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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-11-06 · 45 (6.11.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
45 (6.11.1896)
Date
1896-11-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 887 versumpft, daß es auf der Höhe kultureller Bildung und Entwicklung steht und als leuchtendes Beispiel den Anderen dienen nröge. Ich habe bereits berührt, daß uns äußere Feinde umgeben. Der Haman in Wien vermaß sich vor einigen Tagen zu der kühnen Aeußerung, er habe die Juden vernichtet; ein Mann der einst die Aeußerung that, mau müsse bei Pfändungen den Leuten das Beuschel heransreißen, der Muttergottesbilder pfändete, der Dettunciatttett mit Medaillen auszeichnet, der wagt es zu behaupten, daß er die Anhänger unseres heiligen Glaubens vernichtet habe. Es ist wahr, es ist ihm gelungen, die Bevölkerung Wiens und Niederösterreichs aufzuhetzen, es ist ihm gelungen, den Racenkampf zu entfesseln, und unwillkürlich muß man an die Worte des Dichterfürsten denken: „Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage, weh' Dir, daß Du ein Enkel bist; vom Rechte, das mit uns geboren, von dem ist leider nie die Frage." Ein glänzendes Gegenbild hiezu bildet die einstimmige Wahl eines Glaubensgenossen zum Oberbürgermeister von London, bildet die andere Reichshälfie, bildet Ungarn, wo eben ein Glaubensgenosse von uns in der Wahlschlacht den Führer der gegnerischen Partei, Ugron, auf das Haupt geschlagen, wo der liberale Gedanke mit geradezu überwältigender Kraft aus allen Gauen und Städten des Landes sein mächtiges Wort durch die Wahlzettel gesprochen. Wir schreiten an die Erfüllung unserer Aufgabe im Vertrauen auf Gott und unseren erhabenen, alle Völker mit gleicher Liebe umspannenden Monarchen. Es wird die erste Aufgabe des Gemeindebundes sein, eine der fteudigsten Ausgaben, gemeinsam mit der Prager Repräsentanz und mit der Repräsentanz der Landesjudenschaft die würdige Feier des 50jährigen Jubiläums unseres geliebten Kaisers zu berathen. Möge die Thütigkeit des Gemeindebundes eine gesegnete, eine fruchtbringende sein. Ich will schließen mit den Worten der Bibel: „Du wirst herumtappen am Hellen Mittag wie der Blinde in der Finsterniß"; der weise Rabbi Jose bemerkt hiezu; der Blinde in der Finsterniß und am Mittag, was für einen Unterschied macht es, ob Helle oder Finsterniß herrscht für den Blinden und da bemerkt er, daß er eines Tages einen Blinden mit einer Fackel sah und da den Spruch verstand. Die Fackel des Blinden verursacht, daß man ihn sehe, daß man ihn bewahren kann davor, zu straucheln und in den Abgrund zu stürzen, und wenn wir auch in mancher Beziehung noch nicht sehend sind und wenn Vieles bei uns zu verbessern und zu entwickeln ist, so sollen uns Fackeln umgeben, die Fackel des Patriotismu s, des M a n n e sm u t h e s, der Bildung, der S i t t e n r e i n h e i t und der W o h l t h ä 1 i g k e i t, die uns schützen gegen jeden Angriff, von Außen, gegen feigen Verrath von Innen. Und so erkläre ich denn den Gemeindebund der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens coustituirt. Möge er blühen und gedeihen." (Lebhafter, andauernder Beifall.) Ueber Antrag des Herrn Dr. Willner aus Teplitz wurde sodann beschlossen, ein R e ch t s s ch u tz b u r e a u zur unentgeltlichen Vertretung gegen antisemitische Uebergriffe ins Leben zu rufen und überdies die Cultusgemeinden Böhmens einzuladen, sich bei allen Streitigkeiten der Gemeinden untereinander dem Schiedsgerichte des Gemeindebundes zu unterwerfen. — Eine Reihe weiterer Altregungen wurde an den zu wählenden Ausschuß geleitet. Gewählt wurden in den Ausschuß die Herren: Ignatz Robitschek in Beraun, Dr. Oesterreicher in Leipa, Ignatz Kallberg in Carolinenthal, Dr. Moritz Lichtenstern für Kladno, Dr. Josef Podvinec in Kolin, Herr Josef Spitz in Pisek, Dr. Arnold Rosenbacher in Prag, Dr. Ludwig Bendiener in Prag, Dr. Friedrich Duschenes in Prag, Dr. Salomon Freund in Prag, H. Adolf Braun in Randnitz a. E., Heinrich Längstem in Reichenberg, Rildolf Grab in Smichow, Dr. Friedrich Gutinan in Tabor, Dr. Oscar Willner in Teplitz, Dr. Alfred Hamburger in Weinberge, Herr Weiß in Zizkow und Dr. Rudolf Duschner in Pilsen; — zu Schiedsrichtern die Herren: Hofrath Professor Dr. Zucker in Prag, Dr. Josef Zalud in Prag, Dr. Heinrich Rosenbaum in Prag, Dr. Siegmund Schneider in Prag, S. Kohn in Prag, Dr. Josef Spitz in Brüx, Leopold Mohr in Falkenau, A. Beck in Jungbnnzlau, V onas Bergmann in Neubydzow und Dr. Anspach in Saaz; — zu Revisoren die Herren: Arnold Turnau, Philipp Falkowicz lind Josef Bnnzl in Prag. Jüdischer Idealismus. Zu d? n mährischen L n >r d t a g s w ah l e n. Wieder einmal haben unsere Glaubensgenossen das höchste Maß von Hingebung, Opferfähigkeit und Selbstverleugnung geübt, wieder einmal haben sie bewiesen, daß jener Egoismus, jene Schlauheit und Hinterlist, jene Rücksicht auf ihren persönlichen Vortheil, die ihnen von den Antisemiten im Erwerbs- und Gesellschaftsleben zum Vorwurf gemacht werden, ihnen zumindest auf politischem Gebiete nicht eigen find und daß mancher biedere Arier sie in diesem Punkte übertrifft. Die mährischen Städtewahlen sind zu Gunsten der „Deutschliberaleu" und „Deutschvolklichen" ausgefallen. Der Besitzstand der Deutschen in Mähren ist erhalten geblieben. Das war nur möglich durch die unbedingte Gefolgschaft der jüdischen Wähler, deren Recht es diesmal gewesen wäre, den mit den Deutschvolklichen verbündeten Liberalen die Freundschaft zu kündigen. Mau weiß, was diesen Wahlen vorausgegangen ist, man weiß, daß die liberale Partei zur Erhaltung ihrer Mandate ein Compromiß mit den deutschnationalen Antisemiten geschlossen hat und daß auf solche Weise den jüdischen Wählern die unerhörte Zumuthung gestellt wurde, für ihre geschworenen Feinde zu stimmen. Als dieses Compromiß bekannt wurde, ging ein Schrei der Entrüstung durch die Reihen unserer mährischen Glaubensgenossen. Sollte das der Lohn für die treuen, unschätzbaren Dienste sein, welche gerade sie durch drei Jahrzehnte der liberalen Partei geleistet hatten? Immer und immer wieder haben die Juden in den gemischtsprachigen. Ländern für das Deutschthum ihre eigene Haut zu Markte getragen, obwohl der Antisemitismus ein specisisch deutsches Gewächs ist und die traditionelle Behauptung Lügerr straft, daß Deutschthum und Cultur identische Begriffe sind. Jenes Compromiß war ein Faustschlag gegen die erprobtesten Anhänger der deutschliberalen Partei, war ein beispielloser Undank gegen die jüdischen Wähler. Eine tiefe Erregung bemächtigte sich der letzteren, und diese Erregung griff über auf unsere Glaubensgenossen in der Reichshauptstadt. Hier, wo der nationale Kampf nicht den freien Ausblick verlegt und wo man der idealen Schwärmerei für die Macht des deutschen „Cultur- Volkes" noch nicht die Liebe zur Freiheit und Gerechtigkeit geopfert hatte, hier besaß man ein klares Urtheil über die Sünde, welche in der langen Flucht der Jahre die liberale Partei gegen das Princip der coufessionellen Gleichberechtigung begangen hatte. Unter der Wiener jüdischen Wählerschaft gührte es schon seit Langem, man wußte, was in der Coalitionsära geschehen war, man hatte das Hausirgesetz, das Ratengesetz und die Concursausschreibungen für öffentliche Stellen, in denen die Beibringung des Taufscheines gefordert wurde, in guter Erinnerung. Hervorragende Männer der Wiener Judenschaft hatten es längst erkannt, daß die jüdische Wählerschaft am letzten Ende nur als Jünger des confessionell unduldsamen Deutschthums diente. Und voll diesem Gesichtspunkte aus ergingen von Wien aus Rathschläge an unsere mährischen Glaubensgenossen. Wir selbst riefen ihnen in unserem Blatte zu wiederholten Malen zu: Bis hieher und nicht weiter! Die Oesterreichisch-Jsraelitische Union leitete eine Activll ein, welche auf die Abwehr der jüdischen Wähler in Mähren von den mit dem Antisemitismus coalirten Deutsch liberalen abzielte. Die Rathschlüge waren wohl erwogen und kein einsichtiger und billig denkender Mensch hätte es unseren mährischen Glaubensgenossen verübeln können, wenn sie dieselben befolgt und nicht das beispiellose Martyrium auf sich genommen hätten, ihre Stimmen für ein judeufeindliches Wahlbündniß abzugeben. Dennoch haben sie sich in letzter Stunde dazu entschlossen, dennoch stand ihnen die ideale Forderung der politischen Treue höher als das eigene Interesse! Wenn Jemand Ursache hatte, sie darob zu tadeln, daun wären

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