Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seue 874 Vr. Vloch's WochrnschrtN. dtv. 44 Vom Jahrmarkt des Lebens. Bergani frisch gewaschen! Nein, das wäre undenkbar gewesen! Der kommende Landtag von Niederösterreich ohne Ernst Bergani. Damit wäre der Physiognomie dieser Volksvertretung ihr hervorstechendster, ihr gewinnendster Zug geraubt worden. Natürlich denken wir hiebei nur an ehrlichen Gewinn, wie es bei dem Ehrenbürger von Mühldorf gor nicht anders denkbar ist. Das Volk hat gesprochen, wie Herr Vergani in seinem Leitartikel von Mittwoch nrbi et orbi verkündet. Das Volk von Pöggstall, von Spitz und von Ottenichlag. Es hat Vergani als den Mann Seines Vertrauens bezeichnet, es hat die „Verleumdungen" Schönerer's gründlich abgewaschen. Brave Wähler, vcrständnißvolle Wähler! Die Moral von Stein, welches im Wahlbezirke des Herrn Vergani liegt, verdient alle Anerkennung. Die Wähler haben eine Ehrenschuld bezahlt, und Schulden müssen bezahlt werden. Nicht wahr, Herr von Vergani? Es bestand für sie eine Obligation, Vergani als ihren Abgeordneten zu erwählen. Und Obligationen dürfen nicht verschwinden! Ganz gewiß nicht, Herr von Vergani! Dieser Landtag wäre ohne diesen Mann ein Unding gewesen. Die Wähler von Spitz haben ihrer nicht spotten lassen. Sie waren sich der Pflicht bewußt, die Sache auf die Spitze zu treiben, sie ließen sich nicht irre machen, sie wählteil die „zaubergewaltige" Erscheinung. Das Volk hat gesprochen. Herr Vergani athmet btruhigt auf, er findet in seiner Wiederwahl eine glänzende Genugthuung, sozusagen eine Schadensgutmachung, eine Revanche für die Unbill, die ihm von den bösen Scbönerianern zugefügt wurde, welche in jede Gemeindecasse ihre Nase hineinstecken. Ja, wenn die Schadensgulmachung nicht wäre, dann würden die Antisemiten oft in Verlegenheit kommen, dann hätten sie wirklich nur Candidaten für den-Wahlbezirk Stein. Deutsche Treue. Das „Wiener Tagblatt" schreibt: „Jeglicher nach seinem Maße! Herr Dr. Lueger, der größte der Wahlmacher, hat bekanntlich in der ganzen Treuherzigkeit seines Wesens den ebenso ethischen als nützlichen Grundsatz ausgestellt: „Der Wähler soll in jedem Hosensack einen Wahlzettel bereit halten, um den einen Wahlzettel vorzeigen und den anderen Wahlzettel abgeben zu können." Fürst Bismarck, der größte Politiker und Reichegründer, Fürst Bismarck hat in der Zeit, als er ausübender Staatsmann war, in jedem Hosensack eine Allianz gehabt, in der einen Hosentasche zum Borzeigen die Allianz mit O e st e r r e i ch - U n g a r n, später Tripelallianz genannt, und in der anderen Hosentasche die Allianz mit Rußland, die endlich den Sack durchgebrannt hat, wie „heimliche Liebe", die nach dem Volksworte heißer ist als glühende Kohle. An diesem Malheur ist selbstverständlich nur das Judenthum schuld; die „Ostdeutsche Rundschau" bemerkt ganz treffend aus Anlaß der neuen Enthüllungen Bismarck's: „Das Judenthum hetzt wieder einmal gegen den Dreibund." Antisemitische Moral. Die erprobt christlich sociale „Reich sp o st", von dem Affiliirten der Jesuiten Dr. Geßmann, herausgegeben, veröffentlicht seit einiger Zeit sogenannte „Politische Briefe", die trotz vielen unsäglich albernen Geschwätzes doch so manche Perle christlich-socialer Moral enthalten. So heißt es dort (Nr. 250 vom 13. October 1896) in einer Abhandlung über politische Kampsesweise wörtlich folgendermaßen: „In der Politik, im politischen Kampfe selbst soll sich jedoch eine Partei, ein Politiker weder von Recht, noch von Billigkeit leiten lassen, sondern nur die eigenen Interessen rücksichtslos verfolgen. Denn wenn die Politik gewissermaßen auch als der Kamps um das bestehende und werdende Recht angesehen werden kann, so gehört es doch jedenfalls zur politischen Kraft, Billigkeit und Recht nur im eigenen Interesse gelten zu lassen, sie dem Gegner jedoch möglichst zu verweigern." Charakteristik der raeenreine» Arier. Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 23. October 1896 schreibt: „Seit dem gestrigen Tage gibt es in Graz vier Gewerbeparteien. Dle bevorstehenden Gemeinderathswahlen werden zeigen, hinter welcher dieser Parteien die Mehrheit steht. Jedenfalls wird im dritten Wahlkörper auch Herr F e i ch t i n g e r ein Wort mitzusprechen haben, der im Steiermärkischen Gewerbebunde einen unbeschränkten Einfluß ausübt. Der Grazer Berichterstatter des Wiener „Vaterland" wundert sich darüber, daß F e i ch t i n g e r unter die „Heilobrüder" gegangen ist und in seinem Blatte gegen Tachau-Antisemitismus und Verganimoral wettert. Das ist gar nicht so merkwürdig. Feichtinger will vor Allem leben. Er lebt heute von seine::: Wochenblatte, der „Grazer Wahrheit", dieses Blatt aber lebt vom Gegensätze zu dem „Grazer Extrablatt". Das „Extrablatt" ist christlich-social, folglich muß die „Wahrheit" radical-national sein. Das ist doch ganz einfach. Darüber, daß Feichtinger vor sieben Monaten Lueger und Schneider nach Graz gebracht hat, daß er unzählige Ergebenheitsadressen an Lueger gerichtet hat, daß er von Vergani eine Unterstützung für sein Blatt er—halten har, setzt sich dieser steierische Katilina natürlich leicht hinweg. Wer wird denn auch verlangen, daß ein Mensch heutzutage sieben Monate lang einer Gesinnung treu bleibt!" Die vom Heiland Lueger abgefallenen Deutschnationalen lernen jetzt kennen, mit welchen Waffen die „christlich-socialen" Blätter zu kämpfen pflegen. Das „Deutsche Volksblatt" nennt sie „Rvthschild- Aniisemiten" und macht ihnen den Vorwurf, mit den Sociatdemokraten und mit den Judenliberalen im Bunde zu arbeiten. Ueber die Versammlung, die den Austritt der elf deutschnationalen Gemeinderäthe aus dem Bürgerclub guthieß, schreibt das Blatt des wahrheitsliebenden Vergani, daß ein Theil der Ordner betrunken gewesen sei, und daß man sich gegen fünf Juden, die der Versammlung „als Zierde" beigewohnt hätten, „mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit" betragen habe. Die deutschnationalen Antisemiten, die mit den Christlich-Socialen bisher Schulter an Schulter kämpften, sind also über Nacht zu „Judenknechten" geworden. Sie, die es mit wohlwollendem Schmunzeln hörten und nachsagten, wenn die Vergani und Geßmann von „Juden-Socialdemokraten" sprachen und von der Bundesgenossenschaft der «judensocialdemokratischen Führer" mit den Capitalisten faselten, müssen es jetzt erleben, daß das „Deutsche Volksbtatt" sie „Rothschild-Antisemiten" nennt und der Bundesgenossenschaft mit den Socialdemokraten und den Liberalen bezichtigt. Das ist nämlich die einzige Waffe, über die diese Blätter verfügen. Wenn sich Dr. Lueger mit Bergani, etwa aus Anlaß des Ehrenbeleidigungsprocesses, oder mit Geßmann entzweite, könnte man den Tag darauf haarscharf in ihren Blättern bewiesen finden, daß Dr. Lueger eigentlich nur von Rothschild bestochen und ein Judenknecht sei. Wenn es so ein Blatt zu Stande bringt, die Socialdemokratie als Bundesgenossin der Deutschnationalen und der Liberalen, und die Deutschnationalen, ja den Herrn v. Schönerer als Bundesgenossen der „Judenliberalen" und als Bestochene des Rothschild zu bezeichnen, dann ist es auch möglich, daß sie eines Tages Nachweisen, Dr. Lueger habe einen falschen Taufschein und sei eigentlich als Jude geboren. Der älteste Mann von Wien. Anfangs Jänner begeht der in Währing, Schopenhauerstraße 39 wohnhafte M. C. K o h n seinen 110. Geburtstag. Trotzdem der Greis erst vor Kurzem eine dreiwöchentliche Krankheit überstand, fühlt er sich — wie er gestern einem Besucher mittheilte — wieder so frisch und munter wie zuvor. Es war dies überhaupt die zweite ernstliche Erkrankung während seines Lebens. Die erste Krankheit bestand er unmittelbar nach dem Ueberschreiten seines 100. Lebensjahres. Man sieht dem Manne sein Patriarchenalter nicht an, weil das von schneeweißem Bart- und Haupthaar eingerahmte Gesicht fast gar keine Runzeln aufweist. Ein ordnungsmäßig vom Notar und dem Secretär der Gemeinde Fraukirchen (Wieselburger Comitat) ausgestellter Heimatsschein bestätigt, daß der Mann daselbst im Jahre 1787 geboren wurde. Kohn war 94 Jahre alt, als er mit seiner zweiten Frau, einer 74jährigen Matrone, von Fraukirchen zu seinen hier lebenden Kindern übersiedelte. Der Greis spricht noch ganz vernünftig und verständlich. Sein Auge ist noch so gut, daß er in seinem großgedruckten Gebetbuche ohne Brille lesen kann. Bewundernswertst ist das Gedächtniß des Greises, das noch so manche Episode aus der Franzosenzeit treu bewahrt hat. Kohn lebt von Unterstützungen, die ihm seine Familie — diese ist selbst unbemittelt — und Wohlthäter angedeihen lassen. Dr. Lueger in Budweis. Aus Budweis wird telegravhirt: Die Demonstrationen, deren Schauplatz am 30. August bei der Ankunft Dr. Lueger's der Platz vor dem hiesigen Bahnhose war; fanden ein; gerichtliches Nachspiel. Gegen den Redacteur Hugo K r a u s, welcher bei diesem Anlässe mit Dr. Lueger und