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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 870 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 44 zu richten und nicht durch Veröffentlichung Schuleund Lehrer her ab zu setzen. Nun, bei dem antisemitischen Lehrer, dessen Stilübung wir oben wörtlich angeführt, ist doch derselbe Paragraph anwendbar! Mein, obzwar der Schulbehörde sogleich der Schreiber mit den hiezu nöthigen Beweisen genannt wurde, ist bis heute gegen denselben Nichts veranlaßt worden. Der jüdische Lehrer darf es eben nicht wagen, gegen einen christlichen Lehrer auch nur ein Wort des Tadels zu erheben, der christliche Lehrer darf hingegen die gemeinsten Anwürfe, die größten Lügen und die niederträchtigsten Verleumdungen gegen die jüdischen Lehrer drucken; er darf Lehrer und Schule herabwürdigen, so viel er will. Es sollte uns wundern, wenn der Lehrer R.... nicht in kürzester Zeit die Salvatormedaille — aber die große doppelte möchten wir für ihn erbitten — erhielte. Man muß sich wahrlich an den Kopf fühlen, und an der eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifeln, wenn man an die Unverschämtheit der antisemitischen Bande denkt, der gegenüber die Juden eine unbegreifliche — wie sollen wir nur sagen? — Unempfindlichkeit an den Tag legen. Wirkt da in der Bürgerschule in der Renngasse der aus Berlin eingewanderte Lehrer P . . . ., einer der enragirtesten Judenfresser. An demselben Tage, an welchem er sür fünf Gulden im Hause T o r s ch eine Stunde unterrichtet, schimpft er Abends in den Sälen der Gartenbaugesellschast in so empörender Weise gegen die Juden, daß selbst sein eigener arischer Director droht, er müffe den Tisch verlassen, wenn in so unerhörter Weise gegen die Juden geschimpft werde. Zur selben Zeit, als dieser Musterlehrer sich mit dem jüdischen Gelde einen gemächlichen Wohlstand schafft, gründet er im zweiten Bezirk den „Verein der Lehrer und Schulfreunde", in welchem er gegen das jüdische Capital vehement loszieht. Man glaube ja nicht, daß derartige Agitationen Einzelner keinen oder wenigen Einfluß auf das sociale Leben der Großstadt haben. Ein großer Theil der Wiener Bevölkerung ist nur zu empfänglich für derartige Aufteizungen. Wir brauchen ja nur unsere heutigen Studenten an den Wiener Hochschulen zu beobachten, die sämmtlich unserer gepriesenen Neuschule entsproßen. Mit welchen schönen Erfolgen haben diese das Gift ihrer Lehrer und Erzieher an den Volks- und Mittelschulen eingesogen. Nun Ihr Achtundvierziger-Helden. Ihr seid doch Alle aus der vielgelästerten confessionellen Schule hervorgegangen, was sagt Ihr zu den Erfolgen unserer segenswirkenden interconfessionellen Neuschule? Wer aber noch immer den entsetzlichen Einfluß dieser Schule nicht einzusehen vermag, den üerweisen wir auf den Bericht des „Deutschen Volksblatt" über die am 19. October im Prater stattgefundene Frauenversammlung. Wir können als Augenzeugen versichern, daß sämmtliche anwesenden Damen der jüngeren und jüngsten Generation angehörten, also Sprößlinge unserer Neuschule waren. Wie haben sie alle verständnißvoll den wahnsinnigen Auslassungen eines Schneider, den wüthenden Aufteizungen zum socialen Vernichtungskampfe ihres neuesten Erlösers gelauscht und zugejubelt! Die Wiener Lehrerschaft konnte mit diesen Erfolgen der Neuschule vollauf zuftieden sein. Und welche Freude werden sie erst empfinden, bis die jungen Herrchen als Richter, Advocaten, Aerzte, als Beamte in den mannigfaltigen Verwaltungsämtern, als technische Leiter in Fabriken, als Baumeister, Professoren rc. rc. die Hochschule verlassen, um dann praktisch auch zu bethätigen, was sie in der Volks- und Mittelschule in der Aera der so hochgepriesenen Neuschule als Ideal in sich eingesogen haben. Daß es schon seit Jahren keinem Juden so leicht gelungen ist, trotz des geschriebenen Rechtes der Staatsgrundgesetze ein öffentliches Amt zu erringen, ist noch nicht das Aergste. In neuester Zeit wird den Juden selbst das Studium geradezu verschlossen. Wir wollen aus dem reichen Materiale, das uns vorliegt, nur einen Fall als Beleg für unsere Behauptungen anführen. So wird seit zwei Jahren kein Jude m ehr i n d i e Wiener k. k. L e h r e r b i l d u n g s - A n st a l t ausgenommen. Im heurigen Schuljahre meldete sich ein einziger Jude und dieser wurde zurückgewiesen. Der Director dieser Anstalt, Herr Professor Gugler, gehörte noch vor Kurzem der liberalen Partei an. Sollte auch diese Größe schon im gegnerischen Lager sich befinden oder handelt er nach höhereil Weisungen? Interessant ist, daß der Jude, den Herr Gugler nicht aufnehmen wollte, in Krems — der Heimstätte Schönerer's — Aufnahme fand. Ja, der Herr Director der k. k. Lehrerbildungs-Anstalt in Krems denkt eben menschlicher. Wir aber wissen, daß selbst zur Zeit des Concordates an der Wiener Lehrerbildungs-Anstalt zu St. Anna jeder Jude Aufnahme fand. Wenn der Director Gugler den Juden zu schlecht findet, in seiner Anstalt ausgenommen zu werden, warum sollen seine Zöglinge nicht finden, daß der Jude überhaupt kein Recht hat, menschlich behandelt zu werden. Wenn der Wiener Stadtrath keine jüdischen Lehrkräfte definitiv macht und solche mit 10 und 12 Dienstjahre einfach präterirt, warum sollen die Wiener Lehrer nicht schon behaupten, der jüdische Lehrer dürfe auch bei Juden keinen Unterricht ertheilen und der jüdische Vater muß von gesetzeswegen verhalten werden, nur antiseulitische Lehrkräfte sür den häuslichen Unterricht seiner Kinder zu verwenden. Wenn die Lehrerin in der Schule lehrt, nichts von Juden zu kaufen, warum sollen dann nicht Tausende Frauen und Mädchen bei „Swoboda" diesem schon aus der Schulstube bekannten Lockrufe Folge leisten? So sehen die socialen Erfolge der Neuschule aus! Die socialen Verhältnisse eines jeden Staates sind eng verknüpft mit dem humanen Sinn, den wohlthätigen Bestrebungen seiner Bewohner. Und so müssen wir auch diesen Punkt noch beleuchten. Das ist ein sehr trauriges Capitel und soll als letzte Folge unseres Themas in der nächsten Nummer besprochen werden. Das Chodinkafrld des Prinzen Liechtenstein. Endlich hat E r sich selbst herabgelassen, über die Hausirer zu sprechen — und es war wirklich höchste Zeit. Das Geschwätze und Geschimpfe des antisemitischen Bürgerpacks begann schon mit seinem Einerlei langweilig zu werden, und dann hat es auch keine Bedeutung. Die wahre Macht ist doch jetzt bei dem hohen Adel und dem hochwürdigen Clerus. Und ist nicht Prinz Liechtenstein der richtige Vertreter dieser beiden Classen? Roma locuta est. causa finita hieß es sonst, und repräsentirt nicht der Prinz besser das clericale Rout, als die Herren D e ck e r t und Scheicher? Draußen in Hernals beim Gschwandtner hat E r gesprochen und die Sache ist beendet. Was in Moskau durch Ungeschicklichkeit oder Nachlässigkeit verursacht wurde, das soll in Wien, in ganz Oesterreich, auf „gesetzlichem, verfassungsmäßigem" Wege herbeigeführt werden. Und nicht Hunderte, wie auf dem Felde von Chodinka, sondern Tausende sollen dem Hungertode überliefert werden. Kriegsdienst ist sonst der Beruf des Adels gewesen, aber denk Prinzen Liechten st ein war es nicht bescheert, an der Spitze einer tapferen Armee Tausenden von Feinden des Vaterlandes den Tod zu bringen. Ich weiß nicht, ob es ihm dazu an Fähigkeit oder Gelegenheit gefehlt hat. Jetzt stellt er sich an die Spitze der Antisemiten, um Tausende von Unbewaffneten in den Tod zu treiben. Das ist jedenfalls viel gefahrloser. Ich kenne den hochgebornen Demagogen nicht persönlich, aber ich höre, daß er wie andere bürgerliche und bäuerliche Menschen zwei Augen und zwei Ohren, einen Mund und eine Nase hat, letztere soll sogar etwas semitisch gebogen und lang gerathen sein — es ist also anzunehmen, daß er auch wie andere Menschen, ein Herz hat. Warum verfolgt er also die armen Hausirer? Er wird vielleicht mit den: Christenfeind Tacitus antworten: „Es sind ja Juden und der Schaden ist gering, wenn sie zu Grunde gehen." Und wenn man ihm einwendet, daß es auch viele christliche Hausirer gibt, so wird er vielleicht wie der päpstliche Legat, der fromme Abt Arnauld bei der Erstürmung von Beziers im Jahre 1209 durch das Heer der Kreuzeskämpfer antworten. Als die Ritter und 'Soldaten ihn ftagten, wie sie den Katholiken, die sie schonen wollten, von den Ketzern unterscheiden könnten, antwortete er: „Tödtet nur alle Einwohner ohne Unterschied, der H e r r wird schon die Seinigen herausfinden." Es ist erst kürzlich bei einer Versammlung der niederösterreichischeu Großgrundbesitzer davon die Rede gewesen, daß sich diese Claffe zusammenschließen, als einheitliches Ganzes im Land-

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