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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-23 · 43 (23.10.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
43 (23.10.1896)
Date
1896-10-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 846 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 43 Ich spreche einen Gemeinplatz aus, wenn ich sage, daß der Antisemitismus in jenen östlichen Ländern mit besonderer Hestigkeit austritt, welche, wie Oesterreich-Ungarn von Juden stark besiedelt sind, während er in den westlichen Ländern mit geringerer jüdischer Bewohnerzahl milder oder gar nicht vorkommt, d. h. ökonomisch nicht, denn social ist er ja leider mehr oder weniger überall vorhanden. Man verfolgt also im Juden den Concurrenten. Ist es nun ein Zufall, daß das östliche Europa mehr Juden hat, als das westliche, war bei Einwanderung der Juden lediglich die geographische Bequemlichkeit maßgebend? Ich glaube nein und bin der Ansicht, daß sich die Inden mit Vorliebe in wirthschaftlich zurückgebliebenen Ländern mit kaufmännisch schwacher oder unbegabter Bevölkerung niedergelassen haben. Zu jenen Ländern gehörte nebst Rußland, Rumänien auch Oesterreich-Ungarn, ersteres besonders mit seinen czechisch-polnischer: Provinzen, deren Einwohner vorwiegend Landwirthe waren, und kein oder nur wenig Talent für Handel und Wandel hatten. In dem Deutschland der Fugger, der Hansestädte und Messen war für die Juden weniger Anreiz zur Niederlassung vorhanden, und auch da zeigte sich der Osten mit slavischer, der Süden mit handelsuntüchtiger Bevölkerung von Juden stärker besiedelt, als Norden und Westen. Von Frankreich und England mit ihrer handelsbegabten Bevölkerung nicht zu sprechen. Wir Juden sind demnach, so will mir scheinen, kraft eines Naturgesetzes in Oesterreich-Ungarn, nicht das Gastvolk, die Fremdlinge, wie uns Christlich- Sociale und Nationale kosend benennen. Haben wir wirklich geraubt und geplündert, wie uns täglich vorgeworfen wird? Indem ich dies entschieden verneine, thue ich es nicht aus Voreingenommenheit, sondern gestützt auf folgende unleugbare Thatsachen! Das 16. Jahrhundert war allerwärts das Jahrhundert des großen Aufschwunges, welcher, einerseits von der französischen Revolution, andererseits von den englischen Entdeckungen und Erfindungen des Dampfes und der verschiedenen Maschinen bewirkt, sich langsam dem Osten mittheilte und der auch den Juden zu Gute kam. In den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts schon sehen wir in Wien Juden in angesehenen kaufmännischen Stellungen als Bankiers sich social und geschäftlich Hervorthun. Wer kennt nicht die Namen: Arnstein, Eskeles, später Weikersheim, Wertheimstein, Todesco und Königswarter? Von Rothschild nicht zu sprechen! Dieses vielgeschmähte Haus hat dem österreichischen Staate große Dienste geleistet, es hat den österreichischen Staatscredit, wenn in jenen Zeiten nach den bekannten schweren Krisen von einem solchen gesprochen werden konnte, auf seine starken Schultern genommen, indem es die Renten-Emission mächtig gefördert hat. Dazu gehörte bei dem geringen Ansehen, welches Oesterreich im Auslande genoß, damals mehr Mnth, als wir uns heute vorstellen können. Dasselbe Haus hat die erste Privatbank, die Creditanstalt, die erste Eisenbahn, die Nordbahn, ferner die Südbahn initiirt und mit seinen großen Mitteln unterstützt rc. So war, um einen markanten Fall anzuführen, Wodianer der Gründer der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft. Das Jahr 1848 brachte die allgemeine Befteiung der Geister und bewirkte einen ungeahnten Aufschwung des öffentlichen Lebens in allen Belangen, welcher auch den Juden ein weites Feld für ihre Thätigkeit eröffnete. Aus dem Ghetto befreit, haben die Juden mit der ihnen eigenen, lang verhaltenen Energie in Handel und Wandel eingegriffen. Zunächst war es der Handel im großen Style, dem sie sich zuwandten, den sie in Oesterreich-Ungarn geradezu geschaffen haben, denn der Großhandel vor dieser Zeit war in Händen von Griechen und galt nur der Levante. Es entstanden große Handelshäuser, welche sich mit dem Vertriebe der Jndustrieproducte befaßten und so der Industrie unschätzbare Dienste geleistet haben; Häuser, von welchen nur mehr wenige übrig sind, da die meisten der späteren Neugestaltung des Handels erlagen. Der Eintritt der Gewerbefteiheit eröffnete den Juden ein neues Feld der Thätigkeit! Wir sehen sie sich nunmehr der Industrie zuwenden, in welcher sie als Textilwaaren-, Schuhe-, Wäsche-, Kleider-, Möbel- und sonstige Fabrikanten Hervorragendes geleistet haben. Während jedoch die Textilindustrie, in welcher die unternehmenden, führenden Geister aus der Mitte der zünftigen Meister selbst hervorgingen, der Juden nicht oder nur insofern bedurft hat, als dieselben vermöge ihrer größeren geistigen Beweglichkeit für die technischen Neuerungen leichter zu gewinnen waren als die conservativen christlichen Fabrikanten, waren dieselben in der Umgestaltung der Schneiderei, Schusterei rc. zu Großbetrieben geradezu schöpferisch, was sich nach meiner Ansicht folgendermaßen erklären läßt: In der Weberei war die Nutzbarmachung der Dampf- und sonstigen Maschinen für die an Vorräthe ohnehin gewöhnten Weber ein Gebot der Klugheit, ein Zwang, d r vom Zeitgeiste ausgeübt wurde; für die an Specialbestellungen gewöhnten anderen Gewerbe fehlte dieser Zwang,' da es keine einschlägigen Maschinen gab, und der Antrieb ergab sich für die scharfsinnigen, an den Handel mit alten Waaren gewöhnten Juden aus der Beobachtung des Zeitgeistes, der beginnenden Massenproduction. So entstanden auf Grundlage der Hausindustrie die gewerblichen Großbetriebe, welche die spätere Erfindung der Nähmaschine zu ungeahnter Blüthe gebracht hat und die wir heute so gehaßt und bekämpft sehen, die aber geschaffen werden müßten, wenn sie nicht schon bestünden, da die Zeiten der Klein-, respective Zwergbetriebe unwiderbringlich dahin sind. Gewiß wären auch jetzt wieder Juden die Schöpfer der Großbetriebe, denn den respectiven Gewerben fehlt jeder Unternehmungsgeist. Mit zunehniendem Volksreichthum entstanden zahlreiche Banken als jüdische Gründungeir, mit jüdischen Leitern an der Spitze, welche Handel und Wandel mächtig gefördert und werthvolle internationale Beziehungen geschaffen haben und welcher: die Monarchie ihren Credit nicht zum geringsten Theile mit zu verdanken hat. Von den Börsen, der Effecten- und Waarenbörse, nicht zu sprechen, welche ja geradezu eine Domäne der Juden, und die, von ihren schädlicher: Auswüchsen abgesehen, unentbehrliche ökonomische Institutionen sind, da in ihnen sozusagen die diplomatischer: Fäder: des Geld- und Weltmarktes znsammenlaufen. Dieses verlästerte Institut, das die gedankenlose Menge zum Symbol des Kapitalismus gernacht hat und irr ihrer blindwüthigen Leidenschaft abschaffen möchte, ist kein zufälliges Gebilde, sondern es ist als Folge der Begriffe Wechsel und Actie aus dem zur Entwicklung gelangten Geldverkehr entstanden und mit diesem zu seiner heutigen Bedeutung herangewachsen. Die Börse wegen ihrer notorischen krankhaften Auswüchse beseitigen, hieße so viel, als die Eisenbahnen aufgeben, weil sich arrf denselben Unglücksfälle ereignen, oder die Theater abschaffen, weil Brände in denselben vorzrrkommen Pfleger:. Das zu verlangen, wird gewiß Niemandem einfallen, sorrdern riran versucht die Verkehrssicherheit zu heben, rnan bringt im Theater eiserne Coi:rtir:er: an rc. Auch ar: der Börse wird inan füglich mit den Reformer: nur Courtineu angebracht Haber:; das Spiel aber wird auch in diesen: Theater forbestehen, Lust- und Trar:erspiele Werder: darir: abwechseln. Was die Thätigkeit der Juden auf den: Gebiete des Geldhandels betrifft, so bin ich, ich darf wohl sagen, besonders befähigt, denselber: zu ber:rtheiler: und zu würdigen, dein: das Escornptegeschäst setzt mich täglich rrnd stiindlich in den Star:d, zu sehen, wie die Juden das Geld aus der: größeren Reservoirs in die kleiner: und kleirrster: Canäle leiten, wie sie überall der: Unternehmungsgeist — oft allzu kühn — beftuchten ur:d geradezu segensreich wirken. Verfolgen wir die Thätigkeit der Juden weiter, so sinder: wir sie als rastlose Agenten der Jndrrstrie in: Inrirrd Auslande, als Exporteirre die heimischen Produkte psadfirrderisch in den entferntesten Gegenden der Erde zur Geltung bringen. Wohin wir in: Auslarrde kommer:, überall begegnerr wir Inder: als Vertretern unserer Handelsinteressen. Wenden wir uns von der Betrachtrrng dieser allgemeinen Thätigkeit derjenigen zu, welche die Inder: irr unserem schönen Wien erftfaltet haben, so dürfen rvir mit Fug und Recht, ohne Ueberhebung sagen, daß jüdische Thatkraft und Wagemuth das im Schlafe überlebterAnschauungen, philiströser Bequemlichkeit befangene Alt-Wien wach gerüttelt haben. DieJudenwaren es, welche die großen, jetzt zu kleirrerr, localen Verkehrsmittel geschaffen, ar: der baulichen Neugestaltung immer:sen Antheil genomnier:, den: Detailhandel neues Leben eingefloßj, mit einem Worte: Wien auf die Höhe des Zeitgeistes emporgehoben oder doch es emporzuheben wacker mitgeholfen haben. Daß eine so große, umfassende Thätigkeit, welche die Juden rücht minder in Ungarn entwickelt Haber: und noch entwickeln, manche sachliche und persönliche Uebertreibungen hervorbringen rnußte, ist natürlich. Diese haften jedem Arffschwurrge, und nicht nur den Inder:, sondern allen temperamentvollen, wagemuthigen Jndividneir und Völkern an. Für diese Ausschreitungen kam: und darf die Gesamnftheit der Inden, wie sehr auch Einzelne

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