Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 45 (6.11.1896)
- Date
- 1896-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 886 Dr. Vlortz's Wochenschrift. Nr. 45 Die Neugierde nach der Person des Teufels war wohlbegründet und leicht verständlich. Aber diese Neugierde blieb unbefriedigt. Selten hat eine clericale Action solch' traurige Blamage nach sich gezogen, wie die Enthüllungen der Miß B a u g h a n. Die seltsame Jungfrau wurde arg bezweifelt, der Geist d s Unglaubens und der Skepticismus rauschte sogar durch den clericalen Blätterwald und der Trientiner Antifreimauer-Cougreß suchte die ganze Geschichte von sich abzuschütteln. Ein Sündenbvck wurde gesucht und auch gesunden. Ein frommes, geduldiges Schaf avancirte zum Sitzredaeteur des Vitruschwindels, der wahre Autor hüllte sich in Anonymität. I-Lnäubiliter 86 ubjeeit! K ü n z l e nämlich, der brave Pfarrer K ü n z l e, der „verantwortliche Redacteur" Bitru's, der von dem Geschwornengericht der gesammten gebildeten Welr zu lebenslänglichem Spott und Hohn verurtheilt wurde und übrigens von der Feldkircher Verlagshandlung, bei der er bediiVstet war, den Abschied erhielt. Hoffentlich ist K ü n z l e entschädigt worden, hoffentlich blieb feine Opserwilligkeil nicht unbelohnt, hoffentlich siel zum Dank für die Discretion dieser elericalen Kammerzofe ein angemessenes Douceur ab. Knn zle ging und die Clericalen hielten sich mäuschenstill. Die See hat ja ihr Opfer. Jetzt kann man schweigen und die gelegenere Zeit abwarten, um die Bitru-Attaque zu wiederholen. Unser Künste ist ja selber dupirt worden, er hat sich eben durch einen Anonymus täuschen lassen. Das kann Jedem passiren. Wer mag nur der „Dr. Michael Gcrmanus" gewesen sein, jener treffliche Mann, der Bitru popularisirt, eine Broschüre herausgegeben und ihr den spannenden Titel beigelegt hat: „Die Geheimnisse der Hölle, oder: Miß Diana Vaughan, ihre Belehrung und ihre Enthüllungen über die Freimaurerei, den Culrus und die Erscheinungen des Teufels in den palladistischen Triangeln." Wir Clericale sind aber nicht neugierig. Was uns nicht brennt, das macht uns nicht heiß. Vielleicht war dieser Germanus gar ein verkappter Teufel, ein jüdischer Freimaurer, der Kiinzle und die ganze fromme Bruderschaft grundlos hineinfallen lassen wollte. Schwamm drüber. Nun, wir sind an diese Parole nicht gebunden. Wir sind großmnthig genug, den frommen Mitgliedern des modernen Tridentiner Concil etwas Näheres über die Werke des Teufels zu erzählen. Hier liegt sie vor uns — „die große N e u i g k e i t"- „D i e große Neuigkeit..." Wir brauchen nur die Hand auszustrecken und in den Bibliothekskasten zu greifen. „D i e g r o ß e Neuigkeit" wird auch in der antisemitischen Stadtbibliothek der Sirobachs und Luegers nicht fehlen dürfen, sie ist Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute: Die große Neuigkeit oder Das Geheim niß von Salette veröffentlicht von Msgr. Graf v. Zola, Bischof von S e c c e und U g e n 1 o, verdeutscht und erläutert von Canonicus Professor Dr. August Rohling. (Zweite ergänzte Auflage, Jglau 1696.) Hier ist die Geburt der Großmutter des Antichrist für den 29. September 1896 längst vorher angekündigt und Rohling ist der geistige Urheber des großen Bitruschwindels. Was Herr Rohling ist, das bedeutet freilich für keinen ausrändigen Menschen eine — große Neuigkeit. Was die Eide des Canonicus werth sind, was auf seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu geben ist, das ist eine alte, eine uralte Geschichte. Aber der Zusammenhang zwischen Bitru und Rohling 'st wirklich eine prächtige Nepsgkk>'t,. Unsere Antisem^roveu nedqhrx Bildungsfreundlichkeit noch so geschickt mit Fei^rueüt ,^^deÄen, schließlich kommt Einer, der reiß^ das ®c8 «nd weist der Oeffentlichkeit die cyuisch grinsende R . .«g fratze. Derganze B i trus-ch w i nd e l ist ein Werk des pertü Rohling, der es nunmehr freilich überaus bequem findet, die Vaterschaft abzuleugnen und einen Herrn K ü n z l e vorzuschieben. Die B i 1 r u l ü g e reiht sich dem Ritualmordschwindel würdig zur Seite. In der Antisemitengemeinde darf man dem Rohling das Schächtmesser nicht neiden. Er versteht es zu schwingen gegen Bildung und Wissen, gegen Aufklärung und Wahrheit. Es gibt wirklich noch unverschämtere Teufel, als den armen Teufel Bitru. Gemeindebund drr israelitischen Culkusgemeinden in Böhmen. Sonntag am 1. November hat in Prag die constituirende Versammlung des Gemeindebundes der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens stattgefunden. Die Nvthwendigkeit eines solchen Verbandes wurde seit Langem allgemein empfunden und die Urheber und Einberufer der Versammlung, welche den Gemeindebtind constituirte, haberr sich zweifellos ein hohes Verdienst um die gesammte böhmische Judenschaft erworben, lieber den Verlauf der Sitzung wird uns gemeldet. Nachdenr die Versammlung die Absendnng eines Huldiguugstelegrammes an Se. Majestät den Kaiser beschlossen hatte, begrüßte der Vorsitzende Herr Dr. Bendiener die erschienenen Vertreter von 30 Gemeinden Böhmens mit nachstehender Rede: „Meine geehrten Herren! Jir Vertretung des Herrn Dr. R o s e n b a ch e r, der dringend verreisen mußte, gestatten Sie mir, ehe wir an die Berathung des Programms schreiten, einige Worte vorauszuschicken. Unser Gemeindebund der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens ist die erste Vereinigung, welche nicht allein die Landgemeinden, sondern auch die Gemeinde Prag verbindet und nach seinen Statuten ein, einen weiten Gesichtskreis umfassendes Terrain umschlingen soll. Es ist ein Charakteristikon der jüdischen Gemeinden, daß sie stets autonom waren; nur in jenen Staaten, wo die jüdischen Gemeinden gezwungen waren, eine Oberbehörde zu bilden, wie in Frankreich, Italien, Holland, wo der Staat die Kosten des Cultus trägt, unterstehen sie Consistorien; wo aber ein solcher gesetzlicher Zwang nicht besteht, huldigen die Inden dem Grundsatz der Bibel: „Ihr seid nur Gottes Knechte", und regelt jede Gemeinde ihre Angelegeirheiten autonom. Nichtsdestoweniger kennt die Geschichte der Juden freiwillige Vereinigungen, theils vorübergehende, theils dauernde. v Dahin gehörte zum Beispiel die berühmte historische Bereinigung der rheinischen Gemeinden unter Führung des Schum, das ist der drei hervorragenden Gemeinden Speier, Worms und Mainz, deren Statuten und Beschlüsse für ganz West- und Mitteleuropa maßgebend waren. Dahin gehören die polnischen Gemeinde-Congresse der sogenannten 4 Provinzen, die durch Jahrhunderte stattfanden, und dahin gehört in neuerer Zeit der mächtige, einflußreiche deutsch-israelitische Gemeindebund. Diese freiwilligen Bereinigungen fanden in den Fällen drohender Gefahren statt, sogenannter Geseros. > Auch die heutige Zeit ist eine solche Zeit von Gefahren; es sind zwei gewaltige Gegner, die uns bedrohen, deren Schlangenzungen gierig und lauernd an uns heranlecken. Das ist von Außen, der Antisemitismus, von Innen der Glaubensabfall, der Jndifferentisnms. Wir haben nun diesen Gemeindebund in's Leben gerufen, unsere Aufgabe ist zwar eine große, aber keine abenteuerliche, sowie es im 5. Buch Moses heißt: „daß die Thora nicht basotiuwann und nicht deevar liajam", daß sie nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres ist, d. h. wir streben nicht an, daß die jüdische Religion die Weltreligion sei, d. i. etwas, was in Gottes Händen ist, aber auch nicht Keeper bajam, nicht den jüdischen Staat jenseits des Meeres, sondern wir halten fest am Vaterlande, wir halten fest an der Scholle, in der wir gleichberechtigt sind, in der wir uns als Bürger ebenbürtig allen anderen Staatsm Ämtern fühlen und unsere Rechte zu vertreten wissen. Wir haben in den Statuten eilt weitgestecktes Programm, wollen wir diesem gerecht werden, so erheischt es Opferwilligkeit, erheischt es die Aufbietung aller Kraft, erheischt es das Eintreten mit Leib und Seele. Ich weise auf Absatz 4, 7, 8 und 9 des § 1. Das öffentliche Leben gleicht einem Strome, welcher, wie ein berühmter Schriftsteller sagt, in fortgehender Bewegung herrlich ist, wenn der Strom aber steht, zu Eis oder Sumpf wird, erstarrt oder verfault. Das Judenthum unserer Zeit erheischt, daß es nicht