Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 834 Vr. VLoür's Wochensrtzrtp. 'Jtr. 42 So viel über Maimonides. Was die Aiiti-Maimonisten betrifft, so konnte es dem Leser schwerlich entgehen, daß in einzelnen der angeführten Systeme der Unterschied von der Anschauung des Maimonides nur ein logischer, nicht ein theologischer ist. Bei manchen Autoren, insbesondere jenen des.dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts, steht es übrigens nicht einmal fest, ob sie dem Maimonides zu opponiren beabsichtigen. Andere wiederum, wie Rabbi Abba Mari, Rabbi Lippmann und Rabbi Joseph Jabez, handelten genau nach dem Principe des Maimonides, indem sie nur diejenigen Lehren des Judenthums hervorhoben, die ihnen gefährdet schienen. Man könnte nun nach dem lobenswerthen Beispiele des Maimonides auch gewisse Glaubensartikel Vorschlägen, die durch die Bedürfnisse unserer eigenen Zeit uns geboten erscheinen. Man könnte zum Beispiel den Artikel einschalten: „Ich glaube, daß das Judenthum vor Allem eine göttliche Religion, nicht ein bloßer Complex von Raceneigenthümlichleiten und Stammesgewohnheiten ist." Man könnte ferner einen Artikel Vorschlägen des Inhaltes: „Das Judenthum ist eine Proselyten machende Religion, es hat die Mission, das Gottesreich auf Erden zu schassen und alle Menschen in dieses Reich einzuschließen." Man könnte auch zu erwägen geben, ob es nicht rathsam sein möchte, ein wenig stärker das Princip zu betonen, daß die Religion hauptsächlich eine Weltanschauung und einen Gottesdienst bedeutet durch das Mittel der Heiligkeit, gleicherweise im Denken, wie im Handeln. Man würde sogar nichts dagegen haben, den von Rabbi Saul aufgestellten Artikel anzunehmen, daß wir uns als Sünder betrachten sollten. Krankhaft wie solch ein Glaube sein mag, würde er, in geeigneter Weise unserem Herzen eingeprägt, vielleicht die heilsame Wirkung haben, ein wenig unsere Eigenwichtigkeit und gegenseitige Bewunderung, durch die jeder Fortschritt unter uns unmöglich gemacht wird, abzukühlen. Doch war es nicht meine Absicht, hier die Frage zu ventiliren, ob des Maimonides Artikel für uns genügen oder durch neue ergänzt werden müßten. Auch will ich nicht entscheiden, welchem System wir zum Behufs der Hersagung in der Synagoge den Vorzug geben sollen, dem des Maimonides, Chasdai's oder eines anderen Autors. Ich glaube nicht, daß eine solche Aufzählung viel Nutzen hat. Mein Zweck in dieser Skizze war vielmehr, dem Leser Stoff zum Nachdenken über das Judenthum zu geben durch den Nachweis, daß es nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Gedanken regelt. Wir machen gewöhnlich geltend, daß im Judenthum Religion Leben bedeutet; aber wir vergessen, daß ein Leben ohne leitende Principien und Gedanken ein Leben ist, nicht werth des Lebens. Wenigstens wurde es von den größten jüdischen Denkern so aufgefaßt, und daher ihre Anstrengungen, den Glauben des Judenthums zu formuliren, damit man im Stande sei, nicht nur das Richtige zu thun, sondern auch das Richtige zu denken. Ob ihnen diese Versuche hinsichtlich der Formulirung des jüdischen Glaubensbekenntnisses geglückt sind oder nicht, wird stets eine Frage bleiben, die aber mehr den Logiker als den Theologen angeht. Sicherlich aber ist es Maimonides und seinen Nachfolgern geglückt, daß wir nun eine Religion besitzen, die mit dem unmittelbaren Vertrauen auf Gott die idealste und erhabenste Zukunftsmiffion vereinigt; indeß das Judenthum eines großen Theiles unserer modernen Theologen uns recht sehr an die Charakteristik der römischen Religion in den Tagen ihres Mederganges erinnert, die der Autor von „Marius der Epikuräer" mit den Worten schildert: „Eine Religion, die stets eher Etwas zum Thun gewesen ist, als Etwas zum Denken. Glauben oder Lieben." Politische Oeconomie, Hygiene, Statistik, sind recht hübsche Dinge, aber ünn gesunder Mensch würde für sie jene Opfer leisten, die das Judenthum von uns fordert. Nur um der Sache Gottes wegen, um seine Gebote zu erfüllen und seine Zwecke zu vollziehen, wird die Religion dessen würdig, daß man für sie lebe und sterbe. Und das kann nur möglich sein bei einer Religion, die Dogmen besitzt. Es ist wahr, jede große Religion ist „eine Vereinigung von mannigfachen Ideen und Idealen", die diese Religion in den Stand setzen, sich verschiedenen Denk- und Lebensweisen anzupaffen. Immer muß es aber einen Punkt geben, um den herum sich alle diese Ideen vereinigen. Dieser Mittelpuntt ist das Dogma. Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Zeichen unserer Zeit. Wien steht gegenwärtig unter dem Zeichen des Antisemitismus im weitesten Sinne des Wortes. Der arme Hausirer wird in seiner Existenz bedroht, nicht minder hat der jüdische Kaufmann darunter zu leiden. Daß aber der jüdische Student, der den rohesten Ausbrüchen arischer Wuth ansgesetzt ist, nicht einmal bei seinen Glaubensgenossen jene Unterstützung findet, die er als rüstiger Streiter für das Judenthum verdienen würde, ist ein Act der Undankbarkeit, wie sie an beit Juden leider nur zu häufig zu beobachten ist. Es würde nur die Erfüllung einer Pflicht bedeuten, wenn die jüdischen Väter aus der Suche nach Correptitoren für ihre Söhne mehr als es bisher geschehen ist, ihre Glaubensgenossen berücksichtigen würden, in deren Mitte sich viele finden, die an Ausdauer, Fleiß, Gewissenhaftigkeit und Kenntnissen ihre arischen Collegen nicht nur erreichen, sondern sogar übertreffen. So würde nicht nur vielen Ariern, die bei Juden unterrichten und hinterrücks sich über dieselben moquiren, der Brodsack höher gehängt, sondern es würde auch durch Berücksichtigung jüdischer Studenten dem Elend in unserem Volke gesteuert. Die „Jüdische akademische Lesehalle", IX., Porzellangasse 45, hat sich der dankenswerthen Aufgabe unterzogen, solche würdige und tüchtige Correpetitoren für unsere Söhne uns zu empfehlen. Audengeld für einen antisemitischen Hetzverein. Es ist in Wien wie überall Usus, durch Sammlungen von Haus zu Haus Private Wohlthätigkeitsanstalten in ihrem Bestände zu sichern. Täglich kommen nun immer je zwei solcher Sammlerinnen in der bekannten schwarzen Kleidung in unsere Wechselstube. Der Cassier, Jude, läßt nun diese, wenn sie sich ordnungsmäßig legitimirt haben und für Wohlthätigkeitsinftitute sammeln, niemals unbeschenkt fortgehen. In neuerer Zeit bemerkte er nun, daß zwei dieser Frauen, welche jede Woche kamen und um Beiträge für arme Waisen baten, in ihrem Legitimationsbuch den Stempel des katholischen Schulvereines hatten. Er wies sie natürlich sofort ab, trotzdem kommen sie und andere immer wieder, verlangen immer wieder für arme Waisenkinder und geben nur ungerne die Legittmation heraus, weil sie eben schon den Braten riechen, trotzdem aber noch immer die Frechheit besitzen,- für einen - notorischen Hetzverein, wie es der katholische Schulverein mit seinen Patronen Deckert und dem famosen Dr. Mar Löw ist, bei Juden zu sammeln. Eine solche bodenlose Nichtswürdigkeit bringen eben nur Antisemiten zusammen. Darum sollen alle Inden aufdiese Weiber Acht haben und immer die Legitimation verlangen. In erster Linie aber sollen die Juden an jüdische Wohlthätigkeitsanstalten denken. Hochachtungsvoll Heinrich K o l l m a n n, IX. Bez., Porzellangasse Nr. 13. Ein czechischer Erfolg in Schlesien. Die Wahlagitationen der deutschnationalen Antisemiten in Troppau äußern bereits ihre Resultate. Bei den Landtagswahlen siegten die Deutschnationalen. Bei den Bezirks schulrathswählen im Bezirke Troppau haben die Czechen gesiegt: Es wurden gewählt: Dr. Franz Stratil, Johann Wondruschka und Johann Beinhauer — sämmtlich die Kandidaten der Czechen. Diese Wahlen waren die ersten seit der Theilung des politischen Bezirkes Troppau. In dem bei Troppau verbliebenen Theile des alten Bezirkes standen 47 deutsche Stimmen 41 czechischen gegenüber; 8 Stimmen waren zweifelhaft. Wie der Wahlausfall beweist, ist es den Czechen gelungen, die Zweifelhaften auf ihre Seite zu ziehen. Die czechische Presse begrüßt diesen Sieg als einen Beweis des erwachenden nattonalen Bewußtseins der schlesischen Czechen. Die Nemesis bleibt nie aus. Ein Wort an den Czar. Unter diesem Titel bringt die „Londoner Tagespost" (Daily Mail) einen interessanten Artikel über die Lage der russischen Juden, dem wir das Wichttgste enttiehmen: „Morgen verläßt der Czar das Land, nach einem Besuche bei unserer Königin, der, wenn er auch rein privater Natur war, doch von großer Bedeutung für die gegenseittgen Beziehungen des englischen und russischen Volkes ist. Ist es doch nicht zu bezweifeln, daß der ganze Lauf der europäischen Geschichte — jedenfalls der Geschichte der Türkei in Europa — nach den Beschlüssen in Balmoral ein wesentlich anderer geworden ist! So privat auch der Besuch des Czaren gewesen sein mag — es war