Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 42 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 843 Grobstock's Seelengröße entsprach dem ^Appell. Es wäre in der That kleinlich gewesen, die Taschen 51t durchstöbern ober im Futter nach ein paar Münzen zu suchen; außerdem hatte ja Manasse versprochen, Papiere und sonstiges Werthlvses zurückznstellen. „Gut, gut", sagte er freundlich, getröstet von dem Gedanken. daß seine Kümmernisse — für diesen Tag wenigstens ein Ende hatten — „nehmt sie mit, so wie sie sind." „Das ist leicht gesagt: nehmt sie mit", antwortete Manasse mit einem Anflug von Aerger. „In was aber soll ich sie mitnehm?n?" „Oh — ah — ja! Es muß irgendwo ein Sack herumliegen." „Meint Ihr, ich werde sie in einem Sacke wegtragen? Wollt Ihr, daß ich aussehe wie einer, der im Hofe „Alte Kleider" schreit? Ich muß einen Koffer haben. Im Kofferzimmer have mehrere gesehen." „Gut", sagte Grol stock, „wenn einer leer ist, könnt' Ihr ihn haben." Manasse legte seinen Stock ans den Tvilettetisch nieder und untersuchte sorgsam die Koffer. Einige davon standen nachlässig offen, obwohl in jedem Schlosse ein Schlüssel steckte. Sie waren mit Grobstvck, der das Vergnügen stets mit Geschäften vereinte, sehr weit hernmgekommen. „Keiner ist ganz leer", meldete der Schnorrer, „aber in diesem da sind nur ein paar Kleinigkeiten — ein Paar Pluderhosen und dergleichen. Wenn Ihr mir sie daher zum Geschenke macht, wird der Koffer leer sein, so weit es Euch angeht." „Auch recht", sagte Grobstock und lachte thatsächlich. Je näher der Angenblick der Entfermuig des Schnorrers rückte, in desto bessere Laune gerieth er. Manasse schleppte den Koffer vvr's Bett und nun znm ersten Male seit seiner Rückkehr aus den unteren Regionen betrachtete er den Haufen Kleider, der daraus lag. (iyoitjetumcj svlgi.) Literatur. Einige Bemerkungen zu Giide»nann's „Etwas über Predigten und Predigen". Von Dr. Adolf B i a cf), Rabbiner in Bnix. Wenn Güdemann, ein Meister des Wortes, über Predigten und Predigen spricht, so verdienen seine Worte nicht nur bei den Lesern des inhaltsreichen jüdischen Kalenders, den die Oesterreichisch-Jsraelitische Union in Wien herausgegeben, Beachtung, sondern allgemeine Verbreitung. Wer nicht das Zeug zum Prediger hat, wird wohl durch die schönsten und besten Regeln kein Prediger werden, allein es gibt Regeln, die auch oft von tüchtigen Rednern zu ihrem eigenen Schaden nicht beachtet werden. Für solche Redner sind die Worte Güdemaun's besonders am Platze. Der gewissenhafte Prediger, so führt Güdemann aus, darf sich nicht niit einem guten Vortrage begnügen, sondern muß seine Predigten sorgfältig ausarbeiten und vertiefen, den Ansdruck wählen und feilen und sie sorgfältig memoriren. Es gibt ganz tüchtige Redner, die sich aber, weil das Wort in ihrer Macht liegt, sehr leicht gehen lassen und auf die Wahl des Ausdrucks kein Gewicht legen. Dadurch entstehen sehr oft nicht kanzelfähige Ausdrücke. Die Sprache braucht nicht blumenreich zn sein, aber sie darf nicht auf die gewöhnliche Verkehrssprache herabsinken, der Ausdruck muß gewühlt sein. So klingt es kölnisch, wenn selbst ein Prediger, wie Mannheimer war, eine Neujahrsrede mit den Worten beginnt: „Vor Allem meinen Gruß und Wunsch zum neuen Jahre!" imd unschön, wenn er gegen Schluß derselben Rede sagt: „Du hast uns gesund gemacht und stark gemachr und hast uns satt gemacht und froh gemacht." Auch in Kayferling's „Bibliothek jüdischer Kanzelredner" findet sich eine Menge nicht kanzelfähiger Ausdrücke. Güdelnallil's Bemerkung, den Ausdruck zil wählen und zn feilen, verdient daher ganz besondere Beachtung. Eine schöne Sprache aber wird man sich hauptsächlich durch verständnißvottes Lesen der Bibel, der Klassiker, sowie guter prosaischer Werke aneignen. So hat mir beispielsweise das durch Form und Inhalt ausgezeichnete Werk von Professor- Lazarus „Ideale Fragen", Berlin 1879, viel mehr Anregung geboten als zahlreiche Predigten. Ein zkveiter äußerst wichtiger Punkt, auf den Güdemann hinweist, ist, die Predigt nicht allzu sehr in die Länge znziehen. Es gibt viele Redner, die am gewöhnlichen Sabbathe bis -1 Stunde und bei Gelegenheitsreden 15—20 Minuten, ja noch länger sprechen. Das ist entschieden zn lang. Solche Reden leiden zumeist an ganz überflüssigen Wiederholungeil, ohne den Gedanken weiter fvrtznspinnen, und ermüden den Zuhörer. Easnalien, insbesondere Tranungsreden, sollten nie länger als 5-10 Minuten dauern; der gute Redner wird zn einer 5 Minuten langen Rede ebensoviel Zeit brauchen, wie der Dauer redner, weil er, klar dispvnirt, genau ans jeden Ausdruck achtet und alle Weitschweifigkeiten ilnd überflüssigen Wiederholungen meidet. Bei einen', dritten Punkte, den Güdemann anführt, ist große Vorsicht geboten. Güdemann weist darauf hin, daß es ehedem in der Kirche Sitte war, 31L Ostern die Zuhörer lachen zn machen und daß der Witz, freilich sparsam verwendet, in der Predigt die Zuhörer bei Laune, Wohlwollen und Aufmerksamkeit erhalte. 'Nach nuferer Ansicht ist der Witz auf der Kanzel nur dann gestattet, wenn er ans eine feine Satyre hinanslänft; in jedem anderen Falle aber, wo er die Zuhörer znm Lachen reizt, ist er zn vermeiden. Ter Humor gehört nicht auf die Kanzel; anders verhält es sich bei einem öffentlichen Vortrage außerhalb des Gotteshauses, da ist der Witz ganz am Platze. Auch mit dem vierten Punkte, daß die Wärme des Predigers keinen höheren Grad airnehmen dürre, als derjenige -sei, bei welchem die Zuhörer angelangt seien, stimmen wir nicht überein. Unserer Ansicht nach ist die Hauptsache, daß das Pathos des Redners kein affectirtes schauspielerisches Gepräge annehme; jeder Einzelne muß dem Prediger anhören, daß das, was er spricht, als innerste Ueberzengnug in seiner Brust lebt; wird man auch dann anderer 'Ansicht als der Redner sein, so wird gleichwohl die Ergriffenheit des Predigers keineswegs, wie Güdemann meint, eine komische Wirkung auf die Zuhörer machen. Sehr treffend bemerkt in dieser Hinsicht IvA s. A.: „Keine Knust der Welt kann die Gewalt ersetzen, die wie eine Natnrkraft ans dem Herzen des überzeugnngstrenen Sprechers znm Herzen des Hörers dringt und ihn zur Unterwerfung unter die Intention des Redners bringt." Hinsichtlich des fünften Punktes wird man ganz auf Seiten Güdemaun's stehen, daß es Pflicht des Predigers ist, offen und unumwunden, wenn auch in taetvoller Weise Fehler und Gebrechen zn rügen, selbst luemt so mancher sich dadurch getroffen fühlen sollte. Auch im letzten 0. Punkt, den Güdemann anführt, wird man beistimmen müssen, daß die Predigt nicht zur „Ausfüllung" des Gottesdienstes herabsinken darf und daß ein „zuviel" die Wirkung der Predigt beeinträchtigt. Tie Meinungsverschiedenheit in einzelnen Punkten wird mir hoffentlich nicht als Anmaßung ansgelegt werden; fällen wir ja auch Urtheile über Eicerv und Demosthenes, ohne selbst ein Eieero oder Demosthenes zn sein. Wiener Kalender für Stadt nnd Land. Der von A. G. von Suttner heransgegebene Kalender pro 1897 'Druck nnd Verlag von Philipp & Kramer, Wien, VI.> ist eine Pnbli cativn, die man ganz nnd gar nicht in einer einfachen Kalender schau mit ein paarWorten abthnn darf. Eine Fülle des interessantesten und packendsten, des belehrenden und erheiternden Lesestoffes wird da geboten, die den „Wiener Kalender für Stadt und Land" wirklich im besten Sinne zn einem willkommenen Hausfreunde in der Stadt wie auf dem Lande macht. Wie Alles, was der feinsinnige, von den humansten nnd edelsten Intentionen erfüllte Freiherr von Suttner unter den Schutz seines Namens stellt, ist auch dieser Kalender durch seine Arbeiten dazu bestimmt, für das Gute, Schöne nnd Wahre zn wirken. Nicht mit einer aufdringlichen Tendenzmacherei, sondern durch den Geist des Guten nnd Edlen, der Alles dnrchdringt nnd belebt. Ter Kalender, in dem die besten Schriftstellernamen vertreten sind, wir nennen außer dem Herausgeber mib seiner genialen Gattin, Baronin Bertha von Suttner unter Anderen nur noch: Ehiavacci, Groller, Tann-Bergler, enthält auch eine Reihe interessanter nnd actueller Bildnisse, die seinen Werth erhöhen. Cnlturstndien über das Judenthum von Rahida Remi) (Lazarus). Verlag von Earl Tnncker, Berlin. 5 'Mark. Gründliches Studium, gepaart mit Liebe und Begeisterung für Alles- Gute und Schöne, hat hier ein Werk geschaffen, welches über das Jndenthum Helles Licht verbreitet und nicht nur dem Fernstehenden angenehme Belehrung bietet, sondern auch auf den jüdis ch gebildet e n Juden geradezu herzergnickend wirkt. Von allen Seiten wird jetzt die Forderung laut, gegenüber den vielen maßlosen Verhetzungen und Verlästerungen des Juden-