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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-23 · 43 (23.10.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 848 Vr. Vlvch's WochrnrchrM. Nr. 43 E e e l i g zur rücksichtslosen Agitation ausbeuteten, welche jüdische Mobclhändler wegen angeblicher Wahlpressionen vernaderten und verpfisterten, constituiren sich jetzt als Jnquisitionstribunal und rotten jede abweichende Ansicht mit Torquemada'scher Grausamkeit aus. Jetzt fassen die gelämmerten Beamten entrüstete Resolutionen, wollen Protestversammlungen abhalten und sind augenscheinlich aus allen antisemitischen Himmeln gefallen. Ja, hat denn keiner der Herren die schöne Lefontaine'sche Fabel gelesen von den Fröschen, die den Storch zu ihrem König wählten und dann der Reihe nach aufgesressen wurden. Solche Fabeln sind riesig lehrreich. Man sollte sie gründlich studiren, schon der Abwechslung wegen. Dr. Lueger hat ja kein Patent, als das Einzige, Fabeln zu erzählen. . . . Sie fischen! Man hat es in der letzten Zeit zu wiederholten Malen beobachten können: Im Stehparterre ein Häuflein junger, unbärtiger Bürschchen, dicht aneinander gedrängt, sich gähnend und räkelnd, mit gelangweilten, gähnenden Mienen, theilnahmslos und bar jedes Interesses. Was suchen diese merkwürdigen Premieren-Habitues im Theater? Diese Frage legt sich unwillkürlich ein Jeder vor, dessen Aufmerksamkeit während der Vorstellung auf die merkwürdige Gruppe gelenkt wird. Welch' zwingende Gründe veranlassen diese Leute, sich einem Kunstgenuß auszusetzen, dem sie augenscheinlich vollkommen fremd gegenüberstehen? Dieses Sphynxräthsel findet erst zum Actschlusse seine Lösung, und wahrlich, dieselbe ist unerwartet überraschend genug. Jetzt kommt neues, rege pulsirendes Leben in die Gruppe. Sie rühren sich, werden lebhaft, ihre stumpfen Gesichter röthen sich, ihre matten Augen blitzen auf. Sie setzen sich in Positur und beginnen ihre Thätigkeit: Sie zischen!!! Das ist der Zweck ihres Theaterbesuches. Diese Premieren- Aasgeier kommen stramm und zielbewußt an die Stätte der Kunst. Sie haben die Aufgabe, so weit es in ihren Kräften steht, den ehrlichen Erfolg eines ernsten dichterischen Strebens zu vernichten oder zu beeinträchtigen. Die Worte, die von der Bühne klingen, stoßen auf ein taubes, verschlossenes Ohr. Die Gedanken, die da verkündet werden, finden kein Echo, die Empfindungen und Gefühle, welche der Dichter aus seinem Innersten gibt, erwecken keinen Wiederhall. Die Zischer des Stehparterres kennen ihre Pflicht, sie wissen, daß sie sich nicht irre machen lassen dürfen, daß ihre Herostratos - Arbeit nicht zurückscheuen darf. Ein Blick auf den Theaterzettel genügt, um sie nicht ermatten zu lassen. Hier steht es schwarz auf weiß. Und dieses Schwarz nimmt sich bei den Stieren des Stchparterres blutroth aus. Der Name eines Juden. Ein Jude erkühnt sich, das deutsche Kunstleben in neue Bahnen lenken zu wollen. Was sagen wir: Ein Jude. Nicht vereinzelt begegnen wir jüdischen Talenten in dem Repertoire unserer Schauspielhäuser, die Zischer haben wirklich viel zu thun, sie müssen von der Burg ins Volkstheater, von dort hinaus nach Mariahilf, in das Haus Raimund's eilen, um all' ihren Pflichten Genüge zu leisten. Ebermann im Hofburgtheater, Georg Hirschfeld im Weghuberpark, Felix Dörmann draußen in der Wallgaffe. Die gebildete Welt hält den Athen: an, sie reicht diesen jüdischen Jünglingen, die, bestrahlt von der Morgenröthe einer neuen Kunst, auf unserem geistigen Horizonte erscheinen, den Lorbeer dar. Und die Heilöbursche zischen und pfeifen. Es ist umsonst, daß man dem Juden das Vaterland leugnet, ihn gewaltsam aus dem Ruhmestempel deutscher Kunst verdrängen will, mit mächtigem Finger klopft der jüdische Genius an der verschlossenen Pforte. Mit ehernem Fußtritte zerschmettert er die Bollwerke, die unserer Gegner Neid und Mißgunst aufzuthürmen bestrebt sind. In der Kunst frommen die Ahnen nichts und das racenreinste Taufzeugniß befähigt vielleicht für den Postdienst oder für eine Anstellung beim Wiener Magistrat, aber nicht für den Dienst der Musen, Und wenn die Touristenvereine antisemitisch werden, den Parnaß erklimmt man nicht mit dem racenreinen Bergstock. Zu der Kornblume und der weißen Nelke scheint sich der Lorbeer nicht zu gesellen. Laßt sie zischen, die Bürschchen im Stehparterre! Ihr heiseres Gekreische kann den Sang der Nachtigall und den sieghaften Triller der Lerche nicht übertönen. Die Lerche kündet den anbrechenden Morgen. Nicht immer wird es Nacht sein in den Köpfen. Schon dämmert eine neue Zeit heran, und die wahre, reine Kunst ist es, die ihr das Einsugsgeleite gibt. Der Antisemitismus und dir konfessionelle Schule. III. Beantworten wir vorerst die Frage: „Was haben die Juden der interconfessionellen Neuschule in politischer, religiöser und socialer Richtung zu verdanken?" In politischer Richtung brachte uns die Neuschule den segensreichen Antisemitismus. Wir haben bereits gründlichst auseinandergesetzt, daß die clericale Partei die Volksmassen mit Hilfe der sogenannten Judenfrage nur deshalb aufwühlt und alle rohen Jnstincte der gedankenlosen Volksmenge nur deshalb gegen die Juden ausspielt, um die Schule wieder in ihre Gewalt zu bekommen und so das Concordat wieder einzuführen. Wie spielend leicht der Judenhaß m Scene gesetzt wurde, wie rasch dieser Haß das vollste Verständniß in der großen Masse fand, ist allgemein bekannt. Nun besteht doch die Neuschule nahezu 30 Jahre. Wer sich nun überzeugen will, welche Elemente zumeist Propaganda für den Antisemitismus machen, der sehe sich die Versammlungen der Antisemiten an, der studire das Galeriepublikum der Gemeinderaths-, Landtags- und Reichsrathssitzungen, der sehe sich die hausirenden Wahlagitatoren, Wahlmacher und Wahlfänger an. Es sind dies zumeist 16- bis 40-jährige Leute. Bei den antisemitischen Frauenversammlungen sind meistens Mädchen und Frauen im selben Alter thätig. Alle diese sind doch schon aus der Neuschule hervorgegangen! Wo bleibt da der Segen der vielgepriesenen Neuschule, um derentwillen jetzt Hunderttausende unschuldiger, strebsamer Staatsbürger über die Klinge springen sollen?. So lange es in Oesterreich an freisinnigen, menschenfreundlichen, unparteiischen, gebildeten Lehrern mangelt, so lange ist auch die interconfesswnelle Schule undenkbar. Exempla trahunt! Da ist ein Lehrer, der seine jüdischen Schüler durch konfessionelle Spottnamen verhöhnt, ein anderer schmettert ein armes jüdisches Kind zehnmal zu Boden, weil es, religiös erzogen, sich scheut, niederz u k n i e e n. . Bei der Bürgermeisterwahl Lueger's ruft ein arischer Pestalozz: im Schulhause mit kräftigster Lunge: „Jetzt kommt die Hundspeitsche für euch Juden!" Ein Lehrer, der noch naß hinter den Ohren ist, trennt zu Anfang des Schuljahres 1896/97 die jüdischen Schüler von den christlichen. „Rechts sitzen die Christen, links die Juden!" ruft das Bürschlein. . An einem jüdischen Feiertage kommen einige jüdische Km der :n die Schule: „Nicht einmal an ihren Feiertagen gibt das jüdische Gesindel Ruh'!" ruft der Lehrer den Kindern zu. Ein jüdisches, religiös erzogenes Kind, das am Sabbath nicht schreiben darf, bekommt jeden Freitag Nachmittag eine Strafaufgabe von 3 bis 4 Druckseiten, und es bleibt dem Vormund des Kindes nichts anderes übrig, als das Kind in eine andere Schule zu geben. Ein Bürgerschul-Director erklärt: „Ihr Juden könnt nichts als Rechnen, das braucht Ihr halt zum Hand'!!" Ein Bürgerschullehrer erklärt seinen Schülerinnen: „Das ganze Nationalvermögen ist in den Händen der Juden." Es gebricht uns an Raum, alle die classischen Aussprüche unserer freisinnigen Lehrerschaft hier anzuführen; wir gedenken aber, dieselben, zum ewigen Angedenken gesammelt, in den Buchhandel zu bringen. Es gehört unserseits eine große Entsagung dazu, die Namen all' der vielen Helden zu verschweigen; doch möchten wir nicht hiedurch für diese Patrone eine communale Auszeichnung oder Beförderung erwirken, und daher unsere Zurückhaltung. Es ist nämlich so weit gekommen, daß Lehrer, die früher sich wenigstens der Bewegung fern hielten, jetzt zu den eifrigsten Antisemiten zählen. Sie sind schon zur Erkenntniß gelangt, daß sie zu ihrer Beförderung nichts Anderes bedürfen, als die Bethätigung des rohesten Antisemitismus. Für ganz besondere Leistungen auf diesem edlen Gebiete werden ihnen sogar Gemeinde- und Stadtrathsstellen, Landtags- und Reichsrathsmandate anvertraut, wodurch verständnisvoll angedeutet werden soll, daß heute zum Vorwärtskommen nur eine erfolgreiche antisemitische Thätigkeit erforderli^y ist. Noch mehr! Die Schulbehörde kennt sehr Wohl diese schmachvollen Zustände, wurde sie doch des Oefteren auf die crassesten Fälle

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