Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 890 Möge doch jeder Jude in seinem Kreise und die Gesanuntheit insbesondere die vollen Kräfte für die Erlangung des hartbedrängten Friedens einsehen. Dieser Friede ist — wir sind hievon vollkommen überzeugt — hergestellt, wenn der Clerus wiederum die Schule in seinen Händen hat. Nun er soll sie haben, die confessionelle Schule, voll und ganz; man überlasse ihm die Schule möglichst bald und vollständig, bevor noch das Unheil größer, unermeßlich werde. Pflicht, heiligste Pflicht des Judenthums ist es, diesmal mit aller Energie, mit allen Mitteln das Streben jener Mächte zu fördern, die zu ihrem Ziele auf Kosten Tausender jüdischer Existenzen, aus Kosten des gesannnten Judenthums, gelangen wollen. Jahrzehnte werden dann wohl wieder vergehen, bis das Licht der Aufklärung, der Duldsamkeit, der Toleranz wieder Eingang finden in die Herzen der Menschheit, aber — wir können warten. Wir haben das Warten gelernt. Und dann — wer kann wissen, was im Schoße der Vorsehung verborgen ist — über Nacht kann Erleuchtung und Erlösung kommen. Wir wissen sehr wohl, daß wir die uns gestellte Aufgabe nicht voll und erschöpfend behandelt haben; hiezu ist auch eine Zeitung nicht geeignet, sie kann über den nöthigen Raum nicht verfügen, eine Zeitung kann eine solche vitale Frage nicht austragen. Nur eine Anregung soll unsere diesmalige Besprechung bieten. Jeder Jude, welch Standes und Ranges immer, mag er welch politischer Anschauungen immer sein, mag er noch so hoch oder noch so unbedeutend im socialen Leben stehen, sofern er sich noch Sinn und Herz fiir seinen angestammten Glaubeil bewahrt hat, ist verpflichtet, unsere Anschauung zu Prüfen, zu beherzigen und zu unterstützen. Wohl ist die vielgepriesene Einigkeit der Juden eine längst überwundene Thatsache. Hoffen wir, daß die Aufwerfung der Frage „Confessionelle Schule" uns wieder einigt. Gelingt uns dies, so ist die geringe Mühe, die uns diese Anregung verursachte, reichlich, überreich gelohnt. V e r i t a s. Vom Jahrmarkt des Lebens. Wie der Bürgermeister von Wien spricht. Die Klage eines christlichen Ariers, dem Herr Bürgermeister S t r o b a ch eine Reihe von Titulaturen, wie z. B. „Besoffener Schweinek ..." gab, erregt Staunen. Wir können dieses nicht gut begreifen. Herr S t r o b a ch ist ja erst so kurze Zeit Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt Wien, daß man von ihm absolut nicht verlangen darf, er möge feine ganze Vergangenheit vergessen. Der Mann, von -dem seine gesammte Partei wußte, daß seine Specialität in — sagen wir, unzarten Zwischenrufen liege, von dem es notorisch ist, daß er dem Bürgermeister Prix „Kusch!" zurief, kann eben nicht anders sprechen als er spricht. Es ist daher unseres Erachtens eine Rücksichtslosigkeit ohne Gleichen, von dem Herrn S t r o b a ch der letzten paar Monate zu verlangen, daß er den alten Strobach von Decennien verleugne. Die antisemitischeli Arier Wiens haben in Herrn S t r o b a ch den würdigsten Mann für den Bürgermeisterposten erkannt — nun sollen sie ihn auch haben und sich an seiner lieblichen Ausdrucksweise erfreuen. Verleumdungen. Der Großrabbiner der Türkei nimmt nun auch Stellung zu den Verleumduirgen, welche gegen die s p a g no l i s ch e u Juden in C o n st a n t i n o p e l wegen angeblicher Unterstützung der Türken gegen die Armenier wiederholt erhoben wurden. Es heißt in seiner diesbezüglichen Erklärung: Da in den Tagesblättern von judenfeindlicher Seite die Nachricht verbreitet worden ist, daß die jüdische Einwohnerschaft von Phanali-Haskioi sich an den Verfolgungen und Plünderungen der Armenier betheiligt habe, so kann ich nicht umhin, aufs Bündigste zu versichern, daß diese Mär nur durch den Judenhaß erzeugt worden ist, da gerade umgekehrt viele Hunderte der verfolgten Armenier in Jndenhäuserii Schutz und Zuflucht'gefunden haben. Es liegen Danksagungen von mehr als 200 Personen vor, die mit Namensunterschrift bezeugen, das; sie ihr Leben nur de» Juden zu danken haben. Ich habe sofort eine eingehende Untersuchung eingeleitet, um den Verbreitern jener Lügen auf die Spur zu kommen. Es hat sich dabei nur ergeben, daß einige Juden von den Plündernden zum vollen Preise Gegenstände gekauft haben. Ich Hube darauf durch öffentlichen Anfrus Allen, die dies ge- Nr. 45 than, aufgegeben, die Sachen, obwohl sie bezahlt waren, unverzüglich der Polizei abzuliefern, was denn auch ohne Weigern geschehen ist. Ich bitte, diesen Zeilen Aufnahme in Ihrem Blatte zu gewähren und alle der Wahrheit dienenden Zeitungen davon Notiz zu nehmen. Selbstmordversuch eines Oesterreichers in Hamburg. Vor einigen Tagen hat in Hamburg ein junger Manu Namens Karl I o s e p h y aus Budweis sich durch einen Schuß in die Brust zu tödten versucht. Die „Nene Hamburger Zeitung" berichtet darüber Folgendes: „Karl I o s e p h y ist der Sohn eines höherett Staatsbeamter: in Birdtveis. Er hat eine vorzügliche Bildung genossen und war in der letzten Zeit Schüler des böhmischen Seminars. Hier gerieth der 16jährige unerfahrene Bursche in die Gesellschaft antisemitischer O m l a d in i st e rr, tvas seine Relegation aus dem Seminar zur Folge hatte. Sein Vater sagte sich daraufhin los von ihm und entzog ihm j e d w e d e Unterstützung. So kam der dtlrch den österreichischerr Antisemitismus um seine ganze Zukunft gebrachte Jüngling nach Hamburg, um hier als Heizer auf einem Schiffe Unterkunft zu finden. Dies gelang ihm nicht, da er hierzu viel zu schwächlich gebaut war. So irrte er denn die Tage in Hamburg herum — drei Tage ohne Nahrung und Uirterkunft. Diesem Jammer wollte der Jünger Lueger's, welch Letzterer wohl noch mehr zertrümmerte Existenzerr auf deut Gewissen hat, durch einen Schuß in die Brust ein Ende machen. Nun liegt er in hoffnungslosem Zustande darnieder. Der Vater wurde telegraphisch an das Sterbebett seines Sohnes gerufen." Arischer Wucher in Rustland. Im Jahre 1894 wurde ein Wuchergesetz eingeführt, in dem der Wucher mit Deportation nach Sibirien bestraft wird. Ueber die Wirkung dieses Gesetzes sagt die „Soudebuaya Gazeta", Organ des Jnstizmimsters, Folgendes: . Und was mehr ist, die Erhebungen, welche man über die Anwendung des neuen Gesetzes angestellt hat, beweisen, daß die wegen Wuchers Angeklagten und Berurtheilten nicht immer der jüdischen Confession angehören, sondern der christlichen Kirche. Ja noch mehr, die Berurtheilten gingen meist aus den besseren, bevorrechteten Kreisen hervor. Im Augenblick, wo das neue Gesetz in Kraft trat, hatten die Gerichte nur mit jüdischen Angeklagten zu thun. Dann erschienen Christen in stets wachsender Zahl auf der Bildfläche. Gegenwärtig gehören, wie man festgestellt hat, die wegeu Wuchers angeklagten Individuen zum größten Theil den bevorzugten Classen an, eine Erscheinung, die sehr traurig ist! Natürlich sind in diese Processe auch Juden verwickelt, jedoch in den meisten Fällen nur als Strohmänner der gewerbsmäßigen Wucherer, welche der christlichen Religion angehören." Vom „üblen Duft" des Christenthnms. Bekanntlich weisen die Racenantisemiten den Juden einen eigenthümlichen Geruch zu, den sogenannten toeäor jnäaieu.-!. Daß auch das Christenthum einen solchen hat, ist die neueste Entdeckung der Dühringianer. Im „Mod. Völkergeist" schreibt der Buchhändler S. K u f a h l: „Den Begriff „geistiges Judäerthum" kann ma n sehr weit fassen; denn der U n r a t h, der biher von Judas Geist allen mit ihm in Berührung kommenden Völkern bescheert wurde, ist nicht gering zu veranschlagen; wir wollen uns jedoch mit einer Blüthe, dem Christenihum, begnügen. Deren übler Duft reicht auch aus, einem das Verlangen nach-dem Geruch weiterer Erzeugnisse zu ver- . leiden. Für uns ist das C h r i st e n t h u in nur ein Neujudenthum, das wegen seiner jüdischen Züge, wir erwähnen nur die Heuchelei der Nächsten- und Feindesliebe, mit dem Denken und Fühlen der neuern bessern Völker unvereinbar ist." Mit ganz besonderem Haffe verfolgen die Dühringianer die K a t h o l i k e n. So schreibt S. K u f a h l in demselben Artikel. „Die C e n t r u m s p a r t e i, die eigentlich längst unter dem Gerümpel dieses Mittelalters begraben sein sollte, ist in den Vordergrund der Parteien getreten und macht die Hauptgeschäfte mit der Regierung. Einen kläglicheren Zustand kann man sich eigentlich gar nicht denken, als daß die Regierung des Deutschen Reiches bei ihren Entschlüssen sich ans das Wohlwollen eines internationalen P s a fenth u m s stützen muß. Leider ist es so, und noch manche Blüthen wird dieser Bund zeitigen. Juda läßt es sich natürlich wohl dabei sein: denn das Christenthum, gleichviel ob protestantisch oder katholisch verbrämt, kann den Judäern niemals ernstlich schaden: man braucht da nur einen Blick auf die antisemitischen Vorgänge in Wien zn werfen." - Zur Frage der Raeenreinheit schreibt der berühmte Wiener Ethnologe und Sprachforscher Professor Dr. Friedrich Vr. Vloch's Wochenschrift