Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 43 (23.10.1896)
- Date
- 1896-10-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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kr. 43. Dr. Bloch’s ♦ i 4 Lahrgang XIII. 4 Centralorgan für die gessmmten Intrreffen des Iudenthums. f 8. k Pogfparcawen-Lml Clearingverkehr Nr. 810.976. »rdnrtton rmd AdminiprsUon: »itn JMtile« »«gsrlrnprntzr 1» ' Telephon - Nr. 6535. mr . - =* -- ■ —- Men, 23. October 1896. -— Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wie».! »rpig»prrr» für Srstrrrrtrh: p i Halbjährig 4 fl. — 8 Stx. j' | Linzelexemplare Sft ft. |j i Mr'» Ausland: halb ährig » fl. —! 0 Xr. ganzjährig 10 „ 30 „ i ®n teigen: Die amal gespaltete >! Petitzeile IL fr. ,l k- - * Inhalt. Leitartikel: Die wissenschaftliche Bedeutung der Juden für Oesterreich-Ungarn. — Der Muth der Feiglinge. — Freiheit, die wir meinen! — Sie zischen! — Der Antisemitismus und die confessionelle Schule. — Das jüdische Blut in Paris. — B a m Jahrmarkt des Lebens: Paris. Das Wiener Rabbiner-Seminar. Pfarrer Deckeri's Cauferenzreden. Gemüthliches van einem Judenfresser. Der clericale Knotz. Die Geschäfte des Fürüen Carl Liechtenstein. Schwrirgerichtsurtheil. Treitschke als Bileam. Ein Reichsrathsabgeordneten-Mandat um den Preis der Taufe. Die israelitische Cultusgemeinde vor dem Verwaltungsgcrichtshvf. Ein Apostel Lueger's. Eine verschwundene Magd. Die Wahlberechtigung des Rabbiners. Chalukah oder Arbeit. Ein Opfer der Juden. Hausirerfrage. Wieder Einer! — Eiugefendet. — C o r r e s p o n d e n z e n : Wien, Baden, Prag, Lemberg, Budapest, Krakau, Triest, Görz, Ossegg, Berlin, Dresden, Düsseldorf, Leipzig, Gleiwitz, Coethen, Paris, Petersburg, London, Liverpool, Oxford, Edinburgb, Kairo. — Vermischtes: Wien, Krakau, Jamnitz, Horazdiowitz, Poysdorf, Warschau, Socrabaya, London. Feuilleton Der König der Schnorrer. — Briefkasten. — Inserate. Me wirkhschastliche Bedeutung der Juden für Oesterreich Ungarn. Vortrag von Herrn Siegm. M a n d l. Geehrte Versammlung! Die leidige Judenfrage steht nun schon seit Langem zur Discussion und es ist über dieselbe mündlich und schriftlich viel gesagt und gestritten worden, seitens der Feinde des Jndenthums mit der ganzen Bonirtheit des Hasses, der Voreingenommenheit und der Unbildung, seitens der Freunde desselben mit einem Wohlwollen, welches, genau besehen, oft nur der politischen Nützlichkeit, der Werthschätzung der Juden als Wähler und Kampfgenossen, selten aber wahrer empfundener Theilnahme und Anerkennung entsprang. Ueber die wirthschastliche Bedeutung des Judenthums, über dessen große Verdienste um die Monarchie ist meines Erinnerns von jener Seite wie überhaupt in zusammenhängender Weise noch nichts gesagt worden, und ich will es daher versuchen, die Lücke auszufüllen. Erwarten Sie jedoch keinen erschöpfenden Vortrag, sondern nur eine Skizze, erwarten Sie nichts, was Sie nicht schon wüßten. Allein zusammengefaßtes Altes wirkt oft wie Neues, und da in unserer Zeit das Alte neu wird, z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, so wird vielleicht das, was ich Ihnen sagen will, wie Neues klingen. Es gab eine Zeit, da die emancipirten Juden in jugendlichem Arbeits- und Thatendrange in der großen staatsbürgerlichen Gemeinschaft der Erfüllung ihrer Berufspflichten oblagen, ohne an Stamm und Glauben gemahnt zu werden, Unterscheidungen, die man zum Mindesten äußerlich zu vergessen begann, da sich die befreite Menschheit freiheitstrunken auf dem Boden des Menschenthums bewegte. Das ist leider in den letzten Jahren ganz anders geworden! Was wir für Wesen hielten, war nur Schein, was wir in Fleisch und Blut übergegangen glaubten, haftete nur auf der Oberfläche, die Gesittung ist der Rohheit gewichen. Was Wunder, daß wir Juden, welchen man das gelbe Fleckchen, wenn auch nicht Physisch, so doch moralisch wieder anzuheften trachtet, uns auf uns zu besinnen mrd unser Thun und Lassen unter dem uns aufgenöthigten specifischen Gesichtspunkte zu betrachten beginnen. Es ist dies vom Standpunkte des Verstandes ebenso bebeklagenswerth, als es von dem des Gemüthes begreiflich ist. Warnt jener vor dem Separatismus, so drängt dieses, indem es den Zusammenschluß Gleichgesinnter unter den verschiedensten Titeln fordert, zum Separatismus. Das dürste so lange dauern, bis wieder eine Idee austauchen wird, welche die Kraft besitzen wird, die zerklüftete Gesellschaft im Zeichen des Fortschrittes zu einigen. Aus diesem Gedankenwege bin ich zur Betrachtung der wirthschastlichen Thätigkeit der Juden in Oesterreich-Ungarn gelangt, mit welcher ich Sie bekannt machen Witt. Wenn wir nach dem Ursprung des Antisemitismus forschen, so werden wir finden, daß derselbe anfänglich die Ausgeburt politischen Ränkespieles in Deutschland, später ein Kampfmittel der Reaction wurde, welche sich desselben, gestützt aus die Verschlechterung der wirthschastlichen Verhältnisse und aus den unendlich erschwerten Concurrenzkamps aus allen Gebieten des Erwerbes, zur Revoltirung der Mittelelassen bediente, um zur Herrschaft zu gelangen. Ter Antisemitismus ist so allmälig zum wirthschastlichen Nothschrei der Mittelelassen geworden, den man in die Worte: „ute-toi que je m’y mette kleiden könnte. Er ist, genau besehen, der unverstandene Soeialismus dieser Classen, der bequeme, nicht nur ungestrafte, sondern in maßgebenden Kreisen gerne gehörte Ausdruck ihrer Unzufrieden heit. Solange, der Fortschritt in der Freiheit, im Handel und Wandel anhielt, so lange Oesterreich im Aufschwünge war, achtete mau der Judeu nicht; als jedoch in den Achtziger-Jahren ein Stillstand der Entwicklung eingetreten war und gewisse Kreise die Schäden zu empfinden anfingen, welche ihnen die neue Zeit mit ihren mancherlei Exeessen zugesügt hatte, erinnerte man sich der Judeu und ihrer jungen Rechte, und suchte nun in brutalem Majoritätsgesühl, dem man scheinheilig das Mäntelchen der Religion und der Race umhängt, ihnen dieselben zu rauben oder zu schmälern. Religion und Raee! Als ob es bis auf relativ wenig wirklich Gläubige noch Religiosität gäbe, als ob Oesterreichs Bolker-Couglomerat racenrein wäre'. Wieviele Arier, namentlich in den gemischtsprachigen Kronländern, können behaupten, daß sie von racengleichen Eltern abstammen? Ist etwa der Adel, diese Blüthe des Bürgerthums, wie er in Deutschland genannt wurde, racenrein? Mit Nichten, denn dort sind die nationalen Mischehen an der Tagesordnung. Wir sehen bald einen Italiener eine Slavin, bald einen Slaven eine Deutsche, bald einen Franzosen eine Ungarin freien.