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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-23 · 43 (23.10.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Vlortz's WochrnfttzrM Seite 863 „Ich? Oh nein", entgegliete er, wendete sich aber mit beginnender Unruhe von ihrem skeptischen Blick ab. Plötzlich erweiterten sich seine Pupillen. Ein Bild von Außen hatte sich ans seiner Netzhaut gemalt. Es war das Bild Wilkinson's, des finstern, unbeugsamen Wilkinson, wie er unter dem Koffer gebeugt über den Kies des Platzes schritt. Bor ihm schritt der Schnorrer einher. Noch nie während der ganzen Dauer seines Dienstes irr Goodmans Fields hatte Wilkinson etwas Anderes aus fernem Rücken getragen als seine Livree. Ebenso leicht hätte Grob stock träumen können, daß seine Frau einwilligen würde, Kattun zu tragen. Er rieb sich die Augen, aber das Bild wollte nicht verschwinden. Er klammerte sich an den Fenstervorhang, um sich ansrecht zu erhalten. „Meine persischen Vorhänge", schrie seine Frau. „Was geht mit Dir vor?" „Er muß der Baal Schein selbst sein", keuchte Grobstock, ohne ans sie zu achten. „Was siehst Du?" „N—ichts." Frau Grobstock näherte sich ungläubig dem Fenster und starrte durch die Scheiben. Sie sah Wilkinson im Garten, erkannte ihn jedoch in seiner neuen Haltung nicht und schloß daher, daß die Aufregung ihres Gatten in irgend einer Verbindung zu einer schönen Brünette stehen müsse, die in einer Sänfte sitzend, die Kühle des Abends genoß. Ihr Ton hatte einen Auslug von Schärfe, als sie sagte: „Die Köchin beklagt sich, daß ein kecker Kerl, der Dir Deinen Fisch nach Hause getragen hat, sie beleidigte." „Oh," sagte der arme Grobstock. Sollte er von dem Manne nie Ruhe haben? „Warum hast Du ihn in die Küche geschickt?" Sein Zorn gegen Manasse brach durch die Verdrießlichkeit seiner Frau von Neuem los. „Mein Kind!" schrie er, „ich habe ihn nirgends h ungeschickt — ausgenommen zum Teufel." „Joses, Du könntest eine solche Sprache für Ohren von Creaturen in Sänften ausbewahren!" Und Frau Grobstock stürmte unter zornigem Rauschen ihres Atlaskleides zur Thür hinaus. Als Wilkinson matt und müde zurückkehrte — seine Pomphaftigkeit hatte sich ausgeschwitzt — suchte er seinen Herrn mit einer Botschaft auf, die er ihm ausrichtete, ehe die Fluth von Fragen von Grobstock's Lippen strömen konnte. „Herr Da Costa läßt sich empfehlen und läßt sagen, daß er sich nach reiflicher Ueberlegung entschlossen hat, sein Versprechen nicht zu brechen und am Freitag Abend hieher zu kommen." „Wirklich?", sagte Grobstock grimmig. „Wie kam Er dazu, seinen Koffer zu tragen?" „Ihr habt es mir ja befohlen, Herr." „Ich habe es Ihm befohlen!" „Ich meine, er sagte, Ihr hättet es befohlen," sprach Wilkinson verwundert. „Thatet Ihr es nicht?" - Grobstock zögerte. Da Manasse ja doch sein Gast sein würde, war es unklug, ihn dem Livreebedienten zu verrathen, außerdem machte ihm Wilkinson's Demüthigung ein geheimes Vergnügen; ohne den Schnorrer hätte er nie erfahren, daß Wilkinson's goldene Schnüre eine fügsame Persönlichkeit verbargen. Das Sprichwort: „Wie der Herr, so der Diener" fiel Grobstock bei dieser Gelegenheit nicht ein. „Ich meinte nur, daß Er es bis zu einer Kutsche tragen solle", murmelte er. „Er sagte, das sei nicht der Mühe Werth, die Entfernung sei so kurz." „Ah, Er hat sein Hans gesehen?", fragte Grobstock neugierig. „Ja, es ist ein schönes Haus in Aldgate mit einem hübschen Thor und zwei steinernen Löwen davor." Grobstock gab sich große Mühe, nicht überrascht auszusehen. „Ich übergab dem Koffer den Bedienten." Grobstock gab sich noch größere Mühe. „Möchtet Ihr es glauben, Herr, zuerst dachte ich, daß er Euch Euren Fisch nachtrage", schloß Wilkinson mit einem schwachen Lächeln. „Er ist zu sonderbar angezogen. Er muß wohl ein Original sein." „Ja, ja, ein Sonderling, wie der Baron D'Aguilar, den er oft besucht", sagte Grvbstvck eifrig. Er dachte bei sich, ob er nicht wirklich die Wahrheit spreche. War er vielleicht das Opfer eines Spaffes, eines Schelmenstreiches geworden? Drang nicht ein angeborenes, aristokratisches Wesen ans jeder Pore seines geheimnißvvllen Besuchers? War nicht jeder Ton, jede Geberde die eines Mannes, der zum Herrschen geboren ist? „Er muß auch bedenken, daß er ein Spanier ist", fügte er hinzu. „Ach ja, ich verstehe", sagte Wilkinson mit überzeugter Miene. „Aber ich glaube wohl, daß er sich wie alte anderen Leute anzieht, wenn er außer Hans dinirt oder soupirt", fügte Grobstock leichthin hinzu. „Ich brachte ihn nur zufällig ins Hans. Aber gehe Er jetzt zu seiner Herrin; sie braucht Ihn." „Ja, Herr. Aber richtig, ich vergaß Euch zu sagen: Er hofft, daß Ihr ihm ein Stück von seinem Lachs aufheben werdet." „Geh' Er zu seiner Herrin!" „Du hast mir nicht gesagt, daß am Freitag ein spanischer Edelmann zu uns kommt", sprach später am Abend seine Gattin zu ihm. „Nein", gab er kurz zu. „Aber wird einer kommen?" „Nein — wenigstens kein Edelmann." „Wer denn? Ich muß also durch meine Dienstboten von meinen Gästen erfahren." „Offenbar." „Und Du hältst das für richtig?" „Mit Deinen Dienstboten zu klatschen? Gewiß nicht." „Wenn mein Gatte mir nichts sagen will — wenn er nur Augen für Sänften hat — Josef hielt es für das Beste, Frau Grvbstock zu küssen. „Es ist wohl einer Deiner Mitdirectoreu in der Compagnie?" ftagte sie nun etwas milder. „Ein Mitbruder in Israel. Er hat versprochen, um sechs Uhr zu kommen." Manasse war ans die Minute pünktlich. Wilkinson führte ihn in's Zimmer. Die Wirthiu hatte ihre schönsten Kleider angelegt, um einer Situation Ehre zu machen, der ihr Gatte so hoffnungsvoll entgegensah, als er nur konnte. Sie sah in einem Kleid aus blauer Seide strahlend aus; ihr Haar war in einem Schopf frisirt, und um ihren Hals lag eine „esclavage“, die aus Gewinden von Goldketten bestand. Tie Sabbathtafel mit ihren schweren silbernen Armleuchtern, der Kaffeemaschine, dem Trinkbecher, den Blumenvasen und Obstschalen sah ebenfalls festlich ans. Das Speisezimmer selbst war ein hübsches Gemach; die Buffets glänzten von venetianischem Glas und Dresdener Porzellan und da und dort trugen vergoldete Piedestale Kugeln mit Gold- und Silberfischen. Bei dem ersten Blick auf seinen Gast erstarrte Grobstock's Blut zu Eis. Manasse hatte kein Haar ans seinem Haupte, kein einziges seiner Kleidungsstücke geändert. Bei dem nächsten Blick begann Grobstock's Blut zu sieden. Hinter Manasse zeigte sich eine zweite Gestalt — ein zweiter Schnorrer, kleiner und sogar schmutziger als da Costa, seiner Würde ganz entbehrend, ein plumper und gebückter Schnorrer, mit einenl schmeichelnden Grinsen auf dem kothfarbigen, haarigen Gesicht. Keiner von Beiden nahm die Kopfbedeckung ab. Frau Grobstock blieb vor Erstaunen auf ihrem Stuhl angewurzelt sitzen. „Friede sei mit Euch", sprach der König der Schnorrer, „ich habe meinen Freund, Jankele ben Jitzchok, mitgebracht, von dem ich Euch erzählte." Jankele, breiter als gewöhnlich grinsend, nickte. „Ich habe nie etwas davon gehört, daß er mitkommen soll", entgegnete Grobstock mit einem apoplektischen Gesicht. „Habe ich Euch nicht gesagt, daß er jeden Freitag Abend bei mir speist?" erinnerte Manasse ihn ruhig. „Es ist sehr gut von ihm, mich sogar hieher zu begleiten — so haben wir den nothwendigen Dritten beim Segensspruch." Der Wirth warf außer sich einen verstohlenen Blick auf seine Frau. Offenbar wußte sie nicht, wo ihr der Kopf stand; das Zeugniß ihrer Sinne kämpfte mit unbestimmten Zweifeln an den Möglichkeiten spanischen Grandenthums und einem schwachen Glauben an die Zurechnungsfähigkeit ihres Gatten.

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