha daselbst). Von der Anrottung der Kinder vor dem Lehrhause oder auf der Straße ist oft die Rede, ohne daß man diesen kleinen Unfug ihnen sonderlich übel genommen hätte. Folgender merkwürdiger Vorfall ist geeignet, über das Straßen treiben der jüdischen Jugend Licht zu verbreiten. Em angesehener Mann zu Sepphoris feierte in seinem Hause die Geburt eines Söhnchens. Es kamen auch aus einem Nachbarorte Gäste zu Besuche, unter welchen sich auch R. Simeon ben Chalastha befand. Beim Stadtthor angekommen, fanden sie vor einem Hause eine Schaar lustiger lärmender Kinder. Die kleinen Tagediebe warfen ein Auge auf R. Simeon ben Chalastha, sie fanden ihn schmuck und schön. »Komm', springe und tanze mit