Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 872. Nr. 44 Dr. Vloch's Wochenschrift. Einstweilen jedoch hat sich ein derartiger Optimismus nicht bewahrheitet. So z. B. wird die in Petersburg neu zu eröffnende medicinische Hochschule für Frauen einen rein christlichen Charakter haben. Das Project dieser Institution entstand während der grausamsten Judenverfolgungsperiode des vorigen Regimes und wurde der „Judenparagraph" (d. h. der Punkt, welcher die Aufnahme in die Anstalt ausschließlich von der christlichen Confession abhängig macht) auch nachher beibehalten. Anfangs glaubte man, es sei einfach aus Vergeßlichkeit geschehen. Es stellte sich jedoch bald heraus, daß es keine Vergeßlichkeit seitens des neuen Regimes, sondern die einfache Fortsetzung der Tradition des alten Systems war. Freilich muß dabei berücksichtigt werden, daß die Verantwortung dafür am allerwenigsten den jungen ritterlichen Monarchen treffen kann, sondern einzig und allein seine Executivorgane, die da glauben, in seinem Sinne zu handeln, wenn sie den Traditionen seines Vorgängers und Vaters treu bleiben. Nun kann es nicht in Abrede gestellt werden, daß Nicolai U. ein großes Pietätsgefühl für Alexander III. hat, wie es übrigens auch nicht anders von ihm zu erwarten war. Dieses Gefühl kindlicher Pietät für das Andenken seines Vaters hält jedoch den gegenwärtigen Kaiser durchaus nicht ab, seinen eigenen Weg zu gehen, sobald sein inneres Gefühl ihm sagt, daß es der rechte sei. Das hat der junge Monarch durch die dieser Tage erfolgte Ernennung des Baron Uexküll v. Güllenband zum Adlatus des Ministers des Innern bekundet. Bor Kurzem starb Herr Nekljudow, der berühmte Rechts gelehrte, der diesen hohen Posten leider nur sehr kurze Zeit bekleidete, da ihn der Tod seiner segensreichen Thätigkeit entrissen hatte. Schon die Ernennung von Herrn Nekljudow auf einen so wichtigen Posten, als den des Gehilfen des Ministers des Innern, hatte im vorigen Jahre nicht wenig Sensation erregt, da derselbe als Liberaler bekannt war und während seiner langjährigen Thätigkeit als Residenzfriedensrichter seine fortschrittlichen Ideen bekundete und sich einer ganz ungewöhnlichen Popularität erfreute. Und nun wird zu seinem Nachfolger Baron Uexküll, einer der liebenswürdigsten und humansten Staatsmänner Rußlands, ein Mann von hervorragender Begabung nnd liberaler Gesinnung, ernannt, der im Laufe vieler Jahre als Gouverneur von Livland sich als ganz vorzüglicher Administrator bewährte und denselben Ruf als Senator genoß. Erst vor Kurzem war Baron Uexküll v. Güllenband (einer altadeligen baltischen Pattizierfamilie entsprossen) zum Vorsitzenden des Cassattonsdepartements im Senat ernannt und durch Verleihung eines hohen Ordens ausgezeichnet und jetzt — Minister-Adlatus. Man kann den Kaiser zu dieser gettoffenen Wahl nur beglückwünschen. Für uns Juden hat diese Ernennung noch eine specielle Bedeutung: Der neue Minister- Adlatus hat nämlich eine Jüdin zur Frau. Obgleich die Baronin seit lange zur protestantischen Kirche übergetreten, (ihr Gemahl war bis jetzt Präsident des evangelischen Generalconsistoriums in Petersburg), so bewahrt sie doch ihren einstigen Glaubensgenossen ein sympathisches Gefühl und bildet in dieser Beziehung ganz den Gegensatz zu der Gemahlin des Finanzministers Herrn Witte, die, wenngleich auch Jüdin und erst seit wenigen Jahren in den Schooß der alleinseligmachenden rechtgläubigen griechischen Kirche ausgenommen, die Juden vornehm ignorirt, von ihnen nichts wissen will und, so viel mir bekannt ist, nichts gethan hat, um die anttsemitischen Neigungen ihres Gatten zu zügeln. Denn unser Finanzminister ist den Juden nicht sonderlich gewogen, wenngleich man ihn eigentlich keinen fanattschen Antisemiten nennen kann. Durch seine Ehe mit einer Jüdin (die er kurz nach seiner Ernennung zum Minister geheiratet, ttotzdem, daß er dadurch seine ganze Carriöre gefährdet) hat er sich in die Unmöglichkeit versetzt, etwas für die ehemaligen Glaubensgenossen seiner Frau zu thun. Ich wiederhole: Herr Witte ist kein Judenfeind, sieht sich aber durch seine Ehe veranlaßt, die Rolle eines solchen zu spielen, aus Furcht, der Parteilichkeit beschuldigt zu werden. Und um eine derartige eventuelle Anklage im Voraus zu entkräften, behandell er das Judenthum oft mit rauher Hand, spiell sich auf den Judenfteffer hinaus, der er im Grunde genommen durchaus nicht ist und auch keinen Grund hat, zu sein. Eher könnte man von ihm das Gegentheil erwarten. Denn als Kind war er in einem jüdischen Hause, dem der Raphalowitsch, heimisch, verkehrte in der Familie inttm, ward zusammen mit den Kindern des Hauses erzogen, denen er noch jetzt zärtliche Freundschaft und Anhänglichkeit bewahrt. Die Familie Raphalowitsch ist nicht nur eine der reichsten und vornehmsten, sondern auch geachtetsten jüdischen Familien Odessas und mehrere Glieder dieser Familie haben auf dem Gebiete der Finanzen uitb der Volkswirthschaft Erhebliches geleistet. Arthur Raphalowitsch war lange Zeit russischer Finanzagent in Paris und hat sich als öconomischer Publicist sowohl in russischen als französischen Zeitschriften bewährt; ein Bruder ist Director der russischen Bank für auswärtigen Handel in Petersburg und trotzdem daß er mit Witte Dutzbruder ist, so kann er ihn doch nicht bewegen, seiner judenfeindlichen Haltung zu entsagen, welcher selbstsüchtige Motive zu Grunde liegen, da der Finanzminister nicht mit Unrecht fürchtet, seine Stellung zu gefährden, falls er sich allzu judenfteundlich zeigen sollte. Doch von Judenfreundschaft bis zur Judenfeindschaft ist noch ein weiter Schritt. Und wenn Herr Witte diesen Schritt gethan, so ist unstreitig seine Gemahlin schuld, die da wähnte, ihre jüdische Herkunft dadurch vergessen zu machen, daß sie sich eines feindlichen Gebahrens gegen ihre ehemaligen Glaubensgenossen befleißigte. Freilich konnte man kaum etwas Anderes erwarten, da die ganze Vergangenheit der jetzigen Gemahlin unseres Finanzministers nicht dazu angethan war, in ihr Gefühle der Pietät oder Anhänglichkeit für ihr Volk zu erwecken. Sie ist die Tochter eines gewissen Joel Nurik aus Schaulen (Gouvernement Kowno); ihr Vater hatte ein kleines jüdisches Restaurant in Petersburg und genoß den Ruf, schöne Töchter zu besitzen; die Eine heiratete einen gewissen Chotinski (Sohn eines ehemaligen Deportirten in Sibirien), der einst als Branntweinpächter und Goldgrubenbesitzer sehr reich geworden war, dessen Schätze sich aber in der Folge verflüchtigten. Die andere entlief dem väterlichen Hause, wurde rechtgläubig und heiratete einen russischen Beamten, von dem sie sich später scheiden ließ, um Witte, zu dem'sie bereits früher in freundschaftlichen Beziehungen gestanden, zu ehelichen. Selbstverständlich, daß unter solchen Verhältnissen von einer Anhänglichkeit für ihre einstigen Glaubensgenossen nicht die Rede sein konnte, da die nachmalige Frau Witte auch im elterlichen Hause das Gefühl der jüdischen Pietät nicht gekannt. Daß der Finanzminister, auch ohne sich zu compromittiren, etwas für die Inder: hätte thun können, ist zweifellos. Es hätte z. B. nur eines Wortes seinerzeit bedurft, um die Klausel in den Statuten der Frauenuniversität aufheben zu machen. Er that dies nicht und auch seitens der Juden ist kein Schritt geschehen, um wenigstens den Versuch zu machen, diese gegen sie gerichtete Ausschließungsmaßregel zu beseitigen. Anders verfuhren die Karaer (bei uns Karaims oder auch Karaiten genannt). Da in dem Statut der neuen Frauenuniversität gesagt ist, daß nur Zöglinge christlicher Confession Aufnahme finden können, so wandten sich der Taurische und Odeffaer Cha-Cham (karaitischer Oberrabiner) Panipulow an das Ministerium mit dem Ersuchen für Frauen karaitischer Confession Ausnahmen zu machen, da doch die Maßregel (der Ostracismus) gegen die Juden gerichtet ist und die Karaiten eine jede Solidarität mit den Letzteren in Abrede stellen, was auch von der Regierung anerkannt ist, die den Karaiten alle die bürgerlichen und politischen Rechte gewährt, welcher sie den Juden ftir unwürdig erklärt. Das Ministerium gab aber dem Cha-Cham der Karaiten einen abschlägigen Bescheid, wodurch sich jedoch Herr Pampulow durchaus nicht beirren ließ, sondern sich persönlich nach Petersburg begab, um an competenter Stelle wiederholt um die Zulassung von Karattinen an die Fraueuuniverfität zu petttioniren, wobei dieses Gesuch durch die eigenthümliche Stellung der karaitischen Frauen motivirt wird, welche gleich den Muselmäninnen sich nicht von männlichen Aerzten behandeln lassen dürfen, oder mindestens eine große Scheu dagegen fühlen. Dank ihrem langen intimen Zusammenleben mit den muselmännischen Tataren haben die Karaiten nicht nur deren Sprache, sondern auch ihre Sitten und Gebräuche angenommen. Es wäre sehr gut, wenn wir Juden uns ein Beispiel an den Kararten nähmen, die sich Ausnahmsgesetze nicht gefallen lassen, sondern dagegen Einspruch erheben und ihre Proteste so lange beharrlich wiederholen, bis dieselben Beachtung finden. Der Jude ist zu dulden und zu leiden gewohnt, hat so sehr sich in das Märtyrerthum bineingelebt, daß er gegen Vergewaltigung nicht mehr Einspruch erhebt, sondern Alles als eine Fügung Gottes betrachtet, die geduldig erttagen werden muß. Ein russisches Sprichwort besagt: Na b >ga nadeijssa, assam ue p aszaj, d. h. man muß Gott vertrauen, aber dabei doch nicht die Hände in den Schooß legen. Diese Worte sollte man heherzigen nnd sich nicht mit der Rolle des Opferlamms begnügen.