Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sir. 43 Dr Vwch's Mochruphrist- Seite 855 alle Gemeinderäthe augeschlosseu, welche seinerzeit aus das deutsch-nationale Programm candidirten, ungefähr die Hülste derselben zog es vor, in der warmen Stube zu bleiben, und Einer, es war der Gemeinderath Lorenz Männer, fand gar das merkwürdige Motiv heraus, daß er dem Exodus nur dann zustimme, wenn sich wenigstens zwanzig Gemeinderäthe dazu bereit finden, er hat also nur Courage zu Zwanzig! Das binderte aber die Entschiedeneren nicht, den Exodus zu vollziehen. Es sind im Ganzen elf Gemeinderäthe, welche in einem an dem Obmann des Bürgerclub, Dr. K u p k a, gerichteten Schreiben ihres Austritt angemeldet haben, und zwar: Dr. F o ch l e r, Dr. G r u b e r, H i p p, M i g l, P o l l a k, Dr. Rade r, R i s s a w e g, S a u e r b o r n, S ch r a b a u e r, T o m an e f, Wieder In dem Schreiben wird die Herrschsucht der Christlich-Socialen als der Grund der Berstimmung bezeichnet und daraus hingewiesen, daß „die immer offener verfolgten Zwecke der christlich-socialen Partei mit den nationalen Forderungen des deutschen Volkes längst nicht mehr in Einklang zu bringen sind" und daß „das Vertrauen in die Aufrichtigkeit der christlich-socialen Partei zerstört" sei. Wir nehmen von diesem Exodus und dieser Erklärung einfach Notiz. Der blinde Parteiterrorismus mußte ja zu solchem Ende führen. Wien. („E r" in der L e o p v l d st a d t.> Um so recht zu demonstriren, wie mächtig „Er" geworden, candidirt bekanntlich der „Herr" von Wien im H. Bezirke, dessen Bewohner zur Hälfte aus Juden bestehen, deren Interesse er im Landtag von rechtswegen auch vertreten soll. Aber das will er nicht, er candidirt, um den „Fremden", den „Feind" uiederzuringen. Nur der, der unfern Bezirk so genau, wie ich, kennt, kann es ermessen, welche Folgen es für den größten Wiener Bezirk hätte, wenn es diesem Mann wirklich gelingen sollte, die Hetze in unserem Bezirke bis zur letzten Consequenz zu treiben. Daß der Bezirk in seiner Majorität aus „Fremden", d. i. aus Bewohnern besteht, die erst seit wenigen Jahrzehnten hier seßhaft sind, ist ganz richtig, aber nicht die Juden sind es, die in größerer Anzahl erst eingewandert, vielmehr beherbergt der Annex der Leopvldstadt, die Brigittenau, die größte Anzahl solcher Fremden, zumeist aber — Arier — und das eigentliche Leopoldstädter Wienerthnm sind ein kleines Häuflein Arier — und gerade ebenso viele Juden. Die Gemeinderäthe jüdischer Consessivn, Dr. Stern, Styaßny, Tagleicht, Dr. Mittler sind Wiener, während Strobach ein Deutschböhme ist. In Friede und Eintracht leben diese seit Jahrzehnten beisammen, und erst die sogenannten „fremden Elemente" waren es, die es mit Hilfe eines jungen Cooperators versuchten, den Fried?n im Bezirke zu unterlvühlen. Und „jetzt" heißt es, den „Feind" zu bekämpfen. 6000—7000 Köpfe zählt dieser Feind und geradeso, wie ein Bruchtheil dieser „Feinde" mit seinem Erwerb aus Christen angewiesen ist, lebt lvieder ein großer Th eil der christlichen Bewohnerschaft des Bezirkes von diesen jüdischen „Feinden". Der Jnde ist im Bezirke das bewegende und treibende Element, und nichts könnte den ganzen antisemitischen Schwindel besser ad absurdum führen, wenn die Juden der Leopoldstadt drei Monate „striken" könnten. Nach Ablauf dieser drei Monate möchte ich den Empfang sehen, der dem „Herrn von Wien" zutheil würde. Von den Tausenden Juden des Bezirkes hängt die Existenz der meisten Casetiere, vieler Gast- und Praterwirthschaften ab. Sie setzen Hunderte und Hunderte Schuhmacher, Schneider, Tischlerj Raseure, Bäcker rc. in Nahrung. Die Jüdinnen decken ihren Küchenbedarf bei den Colleginnen des Gemeinderathes „Opvenberger", die Milch liefert der Arier, arische Hausmeister leben von unserm „Sechserl", der arische Hausherr von schwer erivorbenem Zinsgelde; der christliche Kellner und Marqueur von unserem Trinkgelde, die Trafikanten von unserem Zeitungs- Abonnement und Cigarren-Consum, der Comfortabler und Fiaker von jüdischen Fuhren und auch beim Verdienste der „Canalräumer" macht sich jüdische Mithilfe bemerkbar. Kurz die Juden sind ein Factor, mit dem im Bezirke gerechnet werden muß, und wollen nichts — als unbehelligt und im Frieden wie bisher ehrlich ihrem Erwerb nachgehen zu können, einem Erwerb, den sie in ihrer Majorität gar nicht in der Leopoldstadt suchen oder finden. Die Hunderte und Hunderte Kauflente, Buchhalter, Beamte, die im I. Bezirke und auswärts beschäftigt sind, tragen Vieles zur Existenz des Bezirkes bei, können jedoch jeden Moment, ohne daß ihr Interesse dabei tangirt wird, den Bezirk verlassen. Und so ist es dieses Mal höchste Zeit, daß sich die Inden ermannen. Bis hieher — und nicht weiter. Marcus. Wien. Wer jemals Zweifel daran hegte, daß die Wortführer des Antisemitismus ihre Geünnnng von geschäitt chen Rücksichten beeinflnsseil Lassen, der konnte sich in diesen Tagen an einem gar gar ergötzlichen Beispiel erbauen. Der Branntweinschänker und Reichsrarhsabgeordnete Rudolf P o l z h o f e r ist von seinen eigenen Parteigenossen Verleugner, gehöhnt und beschimpft worden. Etwas weit vom Weichbilde der Stadr geschah diese moralische Jufrificirung, in Gaudenzdorf draußen, wo der antisemitische Greißler H o l l a u s m einer Versammlung allerlei aus der Schule plauderte. Er beschuldigte nämlich Herrn P o l z h o f e r, ihn, den eigenen Parteigenossen, daß er einen förmlichen Vernichtungskrieg gegen die Greißler führe, daß er, den auch die Greißler gewählt haben, für seine eigener! Geschäftsinteressen viel mehr Sinn bekunde, und endlich auch, daß er — Herr Pol z Hofer — eine Art Coucessivnstäuschlerei betreibe, indem er seiner Schwiegermutter und — einem Jude n zu Branntlveingeschäften verhalf! Wohlgemerkt, das behauptet Herr H o l l a u s, und er wird wohl wissen warum. Die Herren fangen recht frühzeitig an, sich gegenseitig aufzufressen, und man kann bei einiger Geduld noch recht schöner Dinge gewärtig sein. Was Herrn P v l z h o f e r anbelangt, so scheint es wohl eine bittere Empfindung für einen allzeit getreuen Trabanten der Couleur Lueger zu sein, wenn ihn die im Triumphzuge mitmarschirenden Genossen plötzlich aus den Reihen ausstoßen. Wien. Clerical, feudal, clerical-katholisch. christlich-svcialantisemitisch. Zu dieser Farbenpalette äußerte sich der „katholische" Redacteur Hans B e r u t h. welcher vom Katholikentage ausgeschlossen worden war, in einer Wählerversammlung für die V. Curie folgendermaßen: Er protestier dagegen, daß sich Doctor Lueger und seine Parteigenossen „christlich-social" nennen: sie seien einfach Antisemiten und der Iuüenpunkt sei ihr gelammtes Programm. Er selbst, B e r u t b, habe die ganze Zeit gemeint, die Partei Lueger's sei ivirklich volksfreundlich: er gestehe aber jetzt offen, daß er sich getäuscht habe. Er sehe jetzt ein, daß die Antisemiten nichts Anderes seien, als die Landsknechte der Feudal-Clericalen. Dazu erzählt B e r u t b, er habe vor einigen Jahren einer Versammlung beim „Luchsen" beigewohnt. Lueger erklärte dort seinen blinden Gläubigen, jeder anständige Mensch müsse f ü r das allgemeine Wahlrecht eintreten. Nach ihm kam Tr. P a t t a i zum Worte, der bei der Rede Lueger's nicht anwesend war, und sprach — gegen das allgemeine Wahlrecht. Die wackeren Antisemiten klatschten aber Dr. P a t t a i ebenso stürmisch Beifall, wie früher Doctor L n e g e r. Das ist doch ein glänzendes Zeugniß für den „dummen Kerl von Wien". Wien. (Jüdisch e a k a d e in i s ch e. L e s e b a l l e.) Samstag, den 17. d. M., fand die feierliche Eröffnung des neuen Vereinslocales «IX. Porzellangasse 45) statt, zu der sich zahlreiche Gäste und Mitglieder eingefunden harten. Unter den Ersteren sind besonders die Vorsteher der israelitischen Enltusgemeinde, die Herren Präses Gustav S i m v n, Archiickk Max F l e i s ch e r und Banrata S t i a ß n p, die Herren Universitätsprofessoren O s e r, P o l l i tz e r. Reichsrathsah geordneter Dr. Emil B y ck, Tr. S. B l o ch, die Docenlen Dr. F e i lb o g e n, H e r z, K e l l n e r, K l e i n. M ekle r und Roth, der Obmann des 'politischen Volksvereines Dr. Hermann F i a l l a, der Vorstand des Vereines zur Hebung des Kleingewerbes B r o d und viele Andere zu erwähnen. Nachdem der Präses «and. med. Adolf Schächte r die Gäste begrüßt und die bisherige Thätigkeit des Vereines beleuchtet hatte, ergriff Ansschußmitglied eand. jur. Hugo Pollak das Wort um die Aufgaben darzulegen, welche die Lesehalle in der Zukunft zu erfüllen habe. Damit sie existenzfähig bleibe, müsse sie wie bisher auf neutralem Boden stehen, denn nur ne könne ein wahrer Mittelpunkt der gesammten jüdischen Studeurenschafr werden. Um ihrem Namen gerecht zu werden, müsse sie den j ü d i s ch e n G e i st in ihren Mitgliedern stets wachhalten, hiebei aber die Pflege allgemeiner Bildung nie außer Achr lassen. Herr Privatdocent Tr. S. Feilbogen, Ehrenmitglied des Vereines, stellte in stürmisch acclamirrer Rede die geistige Enrwicklung des Vereines dar. Herr Präses Gustav Simon beglückwünschte in warmgesühlten Worten den Verein zu seinen bisherigen Erfolgen. Toceni Tr. Max Herz fordert die jüdische Studentenschaft auf, durch Pflege der Wissenschaft sich für den Kampf des Lebens vorzubereiten. Herr Dr. S. Bloch wünichr. daß der Geist der Toleranz, gegenteilige Achtung, Eintracht, auch fernerhin in der Lesehalle herrschen möge. Schließlich ermahnt der Gründer des Vereines, Reichsrathsabgeordneter Dr.