Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 832 Vr VLoch s Wochenkchrifl. Nr. 42 Aber Drwnont hat auch bei denjenigen, die keineswegs in sein Horn blasen, denen es die glorreichen Traditionen des französischen Bürgerthums verbieten, eine Religion oder eine Race zu verfolgen, die Aufmerksamkeit für die jüdische Gemeinschaft geweckt und das Auge für die Schwächen derselben geschärft. So begegnen wir in neueren Romanen der Franzosen jüdischen Figuren häufiger als sonst. Auch in dem vielgerühmten Romane „Trilby" des in Paris völlig heimisch gewordenen Amerikaners George du Maur spielt das semitische Element eine große Rolle, und es verlohnt sich immerhin, darauf zu achten, wie der, wenn auch den Juden nicht wohlwollende, aber nach Objectivität strebende Schilderer des quartier latiu, der künstlerischen, halbverwilderten, sündhaften, aber immer anmuthigeu Jugend von Paris das jüdische Wesen als Bestandtheil der modernen Cultur würdigt. „Trilby" ist als Roman weniger bedeutend, denn als Sittenschilderung; und im Romane wiederum ist die Fabel schwach, dagegen fesseln die Charaktere und besonders der Charakter dieser Trilby, dieser schönen Sünderin, die doch reiner dasteht, als so viele tugendstolze Frauen, die aus den Schranken der conventionellen Sitte nicht herauskommen. Es ist das alte und doch. besonders, seitdem es Dumas auf's Tapet gebracht hat. nicht aus der Mode gekommene Thema: Kann eine Frau, die ihre Frauenehre verloren hat, wieder rein werden? Diese Frage ist trotz des baut gout, den sie nicht in sich selbst, sondern in der Darstellung allzu pikanter Schriftsteller hat, der Theologie näher verwandt, als man gewöhnlich annimmt. Der Talmud hat die Ansicht: „an dem Orte, wo die Büßenden stehen, können die unbedingt Frommen nicht stehen, oder: Groß ist die Buße, die Schuld selbst wird durch sie zum Verdienst." Zweifellos hat diese Theorie ihre Gefahren; die große Menge wird erstaunt die Botschaft hören, daß der völlig Schuldlose und Sittenreine einen niedrigeren Rang einnimmt, als der einstige Sünder, der sich wieder zurückgefunden hat; die Sünde könnte dadurch zum Theil ihre Schrecken verlieren. Aber solche Utilitätsrücksichten dürfen doch unser Urtheil nicht trüben. Vielfach ist die Gelegenheit mächtig, um die böse Neigung zur bösen That zu gestalten. Das ist ein wichtiges Moment, weshalb die strafende Gerechtigkeit uns durchwegs zweideutig erscheint, weshalb der redliche Mensch, der auf feine Tugend nicht eingebildet ist, inniges Mitleid mit dem Schuldiger: empfindet. Je braver ein Mensch ist, desto klarer ist er sich darüber, daß unsere Tugend oft nicht viel mehr ist als Mangel an Gelegenheit zur Sünde; und nicht immer ist nur der äußere Anftieb entscheidend. Wie bei Krankheiten des Körpers die Disposition zu bestimmten Zeiten bald stärker, bald schwächer ist, so ist derselbe Mensch bald stärker gewappnet gegen die Anfechtung bald in größerer Gefahr, ihr zu unterliegen. In diesem Sinne gibt es zweifellos böse Stunden. So bleibt es der höchste Triumph der Sittlichkeit, wenn einer, der in Sünde fiel, sich wieder emporringt. Daß die Heuchelei uns diesen Triumph Vorspielen kann, ohne ihn innerlich erlebt zu haben, ist unangenehm, aber ändert an der Sache nichts. Es wäre eine grobmaterialistische Anschauung, wenn wir bei der Frau es nicht gelten ließen, daß sie vom Fall sich erheben kann. Gerade die herbe Strenge, welche so oft von der Scheinheiligkeit in unserem geselligen Leben proclamirt wird und welche von der Hyperreligiosität auch in Büchern gelehrt wird, ist in Wirklichkeit irreligiös; mehr als Milde, oft genug die Krone der Siegerin gebührt der, die aus der Sünde sich emporgerungen hat. Es scheint nicht unwichtig, zu betonen, daß die Religion sich in dieser versöhnlichen Milde und in dieser krönenden Verklärung der Büßenden begegnet mit manchen Schriftstellern der Auftlärung. Also selbst die ethische Tendenz des modernen Autors, der nicht vergebens über die Pariser Boulevards gegangen ist, liegt der Religion nicht so fern; aber vielen seiner Gestalten gibt er sogar bestimmte Beziehungen zur jüdischen Race. Vom Helden des Romans, dem kleinen Billy, sagt er: „Sein hübsches, freundliches Gesicht verrieth durch eine kaum merkliche Färbung die entfernte Möglichkeit eines israelitischen Borfahren. Es war nur ein leiser Anflug jenes kraftvollen, trotzigen, unbezwinglichen und unverlöschbaren Blutes, welches in starkverdünnter, homöopathischer Dosis von unbezahlbarem Werthe ist; es gleicht dem Montijo, jenem trockenen spanischen Weine, der nicht unvermischt getrunken werden darf, der aber, dem ä>re§ beigegeben, diesem erst die rechte Blume verleiht, welche ihm bei seiner Wanderung durch die Welt nie wieder abhanden kommt. Behauptet man doch auch vom Windhund, daß er nur, wenn er von einer Bulldogge stammt — was zwar an sich nicht schön ist — je hoffen darf, ein rechter Kampfhund zu werden. Wenigstens haben mir das die Weinhändler und Hundezüchter gesagt, an deren Wahrheitsliebe ich nicht zweifeln möchte. Ein Glück für die Welt und besonders für uns selber, daß den Meisten vor: uns wenigstens ein Tröpfchen dieses kostbaren Blutes in den Adern fließt, ob wir es nun wissen und man es uns ansieht oder nicht, laut PI8 pour les autres." Es kömmt uns nicht in den Sinn diese merkwürdigen Betrachtungen uns allzueignen. Für uirs hat das Judenthum als Eigenthümlichkeit der Race und des Blutes nur eine sehr secundäre Bedeutung; für uns ist das Judenthum eine Religion, ein Lebenssystem; ein Mann wie Renan leugnet den altorientalischen Adelsbrief der Inden des Occidents und wirft die ganze Lehre von der jüdischen Race über Bord; für Renan sind die Inden Europas Franzosen, Germanen, Slaven, nichts weiter. So schroff stehen sich die wissenschaftlichen Ueberzeugungen in dieser Frage..gegenüber. Der Autor von „Trilby" hält das jüdische Wesen für eine so energische ausgeprägte Eigenart des Blutes, daß noch eine starkverdünnte, homöopathische Dosis einen bestimmenden Einfluß auf die Ausbildung der ganzen Persönlichkeit ansübe, und für Renan ist jüdisches Blut in Europa nichts Besonderes, nichts Besseres, nichts Schlechteres als anderes nordisches Blut. Wo ganz ullbefangene Männer so entgegengesetzte Lehren verfechten, da ist es das Richtigste, in der Praxis des Lebens sich lveder um die eine noch um die andere Theorie viel zu kümmern und einfach das allgemein Menschliche in den Vordergrund zu rücken. Aber bedeutsam bleibt es doch wohl, daß in einer Zeit, tvo deutsche Studeirten den Nachweis unverfälschter arischer Abstammung für die Aufnahme in ihre Clubs verlangen, wo so viele Lumpen oder Dummköpfe dadurch volksthümlich werden, daß sie sich als Vorkämpfer gegen die jüdische Race aufspielen, ein hervorragender Schriftsteller das jüdische Blut kraftvoll, trotzig, unbezwinglich und unverlöschbar nennt und eine Beimischung dieses Blutes als von unbezahlbarem Werthe preist. Gewinnt es da nicht fast den Anschein, als ob unsere Feinde das jüdische Blut weit mehr fürchten als verachten, daß die begeisterten Jünger des Alkohol an deutschen Universitäten nur die nüchterne und stille Arbeit des Juden nicht leiden können und ihn nur von den Segnungen der Protection der „alten Herren" ausschließen wollen! Der geistvolle Amerikaner ist offenbar ängstlich, wenn er das jüdische Blut feiert, er sucht seine Worte abzuschwächen, gleichsam in Watte einznwickeln, um nur ja mit ihnen nicht bei ererbten Borurtheilen anzustoßen. Um so ehrender ist die Huldigung, die der nachdenkliche Autor den Juden zollt und die wir allerdings aus das Lebenssystem des Judenthums beziehen. Mag nun Renan Recht oder Unrecht haben, mag die Wiege der jüdischen Bevölkerung Europas am Jordan oder an nordischen Flüßen gestanden haben, wir glauben allerdings, daß die Lebensführung, welche die Bibel vorschreibt, stets die dem Juden nachgerühmten Vorzüge zeitigen wird, daß an der Gestaltung des jüdischen Charakters, an seiner Kraft und an seiner Verkümmerung die Lebensordnung des Juden und seine Schicksale den wesentlichsten Antheil haben. Die grellen Unterschiede zwischen den Juden der einzelnen Länder, so daß jeder sofort nicht nur den deutschen Juden, sondern auch den böhmischen, mährischen, schlesischen, baierischen, Frankfurter Juden erkennt, begünstigen die Ansicht, daß von einem allgemeinen jüdischen Typus kaum die Rede sein kann. Jedenfalls ist es nicht unwichtig, aus einem Roman, der so großen Erfolg hat, eine Stelle herauszuholen, die das jüdische Blut mit der Blume des Weines rühmt. Aber das sind nicht die einzigen Zeilen, in denen der Autor auf das Judenthum Bezug nimmt. (Schluß folgt.) B. R. Die Dogmen im Iudenthum. Aus S. Schechter's „Studies in Judaism", London, A. & C. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann, Kojetein. (Schluß.) Abarbanel schrieb sein Buch, das wir so eben besprochen haben, in Neapel. Italien ist es auch, das nach der Vertreibung der Juden aus Spanien für die Religionsphilosophie am meisten in Betracht kommt. Die Philosophen Italiens jedoch sind von Maimonides lloch weniger unabhängig als ihre Vorgänger in Spanien. So finden wir, daß R. David Messer Leon, R. David