Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Vr. Vloch's WochrnschrifL Seite 649 aufmerksam gemacht. Das Einzige, was von dieser Seite zur Abwehr geschah, bestand darin, daß den ärgsten Antisemiten alle sreigewordenen gut besoldeten Stellen für den Unterricht im Turnen, Religion, Französisch, Gesang nebst Gewerbeschullehrerstellen anvertraut wurden. Wahrscheinlich darum, damit sie sich mit größerer Sorglosigkeit dem edlen Handwerk des Antisemitismus widmen können. So kam einer der enragirtesten antisemitischen Lehrer auch im lausenden Schuljahre wieder als Turnlehrer an eine städtische Schule, an welcher eine große Anzahl jüdischer Kinder ist, trotzdem die Schulbehörde wissen mußte, daß die jüdischen Mädchen dieser Anstalt durch die verbohrten Gesinnungen des antisemitischen Turnlehrers sogar bedroht sind, an ihrer Gesundheit gefährdet zu werden, trotzdem die Schulbehörde sehr wohl wissen mutz, daß der Herr Turnlehrer erst um ya5 respective ya12 aus dem Turnplätze erscheint, trotzdem schon die empörendsten Thatsachen gegen diesen Musterpädagogen vorliegen und zahllose Klagen eingelaufen sind. Wie empfänglich unsere arische Schuljugend für antisemitische Lehren ist, möge folgende Episode Zeugniß ablegen: In einer Knabenschule des II. Bezirkes wirft ein Kind das Federnpenal zur Erde. Der Lehrer springt herbei und versetzt einefft unschuldigen jüdischen Knaben zwei gediegene Ohrfeigen mit den Worten: „Bist Du in einer Judenschule? „Ich bitte, Herr Lehrer", sagt der Nebensitzende, ein katholischer Knabe, „mir ist das Penal heruntergefallen", der R . . . kann nichts dafür." „Halt's Maul!" schreit der Lehrer das wahrheitsliebende Kind an! Einige Tage später schimpft in derselben Classe ein Knabe seinen Mitschüler einen „Judenbankert". Dieser klagt es dem Herrn Lehrer. „Halt's Maul Jtzig!" brüllt der edle Arier. Eine christliche Mutter bittet bei einem Humanitätsverein um Bekleidung eines ihrer zahlreichen Kinder. Der Vertrauensmann, ein Jude, erscheint behufs Information im Hause der Bittstellerin. Zufällig beauftragt eben die Frau eines ihrer Mädchen, bei einem Juden in der Nachbarschaft eine Kleinigkeit einzukaufen. „Mutter", sagte das Kind, „dös ist a Jud', bei dem kauf ich net ein; das Fräulein hat uns heut' in der Schul' gesagt, sie kaust auch nie was bei Juden. Tableau! — Das Kind der armen Frau wurde trotzdem selbstverständlich von dem Judenverein bekleidet .... Wenn solche Personen als Jugendbildner wirken und Schulbehörden derartiges toleriren, dann ist es naturgemäß, daß gerade die Schuljugend der Neuschule das bestgeeignete Material für die antisemitische Hetze liefert. Kommt noch dieser Schulbildung eine sinnverwandte häusliche Erziehung zu Hilfe, dann muß jeder rechtlich denkende österreichische Staatsbürger, welcher Confession er auch angehören mag, aufrichtig wünschen, daß die confessionelle Schule wieder eingeführt werde. Unter unseren geehrten Lesern dürften sich gewiß genug finden, die die alte Concordatsschule besuchten. Hat je ein so roher Ton in der Schule geherrscht? Dursten die jüdischen Schüler in solcher Weise verhöhnt, gekränkt und beschimpft werden? Hätte die geistliche Schuloberaufsicht je geduldet, daß der confessionelle Haß schon zwischen Schulkindern im zartesten Alter entfacht, genährt und entwickelt werde? Weil nun eine Schaur mit den schwarz-weißen Pfählen kokettirender Oesterreicher, weil ein paar hundert Streber ihre dunklen Ziele verwirklichen möchten, weil einige Tausend österreichische Lehrer ein freies ungebundenes Leben führen wollen, sollen Hunderttausende Juden, soll ein ganzes Volk einer unerbittlichen, unmenschlichen Politik zum Opfer fallen? Sollen Tausende steuerkräftige, ehrliche, treue österreichische Staatsbürger das Object eines Bernichtungskampfes werden? .So weit darf es nicht kommen! Man hebe die Neuschule auf und führe wieder in Gottesnamen die alte Concordatsschule ein. Die Juden waren stets darauf bedacht, die Herzens» und Geistesbildung ihrer Kinder zu Pflegen, sie werden dieser vornehmsten Elternpflicht nach wie vor in gewissenhaftester Weise Nachkommen, daran wird sie weder die confessionelle Schule noch das Coneordat zu hindern vermögen. In religiöser Richtung hat die Einführung der Neuschule dem Judenthume unberechenbaren Schaden zugefügt. Hat man je von so vielen Ueberläufern gehört oder dies nur für möglich gehalten?.Einer abgebrauchten Schauspielerin, einer lasciven Tänzerin zu Liebe, eines besseren Amtes, einer einträglichen Stellung, der befriedigten Eitelkeit wegen haben Juden und Jüdinnen massenhaft den erhabenen Glauben ihrer Väter abgeschworen. Und nicht in den unteren Schichten, nicht in der armen, hungernden Bevölkerung ist dieser Abfall am Glauben besonders häufig bemerkbar, sondern die obersten Zehntausend,-die gebildeten und studirten Leute, die reichen und gelehrten Juden sind es zumeist, welche die feige Fahnenflucht ergriffen, alle jene, derentwegen eigentlich das ganze Judenthum den rohesten Verfolgungen ausgesetzt ist. Aber auch im Allgemeinen ist beim jüdischen Volke die Religiosität in rapider Abnahme begriffen. Es widerstrebt uns, zu schildern, wie unsere religiösen Gesetze, Gewohnheiten, Ueberlieserungen, wie das ganze religiöse Leben der Juden gerade von der aus der Neuschule hervorgegangenen Jugend verhöhnt, mißachtet, verlacht und verspottet werden. Wir können kühn behaupten, daß von der aus der Neuschule hervorgegangenen jüdischen Jugend kaum 10 Percent einem jüdischen Gottesdienst beiwohnen und wenn, kaum dieser Perzentsatz für die heiligen Handlungen im Gotteshause ein Verständniß hat. Ist diese Jugend doch nicht im Stande, auch nur den Gebeten beim Gottesdienst zu folgen, von einem Verständniß der Lithurgie gar nicht zu reden. Nicht die Schuljugend, nicht die Eltern, nicht die Religionslehrer, am wenigsten die Cultusgemeinde-Repräsentanz sind für diese traurige, aber unumstößlich wahre Thatsache verantwortlich zu machen. Nur die Neuschule — einzig und allein diese — ist für dieses verhängnißvolle Factun verantwortlich zu machen. I n Einer b i s zwei wöchentlichen Unterrichtsstunden kann kaum das Minimalste für den Religionsunterricht geleistet werden. So gelangt unsere Schuljugend weder zur idealen, noch zur Gesetzeskenntniß der jüdischen Religion, sie kennt die Sprache der Thora nicht, sie kennt nicht den moralischen, sittlichen und ethischen Werth der jüdischen Gesetzgebung, sie kennt nicht einmal die geschichtliche Vergangenheit des jüdischen Volkes. Ist es da nicht ganz natürlich, daß mit der Unkenntniß der Religion auch das jüdische Gefühl, der jüdische Sinn, das jüdische Herz immer seltener wird, ist es da ein Wunder, wenn das Facit einer solchen Jugendbildung die — Taufe ist? Nun, lieber Leser, das sind die Vortheile, die uns die Neuschule in religiöser Richtung brachte. Wäre es ein gar so großes Unglück, wenn die confessionelle Schule unseren Kindern wiederum Gelegenheit böte, ihrem angestammten heiligen Glauben die entsprechende Würdigung entgegenzubringen? * * * Es erübrigt uns nun noch die Beantwortung der Frage: „Was verdanken wir der Neuschule in socialer Richtung?" Hiefur steht uns ein so reichliches, interessantes Material zu Gebote, daß wir die Beantwortung dieser Frage für die nächste Nummer znrücklegen müssen. Das jüdische Blut in Paris. (Nach einem amerikanischen Roman.) (Schluß.) Wenn die eine ntännliche Hauptfigur nur einen Tropfen semitischen Blutes in den Adern hat, so gehört die zweite, Svengali ganz und gar dem Judenthum an. Svengali ist eine durchaus nnliebenswürdige und unsympathische Erscheinung, aber damit ist der Inhalt dieser Persönlichkeit nicht erschöpft; der Dichter kann sich nicht genug thun, diesen dentschpolnischen Juden mit allerhand Details auszustatten, um ihn uns glaubhaft zu machen, um den Eindruck eines wirklichen lebendigen Menschen zu erwecken. Ihn beherrscht die Musik wie ein Dämon, aber die Musik selbst gibt ihm wieder eine dämonische Kraft. Dem Autor ist Svengali offenbar typisch für die musikalische Begabung des jüdischen Stammes, denn ohne daß es der Gang des Romans irgendwie erforderte, läßt er in weiterem Verlause einen jüdischen Sänger austreten, Glorioli, der die wunderbarsten Wirkungen erzielt, dener den größten, stattlichsten, vornehmsten Juden, den er je gesehen, nennt, einen von den Sephardim (oder der Seraphim).*) Die Einführung dieses Sängers, die Betonung seiner Zugehörigkeit zum Judenthum kann, da er die Handlung weder hemmt noch fördert, doch nur den Sinn haben, den Eindruck zu verschärfen, den schon Svengali erzeugt, daß nämlich die Juden zur Pflege der Musik besonders berufen sind und dadurch auch ein mächtiges Element in der modernen Gesellschaft und Bildung sind. Diesem hochbegabten Menschen, der in Harmonien schwelgt, gibt der Dichter einen nichts weniger als harmonischen Charakter; er verschmäht nicht einmal den allzu oft ausgebeuteten Scherz, den polnischen Juden als wasserscheu zu schildern, der sich darüber hälbtodt lacht, daß andere Menschen sich täglich baden. Gut beobachtet ist die in Folgendem wiedergegebene Erfahrung : „ er war ein unangenehmer Mensch und verdiente auch kein Mitgefühl wegen seiner Armnth, die auch seiner Ehre Eintrag that. Denn er erhielt fortwährend Zuschüsse aus der Heimat, von seinen alten Eltern, seinen Schwestern, Tanten, Vettern oder sonstigen Angehörigen, die weit hinten in Oesterreich bei harter Arbeit äußerst sparsam lebten, sehr stolz aus ihn waren und ihm jedes Opfer brachten". Hier liegt die Erklärung für so manchen Erfolg jüdischer Jünglinge aus den höheren Gebieten der Kunst und Wissenschaft. Diese armen jüdischen Haustrer haben noch eine ideale Begeisterung fiir die reinen Sphären geistigen Schaffens und gehen nicht unter in ihrem armseligen Berufe und sparen sich die Bissen vom Munde ab, damit der Sohn, der Vetter, der Neffe etwas lerne und seine Talente pflege. *) Trilby, von George du Maur.