Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 830 Kr. Vloch's Wachenichrifi. Nr. 42 Arm in Arm mit Dr. Lueger dem Feinde gegenübertreten und ihm Zurufen: „Wir Beide ersetzen die als Fremdlinge ausgeschiedenen Juden?" Und wenn schon Fremde, dann sollten die Juden das Recht haben, bei Strafprocessen von einer zur Hälfte aus Juden bestehenden Jury gerichtet zu werden, wie es die Fremden in England haben. Es kommt ja bei Processen vor, daß die Parteien ausgesprochene Gegner als Geschworne ablehnen. Deutsche die Czechen, Czechen die Deutschen, Antisemiten die Juden. Aber der Jude ist in dieser Beziehung im Nachtbeile. Man weiß wohl, wer Deutscher oder Czeche, Christ oder Jude ist, aber der Antisemitismus ist noch kein officiell anerkanntes Bekenntniß, und es gibt so viele heimliche Antisemiten, deren wahre Gesinnung man erst aus dem Wahrspruche erfährt. Und trotz alledem finden sich für die Juden in Oesterreich noch manche günstige Umstände, und es hängt nur von ihnen ab, sie zu benutzen. Sie sind, wenn man sie schon nicht als Deutsche gelten lassen will, nicht die einzige Minorität in Oesterreich. Sie haben manche Leidensgefährten, denen es freilich noch immer besser geht, als den Juden. Auch die Deutschen in Böhmen beginnen die Bitterkeiten des Jn-der-Minorität-sein zu koste r, und wenn man ihren Klagen trauen darf, werden sie von den Czechen beinahe so schlecht behandelt, wie die Juden von den Antisemiten „Die Deutschen werden im Landtage und in der Landesverwaltnug als Fremdlinge betrachtet", klagte treulich der Abgeordnete Dr. P e r g e l t im Reichsrathe, und die Czechen lachten dazu, wie die Antisemiten zu den Klagen der Juden, benahmen sich aber anständiger. Und wohnen nicht die Juden länger in Oesterreich, als die Deutschen in Böhmen? „Die Deutschen sind heute bezüglich ihrer Vertretung im Landesausschusse nur auf die Gnade des Großgrundbesitzes angewiesen", klagte er ferner; „wenn die Deutschen im Landesmuseum, in der Hypothekenbank und in der Landesbank heute überhaupt eine Vertretung haben, so beruht das auf einer Gnade.... Wir werden immer nur als Eindringlinge und als Räuber hingestellt.... Ich erinnere an die Scenen in Kuchelbad und an jene Scene auf dem Prager Graben, wo ein deutscher ftiedlicher Bürger von einem Czechen angesallen wurde, weil er ein Deutscher war." Nun, wir könnten dem Vertreter von Rumburg statt zwei Scenen deren zwei Dutzend anführen, in denen friedliche jüdische Bürger von Antisemiten angefallen wurden, und im Wiener Stadtrathe, in allen landständischen Corporationen der deutschen Provinzen besitzen die Juden nicht einmal „aus Gnade" eine Stelle. Wir wissen nicht, ob in dieser Kriegführung und Boycottirung die Czechen oder die Nattonaldeutschen die Lehrmeister waren, aber Beide sind ja Christen, und so wollen wir ihnen die Worte aus der Bergpredigt Jesu in Erinnerung rufen: „Mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welcherlei Maß ihr messet, wird end) gemessen werden!" (Matth. VII, 2.) , Freilich sind die Deutschen uud Czechen in Oesterreich zahlreicher und darum mächtiger und einflußreicher als die Juden, aber diese stehen an Zahl manchen anderen Nationalitäten nicht viel nach. Es gibt in Oesterreich nicht einmal so viel Slovenen als Juden, und doch ist über das slovenische Gymnasium in Cilli die berühmte Coalition unrühmlichen Andenkens in Brüche gegangen und die Slovenen haben ihr Gymnasium bekommen. Wenn aber an Schulen mit einer Majorität von jüdischen Schülern, wo nach dem Gesetze ein jüdischer Director angestellt werden sollte, durch allerlei Machinattonen das verhindert wird, dann kräht kein Hahn danach. Warum geschieht das? Weil die Slovenen Zusammenhalten, ihre Deputtrten manchmal bei wichtigen Fragen zur Entscheidung beittagen, mit ihren Stimmen die Majorität comvletiren können, während die jüdischen Deputirten den verschiedensten Clubs angehören und von keinem genügende Unterstützung gegen ihre Bedränger finden können. Freilich sind die Slovenen den Juden gegenüber auch dadurch im Bortheil, daß sie in einer Provinz vereinigt, während die Juden in allen zersplittert sind. Wie anders wäre es, wenn die Juden local cvncentrirt wären. Es sind ihrer in Oesterreich beinahe zwei Millionen, also ungefähr so viel, als Schlesien, Tirol und Dalmatien zusammen Einwohner besitzen. Und wie viel Bertteter haben diese drei Kronländer im Reichsrathe, wie sorgfältig werden ihre Interessen gepflegt, ihre Wünsche von der Regierung berücksichtigt! Aber selbst wenn man Ungarn nicht mittechnet, übersteigt die Zahl der Juden in Cisleithanien noch die Einwohnerzahl Tirols. Was für ein schönes jüdisches Kronland könnte, etwa in Ostgalizien, gebildet werden, mit seinem jüdischen Landtag, mit seinem jüdischen Landesausschuß, jüdischen Bezirksvorstehern u. s. w. Aber ich will kein Plagiat an Dr. H e r z l begehen. Das jüdische Kronland ist, ttotzdem daß unser Kaiser den Titel eines Königs von Jerusalem führt, gerade eine solche Utopie wie der Judenstaat in Palästina. Die Juden in Böhmen, Mähren, Niederösterreich u. s. w. mögen mit Marschall Mac Mahon sagen: „J’y suis et j'y reste. Wir sind da und bleiben hier, mögen auch die Antisemiten, um mit Grillparzer's Jüdin zu reden, „vor Neid darob zerplatzen". Um unsere Position zu behaupten, um die Feinde abzuwehren, bedarf es aber der Organisation, einer Vereinigung der ganzen Judenschaft Oesterreichs, und sie ist dringend nothwendig vor den Wahlen zum Reichsrath. Warum soll nicht auf die vielen Katholikentage auch ein I u d e n t a g folgen? Wir zweifeln nicht, daß auch ihn ein Statthalter im Namen der Regierung begriißen und die Verwirklichung seiner hohen Ziele wünschen wird. Nach der Verfassung herrscht ja Gleichberechtigung in Oesterreich und auf dem Judentag wird jedenfalls nichts gesprochen werden, was mit Oesterreich verbündete Staaten verletzen oder beunruhigen könnte. Wir haben nun einmal die Sünde begangen, Minorität zu werden und müssen unter der: gegenwärtigen Staatseinrichtungen dafür leiden, aber schlechter als andere Minoritäten wollen wir uns nicht behandeln lassen. M. Der Antisemitismus und die ronfesstonrllr Schule. n. Es dürfte wohl heute von Niemandem mehr bezweifelt werden daß Schönerer zur Gründung des Antisemitismus in Oesterreich nichts Anderes als sein unbegrenzter Ehrgeiz veranlaßt hat. Ebenso bekannt ist es, daß sein Heerbann fast ausschließlich aus Studenten, die durch reichliches Freibier gewonnen wurden, ferner aus Beamten und schließlich aus Lehrern bestand. War doch sein erster und wüthendster Adjutant der Lehrer Ferdinand Kr aut mann, der es auch Dank seines Chamäleon-Charakters schon heute bis zum Bürgerschuldirector brachte. Wir werden in nächster Zeit einige höchst interessante Daten über diesen Politicus der Oefsentlichkeit übergeben. Daß Schönerer mit seiner schwarz-weißen Politik Schiffbruch leiden mußte, ist ja selbstverständlich. Nur der grenzenlose Eigendünkel eines Schönerer konnte oder kann noch jetzt glauben, daß in Oesterreich auch nur eine Fußesbreite für preußische Annexion zu haben sei. Wenn also S ch ö n e r e r für den schwarz-weißen Antisemitismus keinen Boden finden konnte, so bleibt ihm doch das unbestreitbare Verdienst, daß er die Bahn vorbereitete, die jetzt Prinz Lre chtenst e i n so trefflich zu ebnen versteht. Es gibt ja sicherlich heute keinen vernünftigen Menschen mehr, der nicht schon überzeugt wäre, daß, sowie Strobach blos nominell die erste Bür.germeisterstelle in Wien bekleidet, äe facto aber Dr. Lueger diesen Posten beherrscht; ebenso ist nicht Dr. Lueger der Führer der christlichsocialen Bewegung, sondern Prinz Liechtenstein, welcher seine Informationen direct von den Jesuiten erhält, um dann das Nöthige durch Dr. Lueger.ausführen und besorgen zu lassen. Man muthet dem Herrn Dr. Lueger viel zu viel Combinationsgabe zu, wenn man glaubt, er habe die heute herrschende politische Lage oder die heute so mächtige christlichsociale Partei geschaffen. So mächtig wäre er nie geworden I Hiezu fehlte ihm nicht nur der weite Blick,' der nöthige Einfluß, hiezu fehlten ihm vor Allem die großen materiellen Mittel, hiezu fehlten ihm die reichen Geldsummen, die diese große Bewegung verschlang. Man thut dem Herrn Dr. Lueger sehr unrecht, wenn man immer nur von seinen Erfolgen spricht, wenn man ihn für die heute in Oesterreich immer weitergreifende Reaction verantwortlich macht. An der Spitze der heutigen sogenannten christlichsocialen Partei steht der Clericalismus. Der ganze Schlachtplan ist von den Jesuiten entworfen und die einzelnen Rollen vertheilt. Der Vertrauensmann der Jesuiten ist Prinz Liechtenstein, von dem Dr. Lueger die Aufträge erhält, die dieser nur zur Ausführung bringen muß. Nebenbei erhalten auch die einzelnen Mitglieder des geistlichen Standes ihre Rollen zugetleilt. Die einen müssen das Volk von der Kanzel, die anderen im Beichtstühle, andere von der Schule aus, und wieder andere in den Vereinen bearbeiten. Es muthete uns darum auch ganz eigenthümlich an, daß der Ortsschulrath im zweiten Bezirke sich der höchst überflüssigen Arbeit unterzog, seinerzeit gegen P. Dittrich eiuschreiten zu wollen. Waren denn die Männer dieser Behörde so naiv, zu glauben, Herr P. Dittrich wirke aus eigenem Antriebe? Herr P. Dittrich war nie im Leben Antisemit; er war