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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-16 · 42 (16.10.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 842 Dr. Vloch's Wochrnfttzrift Nr. 43 „Ich bin kein Blutsauger — wie es im Talmud heißt: „Gott liebt Ten, der dem Zorn nicht nachgibt, noch sich an seine Rechte klammert" — macht zusammen drei Guineen ititb drei Kronen." „Ja — da sind sie!" Wilkinson erschien. „Habt Ihr mich gerufen, Herr?" fragte er. „Nein, i ch ries Euch", sprach Manasse. „Ich wollte Euch eine Krone geben." Und er reichte ihm eine von den dreien. Wilkinson nahm sie verblüfft und zog sich zurück. „Bin ich ihn nicht aus geschickte Weise lvsgeworden?" sagte Manasse. „Ihr seht, wir er mir gehorcht." „Ich werde von Euch nicht mehr als die bloße Krone verlangen, die ich ihm gab, um Euere Ehre zu retten." „Um meine Ehre zu retten?" „Wäre cs Euch lieber gewesen, wenn ich ihm gesagt hätte, ich habe ihn gerufen, weil sein Herr ein Dieb ist? Nein, Herr, ich war bemüht, Euch nicht öffentlich zu beschämen, obwohl Ihr für mich nicht dieselbe Sorge trugt." „Da ist die Krone," sagte Grobstock wild. „Nein, da sind drei!", und er kehrte seine Hosentaschen um, um deren vollständige Blöße zu zeigen. „Nein, nein!", sprach Manasse mild, „ich werde blos zwei nehmen, behaltet die dritte — Ihr könntet ein wenig Kleingeld brauchen." Und er driickte dem Magnaten die Krone in die Hand. „Ihr solltet in Zukunft nicht so verschwenderisch sein", fügte er mit freundlichem Bornnirs hinzu. „Es ist schlimm, wenn man nichts in der Tasche hat — ich kenne das Gefühl und kann Antheil an Euch nehmen." Grobstock stand sprachlos da; seine Finger umklammerten die geschenkte Krone. Während er so bei der Flnrthür stand, machte er ein Gesicht wie Wilkinson, wenn er von einem allzu großmüthigen Trinkgeld überrascht ward. Da Costa machte der Krisis ein Ende, indem er seinem Wirthe eine Prise aus der juwelenbesetzten Schnupftabakdose bot. Grobstock nahm gierig die ganze Dose, die der Bettler ihm ohne Protest überließ. In seiner Dankbarkeit fiir diese unerwartete Gunst steckte Grobstock den Schimpf mit der Silbermünze ohneweiters em und führte Manasse zu den abgelegten Kleidern. Er schritt behutsam einher, um seine Frau nicht zu wecken, die eine große Liebhaberin der Siesta war und plötzlich wie eine Spinne aus ihren Gemächern hervortreten konnte; aber Manasse stampfte wie ein Narr mit seinem Stocke über die Treppe. Glücklicherweise war der Teppich dick. . Die Kleider hingen in einem mit Spiegelglas versehenen Mahagonischrank in Grobstock's elegant eingerichtetem Schlafzimmer. Grobstock stöberte zwischen ihnen umher, während Manasse, die weißen, blaßrosa gefütterten persischen Vorhänge beiseite schiebend, aus dem Fenster auf den Platz herunterblickte, der sich im Hintergründe des Hauses hinzog. Auf seinen Stab gelehnt, beobachtete er die Paare, die in der kühlen Frische des untergehenden Tages zwischen den sonnenbeschienenen Beeten und den Gebüschen spazieren gingen. Da und dort leuchtete das lebhafte Gesicht einer dunkeläugigen Schönheit wie eine Passionsblume auf. Manasse betrachtete diese Scene mit mildem Wohlwollen, in Frieden mit Gott und den Menschen. Er ließ sich nicht herab, einen Blick auf die Kleider zu werfen, bis Grobstock bemerkte: „So, ich glaube das ist Alles, was ich entbehren kann." Dann drehte er sich gemächlich um und betrachtete — noch immer mit demselben wohlwollenden Ausdruck — den Haufen, den Grobstock aus das Bett geworfen hatte. Es war ein Mischmasch von Kleidungsstücken in ausgezeichnetem Zustande; prächtige Cravatten lagen in dreispitzigen Hüten und Schnallenschuhe trampelten auf weißen Westen umher. Aber sein Auge hatte kaum eine Biertelminute auf ihnen geruht, als ein plötzlicher Blitz durch sie zuckte und ein Krampf sein Gesicht verzerrte. „Verzeiht", rief er und eilte der Thüre zu. „Was gibts?" ries Grobstock erstaunt und erschreckt. Sollte seine Gabe verschmäht werden? „Ich bin im Augenblick wieder da", sagte Manasse und eilte die Treppe hinab. In einer Hinsicht erleichtert, war Grobstock doch von unbestimmter Unruhe erfüllt. Er lief in den Flur hinaus. „Was wollt Ihr?" rief er, so laut er es nur wagte. „Mein Geld", antwortete Manasse. Grobstvck glaubte, daß der Schnorrer den Ertrag des Lachsverkaufes im Flur gelassen hatte; er kehrte daher in sein Zimmer zurück und beschäftigte sich halb mechanisch mit dem Sortiren der Kleider, die er durcheinander aiff das Bett geworfen hatte. Während er das that, erspähte er unter einem Haufen ein paar ganz neue, noch nie getragene Beinkleider, die er unversehens dazu gethan hatte. Während er sie in den Schrank zurückhing, hörte er scheltende Laute. Die hochliegende Stimme der irischen Köchin drang unverkennbar an sein Ohr und versetzte sein Herz in neues Zitteru. Er trat wieder auf deu Treppenabsat/ hinaus und reckte den Hals über das Geländer. Glücklicherweise nahmen die Töne ab und im nächsten Augenblick erschien wieder der Kopf des heraufsteigenden Manasse. Als seine linke Hand in Sicht kam, bemerkte Grobstock, daß sie den Glücks sack trug, mit dem eiu gewisser Philantrop sich am Nachmittag so fröhlich auf den Weg gemacht hatte. Jetzt hatte er Lust, ihn den Unglückssack zu betiteln. „Ich habe ihn wiedererobert", sagte der Schnorrer heiter, „wie es geschrieben steht: „Und David eroberte Alles wieder zurück, was die Amalekiter genommen hatten." Aber seht Ihr, in der Aufregung des Augenblicks bemerkte ich nicht, daß Ihr mir nicht nur den Lachs, sondern auch meine Gelbpäckchen gestohlen hattet. Glücklicherweise hatte Eure Köchin den Fisch noch nicht aus denk Sacke genommen. Ich schalt sie trotzdem, weil sie ihn noch nicht in's Wasser gegeben hatte, und sie öffnete ihren Mund nicht in Weisheit. Wäre sie nicht eine Heidin, so würde ich einen Betrug geargwöhnt haben, denn ich wußte nicht, wie viel Geld in dein Sacke war — ich hatte nur Eure Versicherung, daß es nicht weniger als siebzehn Schillinge sind — und es wäre leicht gewesen, den Fisch wieder hineinzugeben. Darum will ich mit den Worten Davids „Dir Dank sagen, o Herr, unter den Heiden." Die Vorstellung von dem Einbrüche Manasse's in die Küche war Grobstock nicht angenehm, trotzdem murmelte er blos: „Wie fiel Euch das so Plötzlich ein?" „Der Anblick Eurer Kleider erinnerte mich daran. Ich dachte mir nämlich, ob Ihr etwas in den Taschen vergessen hättet?" Der Geber fuhr zusammen — er wußte wie nachlässig er war — und machte eine Bewegung, als wollte er seine Kleider durchsuchen. Das Glitzern in Manasses Augen versteinerte ihn. „Habt Ihr — habt Ihr etwas dagegen — wenn ich nachsehe?" stammelte er entschuldigend. „Bin ich ein Hund?" citirte der Schnorrer würdevoll. „Bin ich ein Dieb, daß Ihr meine Taschen nachseht? Wenn ich nach Hause komme", fuhr er fort, indem er mit seinem Daumen Unterscheidungen anzudeuten begann, „wenn ich nach Hause komme und etwas in meinen Taschen finde, das für Niemanden als Euch von Werth ist — besorgt Ihr da, daß ich es Euch nicht zurückgeben werde? Wenn ich aber etwas finde, was für mich von Werth ist — besorgt Ihr da, daß ich es nicht behalten werde?" „Nein, aber, aber" — Grobstock brach ab. Trotz seiner finanziellen Einsicht vermochte er die Schlußfolgerung kaum 51t begreifen; er fühlte nur, daß der Schnorrer die Sache als bewiesen erachtete. „Aber was?" fragte Mauasse. „Sicherlich braucht Ihr nicht mich, um Euch Eure Pflicht zu lehren; Ihr müßt das darauf Bezug habende Gesetz Moses kennen." „Das Gesetz Moses sagt diesbezüglich gar nichts." „Wirklich? Was sagt das fünfte Buch Moses? „Renn Du Deine Ernte auf Deinem Felde sammelst und eine Garbe aus dem Felde vergessen hast, sollst Du nicht wieder hingehen, um sie zu holen: sie soll gehören dem Fremden, den Vaterlosen und der Witwe." Ferner, ist es nicht verboten, nochmals die Zweige Deines Oelbaumes abzusuchen oder die gefallenen Früchte in Deinem Weingarten aufzuheben? Ihr werdet zugeben, daß Moses es auch verboten haben würde, sorgfältig die Taschen abgelegter Kleider zu durchsuchen, wenn nicht unsere Vorfahren vierzig Jahre lang in der Wüste in denselben Kleidern hätten herumgehen müssen, die wunderbarer Weise mit ihnen Zunahmen. Nein, ich bin überzeugt, Ihr werdet den Geist des Gesetzes achten, denn als ich in Euere Küche hinunterging und den Thürpfosten untersuchte, um zu sehen, ob Ihr eine M e s u s a darauf hättet — ich weiß ja, daß viele Juden mit M e s u s a s nur auf solchen Thürpfosten prunken, die den Gästen sichtbar sind — fand ich zu meiner Freude auch dort eine."

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