Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 828 Vr. Vlortz's Wochenschrift. Nr. 42 mit Deinem geringen Verstände, mit Deinen miuderwerthigen moralischen Qualitäteir verdienst, denn klug und weise, gut und moralisch sind nur Wir, die Majorität. Und vor Allem haben wir dafür zu sorgen, daß Alles nach unserem Willen und zu unserem Bortheil geschehen soll, ohne Rücksicht aus Dich, Minorität, und wenn es nicht anders geht, auch zu Deinem Schaden und Verderben, denn Du begehst die unverzeihliche Sünde, Minorität zu sein." So offen spricht zwar nicht immer die Majorität, aber sie handelt gewöhnlich in diesem Sinne, und mitunter schwatzt auch eines ihrer Mitglieder aus der Schule und offenbart all ihren Hochmuth, ihre maßlose Selbstsucht. Wenn wir uns jetzt in Europa umsehen, so finden wir, daß in allen sogenannten constitutionellen Staaten die Mehrheit regiert, entweder die wirkliche oder die durch das Wahlgesetz künstlich geschaffene, „verfassungsgemäße" Majorität. Und sie regiert meistens ohne Rücksicht auf die Minorität. Wenn sie einmal auf die nicht zu ihr Gehörenden Rücksicht nimmt, so ist es eher auf die große Masse, auf die eigentliche Mehrheit, der Kopfzahl nach. Und das meistens weniger aus Rechtsgefühl oder Menschenliebe als aus Furcht. Das Wesen des Parlamentarismus ist die Herrschaft der Majorität. Wie in dem absoluten Tyrannenstaat nur der Wille des einen Herrschers gilt, Alles nur zu seinem Vortheile, zu seinem Genuß und zur Erhaltung seiner Herrschaft geschieht, so soll in dem parlamentarisch regierten Staate Wohl und Wille der Majorität das einzig Berechtigte, einzig Anzustrebende sein. Im Evangelium Johannes wird es dem Hohepriester als große Sünde angerechnet, daß er gesagt, „es ist besser, e i n Mensch sterbe für das Volk, denn daß das ganze Volk verderbe". Jetzt gilt in christlichen Staaten der Grundsatz, daß, wo das Wohl und das Herrschbedürfniß der Majorität es erfordert, die Minorität sich fügen und Alles ertragen müsse, selbst wenn sie nicht ein Mensch ist, sondern aus einer Million und mehr Menschen besteht. Diese Majvritätsherrschaft wird auf verschiedene Weise zu begründen und zu rechtfertigen gesucht. Entweder sagt man: da es nicht möglich ist, alle Menschen glücklich und zufrieden zu machen, da nicht alle Menschen zu einer Meinung gebracht werden können, so ist es besser, daß wenigstens eine Majorität zufriedengestellt, eine Majorität von übereinstimmender Meinung ihren Willen habe. Das ist also die Ansicht des Hohep'-iesters mit einer kleinen Milderung. Die Majorität gibt aber auch sehr oft vor, daß ihre Meinungen und Bestrebungen die allein berechtigten, vernünftigen, von Gott begünstigten seien und das Widerstreben der Minorität Bosheit, Unverstand, Hochverrath und, wenn es religiöse Meinungen bettifft, verdammenswerthe Ketzerei sei. Oder sie sagt auch: Es muß einmal regiert werden, und es kann nur nach bestimmten Grundsätzen regiert werden; hat eine Minorität andere Grundsätze und Bestrebungen als die Majorität, so müssen eben die der letzteren den Ausschlag geben, denn der entgegengesetzte Fall — die Tyrannisirung der Majorität durch die Minorität — wäre ein noch größeres Unrecht. In der That herrscht aber in den meisten parlamentarisch regierten Staaten nicht die an Zahl größere, sondern die stärkere, aber an Kopfzahl geringere Partei. Sie herrscht, weil sie die stärkere ist, factisch jederzeit die sich auflehnende schwächere, aber zahlreichere Minorität niederwerfen kann, oder auch, weil sie dies einmal in alter Zeit gethan hat und die Minorität es nicht wagt, den Kampf zu erneuern. Es herrscht in diesem Falle nicht die stärkere, sondern die für stärker gehaltene Partei; sie zehrt von dem Prestige ihrer Vergangenheit und hat es gewöhnlich durch die Wahlgesetze so eingerichtet, daß sie in den Vertretnngskörpern auch als die zahlreichere Partei erscheint. Sie besitzt „verfaffungsgemäß" die Majorität. Dies ist besonders in monarchischen Staaten mit mehr oder weniger einflußreichen Parlamenten der Fall. Da kann es aber auch Vorkommen, daß das Machterbtheil des Monarchen ein so großes ist, daß neben ihm die ganze sogenannte Volksvertretung zu einem größeren oder kleineren Feigenblatte des Absolutismus wird, oder daß der Monarch sich der zahlreicheren aber schwächeren und unterdrückten Volksclassen erinnert, wie es in der Zeit des sogenannten aufgeklärten Absolutismus geschah; freilich ohne Preisgebung des geringsten von seinem antokratischen Erbe. In jenen Zeiten wurde auch sehr oft die Sentenz gehört: „der beste Staat ist derjenige, in dem die Philosophen regieren," und demgemäß regierte auch König Friedrich II., den seine Schmeichler den Philosophen auf dem Throne nannten und der sich wahrscheinlich für den einzigen „wahren Philosophen" in seinem Preußen hielt, den ganzen Staat allein nach seinem Willen. Und wenn man jene Zeit und ihre Menschen betrachtet, kann man nicht sagen, daß er schlecht regiert habe. Seitdem haben sich die politischen Philosophen stark vermehrt und statt des Einen wollen nur die Einigen und Mehrere regieren oder wenigstens einen Antheil an der Negierung haben, weil sie — die „Besten und Klügsten" oder die Nachkommen der Besten und Klügsten sind. Und daß sie die Klügsten und Besten (Aristvi) sind, beweisen sie oft nur damit, daß sie die Wenigsten sind. „Mehrheit ist Unsinn," sagt Fürst Sapieha in Schrller's Demetrius, „Verstand ist stets bei Wenigen nur gewesen", „Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen." Nun ist es ja vollkommen wahr, daß die Zahl der wirklich Besten und Klügsten eine unter der Gesammtbevölkerung verschwindend geringe ist. Auf Millionen Menschen kommt kaum ein Sokrates, ein Galilei, ein Goethe. Aber wollte man solchen Männern die Regierung übergeben, so möchten manche von ihnen sie gar nicht übernehmen wollen, man müßte jedenfalls zur absoluten Monarchie zurückkehren und in manchen Staaten würde man überhaupt kein Oberhaupt finden können. Selbst die großen, nicht für die ganze Menschheit, sondern in beschränkt nationalem Egoismus wirkenden Staatsmänner, lute Crvmwell, Richelieu, Bismarck und ihresgleichen, sind äußerst seltene Erscheinungen, und in den meisten Staaten wird eben, luie Kanzler Oxenstierna sagte, mit sehr wenig Weisheit regiert. Forschen wir aber nach, ob wenigstens in jedem Staate die relativ Besten, Klügsten und Ehrlichsten regieren, so machen wir eine sehr traurige Wahrnehmung. Unter den continentaleu Volksvertretungen nimmt unstreitig, was höhere Bildung und politisches Wissen betrifft, der deutsche Reichstag eine der hervorragendsten, ja wirklich die höchste Stellung ein, und doch gibt es gar viele, an Geist, Wissen und Charakter ausgezeichnete deutsche Männer, welche im Reichstage fehlen, während gar manche darin sitzen, die nicht einmal das Mittelmaß dieser drei Erfordernisse besitzen. Im neuen Reichspalast hört man die Worte: „Des ö'iöuuulu», der öie Wifsenichnflen haßt, Die Betteldreistigkeit der B r a n n t w e i n s ch ä » f e r Und — bestergötzlich dein Tribunen gast — Der Judenfresser ekelhaft Gcstänker." Das Sonett, dem ich diese Verse entnehme, schließt mit mit den Worten: „Wo zählt ein Volk mehr Namen auf den Listen Der geistigen Hero'n, der Menschheitführer? Und unser Parlament — verziert ein Ahlwardt." Und dieses Sonett ist nicht etwa vom vielverleumdeten Heine, auch nicht von einem Jndenliberalen oder Jndenknechte, sondern von einem großen Verehrer des Fürsten Bismarck, von dem berühmten deutschen Dichter Wilhelm I o r d a n, gedichtet. Ein Franzose, der selbst Volksvertreter ist, sagte von der französischen Deputirtenkammer: „es sitzen darin bei 300 Advocaten und Juristen nnd an 80 Aerzte, die ohne Zusammenhang mit dem Volke sind und nur gewühlt wurden, weil sie am besten der Eitelkeit der Menge und ihren Lastern zu schmeicheln verstehen." Gibt es solche Volksvertreter nur in der französischen Kammer? Fürst Bismarck, der doch selbst das allgemeine Stimmrecht in Deutschland eingeführt hat, erklärte im vorigen Jahre einer Deputation von Lehrern: „Der Erfolg der nationalen Entwicklung eines jeden Volkes beruhe auf der Minorität der Gebildeten, welche durch die höheren Schulen gingen. Deshalb müsse das Hauptgewicht auf die Erziehung nnd Gesinnung der gebildeten Elasten gelegt werden." Er hätte aber hinzusetzen sollen, daß, da die kleine Zahl der Höhergebildeten auf die Dauer gegen den Willen der großen Mehrheit der Ungebildeten die Macht nicht behalten könnte, es vor Allem darauf ankomme, gerade unter den niederen Ständen Bildung und richtige Einsicht zn verbreiten. Und hier stoßen wir auf den Hauptfehler aller Wahlgesetze, welche auf dem Vermögenseensns beruhen. Wenn man