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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 868 Dr. Vloch's Wochenschrist Nr.- 44 Umstand, welcher der Angelegenheit des Währinger Jubiläumstheaters eine gewisse Eigenart verleiht. Die Herren haben eben nicht warten können, sie gingen in ihrem Eifer für die gute antisemitische Sache ein wenig zu weit, sie werfen die unangenehmen jüdischen Gäste zur Thüre hinaus, bevor dieselben Hut und Stock und — worauf es ja am Meisten ankommt — die Geldbörse abgelegt hatten. Sie vergesien das treffliche Beispiel, das ihnen bei einer Reihe anderer Institutionen gegeben worden war, wo die „jüdischen Wurzen" erst dann hinausgeworfen werden, als sie nach allen Regeln erprobter Piratenkunst gerupft waren. Dann allerdings tüchtig und gründlich! Wir haben Asyle und Hospize, Spitäler und Kinderbewahranstalten, humanitäre Einrichtungen aller Art, die jüdischer Wohlthätigkeit und jüdischer Opferwilligkeit ihre Gründung, ihre Existenz verdanken und wo bei der Strafe des Anathems kein jüdischer Arzt, kein jüdischer Angestellter zur Verwendung gelangt, kein jüdischer Patient die Aufnahme erlangen kann. Die Mauern sind mit jüdischem Gelde aufgeführt, das jüdische Capital hat den Palast der Menschenliebe errichtet und drinnen hat der Antisemitismus dem Haffe, der Verachtung Andersdenkender einen Thron erbaut. Nicht anders wäre es wohl dem Währinger Jubitäumstheater gegangen, wenn nicht die antisemitische Hetze zu früh losgegangen wäre. Wir können eigentlich damit zufrieden sein, wir können nur wünschen, daß solche Fälle, die auch dem Blinden die Sehkraft zurückgeben, sich öfters ereignen. Dann würden die jüdischen Wurzen auf das Aussterbeetat komn.en. Dann würde in jüdischen Kreisen und namentlich unter den begüterten, den wohlhabenden Juden der beherzigenswerthe Spruch neue, gerade in der heutigen Zeit besonders actuelle Geltung erlangen : „Sagemir, mit wem Du umgehst, und ich werde Dir sagen, wer Du bist!" Der Antisemitismus und die ronfefstonelle Schule. IV. Die socialen Verhältnisse der Menschen stehen mit ihrem Bildungsgrade und ihrer wissenschaftlichen Ausbildung in engster Beziehung. Untersuchen wir vor Allem, was die Neuschule auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung geleistet hat und welche Erfolge sie nach nahezu dreißigjähriger Thätigkeit aufzuweisen vermag. Wir brauchen für die Beantwortung dieser Frage kein eigenes Urtheil abzugeben, da wir in der glücklichen Lage sind, den hervorragendsten Vertrauensmann der antisemitischen Lehrerschaft als Kronzeugen anführen zu können. Der deutsch nationale antisemitische Wiener Bürgerschul- Director Ferdinand Krautmann veröffentlicht in der pädagogischen Zeitschrift „Die Volksschule" vom 15. April 1896 einen Artikel über die Leistungen unserer Neuschule und der liberale Redacteur dieser Zeitung Herr Anton Katschinka findet kein einziges Wort der Abwehr gegen dieses allerdings wahrheitsgetreue und zutreffende Urtheil. Wir wollen nun dieses imposante Lob auf die glänzenden Erfolge der Wiener Lehrerschaft wörtlich citiren: „Dem Rechtschreiben und der Sprachlehre müssen eigene Stunden eingeräumt werden. Man klagt in Bürgerschul- und Mittelschulkreisen nicht mit Unrecht, daß die grammatischen und orthographischen Kenntnisse unserer Schüler viel zu wünschen übrig lassen. Die meisten Volksschüler haben in der Wortanalyse nur geringe oder gar keine Fertigkeit, sie kennen keine Zeiten, keine Nennformen, kein Mittelwort, sie können nicht nach Ergänzungen ftagen, sie tteffen die Fälle der Hauptwörter nicht und Ännen die Fürwörter von einander nicht unterscheiden. Ich pflege seit Jahren in der I. Classe der Bürgerschule im September ein kleines Dictat zu geben mit dem Verlangen, durch darübergeschriebene Ziffern die Fälle der Hauptwörter zu bestimmen. Zuvor aber wiederhole ich die Fragestellungen. Gewöhnlich sind zwei Drittel der Classe nicht im Stande, diese einfache Arbeit auf „genügend" zu liefern. Statt unzähliger Beispiele nur einige. Ich streiche einem Schüler der I. Bürgerschulclasse das Wort „geglückt" an. Bei der darauffolgenden Aufgabe stelle ich ihn zur Rede, warum er diesen Fehler nicht verbessert habe. Der Knabe wurde roth und gestand mir, daß er nicht wußte, was für ein Fehler das sei. Also mußte ich ihm das Wort „geklagt" selbst hinschreiben und elementar erklären. Das war aber keiner von den ganz vernagelten Schülerköpfen. Am 20. September 1895 wußte unter 56 Schülern einer I. Bürgerschulclasse ein einziger, daß „welcher" ein bezügliches Fiirwort ist; kein einziger Schüler wußte den Sinn des Wortes „uneigennützig" zu erklären oder ein anderes Wort dafür zu sagen. Nur zwei Schüler wußten, was „Hagel" ist; Fehler, wie: erpliekte, Entekung, Entegung, hollmasse, schpoten, stpoten, mühsigang, Thurnsatt, Zutttiet, klüch u. s. w. muß der Bürgelschullehrer stetig verbessern." Bedarf es nach diesen Worten des vornehmsten Antisemitenführers der Wiener Lehrer noch eines weiteren Commentars zu den erfreulichen Leistungen der Neuschule? Doch hören wir noch eine zweite Stimme, noch maßgebender, unparteiischer, die über jeden Verdacht der Parteilichkeit erhaben sein muß. Die „Zeitschrift für d a s ö st e r r e i ch i s ch e V o l k s s ch u l w e s e n", das Diganicr k. k. ö st erreich i s ch e n U n t e r r i ch t s v e r .w a l t u n g f ch r e i b i i m 4. H e f t, 7. I a h r g a n g 1896, Folge n d e s : „In den Schulen der Großstadt, in welchen die Achtstufigkeit durch acht aufsteigende Claffen auch äußerlich gekennzeichnet ist und in welchen es Regel ist, daß auf eine fünfclassige Volksschule als Unterbau eine dreiclassige Bürgerschule als Oberbau sich angliedert, da mißt man uux zu leicht alle Schüler mit einem Maßstab, welchen man von den tüchtigsten ableitet, vergißt aber nur zu oft, daß man Individuen der verschiedensten Art vor sich hat. Eine kurze Recapitulation der wichtigsten statistischen Daten der Wiener Schulverwaltung zeigt uns, wie wenig man eigentlich in den höchst organisirten Schulen mit dem Individuum, mit den individuellen Verhältnissen der Schüler rechnet. Von den 156.232 Schülern, die ani 1. October 1891 unsere öffentlichen Volksschulen besuchten, waren es 5695, die im Laufe des Schuljahres als schulmündig entlassen wurden. Am 30. Juni 1892 sind von 146.226 Schulkindern 27.515, das ist 16'8 Percent, als unreif zum Wiederholen verhalten worden; dagegen haben nur 3237, das ist 2 2 Percent, das höchste Ziel der Volksschule, das heißt die mit genügenden Erfolg absolvirte llk. Classe der Bürgerschule — erreicht, wobei noch zu bedenken ist, daß ein nicht geringer Theil dieser Glücklichen, die in die lll. Classe der Bürgerschule gelangen, über das schulpflichtige Alter hinausragt. Diesen 3237 Schülern wurde es möglich, die III. Classe der Bürgerschule zu absolviren, weil sie entweder durch Begabung hervorragen oder nach ihren Lebensverhältnissen und nach den Erwerbsverhältnissen der Eltern unter günstigen Umständen leben. Alle anderen sind von der Aneignung von Wissensgebieten ausgeschlossen gewesen, die zum Theile selbst die e i n c l a s s i g e Volksschule vermittelt! „Nach der bestehenden Uebung wird der großen und breiten Schichte der Bevölkerung, für welche ja die Volksschule da ist, n i ch t erheblich mehr g e b o t e n, a l s i n der früheren Zeit; man fasse nur die große Zahl derjenigen Schulkinder ins Auge, die mit Abgangs- und Entlaffungszeugnissen von der dritten und vierten, im günstigsten Falle von der fünften Classe ins Leben hinaus gesendet werden, die also nur die allernothwendigsten, auch schon ,von der Trivialschule vermittelten Kenntnisse in Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen, oder — nicht einmal diese besitzen — wenn man nicht mehr vor der Arbeit zurückschreckt, die das consequente Wachrütteln des Schülers aus seiner Teilnahmslosigkeit mit sich bringt, dann wird auch die traurige Erscheinung schwinden, daß in Wien in einem Jahre 10.072 Schüler (das heißt 36°6 Percent aller Repetenten) wegen Trägheit zum Wiederholen verhalten werden!" An Deutlichkeit läßt wohl das Regierungsblatt nichts zu wünschen übrig. Von den 3000 Wiener Lehrern hat auch nicht einer es gewagt, den Anwürfen Krautmann's oder des Regierungsblattes entgegenzntreten. Thatsachen, die allgemein und ämtlich erwiesen, können selbst Antisemiten nicht leugnen. Aber ein Heilmittel für die niedrigen Leistungen wußten sie in der letzten Lehrerconferenz vorznbringen. Was doch ein antisemitisches Gehirn fiir ausgezeichnete Ideen hat! Die Errichtung von Correctionsclaffen und Jdiotenabtheilungen sollen Universalmittel für größere Leistungen der Lehrer werden. Wohl be-

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