Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 44 (30.10.1896)
- Date
- 1896-10-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. Vloch's Wochrnphrtfi- Seite 867 werden. Der Rector der Israelitisch-theologischen Anstalt in Wien erklärt jedoch mit einer Offenherzigkeit, die verblüffend wirkt, daß es nicht seine — oder überhaupt des Seminars — Aufgabe sei, die Zöglinge zur Ablegung der gesetzlich erforderlichen Lehrerprüfung an einem österreichischen Lehrer- Seminar zu verhalten, und er fügt mit noch verblüffenderer Aufrichtigkeit hinzu, daß die Zöglinge der Anstalt nach Absolvirung des Vorbildungs-Cursus hiezu auch gar nicht g e e i g n e t s e i e n. Das unsäglich traurige und beschämende Facit ist : Die Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien bildet Religionslehrer aus, die Alles eher als — Religionslehrer sind, denn es fehlt ihnen die erste, wichtigste, unerläßlichste Voraussetzung: sie können überhaupt keine Lehrer sein. Was aus diesen jungen Leuten werden soll, die am Ende ihrer Studienzeit beim Anfang Hallen — das kümmert die edlen Herren nicht, denen die Leitung dieser Anstalt anvertraut ist. Die Anstalt sorgt, wirkt und denkt nur für ihre Professoren und Lehrer, um jedem eine hinreichende Zahl von Collegien wöchentlich zu sichern, nicht aber für die Hörer und Zöglinge und deren Zukunft. Das Wiener Rabbiner-Seminar ist das reichste und zugleich das ärmste von allen ähnlichen Instituten. Es ist das reichste von allen, was die Gehälter seines Rectors und einzelner bevorzugter Lehrer betrifft; es ist das ärmste von allen, soferne es sich um die Interessen seiner Hörer handelt. Der Rector der Israelitisch-theologischen Anstalt in Wien bezieht allein einen Gehalt, der so groß ist, wie ihn in Breslau Zacharias Frankel und G r ä tz zusammen hatten, ohne daß vielleicht er selbst behaupten würde, durch wissenschaftliche Leistungen diese Beiden zu ersetzen. Allerdings ist der Causalnexus zwischen dem Reichthum nach der einen und der Armseligkeit nach der anderen Seite ein unverkennbarer. Die Anstalt könnte sich gar manche im Interesse der Hörer dringend nöthige Ausgabe gönnen, wenn manche überflüssige Ausgabe, die im Interesse der Professoren gelegen ist, unterbliebe. Das rothr und das schwarze Gespenst. Im Musikvereinssaale sind in diesen Tagen die Junaliber alen zusammengekommen, die „Socialpolitiker", wie sie sich selbst nennen, jene fortschrittlichen Bürger, welche durch die Thal beweisen wollen, daß das Wort Liberalismus schließlich mehr bedeutet, als eitel Schall und Rauch. Das ist ein schönes, ein löbliches Beginnen! Die Juden haben am eigenen Leib erfahren, von welch traurigen Folgen die Entartung, der Marasmus der Pfeudoliberalen begleitet waren. Man thut dem edlen Wort „liberal" bitteres Unrecht, aber man muß es leider dem Brauch und Herkommen gemäß auf jene Extrazimmerclique, auf jenes Streberbündel anwenden, welches an die Stelle der Mühlfelds und Bergers, der Herbst und Giskras getreten war. Man verstehe uns recht. Wir kennen leine Generalisirung; jede Verurtheilung in Bausch und Bogen ist uns fremd, und wir sind die Ersten, um bereitwillig anzuerkennen, daß auch die heutige liberale Partei in ihrer Mitte manchen kenntnißreichen und einige gesinnungstüchtige Männer zählt, aber was wir frei hinaussagen und stets hinausgesagt haben, ist die bedauerliche Thatsache, daß diese Elemente in der bedenklichen Minderheit sind, daß sie von der Masse Derjenigen erdrückt werden, denen i h r Liberalismus ein Mittel war zum Zweck, will sagen zum — Mandat. Diese Liberalen, die stets die Judenschast gewissermaßen als Leibeigene betrachteten, die sich von der Vorstellung nicht losmachen konnten, jeder Jude hätte die heilige Verpflichtung, sie und nur sie zu wählen, haben ausgespielt. Die Annahme ist vollständig falsch, daß ihr sogenanntes „Eintreten für die Juden" den Wiener Liberalen ihre Popularität gekostet habe. Das ist eine beliebte konventionelle Lüge gewisser Parteibonzen, die nunmehr in der Versammlung im Musikvereinssaal von einem der socialpolitischen Candidaten» von Dr. Julius O f n e r, ganz richtig stigmatisirt wurde. Das Gegentheil ist wahr. Ein großer Theil der Antisemiten ist dies nicht den Juden, sondern ihren liberalen „Schützern" zuliebe geworden. Jene Elemente, welche vor der liberalen Partei zurückscheuten, verfielen dem schwarzen Gespenst der Reaktion, da sie das rothe Gespenst des Socialismus fürchteten. D'rum begrüßen wir freudig die politische Reorganisation des fortschrittlichen Bürgerthums, die sich nunmehr vollzieht. Wir haben keinen Grund, an dem Worte eines Philippovich zu zweifeln, der in der antisemitischen Bewegung nicht mehr eine Gefahr für das Judenthum, sondern für den Bildungsstand des ganzes Volkes erblickt, und Herr Kronawetter mag ruhig sein, wir wollen keine Sonderrechte, wir wollen die Gleichberechtigung, freilich nicht die des Wortes, sondern die der That. Wir haben es satt, die „S ch u tz j u d e n" der liberalen Partei zu sein, denen man von Heute auf Morgen die Freundschaft kündigt, wenn die Abgaben an — Stimmzetteln zu gering sind. Wir hoffen und wünschen, daß die socialpolitische Partei dieser Gefahr entgehe, der Gefahr, ihre Gesinnungen und Ueberzeugungen zum Gegenstand eines Tauschhandels zu machen. Erfüllt die neue Partei diese Hoffnungen, die auf sie gesetzt werden, dann kann sie der getreuen Gefolgschaft der jüdischen Wähler sicher sein. Die jüdische Wurzen. Naturam, si fnrca expelles, semper nsque recturet .... Das heißt in's allermodernste Deutsch übersetzt: „Der waschechte Antisemit läßt das Judenfreffen nicht; auch dann nicht, wenn er in jüdischen Diensten steht, wenn er mit jüdischem Geld seine kleineren und größeren Bedürfnisse deckt, wenn er jüdischen Einfluß, jüdische Geistes- und Capitalskraft zu persönlichen Zwecken mißbraucht hat. Kommt die Stunde, wo er den Juden zu entbehren glaubt, dann fällt die scheinheilige Maske und durch die süßen Harmonien der Toleranz, der Duldung, der allgemeinen Menschenliebe tönt schrill und abgebrochen das uralte „Hepp, hepp!" Und trotz aller schlimmen Erfahrungen, welche die Juden im Laufe der Jahre gemacht haben, bricht sich die beffere Erkenntniß nur langsam und mühevoll Bahn. Man verzichtet noch immer nicht auf compromittirende Compromisse, man versucht es noch immer mit entehrenden Coalitionen, man beliebt noch immer die berüchtigte „Zurückstellung trennender Gegensätze" und ist erst dann gewitzigt, wenn man sich wieder einmal gewürzt sieht. Gewitzigt bis zum nächsten Mal .... Unsere letzte heitere Compromißerfahrung stammt aus dem Währinger Jubiläum stheater. Die Juden nahmen keinen unstoß, sich mit antisemitischen Parteigrößen an einen Tisch zu setzen» sie fühlten sich riesig geehrt, daß antisemitische Hände das jüdische Geld der Auszeichnung würdigten, es einzustecken. Das Gefasel, daß der Zweck des Unternehmens Alles heilige, nicht nur die jüdischen Mittel, sondern auch die antisemitischen Macher, fand willige Ohren. Und die Juden sind furchtbar erstaunt, daß sie nun plötzlich aus dem Theaterverein hinausgedreht werden sollen, daß man offen der Ansicht Ausdruck gibt, daß an dem mit jüdischen Geld erbauten Theater nur „reinracige" Autoren zum Wort kommen dürsten. Die hinausgeworsenen Juden machen eine verblüffte Miene, sie sind wie aus den Wolken gefallen. Sie suchen sich selber weiß zu machen, daß Derartiges sich noch nie ereignet habe, daß ein solcher antisemitischer Umwandlungsproceß zum ersten Mal vor das Forum der Oeffentlichkeit gelangt. Etwas Gedächtniß, wenn wir bitten dürfen! So steht die Sache denn doch nicht. Daß die antisemitischen Chemiker diesmal sehr ungeschickt hantirten, daß sie die Retorte vom Feuer rückten, bevor die Mischung noch gelungen, ist der einzige