Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021160--06126-3030394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 876 Dr. Vloch's WochenrchrM. Nr. 44 Sonderbares Christenthum. Der Abt von Fromesta, mit Namen F r a y Diego d e H a e d s, hat im 16. Jahrhundert eine Beschreibung Algiers veröffentlicht und namentlich die Mauren, die aus Spanien geflohen waren, hart mitgenommen, weil sie sich nicht taufen lassen wollten. Er schreibt über die Araber Algiers: „Nur in einem Punkte sind sie freigebig; nämlich, wenn es sich darum handelt, einen Christen lebendig verbrennen zu lassen, um den Tod eines Renegaten oder Moslems zu rächen, der in Spanien auf Befehl des heiligen Osiiciums (der Inquisition) den Feuertod erlitten hat, was allerdings oft vorgckommen ist. Dann laufen sie durch alle Straßen, sammeln rechts und links Geld, und Jedermann beeilt sich, zu dem frommen Werk beizusteuern, damit man nämlich einen Christeufclaven ankaufen könne, um ihn den Flammen zu übergeben. Am liebsten kaufen sie zu diesem Zwecke einen in Sklaverei gerochenen christlichen Priester oder Mönch, denn ihr Haß gegen unfern heiligen Stand ist unbändig.'' Der bekannte Reisende Heinrich Freiherr von M a l tz a n gibt zu dieser Stelle folgende treffende Erläuterung (f. Globus 1873, Band 24, Seite 185): „Man kann nicht umhin zu schaudern über diese cynische Naivetät des Paters. Er findet es ganz in der Ordnung, daß das heilige Osiicium jährlich Tausende von sogenannten Marranen (so nannte man die gewaltsam bekehrten Araber und Juden Spaniens, die im Geheimen noch ihrem früheren Glauben anhingen) und Renegaten (die meistentheils auch nur widerwillig bekehrte, später nach Afrika geflüchtete und dort zum Islam zurückgekehrte Morisken waren) verbrennen ließ; aber wenn als Blutrache hierfür die Araber auch einmal einen Christen verbrannten, so muß dies natürlich von ganz anderem Standpunkte, und zwar als das schwärzeste Verbrechen betrachtet werden, während die Grausamkeiten des heiligen Osiiciums fromme Werke sind! Dennoch kamen solche Schandthaten von Seiten der Araber nur sehr selten vor; das heilige Officium überflügelte sie darin ganz entschieden." Die Heiligkeit der Ehe und die..Reichspoft". Die christlich-sociale „Reichspost" der Pater G e ß m a n n und Opitz, die die Socialdemokraten alle Augenblicke verdächtigt, daß sie die Ehe und die Familie zerstören, achtet selbst die Heiligkeit der Ehe sehr hoch. Wenigstens geht dies ans einem Inserat hervor, das ebensogut in einem jüdischen Gummi- und Fischblasenblatte stehen könnte. Das Inserat, das die „heilige Ehe" zu einem Geschäfte stempelt, lautet: Cavaliers-Heirat. Katholischer, strengreligiöser, feingeb. Herr in den Dreißigerjahren, schön, sehr solid, in hervorragender kath.-soc. Stellung, wünscht katholische Dame mit großem Vermögen, welches gesichert bleiben kann, zu heiraten. Nur ehrliche Briefe direct an Freiherrn Felix v. H. B. per Adresse Henek, Theresienstraße 3, München. Wenn jetzt die „Reichspost" nicht den Beweis erbracht hat, daß die Ehe eines katholischen Cavaliers mit einer katholischen Dame-mit großem Vermögen, die er, wie sonst ein verkrachter „Edelmann", durch die Zeitung kennen und „lieben" lernt, heilig ist, dann gelingt ihr der Beweis nicht mehr. („ Arbeiter-Zeitung.") Antisemitische Töne. In einer Wählerversammlung in Waid Hofen a. d. Ubbs, in welcher der Abgeordnete I a x Sonntag Nachmittags seinen Rechenschaftsbericht erstattete, kam es zu einem heftigen Zusammenstöße zwischen diesem Abgeordneten und seinen zahlreichen Gegnern. Der Abgeordnete I a r hatte sich seinen Freund G r e g o r i g ' aus Wien mitgebracht, welcher die üblichen Schimpfreden zum Besten gab. Aus der Mitte der Versammlung erhob sich jedoch ein Kaufmann Namens Neichenp fader, welcher gegen Jax die Beschuldigung erhob, daß er ihn durch eine Deuunciation um die Officierscharge gebracht habe. Der Aufforderung, sich darüber zu äußern, wich der Abgeordnete Jax aus. Und als Einer aus der Versammlung hiebei ven Zwischenruf machte -„Nur a u ß a mit die tiefen Tön'!" — was bei den Umstehenden allerdings lebhafte Heiterkeit erregte, da bekanntlich Herr Jax immer im tiefsten Baß spricht — schrie Herr Jax dem Zwischenrufer — es war der Hofzahnarzt Dr. Thomas aus Wien — zu, es sei eine Heuchelei, daß dieser Herr, der zu einem Jesuiten beichten gehe, sich mit den Liberalen zusammensetze. Diese Aeußerung erbitterte den Zwischenrufer wieder derart, daß er dem Abgeordneten Jax die kräftigsten Antworten gab, indem er es als geradezu unerhört bezeichnete, daß ein Christlich-Socialer, der mit dem Rosenkranz klappere, um politische Geschäfte zu machen, einem Anderen dessen Religiosität vorwerfe. Dr. Thomas verlangte von dem Abgeordneten Jax Genugthuuug für die ihm angethaneBeleidigung,und da sich Herr Jax nicht rührte, spuckte er demselben in h ö ch st e r Erreg u n g i n's G e s i ch t und rief: „Ich habe Sie angespuckt, Herr Jax, und ich erwarte, was Sie darauf thun werden!" Nebenbei bemerkt, ist Dr. Thomas durchaus kein Liberaler, und man muß wirklich über die Kampfmethvde staunen, welche es einem „Christlich- Socialen" gestattet, sich über die Beichte dermaßen zu äußern und sie gewissermaßen als Agitationsittstrument zu eigenen Wahlzwecken zu mißbrauchen. Der ehrwürdige Pater jIgnatius in London hielt einen Vortrag in dem B'nei Zion-Verein (B'nei Zion- Association). Herbert Bentwitsch führte den Vorsitz. Er wies auf den Tod des Erzbischofs von Canterbury hin, den alle Juden Englands tief beklagten und bat die Anwesenden, sich zum Zeichen ihrer Sympathie von ihren Sitzen zu erheben. Nachdem beschlossen wurde, der trauenden Witwe Dr. Benson's das Beileid auszudrücken, erhob sich Pater Ignatius, enthusiastisch begrüßt, um seinen Vortrag „Was die Welt den Juden verdankt" (The World’s Debt to the Jews) zu halten, welchem wir nur das Wichtigste entnehmen. Selbst Christ, schäme er sich im tiefsten Herzen, daß eine Bewegung wie der Antisemitismus unter christlichen Nationen existire. Die gegenwärtige Lage der Juden ist ein Schandfleck der Civilisation. Das jüdische Geschlecht ist das größte ethnographische Phänomen in der modernen Geschichte. Kein anderes Volk nimmt eine Stellung ein, die so einzig ist in ihrer Art. Als Kind war er von diesem Gedanken stets so erfüllt, daß er selbst an einem jüdischen Hausirer ine vorüber gehen konnte, ohne den Hut vor ihm zu ziehen. Die Juden sind und bleiben die Könige der Menschenliebe. Die Chovevi-Zion Association scheine ihm den ersten Finger zu erheben, der auf die glorreiche Zeit Hinweise, da den Juden zurückerstattet werden soll, was ihnen gehört. Wo gibt es eine Literatur, die eine so moralische, bildende und gleichzeitig befreiende Macht über die Herzen und Gemüther ausübt wie die jüdische! Das Schriftthum, die Geschichte, die bloße Existenz der Juden beweist die Existenz Gottes. Die Kenntniß von einem Jenseits, jeder einzige Gedanke, der zur Reinheit führte, die Ideen der Freiheit, der Brüderlichkeit und des Friedens — sie alle sind der nichtjüdischen Welt durch das jüdische Volk vermittelt worden. All' das verdankt die Welt den Juden. Sie sind es, die die Welt mit Licht erfüllt haben, und wo immer die Kenntniß von dem Gotte Israels verbreitet ist, dort muß die Dunkelheit schwinden und das Licht Zion's sich unter die Völker verbreiten. Es ist höchste Zeit, daß die Welt sich der Dankesschuld gegen die Juden erinnere. Bevor dies aber geschieht, war es nöthia, in den Juden das Bewußtsein ihrer Würde wachzurufen. Es war nöthig, den nationalen Gedanken und den nationalen Ehrgeiz im Herzen Jsrael's zu erwecken, Warum sollte eine so mächtige und iutelligeute Race sich damit zufrieden geben, heimatlos zu bleiben, zu einer Zeit, da alle Umstände sich vereinigen, ihnen zu einer Heimat zu verhelfen? Die jüdische Aristokratie, welche von der Verfolgung niemals betroffen wird und die Leiden nicht theilt, von denen die große Masse ihrer Brüder betroffen wird, würde den Vorwurf der Feigheit verdienen, wenn sie sich nicht an die Spitze dieser nationalen Bewegung stellte. Es ist von mancher Seite der Vorschlag gemacht worden, Ländereien in Amerika zu erwerben und so ein neues Judäa zu begründen. Dann aber ist Eines gewiß: die Thorarolle bliebe im Exile zurück. Es gibt nur eine Heimat für die Juden und das ist Palästina, welches die Heimat von Israels Propheten und Heroen, seinen Königen, Dichtern und Gesetzgebern war. In einer Zeit, da alle Mächte sich so intensiv mit der orientalischen Frage befassen, da ist es mit ein Theil der Lösung des Problems, Palästina den Juden zurückznerstatten. Und wenn es die Mächte nicht thun, dann ist es Sache der Reichen und Vornehmen in Israel, das Land durch Kauf zu erwerben. Ohne Schwertstreich müßte ein moderner Josua den Einzug in das heilige Land vollbringen. Freilich werden sich viele Schwierigkeiten ergeben und jeder denkbare und undenkbare Widerstand ist von vielen Seiten zu erwarten. Die Pionniere der Bewegung werden als Fanatiker gebrandmarkt werden, aber es ist noch nie ein großes Werk zum Heile der Menschheit ohne Fanatismus zu Stande gekommen. Die nationale Bewegung ist jetzt eine Wirklichkeit, eine concrete Thatsache geworden. Wir haben es nicht mit einer krampfhaften Zuckung der Volksseele zu thun, sondern mit einer Bewegung, welche von tüchtigen Händen mit fast geschäftsmäßigem Geschick geleitet wird.