Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 Vr. Vwch's WochentchrM. Seite 833 Vital und Andere Mafinonisten waren. Sogar der sonst so feingebildete und originelle Denker R. Elia Delmedigo (der j gegen Ende des fünfzehnten Iahrhundertes starb) wird fast grob,! wenn er auf die Gegner des Maimonides in der Dognienfrage zu j sprechen kommt. „Nur der Mvchtegernphilvsvph" sagt er, wagt! es, des Maimonides Sätze in Frage zu ziehen. Unser Volk habe! immer die schlimme Gewohnheit, sich zu Angriffen auf die größten j Autoritäten competent zu halten, sobald es nur ein Weniges von dem Sachverhalte erfahren hat. Echte Denker jedoch kümmern | sich sehr wenig um ihre Einwürfe.')"! In der That scheint es, als hätten die kühnen Proteste! Delmedigo's die Anti-Maimvnisteu für mehr als ein halbes J Jahrhundert hinweggefegt. Sogar im folgenden siebzehnten i Jahrhnndert haben wir nur zwei Anti-Maimvnisten zu bemerken.! Der Eine ist R. Tobia der Priester (1052), der ans Polen ab- , stammte, in Italien stndierte und als Arzt in Frankreich lebte.! Er scheint den Glauben an die Unabänderlichkeit der Thora und | an die Ankunft des Messias als Fnndamentallehren des; Judenthums abgelehnt zu haben?) Ter Andere, zu Ende des! siebzehnten Iahrhundertes (163ö), ist R. Abraham Eh an im i Biterbo ails Italien. Er nimmt nur sechs Artikel an: 1. Die Existenz Gottes: 2. Einheit; 3. Unkörperlichkeit; 4. Gort offen-; hart sich dem Mose auf dem Berge Sinai und Moses Propheten-! thnm ist wahr; 5. Offenbarung 'einschließlich der historischen; Theile der Thora): 6. Lohn und Strafe. In Bezug auf die j anderen Artikel des Maimonides erklärt Biterbo im Gegensätze j zu anderen halbherzigen Anti-Maimonisten, daß Derjenige, der! sie leugnet, n i ch t als Häretiker anzusehen ist; doch sollte man i sie glauben?) i Somit wäre ich an das Ziel gelangt, das ich zu Anfang § dieser Studie mir gesetzt habe. Denn zwischen der Zeit Biterbv's j und jener Mendelssohn's ist kaum eine ernstliche Opposition gegen j Maimonides zu finden, die hier zu verzeichnen werth wäre. Immer-! hin muß ich den Namen R. Saul Berlin» (gestorben 1734) er-! wähnen; Vieles in seinen Ansichten wird dazu beitragen, die dreizehn Artikel des Maimonides besser zu verstehen. Wie der Leser bemerkt hat, habe ich so lange gezögert, die Vertheidigungsgründe der Maimonisten zu Gunsten der dreizehn Artikel hier wiederzngeben, weil trotz aller eingehenden Befürwortungen Keiner von ihnen im Stande war, den Maimonides von dem Vorwürfe zu befreien, Dogmen, das heißt Fnndamentallehren und Lehrsätze durcheinandergeworfen zu haben. Auch ist es wahr, daß der fünfte Artikel — Gebet und Cultus feien nur! Gott allein zu weihen — nicht einmal als ein Lehrsatz, sondern > als eine eiirfache Vorschrift gelten kann. Auch gibt es noch! andere Schwierigkeiten, über die alle Unterscheidnngskünste der | Maimonisten nicht hinweghelfen tonnen. Die einzig mögliche j Rechtfertigung nach meinem Dafürhalten ist die durch eine Be-; merknng R. Saul's dargebvtene. Dieser Autor, der selber gleich seinem Freunde und älreren Zeitgenossen Mendelssohn ein heftiger! Anti-Maimouist war, behauptet unter Anderem, daß Dogmen! niemals als nur mit Berücksichtigung der Zeitnothwendigkeiten! ausgestellt werden dürfen. ') j Nun war es R. Saul sicherlich niemals zweifelhaft, daß! das Judenthnm auf ewigen Wahrheiten beruht, die in keiner! Weise durch neue Denkmethvden oder geänderte Zeitverhältnisse j erschüttert werden können. Was er also meinte, war nur, daß > es in jedem Zeitalter gewisse Glanbensmeinungen gibt, die ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung in theologischer oder logischer Be- \ ziehung stärker als andere geltend gemacht werden müssen. Durch diesen Grundsatz erklären sich uns aus einfache Weise die Artikel des Maimonides. Er behauptete sie, weil sie für seine Zeit nothwendig waren. Wir wissen z. B. aus einem Briefe seines Sohnes und durch andere Zeitgenossen, daß zu seiner Zeit gerade der Glaube an die Unkörperlichkeit Gottes nach der Meinung des Maimonides ein wenig gelockert war. Maimonides, der solche niedere Begriffe von der Gottheit dem Judenthum für gefährlich hielt, setzte daher einen Artikel dagegen ein. Er erzählt uns in seinem „Führer," daß es ihm ferne lag, Jemanden zu verurtheilen, der nicht im Stande war, die Unkörperlichkeit Gottes zu beweisen, daß er jedoch als einen Häretiker denjenigen brandmarkte, der sie zu glauben ablehnte. Man könnte diesen Satz vergleichen mit dem, was ein moderner Astronom sagte: Er halte es zwar 3 Siehe mn nrnn ed. ßeggio, p. 28. -) Siehe ,1'21V ffiMJü, (Venedig 1707), 16 a und 23 a. Seine Sprache ist sehr unbestimmt. 3) Siehe die Sammlung nnpf oj?a von Aschkenazi, p. 29 b. B Siehe sein »Kl etü®3, p. 331. für unvernünftig von einem gewöhnlichen, unwiffenschaftlichen Menschen zu erwarten, daß er die Bewegungen der Erde mathematisch Nachweise, er würde jedoch jene Person für einen unwissenden Trottel halten, die an solche Bewegungen nicht glauben wolle. Maimonides wußte ferner unzweifelhaft, daß im Talmud — dem unergründlich tiefen Meere mit seinen Unrerströmnngen ohne Zahl — Stellen zu finden feien, die mir feinen Artikeln nicht in vollem Einklänge stehen: wie zum Beispiel das Dictum R. Hillel's: Es gäbe keinen Messias für Israel — eine Stelle, die schon bis zum Ueberdruß häufig von allen Gegnern des Maimonides seit den frühesten Zeiten bis hern-nrer zum Jahre des Heils 1836 citirt wurde. Maimonides wußte recht wohl von der Existenz dieser und ähnlicher Stellen. Aber tief überzeugt von der Nothweudigkeit des Glaubens au eine zukünftige Erlösung Israels — im Gegensätze zu anderen Religionen, die diese Erlösung ausschließlich für ihre eigenen Bekenner in Anspruch nehmen —, ignoriere Maimonides ganz einfach dieses Dictum R. Hillel's als eine ganz vereinzelt dastehende Meinung, die dem ganzen Bewußtsein und der ganzen Tradition des jüd: scheu Volkes, wie sie in tausend anderen Steilen und ganz besonders in der Liturgie sich anssprechen, znwiderlanie. Höchst interessant ist des Maimonides Ansicht über derlei vereinzelt dastehende Anschauungen in einem Briefe an die gelehrten Männer von Marseille. Er spricht dort von der Frage der Willensfreiheit und anderen theologischen Gegenständen. Nachdem er seine eigene Ansicht niedergelegt, fährt er dann fort: „Ich weiß, daß man im Talmud oder im Midrasch Dieses oder Jenes finden kann, das mit den Ansichten, die Ihr von mir vernommen, in Widerspruch steht. Aber Ihr dürft Euch dadilrch nicht irremachen lassen. Man darf einer Lehre, deren Wahrheit bewiesen worden ist, nicht aus dem Grunde, weil irgend eine vereinzelte Ansicht dieser oder jener großen Autorität ihr eutgegensteht, die 'Annahme verweigern. Ist es denn nicht möglich, daß beim Vorbringen dieser seltsamen Meinung irgend welche wichtige Erwägungen außer Acht gelassen wurden °? Auch mag ja ein Wort nicht immer buchstäblich genommen werden unb' muß auf allegorischem Wege erklärt werden, oder es ist ans gewisse Zeitnmstände Desjenigen. von dem es gesagt wird, auzuwenden und keineswegs als permanente Wahrhett beabsichtigt gewesen .... Niemand darf sein eigenes Urtheil wegwerfen. Die Angen sind nicht nach rückwärts gerichtet, sondern nach vorne." 'An einer anderen Stelle nennt Maimonides die Unterdrückung der eigenen Anschauungen wegen deren Unvereinbarkeit mit den vereinzelten Ansichten. irgend einer großen Autorität - einen moralischen Selbstmord. Solche Motive leiteten den Maimonides, gewisse gewagte Ansichten in der rabbinischeu Literatur unbeachtet zu lassen und, seinem eigenen Gewissen vertrauend, gewisserniaßen, wie man es bezeichnen könnte, dem religiösen Jnstincte zu folgen. Wir können auch gewiß sein, daß Maimonides klar denkend genug war, um einzusehen, daß die Worte der Thora „Und es stand seitdem kein Prophet auf in Israel gleich Moses" iDent. XXXIV., 10), ebenso wenig, wie die auf den König Josia bezügliche Stelle: „Und gleich ihm war kein König vorher, der mir seinem ganzen Herzen sich dem Herrn zuwendete .... noch stand nach ihm ein Gleicher auf" (2 Kön. XXIII, 25) einen Lehrsatz in sich schließen sollten. Es würde auch Niemand daran denken, Denjenigen, der einen anderen König für ebenso fromm als Josia halten wollte, als Häretiker zu bezeichnen. Aber unter Anhängern der „nachahmendeu Religionen" lebend, wie Christenthum und Mohammedanismus von ihm bezeichnet werden, die durch ihren Glauben das Gesetz Mosis für überwunden hielten, fühlte sich Maimonides bewußt oder unbewußt dazu gedrängt, den Vorrang des Prophetenthums Mosis zu behaupten. Und so. können wir annehmen, daß jeder Artikel des Maimonides, der uns Schwierigkeiten zu bieten scheint, entweder stillschweigend ausspricht, daß irgend ein Glaube sich gelockert habe, oder einen Protest gegen die Anmaßungen anderer Bekenntnisse darbietet, obwohl es uns nicht immer möglich ist, die strenge Nothweudigkeit dieser Artikel nachzuweisen. Andererseits ist der freie Wille, der im „Führer" so ernsthaft vertreten wird, in die Dreizehn Artikel des Maimonides nicht aufgenommen. Der gemeine „Mann" mit seinem einfachen, unphilosophischen Geiste, für den sie beabsichtigt waren, „dachte niemals im Traume, daß der Wille nicht frei wäre", und es lag keine Nothwendigkeit vor, ihm Dinge einzuprägen, die er niemals bezweifelt hatte?) ') Siehe Weiß' bewundernswerthe Monographie über Maimonides, veröffentlicht im Bech Talmud I.