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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-16 · 42 (16.10.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
42 (16.10.1896)
Date
1896-10-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 42 Dr. Vlvch's Wochenschrift Seite 831 noch vor wenigen Jahren ein wahrhast gemiithlicher Menschenfreund, arrarigirte Ausflüge mit dem jüdischen Lehrkörper der Stefanieschule im II. Bezirk, an welcher er als Catechet iu liebenswürdigster, wahrhaft liberaler Weise wirkte. Als seinerzeit der jüdische Schulleiter der Anstalt eines Versehens wegen sich zu verantworten hatte, trat P. Dittrich mit seiner ganzen priesterlichen Autorität für die Entlastung des jüdischen Schulleiters ein. Wir sind überzeugt, Herrn?. D i t t r i ch ist noch heute die Ausartung der antisemitischen Bewegung in der Seele zuwider, und Nur höhere Weisungen sind es, die ihn veranlassen, eine Führerrolle zu spielen. Es würde uns zu weit fuhren, wollten wir alle Momente und Aussprüche der antisemitischen Größen anführen, die den eclatanten Beweis liefern, daß die Clericalen die ganze Judenfrage aufgerollt, daß die Jesuiten die ganze Bewegung leiten und daß alle populären Macher im schwarzgelben Antisemitismus — vom Prinzen Liechtenstein und Dr. Lueger angefangen bis herab zu G r e g o r i g und Schneider — Marionetten der Nltramontanen sind. Forscht man nun nach den Motiven dieser höchst traurigen, reactionären Bewegung, so ist es gewiß in letzter Linie das Bestreben der Bolksverführer, dem christlichen Volke wirthschaftliche Vortheile zu erkämpfen oder gar eine Besserung der materiellen Verhältnisie herbeizuführen, da alle Antisemitensührer so wie ihre Auftraggeber sehr wohl wissen, daß ein gut situirter Staatsbürger am wenigsten für die Reactiou zu gewinnen sei; auch der Haß gegen den „Fremdling" ist nicht so groß, daß man um dessentwillen eine solche maftloseAgitation und Volksverhetzung insceniren würde, denn selbst rur Zeit des Concordates wurden die roheu Justincte der Volksmassen nicht in dem Maße gegen das jüdische Volk ausgespielt, wie es nun schon seit einem Jahrzehnt bei uns der Fall ist. Der einzige Grund für die antisemitische Bewegung in Oe st erreich ist das Bestreben der Ultramontanen, die ö st erreicht s che Neuschule wieder in den Schoß der Kirche zurückzuführen. Die freie interconfessionelle Schule soll w jeder die alte Concordatsanstalt werden, von der schon Jedermann wähnte, sie sei bei Koniggrätz für alle Ewigkeit begraben worden. Die freie interconfessionelle Schule soll wieder zur Concordvt-schule werden; das Volk darf nicht aufgeklärt, darf nicht zu freisinnig»Bürgern herangebildet, es soll wieder rurückgeschleudect werden in Unw'ssenheit und! Dummheit. Die clericale Presse, der Katholikentag, die Verfügungen unseres Unterrichtsministers, die Frohnleichnams- und Schnlgeb»tsverordnung liefern für diese Thatsache eine solch' beredte Sprache, daß selbst die Lehrer Oesterreichs ein Grauen befallt und sie nun beginnen, in Vereinen, in den Fachblättern und bei jeder sich nun darbietenden Gelegenheit den Rückzug zu blasen. Die Lehrer und mit ihnen das ganze Heer der Beamten kommen nun zur Erkenntniß dessen, was ihnen durch die Erneuerung des Concordates droht und nun, da es zu spät ist, wollen sie wenigstens durch alle möglichen Mittel und Mittelcheu die drohende Gefahr auf das volkswirthschaftliche Gebiet hinüberspielen. Am II. Oktober berief der deutschösterreichische Lehrerbund, hinter dem 15.000 dentschösterreichische Lehrer stehen, seine Delegirten aus allen Kronländern nach Wien. Selbst der Prager Schuldirektor Heinrich kam eigens zu dieser Berathung, die sich auch sehr interessant gestaltete. Und ist es nicht merkwürdig, daß am Vortage dieser Delegirtenversammlung, d. i. am 10. Oktober, das fromme „Vaterland" einen Leitartikel brachte unter ter Spitzmarke: „Freie Schule", der für die Lehrer-Delegirten eine sehr deutliche Sprache spricht und auch für den Laien eine höchst interessante Ossenherzigkeit kundgibt und mit den bezeichnenden Worten schließt: „DieSchulekann aber vernünftigerweise und von rechtswegen nie frei sein von dem Einflüsse, der zu solchem berechtigtenFactoren: „Kirche, Staatsgewalt, Gemeinde, Familie." Wir sehen, der Einfluß der „Kirche" steht obenan. Aber noch mehr! Es i st ein öffentliches Gehei mn iß, daß im Unterrichts-Ministerium schon seit längerer Zeit an die Vorbereitungen für die Einführung der confessionelleu Schule gearbeitet wird. Vorerst soll im Verordn» ugswege die Bahn vorberitetw erden und sobald der Reichsrath auseinander geht, wird eine Anzahl recht netter Verordnungen an die unterstehenden Schulbehörden herab langen. Es erübrigt uns nur noch, die Frage aufznwerfen: Wäre es für die Juden wirklich so verhäng nißvoll, Wenn in Oe st erreich d i e konfessionelle Schule — diese einzige Ursache der ganzen antisemitischen Bewegung — wieder eingeführt würde? Haben die Juden Ursache, die Wiedererrichtung der consessionellen Schule zu fürchten? Was haben die Juden der Neuschule zu ver-? danken? Diese Fragen sollen in der nächsten Nummer unseres Blattes; in pädagogischer, religiöser und s o c i a l e r Richtung, . eingehend beantwortet werden. i Das jüdische Mut in Paris. (Nach einem amerikanischen Roman.*) Der moderne Judenhaß, wie er sich in Frankreich äußert, hat eine Eigenthümlichkeit, durch die allerdings seine Gefährlichkeit gesteigert wird; er ist nicht so entsetzlich langweilig tvie in Deutschland; Alles das, was im Osten gegen die Juden vor gebracht wird, ist so blitzdumm, daß es schon vom Standpunkte der geistigen Gymnastik keine beneidenswerthe Aufgabe ist, sich fortwährend mit diesen blöden Gesellen herumzuzanken, die zu widerlegen leicht und dennoch eine Qual ist. Drumont ist perstd, ist niederträchtig, aber er ist wenigstells, als das allgemeine Erbe der Franzosen, der Esprit, vertheilt wurde, nicht zu kurz gekommen. Jener Biedermann, der seinem Freunde sagt: Erzähle mir was; sei es auch eine Lüge, nur schön muß sie sein, hat so ganz unrecht nicht. Wenn z. B. Drumont eine Irene schildert, wie Baron Hirsch und sein Sohn ans dem Balcon eines Gartenpavillons bei einem großen Gartenfeste stehen, umgeben von den Spitzen des ältesten französischen Adels, und wie dann der Baron zu seinem Sohne sagt: die Alle sind in zehn Jahren entweder unsere Schwiegersöhne oder unsere Hausknechte, so ist dies jedenfalls grotesk. Wie gemein und doch wie drollig ist die verlogene Erzählung, daß Cremieux zur Zeit des Staatsstreiches vom 2. Teceiuber, der einzige von allen republikanischen Führern, nicht verhaftet wird, daß dann Frau Cremieux, um den geliebten Manu vor der eigenen Partei, die ihn zum Führer im Barrikadenkämpfe ansrnft, zu retten, znm Generalproeurator Mauzas eilt, um die Berhastung zu erbitten: Mauzas ist unerbittlich und sagt, er verhafte nur die gefährlichen Leute. Endlich setzt die muthige Frau bei einem untergeordneten Polizeibeamten für gutes Geld ihren Willen durch, der Mann ist im Gesäugniß gerettet und wird nach einigen Tagen entlassen. Aber als Cremieux kurze Zeit daraus für Jemanden zu plaidiren hat. gegen den der Staatsanwalt Gesängnißstrafe beantragt, da wirft sich, so schwindelt Drumont, der beredte Alaun in die Brust und sagt den Richtern, sie nnißten ja gar nicht, was Gesäugniß bedeute, er aber, der Redner, habe es an seinem eigenen Leibe erfahren, als ein Opfer der Polizeiwillkür, und nun spielt er sich gewaltig als .Märtyrer auf. Wer die ausführliche, lustige Darstellung bei Drumont liest, muß dem Talent des Schriftstellers Respekt zollen und bedauert nur, daß ein so begabter Manu seine scharfe, elegante Feder in den Dienst der Lüge stellt. Zu diesem Bedauern geben die Antisemiten in Deutschland, die ihre Feder in Schmutz tauchen, selten Veranlassung; sie sind wirklich dumm wie die Sünde, während Drumont klug wie die Schlange ist. Es war ein böses Berhängniß, daß der schlaue und hochbegabte Mann, dem es nur daraus ankam, bekannt zu werden, gerade die Inden auserwählte, um an ihnen seinen Witz und sein Lügentalent zu erproben. Drumout hat es nicht vermocht, den Antisemitismus in Paris salonfähig zu machen: von der guten Gesellschaft ist er nach wie vor ausgeschlossen, er gilt als unanständig, als inhvnnet, aber er hat das Cvntagium auf die Boulevards getragen, in den Kreis jener lustigen Leute, denen es gar nicht daraus ankvmmt, einmal etwas weniger anständig sich zu zeigen, die überdies durch das ungebildete Protzenthnm einiger jüdischer Emporkömmlinge in ihrem SchönheitSgeftihle beleidigt werden. Diese künstlerische und literarische Boheme ist viel zu vornehm, um Leute des Geldes wegen zu beneiden; ihnen ist Rothschild so gleichgiltig, wie Krösus, ihnen ist das Geld wichtig, wenn sie einen ftöhlichen Abend durchleben oder tvenn sie ihrer Freundin einen Putz schenken wollen. Aber in prächtigen Schlössern wohnen, in seinen Kleidern einherftvlziren, mit Gold und Edelsteinen prunken oder gar sich Sraatspapiere anschaffen und die eigene oder der Nachkommen späte Zukunft dadurch gegen Noth uub Mangel versichern, das Alles kümmert sie wenig und bei jenen üppigen Leuten stört den Bohemien nur die ungeschickte breitspurige Manier, diesen Glanz zu zeigen. Früher nun ging der Jude in Paris sv mitten durch; wenn besonders der ausländische Jude, der sein Glück in Paris suchte und je nachdem, fand oder nicht fand und sich nicht völlig acelimatisirte — das Acelimatisiren gelingt aber bekanntlich in Paris leichter als irgendwo sonst — ein wenig auffiel, sv war e s doch nur eine der vielen exotischen Pflanzen, die ans dem Pariser Boden, diesem jardin des plantes ans aller Welt dem Betrachter sich zeigten. *) „Trilby", von George du Maur.

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