Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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iKr. 42 Vr Vloüj's WvctrDnsrtzrist. Seite 835 unmöglich, daß er ein christliches Land besuchte, ohne daß ihm von den Christen in Armenien gesprochen wurde. Nun möchten wir gerne wissen, ob ihn anch ein Wort darüber erreicht hat, was die Engländer über die Lage denken, in welcher sich ein großer Theil des russischen Volkes befindet — wir meinen die polnischen Juden in Rußland. Wenn ihn kein solches Wort erreicht hat, dann bedauern wir es herzlich, denn diese Unterthanen des Czars befinden sich durchschnittlich in einem weit elenderen Zustande als irgend ein anderes Volk Europas, vielleicht mit der einzigen Ausnahme der christlichen Unterthanen des Sultans. Die Leiden der russischen Juden sind nicht etwa geringer, weil sie indirecter Natur sind. Die als Maigesetze bekannten Bestimmungen, nach welchen die Inden aus einen Raum beschränkt sind, der früher groß genug für sie gewesen sein mag, nun aber viel zu klein für die bedeutend vermehrte Bevölkerung geworden ist, bringen ihnen so sicher Hunger, Krankheit und Tod, wie die türkischen Säbel den Armeniern. Diese Gesetze zwängen die Juden fürchterlich ein, von der Wiege bis zum Grabe, wenn es ihnen nicht gelingt, der Tyrannei zu entfliehen und in andere Länder auszuwandern, wo sie wenigstens als Menschen betrachret werden. England hat ein Recht, zu verlangen, daß die Inden des Czars besser behandelt werden sollen. Die Masseneinwandernng in unser Land hat, wenngleich sie mit der Auswanderung nach Amerika nicht verglichen werden kann, doch das Ghetto im Osten von London in den letzten zehn Jahren ungemein vergrößert. Die Classe von Juden, welche hierher auswandern, zeigt schreckliche Spuren der furchtbaren Bedrückung, wenngleich sie — wir gestehen es offen — sich sehr rasch in ziemlich anständige Bürger verwandeln, sobald man ihnen die Freiheit dazu läßt. Faßt immer sind diese Juden leiblich und geistig zurückgeblieben, und sehr oft bringen sie die Keime zu unheilbaren Krankheiten mit, die ihnen einen frühen Tod bereiten. Unser Staat hat bis jetzt glücklicherweise noch nicht wesentlich unter dieser Einwanderung gelitten, weil die besser gestellten Juden dafür Sorge tragen, daß ihre Glaubensgenossen Niemandem zur Last fallen, außer ihnen. Wir haben aber keine Gewähr dafür, daß diese Wohlthätigkeit nicht Plötzlich einmal aus irgend einem Grunde versiegt, und dann hätte der Staat eine schwere Bürde zu tragen, und nur die Behandlung der russischen Inden in ihrem Vaterlande wäre die Ursache davon. Die Anregung der „Tagespost" wird von allen Juden dankbar begrüßt werden, nicht zum wenigsten von den russischen Juden selbst. Diese armen Menschen ziehen nicht nach England um der Freiheit willen, die ihnen dort winkt, sondern sie werden aus Rußland verstoßen durch den Mangel an Freiheit, der dort herrscht. Es heißt, daß der Czar die besten Intentionen hat, — mögen sie sich bald verwirklichen! Graf Julius Andrassy über den Antisemitismus. Budapest, 8. October. Der ehemalige Minister am königlichen Hoflager, Graf Julius Andrassy, benützte die Muße seit dem Rücktritte vom Amte zu einer Arbeit über den staatsrechtlichen Ausgleich vom Jahre 1867, die demnächst in der Gestalt eines nahezu 500 Seiten umfassenden Werkes im Verlage der Franklin- Gesellschaft erscheinen wird. Aus diesem Buche bietet die „Neue Freie Presse" einige interessante Auszüge, welche das Judenthum näher angehen. Graf Andrassy gedenkt in diesem Zusammenhänge auch der moralischen Erscheinungen in beiden Staaten der Monarchie, um die es in ihren extremen Kundgebungen besser bestellt sein sollte. Das gibt ihm auch Gelegenheit, sich über die augenblicklichen Verhältnisse in Wien in folgender Weise zu äußern: „In der jüngsten Zeit sind in der Stadt Wien tiefbetrübende und hauptsächlich vom öfterreichischen Gesichtspunkte bedauerliche, weil erniedrigende Erscheinungen zu beobachten. Die friedliebende, sympathische und wackere Bürgerschaft dieser Stadt ist in ihrer Mehrheit ein blindes Werkzeug der widerwärtigen Leidenschaft des Hasses geworden. Das wohlgelaunte, humane, gebildete Wien wurde durch den Neid in Fieber versetzt. „Nieder mit den Juden!", „Nieder mit den Magyaren!", so lauten die Schlagworte seiner Mehrheit. Lueger, der ewig schimpfende Volkstribun, konnte Bürgermeister werden. Diese unbegreiflichen Erscheinungen deuten, wie ich hoffe, nur auf eine nicht lange währende Krankheit, deren Andenken selbst dem österreichischen Volke verdrießlich sein wird, und ich zweifle nicht Haran, daß auch der irregeführte Theil alsbald auf die Bahn der Civilisation zurückcehren werde, aus der mau diese Empfindungen der Vergeltung nie als berechtigt anerkennen darf, auf der man die Beschimpfung und das Fluchen eines ernsten Politikers nicht würdig hält, wie denn überhaupt derartige Ausbrüche nicht so sehr demjenigen schaden, gegen den sie gerichtet waren, sondern denjenigen seiner selbst vergessenen Theil treffen, von dem sie ausgegangen sind. Ich will diese bedauerliche Verirrung dem Wiener Volke in seiner Gänze nicht auf's Kerbholz schneiden, wie man denn auch bei uns diese Ausbrüche im Allgemeinen mit Ruhe und Würde benrtheilt und es Niemandem beifällt, dieselben in gleicher Form zu erwidern. Diese Schmach werden wir auf den u u g arische n Namen nicht lade u. llebrigens kann man mit wahrer Freude beobachten, daß gerade diese Uebergriffe bereits eine Reaction herbeiführen, und es steht zu hoffen, daß diese Elemente die volle Uebereinstimmung mir uns, deren sie in hohem Maße bedürfen, mit größerer Beflissenheit als bisher pflegen werden. Vermag man bei uns solche Auswüchse anch nicht wahrzunehmen, so kann doch nicht geleugnet werden, daß die öffentliche Stimmung gegen Oesterreich selbst heute noch keine solche ist, wie sie sein könnte und wie sie zu unserem Frommen auch sein müßte. Die alten Wunden sind noch nicht vollständig verharscht. . ." Ist man zu der Erkenntniß gelangt, daß der heutige Zustand erträglich ist, so muß jede Aenderung zurückgewiesen werden, denn die Wahrscheinlichkeit ist größer, daß man nur das Bestehende verderben kann, statt es zu bessern. Sigmund Vrödy, Mitglied des Magnatenhauses. Das ungarische Amtsblatt „Bndapesti Közlöny" veröffentlichte in seiner Morgenausgabe vom 3. Ortvber 1806 folgendes allerhöchste Handschreiben: Auf Grund des § 5 G.-A. VII, 1885, von der Abänderung der Organisation des Magnatenhauses, ernenne Ich hiemit auf Vorschlag meines ungarischen Ministerrathes den Journalisten Sigmund B r üdy, den peusionirten Richter Meiner Curie Samuel Masirevics und den peusionirten Ministerialrath Eugen S z a b ü auf Lebensdauer zu Mitgliedern des Magnatenhauses. Bukarest, 29. September 1896. Franz Josef w. p. Baron Bänffy m. p. Der „Pester Lloyd" bringt in seinem Abendblatte vom 3. October 1896 an hervorragender Stelle was folgt: „Das Amtsblatt veröffentlicht in seiner heutigen Nummer die Ernennung dreier hervorragender Männer unseres öffentlichen Lebens z u lebenslänglichen Mitgliedern des Magnatenhauses. An erster Stelle steht der Publicist Sigmund Brödy, dessen Wirksamkeit auf dem Gebiete der Tagesliteratur sowohl, als auf dem Fclde der Humanität gleich bedeutend und segenbringend erscheint. Zur älteren Garde unserer hauptstädtischen Journalistik gehörend, hat Brody zuerst als Mitarbeiter des „Pesti Naplo" und des „Pester Lloyd", sowie später in dem von ihm herausgegebenen weiterverbreiteten Tageblatte „Neues Pester Journal" seit mehr denn drei Jahrzehnte sich als ehrlicher Streiter für den Sieg der liberalen Ideen, für den Fortschritt und für den materiellen Aufschwung Ungarns bewährt. Diesem ehrenvolle Platze, welchen er im Schriftthum einnimmt, hat Brödy noch ein besonderes Lustre durch seine wahrhaft großartigen Leistungen auf humanitärem Gebiete zu geben verstanden. Bei uns, wo der Wohlthätigkeitssinn noch nicht jene riesigen Dimensionen kennt, wie sie der Westen Europas oder Amerika aufzuweisen hat, gehören die Männer zu den Seltenheiten, die viele Hunderttausende zur Linderung des Elends und zur Förderung der Wissenschaft freudigen Herzens zu opfern bereit sind. Brödy hat durch seine Stiftungen für die Ungarische Akademie, für das Pensionsinstitut der ungarländischen Journalisten, für die Versorgung der Angestellten seines eigenen Unternehmens, vor Allem aber durch die Erbauung des Adele Brüdy-Spitals sich in die erste Reihe jener wahren Menschenfreunde gestellt, deren Zahl keine allzu große ist, und die Anderen als glänzendes Beispiel voranleuchten. Der Schriftsteller und der Wohlthäter ist durch die Berufung ins Magnatenhaus in gleichem Maße geehrt und nicht minder der Scand, dem Brödy in so ehrenvoller Weise angehört." Ein antisemitischer Redaetenr Berlin, 13. October. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Münster in Westfalen: Die Strafkammer des dortigen Landgerichtes verurtheilte den Schriftsteller und Redacteur