Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 44 Br. Vloch's Wochenschrift. tage auftreten müßte, da ihr der Anschluß an die Liberalen keinen Nutzen bringe. Aber welchen Nutzen würde der Großgrundbesitz von der Aufhebung des Hausirhandels haben? Freilich, auch die Genossenschaften der Rauchfangkehrer und Einspänner haben um das Verbot des Hausirhandels petitionirt. Man weiß ja, daß jeder Kamin voll jüdischer Hausirer steckt, und diese zudringlichen Leute dringen, Roß und Wagen auf dem Rücken tragend, in alle Häuser mit ihrem „Nichts zu fahren?", die Leute zum Spazierenfahren verleitend. Und erst der arme Großgrundbesitz! Man kann es ja fast täglich in den Zeitungen lesen, wie diese jüdischen Hausirer die Güter gnadratmeilenweise zusammenkaufen und Fideicommisfe errichten. Die Liechtenstein und Schwarzenberg werden bald keinen Ort mehr haben, wo sie ihr Haupt in Ruhe hinlegen können. Im Mittelalter war es eine beliebte ritterliche Uebung, reifende Kanfleute zu überfallen, fie ihrer Maaren zu berauben oder zur Entrichtung eines hohen Lösegeldes zu zwingen. Der „seßhafte Kaufmann" erfreute sich auch im Mittelalter unter dem Schutze der Stadtmauern größerer Sicherheit vor der Tapferkeit der Raubritter. Dieses ihr Gewerbe ist jetzt durch Polizei und Gendarmen leider völlig ausgerottet worden, aber der Krieg gegen reisende Kaufleute und Hausirer wird in einer anderen Weise geführt. Lohnt er sich auch? An jedem Hosenträger, an jedem Sacktuch, das er verkauft, verdient so ein jüdischer Ausbeuter seine hundert bis zweihundert Gulden. Und das Alles auf Kosten des armen christlichen Volkes, das noch dazu in seinem behaglichen Biergenuß im Gasthaus gestört wird. Aber wir Juden sind keine schlechten Menschen, wir gönnen auch unseren Feinden alles Gute, und wenn Herr G r e g o r i g oder Prinz Liechtenstein einmal das Glück haben sollten, mit dem Binkel ans dem Rücken herumzuziehen und die Freundlichkeiten und Artigkeiten der arischen Wirthshausgäste zu genießen, werden wir an ihrem Glücke freudig Antheil nehmen. Wir würden aber auch den gewesenen Hausirer bedauern, der genöthigt wäre, in einenl behaglich erwärmten Locale der Mariahilserstraße ans Käufer für seine Krägen und Manchetten zu warten oder auf seinem Schlosse, bei einer Flasche Wein und einer guten Cigarre, eine Rede gegen die Ausbeuter und Verderber des christlichen Volkes auswendig zu lernen. Wie darf aber ein Mann von Ausbeutung reden, der nicht von der Arbeit seiner Hände oder seines Kopses lebt, sondern von dem, was seine Vorfahren erworben haben, erworben zum größten Theil durch den Schweiß der Bauern, die fiir sie arbeiten mußten. Und als die reichen Feudalherren, Klöster und Großgrundbesitzer auf diese Ausbeutung verzichten mußten, da erhielten sie dafür reiche Entschädigung, obwohl sie mit ihren Wäldern und Aeckern, mit ihren Schlössern und Juwelen noch reich genug blieben. Hunderte von Millionen mußten Bürger und Bauern, Kaufleute und Handwerker, selbstverständlich auch die jüdischen, zur „Grundentlastung" beisteuern für die Taschen der reichen Gutsherren. Aber an eine Entschädigung der armen Hausirer denkt Niemand, ohne Erbarmen sollen sie in's Elend getrieben, dem Verhungern preisgegeben werden, um antisemitischen Demagogen zu vorübergehender Popularität, zu mit Diäten gesegneten Sitzen im Reichsrath, Landtag und Stadtrath zu verhelfen. Nach der Katastrophe von Chodinka schämten sich die russischen Beamten und einer suchte die Schuld auf den anderen zu schieben; manche sind auch bestraft worden. In Oesterreich aber wetteifern die Streber und Demagogen, wer von ihnen am meisten zur Ausrottung der Hausirer beitragen könnte. Der Eroberer Tamerlan ließ Pyramiden von den abgehauenen Köpfen seiner Feinde errichten. Wer geizt nach der Ehre eines Denkmals von Hausirerleichen? M. Beitrag zur Geschichte der rugischen Juden. LXII. Bei der Grundsteinlegung des Gebäudes der medicinischen Facultät in Odessa hielt der Gehilfe des Ministers für Volksaufklärung N. M. Anitschkow eine Rede, die, als von einem so hohen Würdenträger ausgehend, außerordentliche Beachtung verdient, da in ihr ein Berdammnngsurtheil über das in Bezug ans die Ausbildung der Inden in Rußland befolgte Prohibitivsystem enthalten ist. Daß ein Mann, welcher der Regierung so nahe Seite 871 steht, ja selbst ein Mitglied derselben ist, sich zu solch einer Meinungsäußerung verfteigen konnte, ist ein charakteristisches Merkmal der Zeit, welche so ungewöhnliche Ereignisse gebärt und so reich an den heterogensten Begriffen und seltsamsten Widersprüchen ist. Noch sonderbarer jedoch ist, daß die gesammte russische Presse — sowohl die antisemitische als die judophile — die Worte des Ministers ohne jegliche Commentare brachte, während sie doch ein Geständniß von ganz besonderer Tragweite enthält, das würdig ist, der Vergessenheit entzogen zu werden, der es sonst anheimfallen würde. Herr Anitschkow ist ein Mann von unzweiselhast großer Begabung, der es von einem bescheidenen Lehrer und nachmals Bezirks-Schulinspector bis zum Minister gebracht hat, da er factisch das Ministerium für Volksausklärnng leitet, indem der eigentliche Inhaber des Portefeuilles, Gras Deljanow, Dank seines hohen Alters sich ziemlich passiv verhält und in die Ruder des verworrenen Getriebes nicht mehr eingreist. Geheimrath Anitschkow gehört zwar nicht zu der Fortschrittspartei, doch kann man ihn nicht reactionär nennen; er ist gemäßigt liberal, ohne Philosemit zu sein; er darf jedoch nicht zu den Antisemiten gerechnet werden; ich glaube, daß er den Inden eher wohlgesinnt ist und bin überzeugt, daß, wenn in den höchsten Sphären sich eine judenfreundliche Strömung bemerkbar machen sollte, der Minister-Adlatus uns sicherlich die weitgehendsten Zugeständnisse machen würde. Mindestens sprach er sich vor ein paar Jahren, als sich in Bezug ans die russischen Juden ein gewisses freundlicheres Verhalten seitens der höchsten Regierungssphüren zu bekunden begann (er war damals blos nur Director des Departements, doch auch schon in dieser bescheidenen Stellung ein sehr einflußreicher Mann), mir gegenüber sehr befriedigt über diese neue Richtung aus, die freilich bis jetzt mindestens noch keine nennenswerthen Resultate ergab. Herr Anitschkow ist Opportunist, daher auch seine in Odessa gethane, nachstehende Meinungsäußerung umso größere Beachtung verdient, da der Minister in seinen Kundgebungen außerordentlich vorsichtig ist. In der Festrede bei der Grundsteinlegung sagte Herr Anitschkow unter Anderem, daß sich in Rußland ein besonderer Mangel an Aerzten bemerkbar mache, wodurch die Bolksgesundheit erheblich leide. Bei uns komme ein Arzt aus 6000 Einwohner, während in Deutschland bereits aus 8000 Einwohner je ein Arzt komme, in Frankreich aus je 1800 und in England aus 1600. Diese Armuth an Aerzten in Rußland erklärt der Minister unter Anderem dadurch, daß die Universität, welche ihre T h o r e s p e r r w e i t allen Denjenigen öffne, die n a ch höherer A u s b i l d n n g verlange u, sich gezwungen sehe, Bielen, welche sich medieinischen Studien zu widmen wünschen, Aufnahme zu verweigern zufolge von Ursachen, welche von der Hochschule ganz unabhängig sind." Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Tenn diese, von der Hochschule ganz unabhängigen Gründe, welche die Universitäten Rußlands zwingen, Bielen, die sich dem Studium der medicinischen Wissenschaften widmen wollen, die Ausnahme zu verweigern und aus welche der Minister-Adlatus hindeutet, bestehen vorzüglich in dem Percentsatz, welcher die Ausnahme von jüdischen Studirendeu aus 8 resp. 5 Perceut uvrmirt und die Thore der Militär-medicinischen Akademie für Juden hermetisch schließt. Hier liegt der Sitz des Uebels, an dem wir kranken; dieser Umstand erklärt den in Rußland sich sehr fühlbar machenden Mangel an Aerzten. Der Minister hat dadurch nur das bestätigt, was vielfach bereits ausgesprochen worden, nämlich, daß durch die Prvhibitivmaßregeln in Bezug aus die Juden Rußland sich ins eigene Fleisch schneidet, sei es auf volkswirthschaftlichem oder wissenschaftlichem Gebiete, in moralischer oder materieller Hinsicht. Wenn die Regierung die gegen die Inden gerichteten (jedoch auch die übrige Bevölkerung erheblich schädigenden) repressiven Maßregeln ausheben, das Ghetto öffnen und ihren jüdischen Bürgern volle Gleichstellung gewähren würde, so dürste das Land dadurch sehr viel gewinnen. Das beginnt man schon an mancherl Stellen einzusehen, und Herr Anitschkow hat den Finger aus die Wunde gelegt und den so fühlbaren Mangel an Aerzten in Rußland erklärt, wodurch die sanitären Verhältnisse des Landes nicht wenig leiden. Es circulirten übrigens letzthin vage Gerüchte, daß die bis jetzt existirenden Beschränkungen in Bezug ans Ausnahme jüdischer Lehrdürstiger in die Mittel- und Hochschulen ausgehoben werden sollen. Die Worte des Ministers scheinen gewissermaßen diese Ansichten zu bestätigen. Gott gebe, daß sich,dieses baldigst realisire.