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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-06 · 45 (6.11.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 888 Vr. Vloch's Wochenschrift. wir es, ihre eigenen Brüder. Aber unser Tadel verwandelt sich in rühmende Anerkennung, den n u n f e r e mährischen Genossen haben der Welt gezeigt, wie man Böses mit Gutem vergilt, sie haben bewiesen, welcher Selbstlosigkeit und Aufopserung für eine bloße Idee der Jude fähig ist! Das verführerische, aber auch trügerische Lied von den Segnungen des Deutschthums klingt noch immer fort in den Gemüthern unserer mährischen Glaubensgenossen. Mit derselben nationalen Treue, mit der einst unsere Vorfahren sich unter den Trümmern des Tempels von Jerusalem begruben, Hallen die mährischen Juden bei der deutschliberalen Partei aus, gleichviel ob diese dem Untergang geweihte Partei sie mit sich in den Abgrund reißt. „Besser unklug als untreu!" rief einst der verblichene Führer der liberalen Partei, Dr. Herb st, aus. Die Liberalen haben sich an diesem Wahlspruch nicht gehalten, die Juden aber haben ihn befolgt bis auf den heutigen Tag. Sie sind die mährischen Idealisten in dieser Zeit des nacktesten Egoismus und Realismus! Der Antisemitismus und die ronfrsstonelle Schule. V. Was hat die interconfessionelle Schule in humanitärer Richtung geleistet? Beantworten wir die Frage vorerst mit einer interessanten Episode aus halbvergangener Zeit. Es war im Jahre 1873. Conrad von Eybesfeld war dazumal Statthalter von Niederösterreich. Einer der eifrigsten Anhänger der liberalen Partei, hätte er sich wohl sehr dagegen verwahrt, wenn ihm Jemand zugemuthet hätte, daß er wenige Jahre später seinen Liberalismus verleugnen und die Schulnovelle im österreichischen Reichsrathe als Gesetzesvorlage einbriugen werde. Im Jahre 1873 ging aber der Mann noch mit Hasner, G i s k r a, Herbst und da kam er auf die schöne Idee, in Wien einen Central-Humanitätsverein zu gründen, in welchen! alle die unzähligen Wohlsahrts- und Wohlthätigkeitsvereine centralisirt werden sollten. Sämmtliche Obmänner und Präsidentinnen aller Vereine, ohne Rücksicht auf die Confession, wurden zu einer Berathung geladen. Die Idee fand bei den vollzählig Erschienenen lebhaften Beifall, die meisten der geladenen Gäste gaben steudigst ihre Zustimmung. Da meldete sich Frau Paula Frankl von Hochwart s. A. als Präsidentin des israelitischen Mädchen-Unterstützungsvereines zum Worte. Sie sprach folgendermaßen: „Ich erlaube mir hiemit" — wir citiren wörtlich — „als Präsidentin des israelitischen Mädchen-Unterstützungsvereines die Erklärung abzugebeu, daß unser Verein die Centralisation aller Wiener Wohlfahrtseinrichtungen und Humanitätsvereine aus das Freudigste und Lebhafteste begrüßt. Unser Verein ist auch bereit, mit seinem bedeutenden Capitale und seinem ganzen Einflüsse sich deni Centralverbande anzuschließen. Nur möchten wir uns von Sr. Excellenz dem Herrn Vorsitzenden die Garantie erbitten, daß in aller Zukunft, auch wenn einst die politischen Constellationen in Oesterreich sich ändern sollten, die Handhabung und Leitung dieses Centralverbandes in derselben Weise geübt werde, wie wir es Alle heute in den Tagen des liberalen Regimes zu erwarten berechtigt sind. Jnsolange hiefür die ausreichendsten Garantien fehlen, können und werden wir uns dem Centralverbande — ich spreche selbstverständlich von dem durch meine Wenigkeit vertretenen Verein — nie und nimmer anschließen." Diesen — wir können heute wohl sagen prophetischen — Worten folgte lautlose Stille. Keiner der anwesenden Vertreter — es waren meist jüdische Humanitätsvereine — wollte mehr mrbeißen. Die schöne Idee des Statthalters zerschlug sich, dank der klugen Ueberlegenheit der geistreichen Frau, und wenn heute noch jüdische Humanitätsinstitute zu Gunsten jüdischer Armen und Bedrängten wirken können, so ist dies in erster Linie der weisen Vorsicht jener Dame zu verdanken. Nr. 45 Daß die Inden in erfreulicher Weise Wohlthätigkeit üben, daß sie stets eine offene Hand dem Elende entgegenbringen, ist allgemein bekannt, aber ebenso sicher ist es, daß die jüdischen reichen Wohlthätigkeitsacte in den letzten fünfundzwanzig Jahren für die jüdischen Armen und Nothleidenden von sehr geringem oder besser von gar keinem praktischen Werth sind. Die Juden haben zwar Millionen fiir humanitäre Zwecke geleistet, aber immer mit dem Zusatz: „ohne Unterschied der Confession". Die P. T. Herren und Damen, welche die Spenden verwalten, haben aber selten etwas für die Armen der jüdischen Confession verabfolgt. Dem gegenüber ist es eine feststehende Regel, daß arische Stiftungen stets nur für christliche Bewerber zu haben sind. Siehe Fall „Meißl"! Dieser liberale Gemeinderath, den die Juden auf's Schild erhoben, hat sein bedeutendes Vermögen ausschließlich christlichen Stiftungen gewidmet. Wie merkwürdig der Ausdruck „ohne Unterschied der Confession" gedeutet wird, sehen wir beispielsweise bei den Singe r'scheu Stiftungen. Noch nie hat ein jüdischer Lehrer oder ein jüdisches Kind eine solche Stiftung bezogen. Erst ini heurigen Jahre bekam zum ersteil Male eine jüdische Lehrerin ein Reisestipendium. Freilich mußte erst die „Oesterreichische Wochenschrift" eine diesbezügliche scharfe Kritik üben. Dann erinnerten sich die betreffenden Factoren, daß der Jude „Singer" durchaus die Juden nicht vom Bezüge seiner Stiftungen ausschließen wollte. Am traurigsten sieht es mit den Stiftungen und Unterstützungen für unsere jüdische Schuljugend aus. Zur Unterstützung „ohne Unterschied der Confession", zur Gründung militärischer Wohlfahrtseinrichtungen zu den diversen Sammlungen in der Tagespresse widmen unsere wohlhabenden Juden Hunderttausende. Daun und wann fällt wohl ein Krümmchen für ein fpeciell jüdisches Humanitätsinstitut ab. Und doch sollte man glauben, daß das Hemd Jedem näher liege als der Rock. Seht nur unsere armen jüdischen Kinder an! Die bleichen, blutarmen, halbverhungerten Gestalten; seht die schwergekränkten Männer und Frauen, die von früh Morgens bis spät Abends sich mühen und sorgen müssen, um nur nicht mit ihren Kindern verhungern zu müssen; geht hin, seht, wie die Armen liegen, wohin sie Nachts ihr schwermüdes, krankes Haupt legen; seht Euch doch an, die arme, jüdische Schuljugend, wenn sie bei dem nassen Novemberwetter barfuß und halbnackt die Schulzimmer verläßt; geht, seht euch das Alles an und opfert weiter reichlich, recht reichlich zunl Zwecke: „ohne Unterschied der Confession"! Welchen Dank die Juden für ihr humanitäres Wirken ernten, soll durch einige Beispiele illustrirt werden. Faßt da ein gemeinnütziger Verein — die Mitglieder sind nur Juden — den entsetzlichen Beschluß, in der Brigittenau einen Kinderhort zu gründen, d. h. die arme Schuljugend, ohne Unterschied der Confession, soll tagsüber unter pädagogischer Aufsicht gestellt und für ihre leibliche und geistige Nahrung gesorgt werden, während die armen Eltern unbesorgt ihrem Tagewerk nachgehen können. Der Verein findet ein passendes Local in der Wallensteiustraße, und der Hausherr ist gerne bereit, dies um den jährlichen Miethzins per 800 fl. herzugeben, aber „a Judenpankert darf mir nit eini", setzt er stolz hinzu. Der Verein ließ den Plan der Errichtung eines „Kinderhort" in der Brigittenau fallen; wie wir hören, wollen die Antisemiten der Brigittenau ein derartiges rein arisches Institut errichten, sie warten nur noch auf das jüdische Geld. Wir zweifeln nicht, daß sie am Ende solches erhalten. Frau Charlotte F r i s ch a u e r ist Lehrerin an der städtischen Mädchenschule in der Pfarrgasse. Sie ist wohl nur eine Jüdin, sie hat aber ein warmfühlendes Herz für ihre christlichen armen Schülerinnen. Sie entschließt sich, diesen Armen der Aermsten helfend beizuspringen und gründet einen Verein zur Erhaltung eines Mädchenhort. Nach unsäglicher Mühe gelingt es der wackeren Frau, an 2000 fl. — ausschließlich bei Juden — zusammenzubetteln. Das Mädchenhort wird errichtet und segensreich wirkt Frau F r i s ch a u e r im Vereine edler jüdischer Frauen zum Wohle christlicher und jüdischer Kinder. Nun geht hin, stagt die wackere Frau, die jede freie Stunde, ganze Nächte im Interesse des Institutes wirkt, welchen Dank sie von arischen Lehrpersonen, von den Schulbehörden schon erlebt hat! Es sollte uns wundern, wenn ihr diese arische Dankbarkeit nicht bald jede Humanitäts-„Duselei" verleiden würde.

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