Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 875 dem Katecheten F o l t i it ein Rencontre hatte, wurde von Letzterem eine Ehrenbeleidignngsklage eingebracht und Herr Kraus stand vorige Woche als Angeklagter vor dem Bezirksgerichte. Die Zeugen depouirten unter Eid, daß sowohl ans dem Perron, als vor dem Bahnhofe gegen Dr. Lueger durch Zurufe demonstrirt, daß aber schon ans dem Perron ein Jude von antisemitischer Seite thütlich angegriffen wurde. Sechs Zeugen beeideten — was von antisemitischer Seite immer abgeleugnet wurde — daß dem Dr. Lueger t h a t s ä ch l i ch ins Gesicht gespuckt worden ist. Weiters wurde eidlich festgestellt, daß Kraus keinen tückischen Ueberfall inscenirt und daß Pater Foltin vor dem Bahnhöfe den e r st e 11 Schlag gef ü h r t hat. Nach dnrchgefnhrtem Beweisverfahren wurde Kraus f r e ig e s p r o ch e n. Es ist ein stolzes, erhebendes Gefühl für den Bürger, wenn er weiß, daß der Mann, den die Stadt an ihre Spitze gestellt, angespuckt von seiner politischen Hausirfahrt ins Rath- Hans zurückkehrt. Mit welcher Ehrfurcht wird er die Züge betrachten, die der eine für einen Spucknapf, der andere für das Gesicht einer Prügelpnppe angesehen hat! Derlei Abenteuer sind unangenehm, und man bemüht sich daher, sie zu leugnen. So geschah es auch, als der Wundermann von Wien von seiner Reise nach Budweis zurückkehrte. Zwar hatten die Blätter die ehrenvolle Behandlung die ihm in Budweis zu Theil geworden, schon gemeldet. Aber man ist nicht umsonst in seinen freien Stunden Advocat. Noch besteht der § 19 des Preßgesetzes und ihn in Anwendung zu bringen, versteht Dr. Lueger gewiß besser, als alle sonstigen Paragraphe unseres Gesetzbuches. Er leugnete einfach. Seiner Schilderung nach war er weder wörtlich noch thätlich beleidigt worden, und er hatte also auch keine Ursache, in irgend einer Art Satisfaction zu verlangen. Die Gerichtsverhandlung brachte nun freilich Thatsachen ganz anderer Art ans Licht. Nicht weniger als sechs Zeugen sagten unter ihrem Eide aus, daß dem Dr. Lueger ins Gesicht gespuckt worden sei. Die Berichtigung des Herrn Dr. Lueger enthielt also eine Unwahrheit, da er den ihm angethanen Schimpf ruhig nach Hause getragen. Prosit die Mahlzeit! Man telegraphirt des Weiteren ans Budweis: Kürzlich fand hier die Bezirksgerichts - Verhandlung gegen den Antiseinitenführer Dr. Carl Hawelka statt, der bei L u e g e r's Ankunft am Bahnhofe in Budweis am Perron einen hiesigen Kaufmann thütlich insultirte. Dr. Hawelka wurde zu einer Geldstrafe von 40 fl. und in die Kosten vernrtheilt. Der Lehrer und die Bäuerin. In einem Wiener, den Jahren 1769 bis 1780 angehörenden und einige in dem dortigen k. k. Theater aufgeführte Lustspiele enthaltenden Mischbande bebefindet sich, so erzählt Prof. L. Geiger in der „Allg. Zeitg. d. Jnd." (Nr. 40), auch eins mit dem Titel: „Der redliche Bauer und großmüthige Jud oder der glückliche Jahrtag." (Wien 1774.) Das Lnstsviel ist, wie ans Goedeke, Grundriß IV, 71, V, 315 zu ersehen ist, von einem wenig bekannten Dichter, Joseph von P a u e r s b a ch verfaßt, der in den Jahren 1772 bis 1783 thätig war, und soll seinen Stoff dem Englischen entnommen haben. Darin erzählt Peterl, der Sohn einer Bäuerin, dieser, der Schulmeister werfe den Inden vor, daß sie die Christen betrügen, Brunnen vergifteten, Kinder schlachteten, und die Kinder auffordere, jene zu hassen und ihnen allerlei Schabernack anzuthun. Da ruft die Mutter: „Peterl! Das letzte verbiete ich Dir jetzt ein für allemal. Die Juden sind so gut unsere Nächsten, als andere Menschen; untersteh Dich ja nicht, einen! einzigen das mindeste Leid mehr zuzufügen". Ja, sie fordert ihn aus, deni Pfarrer von dem Treiben des Lehrers zu berichten, „vielleicht wird dann der Herr Schnlmeister die armen Juden nicht mehr so verfluchen". Und als zum Schluß die Großmuth des Juden ihren Triumph feiert und der Commis Pruckner ruft: „Unsere dankbaren Stimmen werden aller Orten diese seltene Großmuth, diese seltene Redlichkeit froh bekannt machen!" da hofft der Bauer, auch der Schulmeister werde sich bekehren: „Vielleicht wird er von Juden ganz anders denken, wenn er den heutigen Vorfall hören wird", und der Jude Moses schließt mit der gewiß richtigen Antwort: „Gewiß das einzige Mittel, die Menschen zu zwingen, von uns Gutes zu denken, ist, Gutes zu thun." Ein 3tct antisemitischer Rohheit. Der im Beatrixbade auf der Landstraße beschäftigte Mechanikerlehrling Emanuel M e r l i n, Wieden, Große Neugaffe Nr. 8 wohnhaft, hat vorige Woche dein Commissariate Landstraße die 'Anzeige erstattet, daß er kurz vor Feierabend von dem im Beatrixbade bediensteten Hausknecht Joseph Jeschek im Maschinenhaufe dieser Anstalt überfallen und zu Boden geworfen worden sei. Emanuel Merlin ist ein I3jähriger, zart gebauter und kränklich aussehender Knabe, der bei seiaer Mutter, einer bescheidenen Frau, die sich von ihrer Hände Arbeit nährt, wohnt. Merlin wird als fleißiger, gutmüthiger und friedfertiger Junge geschildert. Abends nach 6 Uhr war er mit dem Säubern der Maschinenhalle beschäftigt und allein daselbst anwesend, als plötzlich der in derselben Fabrik als Hausknecht bedienstete Joseph Jeschek ans ihn zutrat, ihn ans einen Kvhlenhaufen warf und ihn ohne vorhergegangenen Wortwechsel mit beiden Händen zu würgen hegann. Der schwächliche Junge war wehrlos gegenüber dem kräftigen Hausknecht. Während nun Jeschek den Knaben mit der einen Hand am Halse festhielt und würgte, schlang er mit der andern Hand einen S t r i ck, den er bei sich hatte, um den Hals seines Opfers, und indem er des Seil f e st z us a m m e n z o g, rief er fortwährend : „I u d, j e tz t schrei Hoch Lueger!" Ter Junge war bereite blau gefärbt im Gesichte und nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren, als der rohe Angreifer, jedenfalls jetzt von Furcht geleitet, von seinem Opfer abließ und sich rasch entfernte, den Knaben seinem Schicksale überlassend. 'Nachdem sich Merlin von seinem Schrecken erholt und die nöthige Kraft wieder erlangt hatte, raffte er sich auf, schleppte sich mühsam in die Kanzlei und machte dann die polizeiliche Anzeige. Auf Grund des vom Polizei-Bezirksarzte ansgestellten Pareres, welches eine s ch w e r e körperliche Verletzung cvnstatirte, wurde der Hausknecht noch im Laufe des Abends verhaftet. Ten jungen Emanuel Merlin brachte man in die Wohnung zu seiner Mntter. Der Knabe vermag heute kaum noch zu sprechen; er hu sr et Blut und feilt Hals zeigt tiefe S t r a n g n l i r n n g s w u n d e n. Er genießt wohl die sorgsamste mütterliche Pflege, aber er entbehrt jeder ärztlichen Behandlung. Alle Versuche der besorgten Mutter, einen Armenarzt an das Krankenlager ihres Kindes zu bringen, blieben bis spät Abends unglaublicherweife ohne Erfolg! Bemerkt sei noch, daß Merlin den Hausknecht nur vom Sehen ans kannte, daß er nie mit ihm gesprochen und auch keinen 'Anlaß geben konnte, ein Rachegefühl zu wecken. Nach Ansicht der Behörde handelt es sich hier lediglich um einen der brutalsten antisemitischen Gewaltacte, eine Folge der unaufhörlichen, die rohesten Jnstincte wachrufenden Verhetzungen. Ein Gemeinderath vor 3573 Jahren und der Wiener Gemeinderath. Im Wiener Gemeinderath geht es ja recht erbaulich zu. Tie Herren werfen einander Ehrentitel zu, daß es ein Graus ist, es anhören zu müssen. Der Herr Vorsitzende erklärt, daß er thnt, was ihm beliebt: statt die Ehre der Stadterwählten zu schützen, spricht er in unvergleichlicher Parteilichkeit dem einen oder andern Mitgliede des Gemeinderathes die Fähigkeit ab, Jemanden beleidigen zu können. Wir gestatten uns nun, die geehrten Herren Sradtväter für diesen Sabbath in die Synagoge zu laden: vielleicht gelingt es da, der alten Bibel in dem Wochenabschnitte, der zur Verlesung gelangt, den Herren edlere Begriffe über die Würde und den feinern Ton von Stadtvätern beizubringen. Ta wird uns ein Gemeinderath vorgefiihrt, der vor 3573 Jahren in der uralten Stadt Hebron tagte, und es kann unmöglich die Wirkung verfehlen, zu vernehmen, welcher Ton damals in dem städtischen Rathhailse geherrscht hat. Als ein Zugereister war Abraham nach Hebron gekommen. Er war reich begütert, andersgläubig, anderer Abstammung, hatte Freunde und Ansehen gewonnen. Mußte er nicht beneidet, gehaßt, als Ausbeuter beschimpft und gedemüthigt werden zur Rettung des christlichen — 'will sagen des chirischen Volkes? Er war noch nicht lange im Lande und wirklich ein Fremder: seine Ahnen waren in dem Lande keineswegs schon seit Jahrtausenden ansäßig. Bescheiden nennt er sich demnach auch selbst einen Fremdling, einen Inwohner und bitter um eine Begräbnißstätte. Daraus die Gemeinderüthe von Hebron im Jahre 1677 vor Chr. Geb.: „O höre uns mein Herr! Bist Du doch als ein Gottessürst unter uns geliebt, wer von uns könnte Dir eine Stätte in unserer Mitte versagen, und solltest Tn auch die vornehmste wählen? Wien und Hebron! Das Jahr 18W> it. Cbr. und das Jahr 1677 v. Chr. Geb. O nehmet es zu Herzen, ihr Zeitgenossen! Sehet doch, wie weit es Fortschritt, Gesittung, Wissenschaft, Bildung und Humanität schon gebracht haben trotz der vielgepriesenen christlichen Cultnr! Tr. M. L. Stern.