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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-30 · 44 (30.10.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
44 (30.10.1896)
Date
1896-10-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 866 Vr. Vloch's Wochrnfchrifr Nr. 44 gewonnen werden. Die jungen Theologen sollten mit dem gefammten wissenschaftlichen Rüstzeug der Neuzeit ausge- ' stattet werden, um allerorten und jederzeit für die Ehre des Judenthums einzutreten, endlich galt es, der allgemeinen Klage über den Mangel an tüchtigen pädagogisch geschulten R e l i g i o n s l e h r e r n ein Ende zu machen. Wie unternimmt es die Israelitisch-theologische Lehranstalt, ihre Aufgabe, den an sie gestellten Forderungen gerecht zu werden, zu lösen? Vier wissenschaftliche Pnblicationen liegen bereits von dieser Lehranstalt vor, über die zwei ersten hat die wissenschaftliche Kritik des Auslandes bereits ein Urtheil gesprochen und kein schmeichelhaftes. Wir behalten uns vor, die wissenschaftliche Bedeutung dieser Pnblicationen eingehend zu würdigen. Für heute gilt es lediglich, die Anstalt bei ihrer speciellen Aufgabe, bei der L e h r t h ä t i g k e i t, zu beleuchten. Was thut also vor Allem das Rabbiner-Seminar, damit seine Hörer eine ansehnliche, Freund wie Feind respecteinflößende, wissenschaftliche Bildung sich aneignen? Die Antwort ist leider schnell gegeben: Das Rabbiner- Seminar hat eine sinnreiche Einrichtung getroffen, um seinen Hörern den Weg zur wissenschaftliche n Ausbildung schier völlig zu verrammeln. Die Leser schütteln staunend die Köpfe und fragen, wieso denn das möglich sei, da doch die Rabbinerschule mit gutem Grunde in Wien, am Sitze der Universität, errichtet wurde, deren Besuch doch den jüdischen Theologen offen steht? Ja, das ist es eben. Das Rabbiner-Seminar, das in der That weder ein Cheder noch eine Jeschiba sein soll, hat mit bewunderungswürdigem Raffinement einen Stundenplan entworfen, der seinen Besuchern das Frequentiren der wichtigsten Vorträge an der Universität unmöglich niacht. Sämmtliche Rabbinatslehranstalten sind derart eingerichtet, daß die Hörer sich an der freien wissenschaftlichen Thätigkeit der Universität betheiligen können; der jüdische - Theologe soll den freien Geist in den Hallen der Wissenschaft einathmen, seine Verstandesthäügkeitschulenin der freien Forschung, welche au der Universität ihren Sitz hat, und einen scharfen kritischen Blick für die Wahrheit sich erwerben. Die Leitung der Jüdisch-theologischen Lehranstalt in Wien mißgönnt den Jüngern den Besuch der Vorlesungen an der Universität, und da man es ihnen nicht direct verbieten kann — man genirt sich vor der Oeffentlichkeit — so sucht man das Ziel indirect zu erreichen: durch eine sinnreiche Vertheilung des Lehrplanes, den Zöglingen den Besuch der Universitätsvorlesungen unmöglich zu machen. Während die Lehranstalt ihre eigentliche Aufgabe darin zu sehen hatte, die Universitätsstudien zu ergänzen, trachtet sie vielmehr dieselben zu ersetzen. Das ist die schwerste geistige Schädigung unseres künftigen Rabbiner st an des; unser Ideal war der Rabbiner, der nicht blos das Doctorexamen abgelegt, sondern die Universitätsstudien wirklich absolvirt hat, ein Jünger der freien Wissenschaft; die Zöglinge des Wiener Rabbiner-Seminars dagegen werden sich uns als „Chederjünger mit dem Doctorhut" präsentiren. Die reactiouär-e Tendenz, die Rabbiner von der Universität fern zu halten, zeigt sich auch in einer anderen Richtung. Aramäische Grammatik z. B. trägt derselbe Professor an dem Rabbiner-Seminar vor, der diesen Gegenstand an der Universität liest. Weshalb die Jünger des Seminars diesen Gegenstand nicht an der Universität hören? Für die geistige und wissenschaftliche Ausbildung der Zöglinge ist dieser Separatismus jedenfalls weniger vom Vortheil als für den Docenten, der dadurch in eine Lage versetzt wird, einen recht stattlichen Gehalt vom Rabbiner- Seminar zu beziehen. Zu diesem Zwecke tradirt er ja auch Religionsphilosophie (!!) an der Israelitisch - theologischen Lehranstalt, obwohl ihm auf diesem Gebiete — was bei einem Linguisten verzeihlich — jegliche Autorität und Versirtheit ab geht. In allen Fachkreisen wird darüber gestaunt: Wie kommt es, daß man eine Disciplin wie Religionsphilosophie einem — Kenner sabbäischer Inschriften übertragen hat? Gibt es denn in Wien oder anderwärts keinen Fachmann für jüdische Religionsphilosophie, daß man einem Fremdling auf diesem Gebiete, einem Orientalisten, diese wichtige Lehraufgabe anvertrauen mußte? Es gewinnt den Anschein, als hätte das Lehrercollegium die Disciplinen unter sich vertheilt nicht nach dem Fachwissen, der Begabung und der Eigenart der einzelnen Docenten, sondern nach der Stundenzahl, die nun einmal jeder für sich in Anspruch zu nehmen beabsichtigte. Vor Allem wollte man wirkliche Fachmänner fern halten, von denen man befürchten 5«. dürfen glaubte, sie würden sich als „störende Elemente" in diesem intimen Kreise unangenehm bemerklich machen. Nach dem Organisationsstatut § 19 hat aber die Israelitisch - theologische Lehranstalt auch eine Unterabt h e i l u n g mit dem Zwecke: ,,a) Religionslehrer für Volks- und und Bürgerschulen h er an zubild en; * b) Aspiranten für die „Israelitisch-theologische Lehranstalt" in den hebräischen Fächern gehörig vorzubereiten." Zur Aufnahme in die Vorbildungsschule wird der Nachweis der Absolvirung des Untergymnasiums oder des Besuches einer öffentlichen Lehrer-Bildungsanstalt, sowie die bei einer Aufnahmsprüfung zu documentirende . . . Kenntniß der Formenlehre der hebräischen Grammatik gefordert. Diese Unterabtheilung, welche dazu bestimmt ist, israelitische R e l i g i0 n s l e h r er auszubilden, wurde mit besonderer Genugthuung begrüßt und das Bedürfniß nach geschulten israelitischen Religionslehrern war für den Vorstand der Wiener israelitischen Cultusgemeinde maßgebend, eine Jahressubvention von fl. 3000 dieser Lehranstalt zu bewilligen. Das Institut besteht nunmehr seit drei Jahren und man fragt sich, wie viele von den Schülern dieser Unterabtheilung werden die Lehrer-Prüfung ablegen? Nicht ein Einziger! In der Anstalt werden diese jungen Leute lediglich in den jüdischen Religionsfächern unterrichtet. Sonst besuchen diese Schüler weder eine Lehrer-Bildungsanstalt noch ein Gymnasium, der Rector kümmert sich nicht, ob die Zöglinge je die Qualification als Lehrer erlangen würden. Irren wir uns, so möge man uns belehren! Vor uns liegen die Jahresberichte, aus welchen sich die merkwürdige Thatsache ergibt, daß die Schüler der unteren Abtheilung keinen derartigen Unterricht erhalten, der sie schließlich befähigen würde, eine Maturitäts- oder Lehramtsprüfung abzulegen. Die Mitglieder des Lehrercollegiums selber sind nicht geeignet und auch nicht gewillt, in diesen Fächern zu unterrichten, somit wird weiter dafür keine Vorsorge getroffen. Die Anstalt ist blos für die Lehrer da, die Schüler überläßt man ihrem Geschick oder Mißgeschick. So wird dieser Theil der Jugend um seine Zukunft betrogen. Denn nach den 4 Jahren wird ihnen selbst zum Aufrücken in die höhere Abtheilung der Lehranstalt noch immer das Maturitätszeugniß fehlen. Die Israelitisch-theologische Anstalt, welche die Bedingung stellt, daß ihre Zöglinge das Untergymnasium absolvirten, kümmert sich nicht darum, ob ihre Zöglinge während der Dauer ihrer Studienzeit am Seminar das Obergymnasium absolviren oder sich für die Prüfungen an einer hiezu berufenen pädagogischen Anstalt vorbereiten. An allen Lehranstalten ähnlicher Art, in Breslau wie in Budapest, wird mit Sorgfalt darüber gewacht, daß die Zöglinge in dem Augenblick, wo sie ins Leben hinaustreten, die vollständige Qualification für ihren Beruf besitzen. Sie werden für die Lehrerprüfung! vorbereitet, während sie zu Religionslehrern herangebildet

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