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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Blortz's WochrnschrM- . Seite 873 Wie können wir verlangen, daß man uns achte, wenn wir i uns selbst sv geringschätzen und widerstandslos Alles über uns ergehen lassen, nicht nur was die Regierung und ihre Organe bezüglich unser anzuordnen belieben, sondern was auch niedere Glieder der Administration ohne jegliche legale Berechtigung dazu auzuordnen geruhen. Erst letzthin scheint man ans der Apathie erwacht zu sein und sich zu einer gewissen Opposition entschlossen zu haben. So hatte zum Beispiel das Bezirksgericht von Odessa sich dieser Tage resolut geweigert, einen jüdischen Rechtsanwalt als erwählten Vorsitzenden einer Conenrsverwaltung (eine rein private commercielle Angelegenheit) zu bestätigen und versagte die Sanctiou. Die dadurch in ihren Interessen erheblich geschädigten Ereditoren des zahlungsunfähigen Schuldners beschwerten sich bei der höheren Gerichtsinstauz über diese Willkür und das Berdict des Bezirksgerichtes wurde umgestoßen. Ich bin fest überzeugt, daß, wenn meine russischen Glaubensgenossen gegen jedes an ihnen verübte Unrecht energische Verwahrung einlegten und an competenter Stelle klagbar würden, manche Vergewaltigung, unter denen wir so sehr zu leiden haben, ungeschehen geblieben wäre. Und wenn auch gewisse Proteste unberücksichtigt geblieben wären, so ist schon das Factum der Proteste allein genügend, um die betreffenden Administrativorgane in Willkürsacten etwas vorsichtiger zu machen und nicht so leichten Herzens, in der sicheren Hoffnung auf Straflosigkeit (weil das Opfer schweigend duldet) die Gesetze zu verletzen. Tenn wie hart auch die Gesetze sein mögen, deren stricte Befolgung würde uns doch ein erträglich menschenwürdiges Dasein gewähren. Rur die Jnterpretirung der Gesetze ist der Nebel größtes. Was das russische Volk anbelangt, so ist es gutmüthig und tolerant, von Nativualitätenfeindschaft ebenso entfernt, wie vom Religivnshader. Der Antisemitismus ist dem Volke künstlich eingeimpft worden, theils durch eine Reihe von repressiven Regierungsmaßregeln in Bezug auf die Juden, theils durch das tolle Wühlen einer judenfeindlichen Presse. Und trotz alledem hat der Antisemitismus im russischen Volke keine tiefen Wurzeln geschlagen und wenn nur sich in den höchsten Sphären eine gewisse Neigung zur Besserung bekunden sollte, so würden die Russen gerne den Juden die Hand zum Bruderbünde bieten. An Beispielen, die eine derartige optimistische Anschauung bestätigen, mangelt es durchaus nicht. Communen und Landstände, Städte und Dörfer, Administrativorgane und Private haben in verschiedenen Füllen, bei diversen Anlässen gegen die Judenverfolgungen proteftirt und Milderung rigoroser Maßregeln verlangt. Ich will durchaus nicht in Abrede stellen, daß dabei egoistische Motive theilweise auch maßgebend waren (indem die Petenten durch die gegen die Juden gerichteten Ausnahmsverordnungen oft noch härter betroffen wurden, als wir selbst), doch waren es häufig blos zwingende Gründe des empörten Gerechtigkeitsgefühls, welche zu einem solchen Borgehen veranlaßten. Die Stimme der Humanität kommt doch manchmal zur Geltung und bringt das Brüllen der Menschenfresser zum Schweigen. So zum Beispiel ereignete sich auf dem volkswirthschastlichen Congreß von Proskurow (Gouvernement Pvdolien) folgender Jncident gelegentlich der Debatte über Gründung einer landwirthschaftlichen Schule. Es wurde der Antrag eingebracht, in erwähnte Lehranstalt ausschließlich Zöglinge christlicher Confession zuzulassen. Es fanden sich jedoch Mitglieder, welche es für inopportun hielten, eine solche Beschränkung zuzulassen. Daraus erwiderten die Judophoben, daß eine landwirthschaftliche Schule in Podolieu, besonders wenn sie in einer Dorsschichte eröffnet würde, für die Juden ganz nutzlos sein dürfte, da ihnen doch der Aufenthalt auf dem flachen Lande nicht gestattet sei, daß außerdem die Juden doch nicht den geringsten Beruf für die Landwirthschaft haben und daher auch kein Interesse für eine derartige Lehranstalt empfinden könnten, daß laut der bestehenden Gesetze der Jude weder Gutsverwalter noch landwirthschaftlicher Jnspector zu sein das Recht habe u. s. w. Darauf erwiderten die Anhänger der Gleichstellung, daß die Gesetze, welche die Rechte der Inden derartig einschränken, heute noch bestehen, aber morgen aufgehoben werden könnten, und daß es im gegebenen Falle für die Juden nicht so wichtig sei, die factische Möglichkeit zu haben, die landwirthschaftliche Schule zu besuchen, als das Princip sestzustellen, daß sie nicht aus dieser Lehranstalt ausgeschlossen seien. Nach langer Debatte wurde mit großer Majorität der Beschluß gefaßt, den Inden den Eintritt in die zu gründende podolische landwirthschaftliche Schule zu gestatten. Das ist eine vereinzelte, aber nichtsdestoweniger höchst erfreuliche Erscheinung, die wir mit Freuden registriren. Ueberhaupt hat sich in der öffentlichen Meinung Rußlands in Bezug auf die Jndensrage ein gewisser Umschwung zum Besseren bemerkbar gemacht. Es liegt so etwas in der Lnir, was instincriv zu der Voraussetzu.ng berechtigt, daß binnen Lurzem etwas geschehen wird, wodurch unsere schwierige Lage wenn mich nur einigermaßen erleichtert werden dürste. Das leidenschaftliche Hetzen und Jnsinuiren seitens der antisemitischen Preßvrgane hat zwar nicht anfgehört, aber erheblich nachgelassen. Vorüber ist diese grausame schonungslose Evoche im Beginne der Achtziger-Jahre, wo z. B. die „Rowvje Wremja" sich erfrechen durste, während der sogenannten Judenkrawalle im Süden Rußlands die Hamlet'sche Frage zu parodiren und resolut an die Oessentlichkeit zu appelliren und Antwort zu heischen: „Bit Ui ue bit-‘ das heißt, hauen oder nicht hauen, mir anderen Worten: Soll man gegen die Juden Gewaltthärigkeit wie in Balte, Odessa, Ekaterinoslav u. s. w. ausüben oder nicht? Ist es vom russischen Standpunkt wünschenswerth, daß das Eigenthnm der Inden vom Janhagel zerstört, daß ihr Leben durch den süßen Pöbel gefährdet werde. Eine solche Frage wurde offen gestellt vor kaum 15 Jahren. To de on net to be? fragte der melancholische Tänenköuie, von Weltschmerz und Pessimismus angehaucht. Im Russische.: heißt es: „Bjit iii ne bjit? ■ Die .,Nvwvje Wremja" erlaubte sich ein kleines Wortspiel, indem sie die Hamlet-Frage leicht paraphrasirte und variirte und sie sv stellte: Bit iii ne bir Hanen oder nicht Hanen? was durch Auslassung eines einzigen Buchstaben zu Stande gebracht wurde. Harten oder nicht Hanen thot i< the question. Obwohl das russische Blatt grundsätzlich das Hauen namentlich das Gehantwerden nicht gontirt, >besvnders seitdem sein Hanptredaeteur und Herausgeber Herr Schnwvrin wegen einer gröblichen Pasquille sich selbst in dieser unangenehmen Lage befand und an seinem Rücken die Wucht derber Fauste erprobte), so sprach er sich doch in Bezug aus die Inden für das Hauen ans. Diese Worte sielen dazumal aus einen sehr dankbaren und empfänglichen Boden. Seitdem sind fünfzehn Jahre in den Strom der Ewigkeit geflossen und haben sich die Zeiteil sv sehr zu ihrem Vortheil geändert, daß ich kaum glaube, es könnte sich eine Zeitung finden, die so unverfroren wäre, obige Frage auszustellen und sie im Sinne brutaler Gewalt zu beantworten. Der Zeitgeist hat trotz Allem sich bekundet und können sich seinen Einflüssen selbst diejenigen nicht entziehen, die sich die Ohren verstvvsen, um nicht zu hören, die die Augen schließen, um nicht zu sehen. Ueber die sich derartig langsam aber stetig in Rußland vollziehende Verwandlung habe ich vieles Interessante nnd Erfreuliche zu berichten, was auch nächstens geschehen soll. Nachschrift. In Ergänzung ineines 'Artikels über Professor Zabludowski — nicht Zabludewski, wie der Druckfehlerkobold mich sagen ließ — will ich Ihnen noch Folgendes bemerken, was ich nachträglich erfahre: Tr. Zabludowski wurde zur Ausübung ärztlicher Praxis in Deutschland zngelassen, ans Grund des deutschen Gesetzes, welches in Bezug auf fremdländische Aerzte es gestattet, dic von der Regierung zu irgend welchen gelehrten Functionen herangezogen werden, wie es auch in Bezug aus Professor Bergmann geschah, der gleichfalls seine Strrdien in Rußland gemacht. Die Vorstellung zur Ertheilung der Professur geht seitens des Prosessorencollegiums und seiner Mitglieder aus, wenn der Vorgestellte ans solch eine Würde durch „bahnbrechende" Arbeiten Anspruch hat. Bei Tr. Zabludowski war dies eben der Fall und die Vorstellung gesck ah durch die drei Professoren: Moldeyer, Tubvis-Raymond und Bergmann. Nmi passirt es häufig, daß dergleichen an den Herrn Cnltusminister gerichtete Vorstellungen, wenn sie einen Juden betreffen, all ealendas graeeas verschoben werden. Ter Minister verweigert zwar nicht die Bestätigung, er schiebt sie nur hinaus und darüber können Decennien vergehen, ohne daß Jemand das Recht hat, sich darüber zit beschweren. Bei der gegenwärtig in Preußen dominirenden frömmelnden kirchlichen Richtung werden überhaupt Juden nicht mehr zu Professoren ernannt. Dr. Zabludowski wäre es vielleicht ebenso mit dem Cultusminister Dr. Bosse ergangen, der auch in protestantisch exclusive Winterwolle gefärbt ist, und hätte seine Bestätigung vielleicht nach Jahren oder nie erhalten, wenn nicht Nebeneinslüsse thätig gewesen wären, die nicht zuließen, daß die Vorstellung der drei Professoren dem Archiv der Vergessenheit anheimfiel. Die Bestätigung erfolgte sogar ungewöhnlich rasch und hat bereits Professor Zabludowski den Cyclus seiner Vorlesungen an der Universitätsklinik bei einem außerordentlich großen Zudrang von Hörern begonnen.

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