Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021159--06099-3030366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 860 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 43 Das kommt natürlich auch anderwärts vor; wir sind nicht so blind, um dies nicht zu sehen. Aber bei uns Juden ist die Verehrung geistiger Regsamkeit viel intensiver und viel mehr zu Opfern bereit. Max Nordau hat vor einigen Wochen in einem vielbemerkten, in der „Neuen Freien Presse" veröffentlichten Auffatz darauf hingewiesen, daß jede Nation, jede größere Gemeinschaft eines Ideals bedürfe, damit sie lebe, damit sie nicht verkümmere. Das hat schon vor ihm ein Größerer gesagt, den Max Nordau zweifellos sehr gut kennt, nämlich Mose, in jenem Satze, daß der Mensch nicht vom Brode allein lebe, daß der Mensch von dem, was der Mund Gottes hervorbringt, lebe. Max Nordau findet nun, daß der Glaube ait die messianischen Zeiten jenes Ideal sei, welches den Juden aufrecht erhalte, und jenes Ideal habe den Vorzug, daß es dauerhaft sei, da es stets unerfüllt, unerreicht bleibe. Es ließe sich darüber rechten, ob dieses Ideal denn wirklich ganz unerreicht bleibt. Wer einen Berg hinanklimmt, der aus dem Gipfel eine prächtige Umschau verspricht, der wird meist, je höher er steigt, einen immer erweiterten Ausblick genießen und auch, wenn er die Spitze nicht erreicht, nicht vergebens den Aufstieg unternommen haben. So ist es auch mit dem Hinanstreben zum messianischen Ideal, zum Zeitalter der Menschenverbrüderung. Der Weg ist fast so schön, als das Ziel, ja das letzte Ziel, ein Verschwinden der nationalen Individualitäten, gar nicht eimnal wünschenswertst. Aber es ist kaum richtig, daß dieser messianische Glaube das Lebenselement des jüdischen Stammes ist; weit eher ist es die Begeisterung für die Wissenschaft, für Lernen, geistiges Ringen und Streben; der reiche Jude, dem das Reich der Wissenschaft verschlossen war, glaubte sich das ewige Leben zu erwerben, wenn er seine Töchter gebildeten Männern in die Ehe gab; eine sonst arme Familie fühlte sich solidarisch, wie unser Amerikaner klug es herausfindet, um ein Talent, das in ihrer Mitte emporkeimte, zu unterstützen und rückte zu diesem Zwecke die letzten Sparpfennige heraus; erst neuerdings macht das arische oder vielmehr das barbarische Vorurtheil bei uns Schule, daß nur die Reichen studiren sollen. Dieser hohe Vorzug, der den Wissenden eingerämnt wurde, diese Ausbildung eurer Aristokratie des Geistes, so scheint es, hat die Lebenssäfte des jüdischen Stammes ftisch erhalten. Sülch die Wissenschaft stellt, wie Nordau es verlangt, unerreichbare Ideale auf, so hat der Talmudjude stets „gelernt" und sich nie zuftieden gegeben und sich dadurch ftisch erhalten. Wir werden es dem Autor von „Trilby" nicht zum Vorwurf machen, wenn er Svengali, diesen leidenschaftlich der Musik ergebenen Mann, als einen charakterlosen, unmanierlichen Menschen hinstellt, wenn er sonach der Kunst keine Einwirkung auf den Charakter und die Umgangsformen dieses Mannes einräumt. Es ist nur eine schöne Täuschung, daß die Kunst und besonders die Musik auch bei dem, der sie ausübt, die Sitten veredelt; wenigstens bleibt diese Wirkung bei sehr Vielen aus; Richard Wagner ist nur der Erste und Größte unter Denen, die der Musik sich weihen und doch von ihr keine Weihe fürs Leben gewinnen. Aber wenn auch Svengali, dieser dämonische, selbstsüchtige, herrschsüchtige Musiker in mancher Beziehung typisch ist, besonders für die musikalischen Neigungen und Fähigkeiten der Juden des Ostens, so ist er doch keineswegs typisch für die begabten osteuropäischen Juden, die nach Paris gegangen sind, um dort zu lernen und dann von dort aus ihr Licht leuchten zu lassen. Es mag in dieser Colonie auch solche verlotterte, moralisch verwahrloste Glücksritter geben. Aber viele Juden, die aus dem deutschen oder slavischen Osten nach Paris gewandert sind, um in dieser Hauptstadt der civilisirten Welt sich zu bilden, haben es ihr gedankt, indem sie an dem Ruhme und der Cultur dieser Stadt ihr redlich Theil mitgearbeitet haben. Die Franzosen sagen, Paris verdanke seine Größe der Provinz, denen, die mit frischer Kraft vom Lande in die Großstadt kommen und dort ihre Talente entfalten; die Größen von Paris sind meist keine Pariser, keine in Paris Geborenen. Aber auch die Fremden auch viele Juden, die nach Paris gegangen sind, haben allerdings zuerst an dem Glanze dieser Metropole sich gesonnt und dann selbst die strahlende Kraft dieser Welthauptstadt gesteigert. Was hat Meyerbeer für den musikalischen Ruhm von Paris gethan; nun der große Componist war klein in seiner Eitelkeit, sonst hat er keinen einzigen Zug gemeinsam mit diesem Svengali; Meyerbeer war auch ein wackerer, wohlwollender Mann. i Svengali, dieser jüdische Abenteurer, repräsentirt nicht die stattliche Schaar von jüdischen Männern des Ostens, die auf dem classischen Boden von Paris ihr Zelt aufgeschlagen haben; viele haben dort ihr Glück gemacht; sie sind unbekannt und mit geringer Habe dort eingezogen und sind zu Wohlstand und zu Ehren gelangt; aber gerade, weil die Heimat sie verstieß, sind sie umso begeistertere Franzosen und Pariser geworden und haben an der Größe ihrer Adoptivheimat mitgearbeitet. Herr George du Maur, so scharf er beobachtet, so sehr er mit den Lichtern des Humors seine Darstellung erhellt, sieht dennoch sowohl im Leben wie in den Charakteren mehr den Schatten als das Licht. Sein Roman klingt in die Worte aus: La vie est laine, un peu d’amour, am pep de harne, et puis-bon jour. La vie est breve an pea d’espoir un peu de reve et puis-bon soir. Das Leben ist leer, ein wenig Plag, ein 'wenig Ehr', dann guten Tag; das Leben verrinnt, ein weing gelacht, ein wenig gewinnt, dann gute Nacht. Nur aus .dieser Vorliebe für dos Düstere, das er dann allerdings, so weit es geht, luftig genug schildert, sucht er auch unter den jüdischen Charakteren möglichst die dunklen und unerfreulichen auf, wenigstens verweilt er bei diesen mit Vorliebe; er erkennt das jüdische Blut in den Adern von Paris. Er wird nicht unwahr in der Schilderung des jüdischen Abenteurers auf Pariser Boden. Aber dem Schatten fehlt zur Ergänzung das Licht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Paris. (Der Verein für jüdis ch eAnsiedlung Jewish Colonisation Association). Der neue Verwaltungsrath besteht aus den folgenden Herren: S. H. Goldschmidt, Narcisse Leven und S. R e i n a ch (Paris), Alfred L. C oh e n und H. G. L o u r a d a (London), der Grand-Rabbin von Frankreich, Claude G. M ontef iore, .Generalconsul Philip s o n, P l o t k e und Dr. L a ch m a n. Er kam vergangenen Dienstag in Paris zusammen. Es herrscht allgemeine Befriedigung darüber, daß Herr Goldschmidt, der ehrwürdige Präsident der Alliance Israelite, feilte Resignation zurückgenommen hat. da es schon wegen seiner nahen Verwandtschaft mit der Baronin Hirsch am passendsten ist. daß er das Haupt der Gesellschaft bleibe. Um ihm aber seine Pflichten zu erleichtern, wird ein Vice-Präsident gewählt werden; höchstwahrscheinlich wird dies N. Leven, der Vice-Präsident der Alliance Is-aelite, sein. Die Burenux der Gesellschaft befinden sich in dem Palaste der Baronin Hirsch Rne de TEiysee, 2; dort fand die Versammlung statt, an welcher außer den genannten Herren auch die Beamten der Alliance theilnahmen: Der Secretär Dr. Schwarzfeld, Dr. Sonnenfeld und Adler. Die Hauptthätigkeit der Anwesenden bestand an dem Tage darin, daß die Mitglieder des Verwaltungsrathes ihre Ansichten über die zukünftige Wirksamkeit der Gesellschaft austauschten, denn die neuen Mitglieder mußten sich über die Thätigkeit der Gesellschaft und ihre Finanzen erst orientieren. Am Abend desselben Tages fand neuerdings eine Versammlung statt, diesmal in dem Berathungszimmer des jüdischen Consistoriums im Tempel der Rne de la Victoire. Außer den Mitgliedern waren Vertreter des Central-Auswanderungs-Comites aus St. Petersburg und anderen Theilen Rußlands anwesend. Unter den russischen Notabilitäten befanden sich Baron Günzburg, Herr von Poliakoff und Herr Brodsky. Diese erstatteten Bericht über die gegenwärtige Lage in Rußland und stellten Anträge bezüglich der Fortsetzung des Werkes in Rußland selbst. Diese Anträge wird der Verwaltungsrath allein in einer neuen Versammlung, welche Mittwoch stattfindet, besprechen und prüfen. Herr David Feinberg, der Generaldirector des Central- Comites in Petersburg, schreibt aus Paris, um ungünstige Berichte, welche in einigen Journalen über das Wirken der Gesellschaft erschienen sind, zu widerlegen, folgendermaßen: „Das Unternehmen ist erfolgreicher, als es je gewesen ist. Auf meiner letzten Jnspectionsreise überzeugte ich mich davon, wie wunderbar sich unsere Glaubensgenossen für den Ackerbau eignen. Die Anglo Jewish Association hat bedeutende Mittel zur Verfügung und gedenkt einen Theil ihrer Thätigkeit dem Innern Polens und Rußlands zuzuwenden. Nach den letzten Nachrichten, die uns zukamen, ist die Ernte in Mosesville heuer eine sehr gute gewesen, und ein Regierungsorgan theilt mit, daß die Colonie sich immer beftiedigender entwickle. Es sind Straßen gebaut Waarenhäuser und Fabriken errichtet worden, und eine Synagoge,